ZllMtMlerMung
mit amtlichem Kreisblatt Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 4. Mai 1907. 58. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser empfing am Donnerstag mittag den österreichisch-ungarischen Minister des Aeußern von Aehrenthal in feierlicher Audienz. — Am Abend fand bei dem Kaiserpaare zu Ehren des Barons v. Aehrenthal ein Diener statt. An diesem nahmen die Botschafter v. Szögyeny, der Gesandte Freiherr v. Gagern, der Botschaftsrat Szechenyi, der Reichskanzler, der Staatssekretär v. Tschirschky und die Chefs des Zivilkabinetts, des Militärkabinetts und des Marinekabinetts teil.
— Der Kaiser besucht,heute den Großherzog auf der Wartburg in Eisenach.
— Am Freitag fand die Einsegnung der Prinzessin Viktoria Margarethe, Tochter des Prinzen Friedrich Leopold von Preußen, statt. Das Kaiserpaar wohnte der Feier bei. Die Prinzessin ist 17 Jahre alt.
— Der Reichstag beschäftigte sich am vergangenen Sonnabend mit der zweiten Lesung des Postetats, ohne daß es zu bemerkenswerten Debatten kam. Die Abgg. Drösche Ions.) und Frhr. von Gamp (Rp.) sprachen sich gegen eine Herabsetzung des In- und AuslandportoS aus, die vom Abg. Kämpf (fr. Vp.) befürwortet wurde. Staatssekretär Kraetke kündigte einen Gesetzentwurf über die Einführung des Postschecks an. Abg. Duffner (Z.) beschäftigte sich fast ausschließlich mit den Gehaltsverhältnissen der Postbeamten.. — Am Montag wurden zunächst drei neue Beamtenpensionsgesetze beraten, die Reichsschatzsekretär V. Stengel als dringendes Bedürfnis bezeichnete, und die von allen Parteien befürwortet wurden. Die Vorlage wurde dann an eine Kommission verwiesen. Dann wurde die Beratung des Postetats zu Ende geführt. Dem Abg. Singer (Soz.) gegenüber erklärte Staatssekretär Kraetke, daß er zwar berufliche Vertretungen der ihm unterstehenden Beamten, aber keine „Nebenregierung" ihrer Organisationen dulden könne. An sozialer Fürsorge lasse es die Postverwaltung gewiß nicht fehlen, so seien im letzten Jahre für Ausdehnung der Sonntagsruhe und der Urlaubszeiten und für die Verkürzung der Arbeitszeiten zusammen 23/4 Millionen Mark ausgegeben worden. Reichsschatzsekretär Frhr. v. Stengel kündigte eine Vorlage über einmalige Zulagen an Beamte an,
— Das preußische Abgeordnetenhaus beendete am vergangenen Sonnabend die dritte Lesung des Kultusetats ohne bemerkenswerte Debatte. Beim Etat des Ministeriunis des Innern griff das Zentrum den bekannten Erlaß an, der den Beamten untersagt, sich mit ihren Beschwerden direkt an die Abgeordneten zu wenden.
Die Komödiantin.
Roman von Oswald Benkendorf. 8
Hier sei »och in Kürze ein Rückblick gestattet, der die Schuld der Gräfin Helmine Wilmenau mindestens in mit« derem Lichte erscheinen lassen wird. Die leidenschaftliche Künstlerin, aufshöchste gereizt durch die Härte und schroffe Einseitigkeit des Gatten, der ihrem innersten Wesen, ih- rem Fühlen und Denken ganz verständnislos gegenüber- stand, und sie zudem durch seinen Stolz empfindlich verletzte, hatte damals bei ihrer Freundin Vera in Berlin Zuflucht gesucht, nachdem sie aus dem Schloß entflohen. Vielleicht bereute sie ihre vorschnelle Tat, da sie Vera in Verhältnissen antraf, welche nicht nur ärmlich waren, sondern sie auch in eine gar niedere Sphäre hüiabgezvgen hatten Die Italienerin hatte sich nämlich i» einen Statisten des Viktoriatheaters verliebt, ja, eS giiig das Gerücht, daß sie diesen Menschen, der.roh und leichtsinnig war und nur ein schönes Aenßere besaß, sogar geheiratet habe.
Tatsache war, daß der schöne Johannes mit Veras Ersparnisse» und ihren Schinncksachen das Weite gesucht und die ehemalige Gesellschafterin der Gräfin Wilmenau in Elend und Verzweiflung in Berlin zurückgelassen hatte. Um so fester Hämmerte sich die Verlassene jetzt an die ihr wiedergegebene Freundin an, der sie wohlweislich ihre letz- ten Erlebnisse verschwiegen.
Mit der ihr eigenen Energie besiegte Helmine den peinlichen Eindruck, ein Zurück gab es für sie nicht mehr, deshalb nur mutig vorwärts! Sie begann ein Gastspiel am Viktoriatheater, das ihr Gold und Triumphe eintrug. Noch einmal leuchtete ihr Stern in Hellem Glänze auf, um sich bald für immer zu verdunkeln.
Helmine fühlte sich Mutter. Im ersten, jähen Schreck über eine Entdeckung, die sie noch vor wenig Monaten beseligt haben würde, faßte sie den Entschluß, ihrem Gut- ten Mitteilung davon zu machen und zu ihm znrückzukeh-
Minister des Innern v. Beihmann-Hollweg wies nach, daß durch den Erlaß das Petitionsrecht den Beamten keineswegs verkümmert werden solle, nur müßten sie sich zunächst an ihre Vorgesetzte Behörde wenden. Beim Eisenbahnetat kam Abg. v. Brandenstein (kons.) noch, einmal auf jene Ausführungen bei der zweiten Lesung zurück, in denen er seine Erfahrungen mit der ersten Wagenklasse zum Besten gegeben hatte. In schneller Folge wurden die übrigen Spezialetats und somit die ganze Etatsberatung erledigt. — Am Montag begann die erste Beratung der Sekundärbahnvorlage, die vom Eisenbahnminister Breitenbach mit einer Rede eingeleitet wurde. In der Debatte wurden in der Hauptsache zahlreiche lokale Wünsche vorgebracht.
— Ein erfreuliches Resultat hat die Ansiedlungs- kommisfivn in der letzten Zeit erzielt: sie hat vom 1. Januar bis jetzt über 600 Verträge mit Ansiedlern abgeschlossen. Gegenwärtig liegen 2000 Ansiedlungs- stellen verschiedener Größe zur Besiedelung aus. Im Mai und -Juni finden mehrere gemeinschaftliche Besichtigungsreisen statt, für welche sich Ansiedlungslustige aus vielen Teilen Deutschlands gemeldet haben.
— Der Landeskulturrat für das Königreich Sachsen hat folgende Resolution gefaßt: Der bestehende Schutz gegen Einschleppung von Viehseuchen wie auch der Einfuhrzoll auf Vieh gegenüber dem Auslande ist aufrecht zu erhalten, wenn nicht der für die Volksernäherung notwendige Viehbestand aufs schlimmste gefährdet werden soll. Erforderlich ist die Beseitigung der Auswüchse des Zwischenhandels.
Ausland
— Ueber eine Kundgebung der Deutschamerikaner anläßlich der internationalen Ausstellung in Jamestown wird berichtet, daß der Präsident der Ansstellungsbe» Hörde von dem Deutsch-amerikanischen Nationalbund in Philadelphia eine Depesche erhielt, die namens anderthalb Millionen Mitglieder des Bundes Glückwünsche zur Eröffnug der Ausstellung ausspricht. Die Depesche schließt: „Mögen zwanzig Millionen Einwohner deutscher Geburt und Abkunft dort fortfahren, ein Boll- tverk des Staates für die Nation zu sein wie bisher."
— Bei der Eröffnung der internationalen Ausstellung in Jamestown hat Präsident Roosevelt eine bedeutsame Rede gehalten. Er gab eine Uebersicht über die Geschichte Amerikas von der Landung in James toten bis zur Gegenwart, einschließlich des schrecklichen und bitteren Bürgerkrieges, aus dem die Nation für
Doch Vera bot ihren ganzen Einfluß auf, um die junge Frau, die sich so oft von der intriganten Italienerin hatte leiten lassen, von diesem Schritte znrückzuhalten. Sie stellte ihr vor, daß der tief beleidigte Graf Erich der Gattin die ihm ungetane Schmach nie vergeben werde, eine Umkehr, eine Aussöhnung sei unmöglich, dafür aber sei es um so gewisser, daß der stolze Graf Wilmenau seine Ba« terrechte in rücksichtsloser Weise geltend machen werde.
Die geschiedene Frau, welche das Gesetz schuldig erkannt, hatte die Berechtigung verloren, ihr Kind bei sich zn behalten, das jedenfalls dem Vater zugesprochen wurde, wenn eS zur gerichtlichen Entscheidung kam.
Da nun auch zu jener Zeit Graf Erich zwei Briefe,welche Helmine ihm geschrieben, um eine Versöhnung anzubah- neu und in denen sie ihre Handlungsweise zu entschuldigen suchte, unerbrochen an die Adresse der Schauspielerin zurücksandte, gab die junge Frau, tief verletzt, dem Drängen der Freundin nach, löste ihr > Engagement am Viktoriatheater und reiste mit Vera nach deren Vaterstadt Venedig ab, ohne irgend jemand von diesem Entschlüsse zu verständigen.
Jetzt war Vera am Ziele ihrer Wünsche. Helmine war in dem fremden Lande, dessen Sprache sie nicht einmal kannte, gänzlich auf sie angewiesen und ihre gedrückte Stimmung artete zuweilen in Trübsinn aus, wenn sie der Vergangenheit gedachte und die Zukunft in düsteren Farben sich ausmalte.
An Geld fehlte es nicht, da die junge Frau ihre eigenen Ersparnisse besaß und ihren wertvollen Schmuck mitgenommen hatte. Es wurde ein kleiner Hans an der Ponte di Carmini gemietet und eingerichtet und die beiden Frauen lebten dort völlig zurückgezogen mit einer Dienerin, die eine arme Verwandte Veras war und dieser blind erge- ben.
Da begann Helmine zu kränkeln, anfangs nahm man die Sache leicht, doch ihr Zustand verschlimmerte sich schnell, ein Fieber, die sogenannte Malaria, in Venedig
immer geeint hervorgegangen- sei. Er ermähnte die gegenwärtige Generation, sich durch Taten und nicht durch Worte als würdige Söhne ihrer Vorfahren zu erweisen, und erinnerte an den Grundsatz Washingtons, der sicherste Weg, einen Krieg zu vermeiden, sei, darauf vorbereitet zu sein. Nichtsdestoweniger seien die ersten Aufgaben nicht militärische, sondern soziale und industrielle.
— Gegen die antimilitarische Propaganda in Frankreich wird jetzt scharf vorgegangen. Wie aus Paris gemeldet wird, hat der Untersuchungsrichter den Personen, die verhaftet wurden, weil sie ein in den letzten Tagen durch Anschlag verbreitetes Plakat militärfeind- lichen Inhalts unterzeichnet haben, bekanntgegeben, daß gegen sie wegen Aufreizung zum Ungehorsam, begangen durch Militärpersonen, das gerichtliche Verfahren eingeleitet werde.
— Die politischen Mordtaten in Rußland nehmen kein Ende. In Karsun, Gouvernement Simbirsk, wurde der dortige Kreispolizeichef von einem ehemaligen Studenten des Veterinärinstituts durch drei Revolverschüsse schwer verwundet; Der Täter wurde fesige- nommen.
— Dem „Neuen Wiener Tageblatt" wird aus Belgrad telegraphiert, daß ein förmlicher Ausstand in Montenegro ausgebrochen sei. Die letzten Ueberfälle seitens der Regierungspartei und die Verschwörung der Buchdrnckereien der radikalen Partei sollen im Lande große Erbitterung gegen die Regierung hervorgerufen haben. Einige bewaffnete Stämme sollen im Begriff sein, auf die Hauptstadt Cetinje zu marschieren. Das Standrecht sei verkündet worden; die Regierung habe die Demission gegeben, die jedoch nicht angenommen worden sei. Man befürchtet blutige Zusammenstöße zwischen Aufständischen und der Miliz, die bereits ein- berufen ist.
— Die englandfeindliche Bewegung in Indien scheint unter den Eingeborenen Fortschritte zu machen. Aus Kalkutta meldet die Londoner „Tribune," daß im Bezirk Mymensingh kein weiterer Ausbruch von Feindseligkeiten erfolgt sei, daß aber in Kalkutta die beunruhigendsten Gerüchte umgingen, wonach Hindus und Mohammedaner sich heimlich in Bekkan, Daraya- ganj und Mymensingh bewaffneten. „Jndian Daily News" berichtet, ihr sei aus zuverlässiger Quelle mitgeteilt worden, die jetzt drohenden Unruhen würden die ernstesten werden, .die man jemals in diesen Provinzen gekannt hätte.
vorkommend, kam zum Ausbruch, und als das Kind geboren war, schied Helmine aus dem Leben, mit einer letzten Anstrengung ihrer bereits schwindenden Kräfte einige Zeilen an den verlassenen Gatten richtend, die eine Bitte um Vergebung aussprachen und die Kunde, daß dem Grafen Erich eine Tochter geboren sei, der er seine väterliche Sorge widmen möge.
Vera wurde von der Sterbenden beschworen, beten letzten Willen getreulich zu erfüllen und den Grafen Wib menau entweder gleich zu benachrichtigen, oder ihm, so- bald dies statthaft, die kleine Tochter selbst zu überbriu- gen mit dem letzten Lebewohl, der reuigen Gattin.
Wir wissen bereits, wie gewissenlos Vera das der sterbenden Freundin gegebene Versprechen gebrochen hatte. Eigennutz und Rachgier hatten sie getrieben, so zu handeln.
Allerdings war sie, gleich nach dem Begräbnis Heb mines, mit der Dienerin und dem in ein Steckbettcher gehüllten Kinde abgereist, um sich, wie sie vorgab, bei besseren Luft wegen zu Verwandten nach Treviso zu bege- ben, und erst zum Frühjahr öffneten sich wieder die grünen Fensterläden des kleinen Hauses an der Ponte diCar- mini und die Nachbarn vernahmen das Weinen einer Kinderstimme. Man wunderte sich darüber nicht, wußte man doch, daß Vera das Töchterchen der fremden Schauspielerin, die an der Malaria gestorben, in Pflege genommen und sich dahin geäußert habe, das kleine Mädchen wie ein eigenes Kind zu erziehen.
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Graf Erich Wilmenau war bereits länger als drei Wochen von Hause fort. Zwar hatte er der Schwester und dem Neffen von Berlin und aus Venedig geschrieben, doch es waren nur Telegramme und kurze Mitteilungen gewesen, deren hauptsächlicher Inhalt war, daß für ihn kein Zweifel mehr obwalte au der Nichtigkeit der ihm von den beidenTvrnelli entdeckten Tatsachen und daß Kon- stanze in Wahrheit seine Tochter sei. 139,18