WWWWW
Erscheint Mittwoch und Samstag - Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
eM 88. Samstag, den 3. November 1906. 57. Jahrgang.
Fortwährend
werden Bestellungen auf die
Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriesträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
siuden in der Schlüchterner
Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Deutsches Deich.
— In Gegenwart des Kaiserpaares fand an der Berliner Universität die Antrittsvorlesung des ersten Roosevelt-Professors John William Burgeß von der Columbia-University in New Dort statt. Professor Bürgest verlas dabei einen Brie's des amerikanischen Präsidenten Roosevelt, in dem er der Berliner Universität die herzlichsten Grüße übermittelt und Professor Bürgest und seinen Schülern beste Erfolge wünscht. Zum Schluß forderte der Kaiser mit lauter und weit vernehmbarer Stimme die „Kommilitonen" auf, in ein dreifaches Hurra auf Präsident Roosevelt einzustimmen. Mit großer Begeisterung wurde der kaiserlichen Aufforderung Folge geleistet.
— Der Reichskanzler empfing Mittwoch mittag den neuen mecklenburgischen Gesandten Freiherrn von Bran- denstein.
— Die Immatrikulation des Prinzen August Wilhelm von Preußen, des vierten Sohnes des Kaiserpaares, an der Universität Bonn hat im Seuatssvl- der Bonner Universität stattgefunden. Dort hatten sich der Rektor und der Prorektor der Universität, der Kurator Dr. v. Rottenburg und der Senat eingefunden. Der Rektor hielt eine kurze Ansprache, in der er den Wunsch aussprach, daß sich der Prinz am Rheine heimisch fühlen möge, und daß die Lehrer ihren Stolz darein setzen möchten, ihn in die Tiefen der Wissenschaft einzuführen. Dann trug sich der Prinz in das Album der Universität ein, worauf ihm die Matrikel und das Testierbuch überreicht wurden.
, — Der Kaiser von Oesterreich schenkte einen nam haften Betrag zum würdigen Ausbau der Gruft Rudolfs von Habsburg im Dom zn Speyer.
— An den Oberpräsidenten von Trott zu Solz in Potsdam ist folgende königliche Order über die Einführung des Kronprinzen in die Zivilverwaltung der
An Ketten der Lieöe.
Roman von Seta v Starkenstein. 62
Nein, sagte er ihr daS, dann konnte er für sich selbst nicht einstehen, Staun war es immerhin möglich, daß er sich weiter Hinreisen ließ und Worte sprach, die besser un- ^gesagt blieben. Als unparteiischer Freund konnte und durste er Wally nicht raten, denn nicht in kühler Freundschaft allein war er ihr zugetan.
Das Mädchen erriet halb und halb daS, was er ihr w gerne gesagt hätte, und von innerer Bewegung erfaßt, rang es mühsam nach Atem.
Er ging mehrmals im Zimmer auf und ab und blieb endlich vor dem Lager stehen, auf welchem Wally gesenk- ten Blicke» ruhte. „Ich habe nicht die Macht, Ihnen zu helfen," sprach er mit unsicherer Stimme, „eS ist zu spät dazu und vielleicht tue ich Ihnen auch Unrecht; wenn dem abernichtsowäre. ."
Schritte ließen sich draußen vernehmen
DeSmond beugte sich nieder und legte seine Hand auf ihr goldige« Haar. „O, Wally," stieß er leidenschaftlich hervor, „Sie tömten die Vergangenheit nicht auslöichen, aber in Zukunft läge e3 in Ihrer Macht, ein besseres, ein edlere» Dasein zu führen!" Er trat auf die Terrasse und ging über diese hinab in den Garten.
Gleich barauf aber öffnete sich die Tür und Feodore trat ein. „Wally ganz allein hier? Ich dachte, Richard fei auch da."
.Er ist gerade hinauSgegangen," entaeguete Wally, mühsam nach Fassung ringend; „vielleicht steht er noch uuf der Terrasse."
„Da will ich doch gleich nachsehen," und Feodore trat hinaus.
„Zu spät, e» ist zu spät," flüsterte Wally leise vor sich hin; ja, sie verstand seinen Jdcengang nur zu gut; er liebte sie, aber er konnte ihr nicht verzeihen und ver- gessen, daß ihr Ehrgeiz, wie er sich einbilbete, größer fei »ll ihre Liebe. Sie konnte ihm nie da» werden, wa» er
Monarchie ergangen: „Es ist Mein Wille, daß Mein Sohn, der Kronprinz, Kaiserliche und Königliche Hoheit, entsprechend seinem Wunsche und der hergebrachten Sitte Meines Hauses gemäß während des bevorstehend den Winterhalbjahres in die Kenntnis der Zivilver- waltnng Meiner Monarchie durch Sie eingeführt werde. Das von Ihnen entworfene Programm, mit welchem der Kronprinz einverstanden ist, ist mir vorgelegt worden und hat meine volle Billigung gesunden. Ich beauftragte Sie, demgemäß das Weitere zu veranlassen."
— In Sachen des polnischen Schulkinderstreiks hatten die polnischen Reichstagsabgeordneten v. Grabski und Graf Mielcynski ein Telegramm an den Kultusminister v. Studt gerichtet, in dem sie eine „sofortige Beseitigung der kulturwidrigen Arreststrafen" gegen streikende polnische Schulkinder verlangten. Darauf ist ihnen.solgende Antwort des Kultusministers zugegangen : „Reichstagsabgeordneten v. Grabski, Gnesen. Die Aufhebung der Arreststrafen gegen Schulkinder, die die bestehende Schulordnung verletzen, lehne ich ab. Kultur- ividrig ist die Hetzarbeit, die die Väter der Schulkinder dazu verführt, letzteren den Ungehorsam gegen die Anordnungen der Schulbehörde zur Pflicht zu machen. Diese Anordnungen werden mit allen gesetzlich zulässigen Mitteln durchgeführt werden. Kultusminister Dr. v. Studt." Diese energische Antwort wird sicher von jedem Patrioten mit Genugtuung begrüßt werden, ist doch daraus ersichtlich, daß die Regierung gewillt ist, den ihr aufgedrungenen Kampf gegen die polnische Hetzerei mit allen ihr zu . Gebote stehenden Mitteln durchzuführen.
— Die feierliche Eröffnung der neuen Handelshochschule zu Berlin fand in Anwesenheit des Kronprinzen und unter Teilnahme von Vertretern der Behörden des Reiches, des preußischen Staates, der Stadt, der Berliner und einer Reihe auswärtiger Hochschulen sowie von Delegierten des Handels und der Industrie statt. Der Präsident der Aeltesten der Kaufmannschaft, Stadtältester Käinpf, hielt eine längere Ansprache, in der er den Tag als für die Korporation der Kaufmannschaft von Berlin so bedeutungsvoll bezeichnete, wie in ihrer nunmehr 86jährigen Geschichte wenige zuvor gewesen seien. Er kam sodann auf die Errichtung der andern im Deutschen Reiche bestehenden Handelshochschulen zu sprechen und schilderte hierauf die Geschichte des Baues der Berliner Hochschule. Zum Schlüsse übergab Stadtältester Kämpf die neue Einrichtung der Korporation der Allgemeinheit.
— Ein schönes Beispiel deutscher Opferwilligkeil wird vom Graudenzer „Ges." berichtet. Der Besitzer'
einst gehofft, aber, sich selbst nicht untreu zu werden und ein edleres Leben zu führen denn bisher, das lag nach seinem Dafürhalten noch immer in ihrer Macht.
Wenn sie ihm die Wahrheit hätte sagen können, würde er ihr geglaubt haben? Jetzt vielleicht nicht mehr; und nur seine Hand konnte und sollte das Hindernis hinweg- räumen, welcher seine Ehre und ihr Stolz zwischen ihnen aufgetürmt hatte.
„Wally," rief Betty Mills eine stunde später in das Ankleidezinnner der jungen Mädchens herein, „bist Du allein?"
„Ja, komm' nur!"
Betty folgte dem Geheiß und Wally laß in den leuchtenden Augen der Freundin, daß es da wohl ein Geheimnis anzuvertrauen geben müsse.
„Liebe treue Betty, ich weiß wohl, waS Du mir sagen willst und wünsche Dir von Herzen Gluck."
Da» Mädchen kniete nieder und verbarg ihr errötende» Antlitz in Wallys Schoß. „Freust Du Dich mit mir ?" flüsterte sie bewegt. . .. ^.
„DaS weißt Du wohl; ich ahnte längst, wie die Dinge kommen würden."
„Längst, wann denn?"
„O, schon im Winter, Du brauchst nicht so rot zu werden, cß ist ja keine Schande dabei."
„Nein und Mama ist auch völlig einverstanden; sie ist jetzt mit meinem Verlobten und Oberst Desmond aus der Terrasse."
„So erzähle mir nur, wie alle» so gekommen
„Ach, da gibt eS nicht viel zu erzählen, ich bin so über- menschlich glücklich und ich ivollte, Du wärst es auch!"
, Wie kommst Du aus den Einfall, daß ich eß nicht sei ?
Du siehst gar nicht danach aus, als ob Du es wärest, uud'ich bin gewiß, daß Du irgend ein Leid hast, welches Du mir nicht anvertraust."
„Habe ich Dir denn jemals Kummer mitgetetU? Wozu sollte ich auch ? Es macht ja die Situation niemals des- ser. Sieh' nicht so ernst drein, Du solltest gerade jetzt
W. in Striesau hatte vor einem halben Jahre ein Grundstück für 22 500 Mark gekauft. Ein Pole bot ihm jetzt 4000 Mark mehr, und W. halte auch Lust, ihm das Grundstück zu verkaufen. Der Käufer hatte allerdings nur 3000 Mark zu dem Kaufe, aber die polnische Bank wollte ihm das übrige Geld zu 3 v. H. geben. Kurz vor dem Zuschläge kam dies einem Mit- gliede der Ortsgruppe Ostrometzko des Deutschen Ostlnarkenvereins zur Kenntnis. Der Herr tat sofort die nötigen Schritte, und es gelang, dem Polen das Grundstück zu entreißen. Da ein anderer Deutscher einen so hohen Preis niemals geben konnte, brächte Graf Alvensleben dem Deutschtum das Opfer und kaufte das Grundstück.
Ausland.
— In Deutsch-Südwestafrika ist es wiederum zu scharfen Gefechten gegen die Hottentotten gekommen, die durchaus erfolgreich verliefen. Von den deutschen Soldaten ist dabei erfreulicherweise keiner gefallen oder verwundet worden, während die Hottentotten vier Tote, elf Gewehre und dreißig Reittiere zurückließen. Bei der Verfolgung wurden sie nach dreistündigen! Kampfe auseinandergesprengt.
— Zur Durchführung des französischen Trennungsgesetzes plant das neue Kabinett Clemenceau einschneidende Maßnahmen gegen die Geistlichkeit. Es soll dem Parlament, wenn es erforderlich sein sollte, ein Gesetzentwurf vorgelegt werden, auf Grund dessen französischen Kultusbeamten, die sich in offener Auflehnung gegen das Gesetz befinden, der Amtscharakter entzogen werden kann. Wie die „Agence Havas" zu wissen glaubt, soll die einfache Weigerung, Kultusgemeinschaften zu bilden, a.. ausreichend erachtet werden, um ehre- so schwerwiegende Maßnahme, wie die oben bezeichnete, zu begründen.
— Die bulgarische Sobranje wurde in Abwesenheit des Fürsten von dem Ministerpräsidenten-, mit einer Thronrede eröffnet, in der zunächst das ^ftänbige Steigen des Wohlstandes und die stete Entwickelung der Industrie, des Handels und des Ackerbaues sowie die Besserung der Finanzlage des Landes betont werden. Weiter heißt es, die Lage der Stammesbrüder in der Türkei beunruhige fortgesetzt die Bevölkerung des Fürstentums, wodurch in der letzten Zeit unliebsame Vorfälle in Ostbulgarien herbeigeführt' seien. Die bulgarische Regierung habe jedoch durch entsprechende Maßnahmen die Ordnung aufrecht erhalten können und den Geschädigten in Bulgarien und der Türkei durch Bewilligung von Unterstützungsgeldern Hülfe geleistet. Die
wie der hellste Sonnenschein auSsehen. Bist Du denn nicht gekommen, um mir mitzuteilen, daß Du daS glücklichste Mädchen auf Erden seiest? Und nun machst Du Dir mei- netwegen ganz überflüssige Sorgen."
„Mein Glück kann mich nicht teilnahmSlo» machen für die Tatsache, daß Du unglücklich bist."
Wally wandte sich ab. „Warum machst Du Dir etwas daraus, da Du ja doch weißt, daß ich e» nicht wert bin, wahrhaft geliebt zu werden."
„Du bist echter Liebe nicht unwert, Wally; die ganze Komödie, welche Du spielst, ist Dir verhaßt, aber Du h«st nicht den Mut, die Wahrheit zu bekennen."
„Ich weiß, maß Du damit sagen willst, Betty, Du hast recht, es gebricht mir an Mut. Doch das ist jetzt Nebensache, denn eS wird ja doch bald alles . . alles vorüber sein."
„Wally, wie seltsam Du sprichst."
„Du wirst meine Worte schon verstehen lernen; stelle jetzt keine weiteren Fragen, die ich doch nicht zu beant- Worten im staube sein würde."
„Ich kann nicht anders, ich muß doch noch mehrere» fragen. Feodore erzählte, daß Du Nachricht von Howard Gilman erhalten habest. Gräfin Peal hat eS ihr mitgeteilt. Schrieb er Dir, um seinen Heiratsantrag wieder zu erneuen?"
„Ja*
„Und Du, Du wirst Dir doch nicht träumen lassen, je- neu Menschen zu heiraten?" *
«Nein, ich heirate Howard Gilman nicht, ich habe seinen Brief gar nicht beantwortet und habe gar nicht die Absicht, eS zu tun."
„Ich bin so sroh, die» von Deinen Lippen zu vernehmen ; aber maß wird Frau Root dazu sagen?"
„Ich habe Taute Konradine niemals da» Recht ein- geräumt, über mich zu verfügen, und eS soll auch diesmal nicht geschehen. Du machst verwunderte Augen, Du glaubst, sie habe Pläne geschmiedet und ich stillschweigend meine Einwilligung dazu gegeben. Du sollst aber bald eine» Besseren belehrt werden." 128,18