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Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 20. Oktober 1906
57. Jahrgang.
Fortwährend
werden Bestallungen auf die SchMchternvr Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von * der Expedition entgegcngenommeu.
Irt finden in der Schlüchterner IIOvl Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Amtliches.
J.-Rr. 2963 K.-A.
Bekanntmachung.
Die Förderung der ObstbauMzucht betreffend:
Zum Schutz gegen Hafenfraß und gegen Frostschäden empfiehlt es sich, die Obstbäume vor Eintritt des Winters, nachdem die auf dem Stamm sitzenden Ju- sekteneier und Larven durch gründliches Äbkratzeu der Rinde beseitigt sind, mit einer Mischung aus frisch gelöschtem Kalk und Blut anzustreichen und auf 1 —l 7, Meter Höhe mit Fichtenreisern und Dornen einzubinden, oder mit Drahtschutzkörben zu umgeben. Es erscheint umsomehr angezeigt, daß die Baumbesitzer diese Mahnung nicht unbeachtet lassen, weil nach dem Wildschadengesetz für Beschädigung von Obstbäumen durch Hasen eine Entschädigung dann nicht gewährt wird, wenn es die Besitzer versäumt haben, ihre Bäume mit den erforderlichen Schutzmaßregeln zu versehen.
Gegen den Frostnachtspinner ist das Anbringen von Klebegürteln dringend anzurnten.
Schlüchtern, den 17. Okober 1906.
Der Königl. Landrat: I. V: Berta.
Zum Geburtstage unserer Kaiserin.
Horch, der Liebe Glockentöne Weihen Dir des Festtags Glanz! Sei gegrüßt in Deiner Schöne, Höchste Frau des deutschen Lands. Schön im Lächeln Deiner Güte, Schön durch frommen Herzenssinn — — Gott Dich Deinem Volk behüte, Vielgeliebte Kaiserin!
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In Ketten der Kieve.
Roman von Seta v. Starkenstein.
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Lautlose Stille herrschte zwischen beiden. Im nächsten Augenblick aber ward dieselbe durch CastelarsHiuzu- treten unterbrochen und mit der Gewandtheit des Weltmannes tratDesmvud ihm nnt gleichgültigen Worten entgegen ; vielleicht empfand er auch eine gewisse Erleichterung, berührte es ihn wohltätig, daß sein Alleinsein mit Wally unterbrochen worden und er dadurch verhindert gewesen, Worte zu sprechen, die er bei kaltem Blnte zweifellos bereut haben würde.
„Nun, Du hast die Höhe erreicht, waS hältst Du von der Aussicht?" fragte er, zu Castelar gewandt.
„Herrlich 1" erwiderte der junge Mann, obschon nicht viel poetische» Empfinden in seiner Natur lag, als daß er sich einer solchen Bergpartie unterzogen hätte, wenn es nicht Wallys wegen gewesen wäre.
Seine Freude war überdies wesentlich durch den Uni- stand gedämpft, daß Desmond ihm die Sorge für Wally gänzlich aus der Hand genommen halte. DeSmond erkannte dies ganz deutlich, doch fiel es ihm gar nicht ein, auf Castelar eifersüchtig zu sein, denn er sagte sich, daß Wally durchaus nicht das Wesen wäre, welches jemals sich entschließen werde, einen armen Mann zu heiraten, ohne Brillanten und Eqnipaae gab es für sie keine Partie, daS gestand sich der Oberst nicht ohne Bitterkeit.
„Wir dürfen hier nicht zu lange verweilen, sonst mirb Frau Briston böse," sprach Wally, die Herren zur Eile auspvruend, unb rasch setzte sie sich in Bewegung. Plötzlich aber glitt ihr Fuß von einer Felseuspitze ab, sie stieß einen leisen Schrei aus und schwankte unsicher hin und her; bevor sie aber zur Erde sinken konnte, war Desmond hiuzugrsprungcn unb hatte sie ir seinen Armen auf» gefangen.
„Wally, Kind, haben Sie sich verletzt?" fragte er besorgt.
Sie wollte antworten, aber eine tödliche Blässe befiel
Wie die Sterne um die Sonne Deine Siebenzahl sich reiht; Mutterglück und Mutterwonne Ist Dem schönstes Perlgeschmeid. Immer Du die treu bemühte Geist- und Seelenpflegerin — — Gott Dich Deinem Haus behüte, Vielgeliebte Kaiserin!
Unsre Liebe Dir zu künden, Dünkt uns armes Wort zu leer; Doch der Liebe Ströme münden Alle in ein reiches Meer. Was wir hegen im Gemüte, Wallt zu Gottes Herzen hin — Gott Dich ewiglich behüte, Vielgeliebte Kaiserin!
F- St.
Zum Geburtstage der Kaiserin.
(22. Oktober.)
Die Kaiserin Auguste Viktoria feiert heute den Eintritt in ein neues Lebesjahr. Zwar fegt der Herbstwind über die Stoppeln, und von den Bäumen fällt das welke Laub, aber dennoch durchglüht die Freude am Geburtstage der deutschen Kaiserin wie ein warmer Frühlingssonnenstrahl die patriotischen Herzen, und überall im deutschen Lande begegnet dieser Tag aufrichtigster Teilnahme; denn die hohen Tugenden, die unsere Kaiserin schmücken, sichern ihr die unentwegte Teilnahme des deutschen Volkes. Tritt uns doch in der allverehrten Fürstin ein Bild edler deutscher Weiblichkeit, natürlicher Anmut, echter Frömmigkeit und beglückender Menschenliebe vor die Seele, leuchten uns doch aus ihrem Bilde sowohl die äußern Vorzüge als auch die Gaben des Geistes und die Tugenden des Herzens entgegen, mit denen die Vorsehung die beste unter den Heimgegangenen preußischen Herrscherinnen ausgestattet hatte.
Wie unsere Kaiserin in uns die Erinnerung an die herrliche, liebreizende Königin Luise weckt, die dem Vaterlande den ersten Kaiser des neuen deutschen Reiches geboren und vor hundert Jahren Preußens Unglück miterlebt hat, so gemahnt uns ihr gottergebenes, menschenfreundliches Wirken zugleich an die gütige, in Werken der Wohltätigkeit nicht ermüdende Landesmutter, die allezeit bereit ist, Mühseligen und Beladenen Trost und Hülfe zu spenden und Wunden, die der harte Kampf ums Dasein geschlagen, zu heilen, und deren frommer, gottergebener Sinn sich wie ein Frühlingstau auf aller Herzen legt. In unserer Kaiserin verehren wir auch das leuchtende Vorbild einer echten deutschen
plötzlich ihr Antlitz, ihr Haupt lehnte an seiner Schulter und zum erstenmal in ihrem Leben hatte Wally Gerhard das Bewußtsein verloren.
„Castelar," sprach DeSmond rasch und bestimmt, „gehe doch über diesen Seitenpfad nach der nächsten Waldhütte und hole mir etwas Wasser, eS ist nicht so weit; sieh nur nicht so erschreckt drein, sie hat sich bloß den Fuß verstaucht und ist aus Schmerz ohnmächtig geworden."
Ohne ein Wort der Widerrede befolgte Castelar das Geheiß, so peinlich eS ihm war, Wally in DeSmonds Ob- sorge zurücklassen zn sollen. Dieser aber war seit langer Zeit zum erstenmal mit ihr allein und sein Herz schlug höher, als er in das bleiche Antlitz des Mädchens nieber» blickte, daS regungslos in seinen Armen lag. „Mein süßes Lieb," flüsterte er leise, „wenigstens für einzelne kurze Augenblicke mein, an meinem Herzen ruhend, mein Leben, mein alles! Einen Kuß, einen eisigen Knß muß ich ha- ben!" Doch selbst während er sM niederbeugte auf die stummen, bewußtlosen Lippen, welche nicht im stande waren, sich zu weigern, stieg die Röte der Scham ihm inS Antlitz; besinnungslos, hilflos war sie ihm preiSgegeben und sollte ihm folglich zweifach teuer sein. Selbst letzt, in dein Augenblicke der höchsten Versuchung, galt ihm die Ehre über alles unb er wich zurück. „Gott verzeih' mir's, ich will die Tatsache, daß sie nicht bei sich ist, nicht mißbrauchen, das aber kann kein Unrecht sein," und er hauchte einen Kuß auf ihre weiße Stirne. Sie aber regte sich nicht, und das Herz, welches so nahe an dem seinen ruhte, schlug nicht lebhafter, weil seine Lippen ihre Stirne be- rührten.
Sanft hob Richard Desmond das Mädchen in seinen Armen empor und trug es zu einer moosbedeckten Stelle; dort legte er seine holde Bürde nieder und bettete ihr Haupt in seinen Armen.
Während er dies tat, sah er, wie eine leichte Blutwelle ihre Wangen rosig färbte; er legte seine freie Hand auf ihr Herz, es pochte stärker und regelmäßiger; sanft strich er ihr die Haare an» der Stirne, da atmete sie mehr-
Gattin und Mutter. Wir danken ihr, daß sie ihrem erlauchten Gemahl eine Stätte schönsten Familienlebens gegründet hat, wo unser kaiserlicher Herr Erholung von den Mühen seines schweren Herrscherberufes finde!. Das Bild traulichen Familienlebens, das die Bevölkerung immer von neuem im Kaiserhause vor Augen hat, ist ein unschätzbares Beispiel für alle Klassen und Kreise.
Ehe vor nunmehr fünfundzwanzig Jahren die hohe Frau als Braut unseres jetzigen Kaisers, damals Prinzen Wilhelm, der Haupt- und Residenzstadt ent- ' gegenzog, hatte sie die ernsten Worte gesprochen: „Ich weiß wohl, daß meine Wege nicht nur Rosenpfade sind." Und die Wahrheit dieses Wortes hat sie in ihrer fünfundzwanzigjährigen Ehe zur Genüge erfahren, hat sie doch wiederholt am Krankenbette geliebter Kinder gesessen in banger Sorge um deren teures Leben. Aber auch sonnige, glückliche Tage und Stunk en sind ihr beschert gewesen. Solch ein sonniger, schöner, herrlicher Tag war es, als ihr ältester Sohn, unser Kronprinz, ihr die erste Schwiegertochter zuführte, als dann in diesem Jahre auch der zweite Sohn, Prinz Eitel Friedrich, seine Vermählung mit einer edlen deutschen Fürstentochter feierte und sie selbst, getragen svon der Liebe und Begeisterung des deutschen Volkes, an der Seite ihres hohen Gemahls aus eine fünfundzwanzig- jährige glückliche und reichgesegnete Ehe zurückblicken durfte.
Das frohe Fest ihres Geburtstages aber, das heute mit dem Hohenzollernhause das ganze deutsche Volk feiert, begleiten tausend und abertausend Wünsche für das fernere Wohlergehen der geliebten Kaiserin. Möge es ihr noch lange Jahre vergönnt sein, in ungetrübter Gesundheit und Kraft an der Seite des kaiserlichen Gemahls ihr schönes Familienglück zu genießen und als Vorbild deutscher Frauentugenden ihres hohen Amtes zu walten zum Wohle des deutschen Vaterlandes, das stolz auf seine edle Kaiserin ist und heute inniger denn je seinem Kaiser zujubelt die Strophe einer neueren Kaiserhymne:
Glänzend zur Seite steht Dir voll Diilde, Kaiser, die glorreichste Herrscherin.
Gnadenvoll streut sie ins deutsche Gefilde Perlen des Wohltuns, der Liebe dahin.
Deutsches Seid).
— In Essen hat unter Teilnahme des Kaisers die Hochzeitsfeier im Hause Krupp stattgefunden. Bei der Hochzeitstafel hielt der Kaiser eine überaus warm gehaltene, von Herzen kommende und zu Herzen gehende
malö rasch hintereinander auf und fühlend, daß sie alsbald zur Besinnung kommen müsse, trat er einen Schritt zurück.
„Wally," sprach er leise.
Das Mädchen regte sich, sie versuchte daS Haupt em- porzurichten, zuckte aber bei der ersten Bewegung zusam- nie« und versank mit einem dumpfen Stöhnen wieder in die frühere Stellung. Dann schlug sie die Augen auf, au» denen jedoch sofort deutlich das klarste Bewußtsein sprach.
„Oberst Desmond," flüsterte sie, nicht, als sei sie erstaunt, ihn in ihrer Nähe zu sehen, sondern nur, als konstatiere sie eine Tatsache, die ihr völlig bekannt gewesen.
„Sie hatte also meine Nähe, meine Berührung gefühlt," sagte er sich mit innerlichem Triumph, sprach aber äußerlich anscheinend ganz ruhig: „Sie sind ausgeglitten und haben sich den Knöchel vertreten; leiden Sie arge Schmerzen, mein Kind?"
„Nein, nicht so sehr arg," hauchte sie matt. ,O, wie töricht war es doch von mir, das Bewußtsein zu verlieren !" Sie hatte die Augen wieder geschlossen und e» lag ein Ausdruck des Schmerze» in den Zügen, der die Ber- sichernug, daß sie nicht absonderlich leide, Lügen zu strafen schien; auch gab sie sich nach wenigen Augenblicken schon wieder alle Mühe, sich aufzurichten.
Er hob sie in eine sitzende Stellung empor und um- schlang ihre Mitte noch immer leicht mit seinem Arm. „Noch dürfen Sie den Versuch nicht wagen, zu stehen, arme? Kind, Sie sind mutig, aber ich kann es nicht zugeben, daß Sie sich überanstrengen; ich habe Castelar nach dem nächsten Hause gesandt, um ein Wasser zu holen, da- mit wir Ihnen wenigstens eine Kompresse machen kün- nen; sagen Sie mir doch, Wally, welcher Fuß ist e»?"
„Der linke ; o, es tut mir so leid, daß ich durch meine Unvorsichtigkeit nun den ganzen Spaziergang verdorben habe; es war zu einfältig von mir, zu straucheln."
„Aergern Sie sich nicht über einen Umstand, an bem niemand die Schuld trägt," sprach DeSmond freundlich. Was es ihm kostete, alle Zeichen innerer Bewegung zu unterdrücken, das wußte wohl er allein. 128,18