mit amtlichem Kreisblatt Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich l Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
38 27. Mittwoch, den 3. April 1907. 58. Jahrgang.
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Amtliches.
F.-Nr. 3208. Die Herren Bürgermeister der Landgemeinden ersuche ich:
1. die Zahl der Wohngebäude ihrer Gemeinden,
2. die Zahl der dav in ganz oder teilweise durch Vermietung benutzten Wohngebäude und
3. die Zahl der Mieter (Haushaltungen oder alleinstehende Personen, welche gemietet haben) innerhalb drei Tagen hierher anzuzeigen.
Schlächtern, den 30. März 1907.
Der Kgl. Landrat: I. V. Schultheiß.
Deutsches Reich.
— Ostern ist in der kaiserlichen Familie in üblicher Weise gefeiert worden, auch das Ostereiersuchen fehlte nicht. Die Regierungsgeschäfte, soweit sie das Ausland betreffen, erledigte der Kaiser mit dem Staatssekretär V. Tschirschky.
— Es steht jetzt fest, daß Kaiser Wilhelm in der ersten Hälfte des Monats Juli den König von Dänemark in Kopenhagen besuchen wird. Wahrscheinlich wird die Kaiserin den Kaiser begleiten und damit zum ersten Male am dänischen Hofe weilen. Zu derselben Zeit erwartet man in Kopenhagen den Besuch des Königs von Siam.
— Der Kronprinz und die Kronprinzessin bestiegen am 2. Osterfeiertag nachmittags 5 7, Uhr nach einem Besuche in Potsdam in der Villa Liegnitz, in der auch der Kaiser u. die Kaiserimweilten, ein Dogcart, um zumStadt- schloß zurückzufahren. Infolge des Automobilverkehrs und der großen Menschenmenge wurde das Pferd unruhig und ging durch; kurz vor dem Brandenburger Tor gelang es, das Pferd zu beruhigen. Nun sprang ein Mann aus dem Publikum hinzu und griff dem Pferd in die Zügel. Der Kronprinz und die Kronprinzessin stiegen unverletzt aus dem stilistehenden Dogcart und gingen zu Fuß nach dem Stadschloß.
— Fürst Bismarcks 92. Geburtstag war am 2. Osterfeiertage. Seine Gruft im Sachsenwalde wurde mit frischen Kränzen und Blumen geschmückt.
— Der erste Rooseveltproseffor an der Berliner Universität Burgeß, der seine Vorlesungen in Berlin beendet hat, wird bei seinem Sommeraufenthalt in Bonn auch dem Prinzen August Wilhelm (dem vierten Sohne des Kaisersi Vorträge über amerikanische Verfassungsgeschichte halten. Es ist ein Kursus von zehn Vorlesungen in Aussicht genommen.
— Die Vorlage zur Verbreiterung des Kaiser-
Datsche Ireunde.
Roman von Elwin Starck. 55
„Nun, was ist's mit Kleinan?" rief Geißler, da sieden Satz nicht vollendete.
„Der beabsichtigte Diebstahl am geistigen Eigentum würde sich in den Spalten einer Zeitung ganz pikant aus- nehme». Meinen Sie nicht auch?" fragte sie.
„Verzeihung," sagte Geißler fest, „wenn ich Ihnen in dieser Sache eutgegentrete. Die Angelegenheit ist meine Sache."
Toni ließ sich nicht beirren. „Gewiß ist sie Ihre Sache," gestand sie mit blitzenden Augen, „aber sie gehört zu dem Trumpf, den ich gegen beide, Möller, sowohl tute Klei- nau, ausspielen werde, falls sie mich zum Aeußersteu treiben. Doch ich glaube kaum, daß sie es soweit tommen lassen. Und nun muß ich gehen," fuhr sie mit verändertem, leichten Gesellschaftstone fort, ihm die Hand bietend. „Ich hoffe, Sie werben dem Direktor Schach bieten."
„Ich hoffe es auch," sagte er und dann in bittendem Tone: „Toni, lassen Sie es mich wissen, wer hat eie auf die Bühne gewiesen?"
„Ich mich selbst," antwortete sie, ohne zu zögern. „Sie müssen bedenken, daß der Aufenthalt bei dem Direktor im- merhin eine gute Vorbereitung für meinen künftigen Beruf war."
Er gab es nach kurzer Pause zu. „So bestimmen Sie selbst über sich," meinte er, „und mir bleibt nur übrig, JH- uen Glück für die neue Laufbahn zu wünschen. Möchte» Sie Ruhm und Lorbeeren erringen."
Da sah sie mit großen, ach so traurigen Auge» z» ihin auf, daß er fast vor diesem Blick erschrak. „Ruhm und Lorbeeren?" wiederholte sie. „WaS gebe ich dafür? Nichts... Einmal ja, da habe ich das Glück zu erfassen vermeint, doch es hat sich als trügerisch erwiesen. Vorbei , . ."
Er nahm ihre Rechte und hielt sie mit beiden Händen fest umschlossen. „Sollte Ihnen die Bühnenlaufbahn zu dornig fein, Ihnen irgend ein anderer Weg zur Freiheit
Wilhelm-Kanals hat die Genehmigung des Kaisers gefunden und wird noch in dieser Woche dem Bundesrat zugehen. Sobald sie dort ihre Erledigung gefunden hat, kommt sie vor den Reichstag. Die Gesamtkosten für die geplante Verbreiterung /stellen sich auf 220 Millionen Mark.
— Durch kaiserliche Kabinettsordre wird das dem elften Armeekorps einzugliedernde Kavallerieregiment nach Erfurt gelegt werden. Zugleich wird der Stadtgemeinde Erfurt die Erlaubnis erteilt, den Exerzierplatz auf dem Drosselberg zu erweitern und die nötigen Kasernements anzulegen.
— Wie die „Rat. Ztg." aus ganz zuverlässiger Quelle erfährt, kommen als Nachfolger Bergmanns der Wiener Chirurg Freiherr v. Eiselsberg und der Schüler Esmarchs Geheimrat Bier aus Bonn in Belracht-
Zum Manöverbesuch des Kaisers in Hannover werden dort schon jetzt größere Vorbereitungen getroffen. Das kaiserliche Hauptquartier wird sich in den Tagen vom 24. bis 28. August in Hannover befinden und im Schlosse Unterkunft finden. Die für den Kaiser und die Kaiserin bestimmten Wohnräume erhalten eine neue Ausstattung, und der vom verstorbenen Prinzen Albrecht von Preußen oft bewohnte Schloßflägel wird für Wohnungen für den Kronprinzen und die . Prinzen neu hergerichtet. Die zur Kaiserparade geladenen sonstigen Fürstlichkeiten müssen, da im Schlosse keine Räumlichkeiten mehr verfügbar sind, in Privathäusern Wohnung beziehen.
— Die Roheiten streikender Schauerleute in Hamburg mehren sich. Streikende Schauerleute überfielen einen englischen Arbeiter, der sich an Bord seines Logierschiffes begeben wollte. Der englische Arbeiter hatte sich verirrt, und die Streikenden lockten ihn unter der Angabe, ihm den rechten Weg zeigen zu wollen, in eine Bedürfnisanstalt. Hier übersielen sie ihn, zerstachen ihn mit Messern Gesicht, Zunge und Kinn und warfen ihn in die Elbe. Der Unglückliche kam im Wasser wieder zur Besinnung und schwamm an das Quai, wo er sich an einem Ringe festhielt. Im Laufe des Tages sind der Polizei bereits zwanzig Fälle gemeldet worden, wo streikende Schauerleute Arbeitswillige mißhandelt haben. Die Schauerleute belverfen die Arbeitswilligen mit Steinen. Das sind die Früchte der sozialdemokratischen Hetzarbeit.
— Wegen versuchter Wahlfälschung wurde von der Düsseldorfer Strafkammer ein Arbeiter Schuock, der
offen stehe», so zählen Sie bitte auf mich, will sagen auf die treue Hilfe eines Bruders," versicherte er warm und herzlich.
Sie zuckte zusammen. Die Hilfe eines Bruders, die suchte sie nicht, sicherlich nicht bei ihm.
Sie zog den Schleier vors Gesicht und machte sich zum Gehen bereit. Karl wollte sie bis zur Station begleite», doch sie wehrte ihn: lachend. „Nein, nein, ich habe den Weg allein hergefunden, ich werde ihn auch allein zurückfinden," behauptete sie. „Und die langweilige Eisenbahnfahrt werbe ich mir damit verkürzen, daß ich mir das erstaunte Gesicht des Direktors vorstelle, wenn ich ihm meinen Plan mitteile," fuhr sie in übermütiger Laune fort.
Er geleitete sie aus der Tür, und mit einem Scherz- Wort nahm sie Abschied. Nachdenklich blickte er ihr nach. Sie hatte den Kopf geneigt, ihr Gang war lässig, müde, als ob sie eine schwere Last trüge. Bei der nächsten Weg- biegung wandte sie sich um, und ihm war es, als ob ihre Augen feucht glänzten.
Karl wurde unruhig. Täuschten ihn seine Augen ? Hatte Toni vor wenigen Sekunden nur gelacht, um je^t zu weinen ? Hatte ihr Gesicht vorher nur eine Maske getragen oder trug sie es jetzt?
Vielleicht hatte sie Talent zur Schauspielerin. Erdachte au ihre Worte: Kontraste sind immer schick.
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Es war Sonnabend Abend. Karl machte gleich seinen Arbeitern Feierabend unb ging, wie er jetzt zuweilen tat, nach Waldan. Die Unterhaltung mit ben Geschwistern von Wahlenburg war seine liebste und eigentlich auch seine einzige Unterhaltung, und er dachte mit Schrecken an die Zeit, wo ihm auch diese Freude genommen sein würbe.
Im Herbst erfolgte Martins Habilitierung an der Universität Berlin, und dann beabsichtigten die Geschwister die kleine Wohnung zu beziehen, die Paula für sich und den Bruder gewählt hatte.
Das Herrenhaus in Waldair machte in seiner Oede
anläßlich der Reichsiagssttchwahl doppelt sozialdemokratisch zu wählen versuchte, zu acht Tagen Gefängnis verurteilt. In Lübeck wurde ein Arbeiter Dose, ein wegen anderer Vergehen vielfach vorbestrafter Mensch, zu der scharfen Strafe von drei Monaten Gefängnis verurteilt, weil er für einen andern erkrankten Arbeiter das Wahlrecht ausgeübt hatte. Da sozialdemokratische Wahlschwindeleien vielfach vorgekommen sind, wird man wohl noch von weiteren Bestrafungen hören.
Ausland
— Infolge des französisch-marokkanischen Zwischen- falles hat die französische Regierung Udschda, eine Oase auf der Karawanenstraße von Fez nach Tlemzen, besetzt, bis die marokkanische Regierung der französischen Genugtuung für die Ermordung des Dr. Mauchamp gegeben habe. Diese Maßregel wurde ergriffen infolge der andauernden Weigerung des Maghzen, die Ueber- einkommen von 1901 und 1902 zur Ausführung zu bringen und den vielfachen Forderungen nach Genugtuung nachzukommen, welche Frankreich wegen Vergehen und Verbrechen, begangen an Franzosen auf marokkanischem Gebiet, erhoben hat.
— Die französische Deputiertenkammer beschäftigte sich mit dem letzten französisch-marokkanischen Zwischen- fad, • der zur Besetzung marokkanischen Gebiets durch französische Truppen geführt hat, und hat der Regierung einstimmig ein Vertrauensvotum wegen ihrer Marokkopolitik erteilt.
— Zu den Streikunruhell im schweizerischen Kanton Waadt wirb aus Kevey gemeldet, daß Streikende die nach Montreux marschieren wollten, vom Militär daran verhindert wurden, wobei ein Streikender durch einen Bajonettstich schwer verletzt würbe. Der Generalstreik für Genf, Lausanne und Montreux gilt als sicher. In Montreux wurden zwei Bataillone einquartiert. Die Lage ist bedenklich.
— Ueber die Bauernrevolten in Rumänien laufen namentlich aus den Bezirken Teleorman und Alexandria immer schlimmere Nachrichten ein. Große Scharen aufständischer Bauern schicken sich an, gegen Bukarest zu marschieren. Die Generale Cvrniceanu und Gheorgiu erhielten von der Regierung den Befehl, mit ihren Truppen den Schutz der Hauptstadt zu übernehmen; über viele Distrikte ist der Belagerungszustand verhängt.
— Die armenischen Revolutionäre machen sich wieder unangenehm bemerkbar. Wie aus Konstantinopel gemeldet wird, berichtet der Wali von Erzerum der
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unb Verlassenheit einen fast unheimlichen Eindruck, die Fen- ster waren ohne Vorhänge und von ben Treppen hatte man die Teppiche entfernt. Ss sah alles kahl und un- wirtlich aus. Nur die wenigen Räume, welche die Geschwi- ster bewohnten, waren völlig geräumt und die Fensterlä- den Herabgelasse».
Tello, der wie immer wachehaltend auf der Rampe lag, meldete Paula den gern gesehenen Gast. Sie empfing den jungen Ingenieur mit einem lächelnden Willkommen und erzählte, daß Martin nicht zu Hause sei, jedoch bald zurückkehreumüsse.DiebevorstehendeUebersiedelungmachte seine häufige Anwesenheit in Berlin notwendig; er war bereits heute früh gefahren, um mit Kollegen Rücksprache zu nehmen.
Da Karl beschloß, auf seine Rückkehr zu warten, führte ihn Paula ins Haus, unb beide plauderten wie alte Bekannte.
„Wo befindet sich Ihr Herr Vater?" fragte sie.
„Sie haben ihn in der Zeit gesehen, als ich Patient war," entgegnete Geißler, „und es ist freundlich, daß Sie seiner gedenken. Noch wohnt er in Berlin, doch ich gebe, ob für immer, kann ich vorläufig nicht bestimmen, meine dortige-Wohnung auf unb bann kommt er zu mir. Ich freue mich aufrichtig, ihn wieder um mich zu haben, denn es gibt Stunden, in denen ich mich recht vereinsamt fühle. Freilich nicht allzuviele, denn Zeit und Gedanken füllen die Arbeit aus."
„Und?" fragte Paula, da er schwieg. „Sie sehen be- kümmertanS. Wie gefällt Ihnen die Arbeit?"
Er zuckte die Achsel». „Sie ist schwer, zuweilen zu schwer, allein ich darf nicht klagen, wenigstens nicht Ihnen gegenüber, die Sie doch genug Sorgen und Mühe haben. Stehen Sie noch im Verkehr mit Möller?"
„In keiner Weise; seitdem er uns das Vermögen in Fabrikaklieu ausgezahlt hat, sind wir fertig mit einander," sagte Paula. „Nur Sie, Herr Geißler, und wir ge- hören noch zusammen,". 135,18