mit amtlichem Areisblatt.
Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt
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Deutsches Reich.
— Der Kaiser ist Montag vormittag 8% Uhr in Meppen eingtroffeu und alsbald nach bem Schießplatz tveiter gefahren.
— Der Kaiser ist 2'/» Uhr nach Bückeburg weitergereist.
— Am Montag nachmittag 5 Uhr 40 Min. traf der Kaiser mit Gefolge in Bückeburg ein. Zum Empfange auf dem Bahnhöfe halten sich eingefunden der Fürst in der Uniform seines 7. Jägerbataillons, der Erbprinz und die übrigen Prinzen. Nach überaus herzlicher Begrüßung fuhren der Kaiser und der Fürst in einem Vierspänner zum Schloß. Um 6 Uhr fand im Schloß Diner statt.
— Der Kaiser hat dem Fürsten von Monaco den Schwarzen Adlerorden verliehen.
— Der deutsche Botschafter, Freiherr Speck von Sternburg, ist gestern von New-Pork nach Deutchland abgereist.
. — Der Reichstag setzte am Donnerstag die zweite Lesung des Etats des Reichsamts des Innern fort. Abg. Pfarrer a. D. Naumann (fr. Vg) hielt seine Jungfernrede, in der er in ganz allgemeiner Weise die Ziele und Wege der Sozialpolitik erörterte. Er forderte die Parlamentär sch regierte Fabrik, die Umwandlung der Arbeiter Untertanen in Arbeiter-Bürger nach dem Vorbilds der politischen Emanzipation und andere dem grünen Tische, aber nicht der Kenntnis des praktischen Lebens entsprossene Pflanzen. In seiner Erwiderung betonte Staatssekretär Graf Posadowsky die Wichtigkeit praktischer Einzelarbeiten und verhieß neben einigen wirtschaftlichen Spezialgesetzen auf zahlreichen Gebieten auch das Vereinsgesetz für die nächste Session, in der
Ais Komödiantin.
Roman von Oswald Benkendorf. 1 (Nachdruck nicht gestattet.)
„Der Kindler ist also wieder aus Berlin heimgekommen, Herr Oberst?" fragte Gräfin Bentheim, den Blick von der Stickerei erhebend, die ihre schmalen,weißen Hände hielten, „er hatte ja sechs Wochen Urlaub genommen, um seine Angelegenheiten zu ordnen."
Ihr Gegenüber, Oberst von Perle, ein rüstiger Fünfziger von stattlichem Korperumsang und blühender Gesichtsfarbe, strich in sichtlicher Verlegenheit seinen roten Schnurrbart und erwiderte mit einem Seitenblick auf die junge Dame, welche unweit von ihm, am hohen Bogenfenster saß: „Wohl wahr, auch wir waren überrascht, obgleich an die wunderlichen Einfälle des Hauptmanns Kind- ler bereits gewöhnt. UebrigenS gab er mir keine Erklärung seines Verhaltens, wenn man eine hingeworfene Be- merkung nicht als solche gelten lassen will, er meinte näm- lich, daß er gefürchtet habe, einen dummen Streich zu machen, deshalb habe er die Residenz so schnell verlas- sen."
„Hm, das klingt rätselhaft, noch dazu aus seinem Munde. Hat er Ihnen nicht erzählt, ob sein Oheim, der alte Geld- Wechsler, sich noch einmal beschwatzen ließ, ihm aus der Not zu helfen und das überschuldete Besitztum vor dem gerichtlichen Verkaufe zu bewahren?"
„Weder mir noch den ihm näherstehenden Kameraden hat er Mitteilungen über den Stand seiner Angelegenheiten gemacht, doch will es mir scheinen, daß er Hoffnung hat, er märe wohl sonst nicht so guter Dinge und heiter getvesen."
„Nun, ich will es wünschen," meinte Gräfin Sidonie mit einem leichtenSeufzer, „schonErnsts verstorbener Mut- ter wegen, die meine Freundin war und wahrlich ein beste- ceS Los verdient hätte, als die Gattin des „tollen Kind- ler" zu werden, der sie um ihres Reichtums willen gehet- ratet. Später, nachdem er das Geld in unsinniger Weise
Mittwoch, den 17. April 1907.
58. Jahrgang.
Gestalt, in welcher es überhaupt auf die Annahme des Reichstags rechnen könne. Seine Ausführungen wurden von dem lebhaften Beifall aller bürgerlichen Parteien begleitet. — Am Freitag trat zunächst Abg. Pauli (kons.) für eine gesunde Mittelstandspolitik ein und bekämpfte die Sozialdemokratie. Auch Abg. Stresemann (natl.) behandelte die sozialdemokratische Frage. Er sowohl wie der Abg. Giesberts (Z.) wies daneben auf die Notwendigkeit hin, sich gegen die Möglichkeit einer Welthandelskrise gewappnet zu halten. Der Abg. Günther (fr. Vp.) forderte in diesem Punkte in teil- weiser Uebereinstimmung mit dem Abg. Giesberts eine Neuregelung des Submissionswesens zugunsten der kleinen und mittleren Betriebe und verwies auf die bereits seit einem Jahre durchgeführte preußische Reform dieser Angelegenheit.
— Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte am Donnerstag den Rest des Kapitals „Universitäten" nach unerheblicher Debatte und nahm bei der Beratung des Kapitels „Höhere Lehranstalten" den Antrag Fritsch (natl.), die Regierung zu ersuchen, den Bestrebungen zur Vereinheitlichung der deutschen Stenographie tun- lichste Förderung und Mitwirkung zuteil werden zu lassen, nach längerer Erörterung an. Im Laufe der Debatte wies Kultusminister Dr. v. Studt den Borwurf zurück, daß sich hier wieder die preußische Unterrichtsverwaltung gegen den Fortschritt wende, und erklärte, er werde sich freuen, wenn die Zeit zur Entscheidung für ein einziges System gekommen sei, und werde die Sache mit vollem Interesse wohlwollend und nachdrück» > ch '-erfolgen. Der freisinnige Antrag auf Anglieder- ung der Lehrpläne der Volksschule an die der höheren Lehranstalten und Beseitigung der Vorschulen wurde der Unterrichtskommission überwiesen. Am Freitag fiel die Sitzung aus.
— Auf Grund des deutsch-dänischen Optantenvertrags vom 11. Januar d. I sind über 2000 Anträge auf Naturalisation bei dein Regierungspräsidenten eingegangen. Bisher ist nur ein Gesuch abgelehnt worden.
— Ein Merkblatt über den neuen Personen- und Gepäcktarif ist, wie dies im Abgeordnetenhause in Aussicht gestellt war, nunmehr von der preußischhessischen Eisenbahnverwaltung herausgegeben worden. Das Merkblatt bezieht sich auf die Geltung des Tarifs, Fahrgeld und Fahrkarten, Schnettzugbenutzung, Fahrtunterbrechung, Gepäckbeförderung, Fahrpreisermäßigung und Fahrradbeförderung. Ueber den neuen Tarif erteilen natürlich auch die dazu bestimmten Stellen Aus
vergeudet, hat er die arme Dulderin vernachlässigt, ja gemißhandelt, bis der Tod sie von ihm befreite."
Der Oberst nickte. „Ich habe ihn noch in seiner Glanzperiode gekannt, er war ein schöner Mann. Ei gewiß. Auch besaß er bestechende Eigenschaften, war witzig, geist- reich, ein Meister in allen ritterlichen Künsten, nur das Herz mangelte und das rechte Ehrgefühl, ohne welches man sich den echten Edelmann nicht denken kann."
Ernst hat viel von seinem Vater geerbt, sowohl dessen Schönheit, als auch den Hang zur Verschwendung. Hoffen wir, daß mindestens ein Teil der Herzenseigenschaften seiner sanften Mutter auf ihn gekommen ist. Und nun, Oberst, wie wär's, wollen wir unsere Partie machen? Mein Bru- der Erich läßt ja heute auf sich warten, ich dachte, der Bitt- steller, welcher ihn so dringend zu sprechen begehrte, würde uns Erichs Gesellschaft nicht so lange entziehen. Inzwischen können Sie mir Revanche geben."
„Ich stehe zu Befehl, gnädige Gräfin."
„Franziska, mein Kind, willst Du mir wohl das Spiel herüberreichen?" wandle sich die Gräfin an das junge Mädchen, das sich schnell erhob, aus einem Eckschranke ein Schachbrett nahm, dessen zierliche Elfenbeinfiguren Kunst- wert besaßen, und alles mit anmutender Geräuschlosig- keit auf dem Tische, vor dem die beiden Partner saßen, aufstellte.
Der alte Herr blickte mit vergnügter Miene zu der schlanken Mädchengestalt auf, über deren mildes Antlitz ein sanfter Ernst ausgegossen war, dann sagte er, lächelnd auf das Spiel weisend : „Das da ist nichts für die Jugend, Fräulein FranziSka, verlangt viel Ueberlegnng und Geduld!"
„O, ich habe Geduld," war die mit wohllautenderStimme gegebene Erwiderung, und dann zog sich Franziska wie- der in ihre Fensternische zurück, um die Woll- und Seidensträhnen, welcher sie zu ihrer Arbeit benötigte, in Ordnung zu bringen, eine Beschäftigung, welche sie völlig in Anspruch zu nehmen schien, denn nur ein einziges Mal wendete sie das liebliche, blonde Köpfchen dem Fenster zu,
»8«iK^--A^«^^ -i kunft. Von den Auskunftstellen und an den Fahrkartenschaltern werden unentgeltlich Merkbücher abgegeben, welche die wichtigsten Bestimmungen für den Reiseverkehr enthalten.
Ausland
— Dem Pariser „Eclair" wird aus Madrid berichtet, einer der wichtigsten Pnnkte des in Cartagena erörterten englisch-spanischen Einvernehmens sei der, daß sich England verpflichte, Spanien seinen Beistand zur Wiederherstellung seiner Flotte und zur Vervollständigung seiner Küstenverteidigung zu leihen. England würde sich auf diese Weise die Sicherheit verschaffen, daß wichtige maritime Stellungen nicht in die Hände anderer Mächte fallen und dabei doch die Empfindlichkeit der Spanier schonen, die sonst durch den Anschein eines englischen Schutzes wachgerufen werden könnte.
— Die neue Schweizer Militärorganisation, die soeben vom Stände- und vom Nationalrat angenommen wurde, bezweckt eine eingehende Reform des Wehrwesens durch gründlichere Ausbildung der Kadres und der Truppen, Konzentration der Dienstzeit auf die jüngeren Jahrgänge, Verlängerung der Jnfanterierekrutenschule von 45 auf 65 Tage, Vermehrung der Rechte und Pflichten der Truppenführer. Das Gesetz sieht außer- bem eine staatliche Fürsorge für bedürftige Familien von zum Dienst einberufenen Wehrmännern vor. Es wird wahrscheinlich im Spätherbst zur Volksabstimmung gelangen.
— Eine Kabinettskrisis in Belgien ist ausgebrochen. Die Depm -r-enkammer beschäftigte sich mit der Festsetzung bei täglichen Arbeitszeit in den Gruben und nahm mit 76 gegen 70 Stimmen einen Antrag Beernaert an, der durch die Regierung verworfen worden war und in dem festgesetzt wird, daß infolge Fehlens eines besonderen Gesetzes ein königlicher Erlaß die Arbeitszeit nach dem Gutachten des Bergwerksrates und des obersten Industrie- und Arbeitsrates regeln wird. Die Sitzung wurde unter lebhafter Bewegung aufgehoben. Nach ber Sitzung hatten die Minister und der Präsident der Kammer eine längere Besprechung, in deren Verlause, dem Vernehmen nach, beschlossen wurde, dem König das Entlassungsgesuch des Kabinetts zu überreichen. Später hatte der Sekretär des Königs, Carton be Wiart, eine Besprechung mit dem Ministerpräsidenten.
— Der Bau einer neuen großen russischen Flotte wird eifrig betrieben. Die Schiffe sollen auf russischen Werften gebaut werden. Das Marineministerium hat
> das die Aussicht in den im reichen Blumenflor prangen- i den Schloßgarten bot.
! Franziska war eine entfernte Verwandte der Gräfin ! Bentheim, und zwar entstammte sie einer verarmten Seitenlinie des altberühmten Geschlechts. Früh für den klö- | sterlichen Beruf bestimmt, war dem Schicksal der Waisr ' eine andere Wendung gegeben worden durch die Erklä- - rung der Gräfin Sidonie für die Zukunft des Mädchens ; sorgen zu wollen, das sie vorläufig als Gesellschafterin i in ihren Haushalt aufnahm.
i Man betrachtete dies als ein Glück für die mittellose j Waise und Franziska tvar vielleicht die einzige, welche eS s nicht dafür ansah.
Sie hatte sich schon so in den Gedanken hineiugelebt, der Welt und ihrem trügerische» Schimmer zu entsagen, noch ehe derselbe ihr Auge und Herz verblendet, daß sie nur widerwillig sich entschloß, vor dem Antritte ihres Noviziats einen längeren Besuch bei der Tante auf Schloß Wilmenau abzustatten.
Was sie schließlich dort bestimmte, dem Kloster zu ent- sagen und in den Familienkreis als Glied sich einzufügen, ward nicht bekannt, nur behauptete» einige geschwätzige Zungen, daß die Aussicht, einst Herrin auf Wilmenau zu werden, durch eine Heirat mit Kurt Bentheim, dem einzigen Sohne der Gräfin Sidonie, den Ausschlag für ihre Entscheidung gegeben habe.
Im Charakter des jungen Mädchen» lag es aber durch, aus nicht, derartige Spekulationen zu machen und wenn in ihrem Herzen eine Neigung für den liebenswerten und geistig begabten Better keimte, so hatte sicher die Erwägung, daß Kurt voraussichtlich der Erbe des Onkels und Herr der Herrschaft Wilmenau werden würde, nichts da- mit gemein.
Auch lag es ja immer noch im Bereiche der Möglich- keit, daß Graf Erich Wilmenau, im rüstigen Mannesalter steheiid, zu einer zweiten Heirat sich entschlösse, obschon er nach seiner ersten unglücklichen Ehe gelobt hatte, sich nicht wieder zu vermählen. 139.18