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SchWernerMung

M it amtlichem Kreisblatt. Hlonatsbeilage; Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

*M 72. Samstag, den 7. September 1907. 58. Jahrgang.

Das Kaisermanöver

wird, nachdem die beiden Kaiserparaden vorbei sind, in diesen Tagen beginnen. Das diesjährige Manöver bringt mancherlei Neuerungen, welche die Kriegstüch­tigkeit mehr als bisher zu erproben bestimmt sind. Die beiden Parteien bleiben demgemäß vollständig über die gegenseitige Lage ohne vorherige Kenntnis. Lediglich durch den Ausklärungsdienst der Kavallerie und den sonstigen militärischen Hilfen wird es den beiden Par­teiführern möglich sein, sich über den Stand im gegen­seitigen Lager zu unterrichten. Erst am Abend des 8. September wird den beiden Parteiführern die allgemeine und besondere Kriegslage bekannt gegeben werden. Das weitere zu erfahren und zu unternehmen, bleibt den beiden Parteiführern überlassen. Es ist durchaus un­bestimmt, wo das Haupttreffen stattfindet, wo die ein­zelnen Truppen ihre Lager aufschlagen werden, wohin der Train und Proviant seine Richtung nehmen muß, alles bleibt der selbständigen Entwickelung der Dinge bei dem Vorgehen und den Treffen überlassen. Ebenso wie die beiden Parteien über den Anmarsch des Gegners im Unklaren sind, weil die beiden Paraden diesmal zeitlich weiter von dem Kaisermanöver getrennt sind. Die Kampfesweise wird diesmal auch wieder um manches gegen früher abweichen. Die Infanterie hat die von den Kriegserfahrungen in dem russisch - japanischen Kriege übernommene neue Art des Vorgehens mit Rück­sicht aus die veränderte Bewaffung der Artillerie und die Einführung des Maschinengewehrs allgemein an­genommen. Sie muß mehr als je jede Deckung be­nutzen, um bei einigermaßen mörderischen Feuer vor­wärts zu kommen und nicht zu viel Mannschaftsverlust zu erleiden. Aber auch die Artillerie wird das Auf­fahren auf ungedeckten Höhen vermeiden, vielmehr sich hinter solchen aufpflanzen und durch verschiedenartige Uebermittelung der Schußrichtung durch besondere Ab­teilungen trotzdem ein wohlgezieltes Feuer bei möglichster Deckung zu eröffnen suchen. Der Nachrichtendienst wird neben den Ordvnnanzreitern, durch alle möglichen neu­zeitlichen Errungenschaften besorgt werden: Telegraphie, Funkentelegraphie, Heliographen, durch Telephonie aus den Fesselballons. Der lenkbare Luftballon ist für dies Jahr noch nicht in Dienst gestellt worden, doch vielleicht im nächsten Jahre, wenn erst die Sache etwas sicherer geworden, wird auch dieses Hilfsmittel bei den Manövern eine Rolle zu spielen anfangen.

Deutsches Reich.

Der Kaiser ist Dienstag morgen 7 Uhr in Wilhelmshaven eingetroffen und hat sich . auf seiner JachtHohenzollern" eingeschifft, die um 8 Uhr bei starkem Südwestwind zur Flottenparade in See ging.

Die KaiserjachtHohenzollern" ist bei regnerischem Wetter nach 9 Uhr morgens auf der Höhe von Schillig angekommen. Die Flotte lag in Doppelkiellinie vor Anker. Sie feuerte bei der Ankunft des Kaisers auf der Schilligreede den Begrüßungssalut. Der Kaiser nahm alsdann die Parade ab. Nach 10 Uhr schiffte sich der Kaiser auf das FlottenflaggschiffDeutschland" ein und dampfte mit der Flotte seewärts.

In der Flottenparade auf der Höhe von Schillig stehen 112 Schiffe mit 19 598 Mann Besatzung und 1324 Geschützen.

Vom Dienstag bis zum Donnerstag wohnte der Kaiser den großen Manövern in der Nordsee vor Wilhelmshaven bei, zu denen hundert Kriegsschiffe und Fahrzeuge unserer Marine vereinigt sein werden und deren Schluß ein allgemeiner Angriff auf unseren Nordsee-Kriegshafen bildet. Am Nachmittag des 8. Septeinber trifft der Kaiser in Höxter in Westfalen ein und wird in der Nacht zum 9. September in Corpey übernachten. Am 9., 10. und 11. September werden dann das westfälische und hannoversche Armee- korps gegeneinander unter den Augen des obersten Kriegsherrn die großen Manöver im Beisein vieler Fürstlichkeiten und fremdländischer Offiziere abhalten. In dem Gelände zwischen Weser und Teutoburger Wald, etwa an der Bahnlinie Paderborn Altenbeken -^-Holzminden, dürften die beiden Parteien aufeinander treffen. Jedes der beiden Armeekorps ist durch eine Kavallerie-Division verstärkt worden. Die Oberleitung des Manövers liegt in den Händen des Generalstabs Chefs Grafen Molkte, der in Höxter Quartier nimmt.

Die Jahrhundertfeier der Schlacht bei Pr.-Eylau wurde unter allgemeiner Teilnahme seitens der Bewohner der Stadt und des Kreises Pr.-Eylau festlich begangen. Zur Teilnahme waren Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen, der kommandierende General von der Goltz, Oberpräsident von Windheim und zahlreiche Ehrengäste eingetroffen. Um 11 Uhr begann die Gedenkfeier am L'Estocq-Denkmal. Nach den Gesangsvorträgen und einer Festrede, die Superintendent Bourwig hielt, er­folgte unter Ehrensalven zunächst die Niederlegung von Kränzen an dem Denkmal. Sodann hielt Prinz Fried­

rich Wilhelm von Preußen eine Ansprache und brächte das Kaiserhoch aus. Um 3 Uhr fand ein Festmahl im Kreishause statt, wobei Oberpräsident von Windheim einen geschichtlichen Rückblick auf die Zeit vor 100 Jahren gab.

Die Friedenskonferenz wird voraussichtlich bis zum 21. Septeinber dauern. Die Unterzeichnung des Schlußprotokolls wird am 28. September erfolgen.

Der polnische Schulstreik ,'ist jetzt im gesamten Regierungsbezirk Bromberg erloschen, nachdem noch die letzten drei Väter ihren Kindern den Befehl gegeben haben, im katholischen Religionsunterricht deutsch zu antworten. Der Schulstreik, der iin Oktober 1905 un­mittelbar nach Erlaß des Hirtenbriefes des verstorbenen Erzbischofs von Stablewski ausbrach, erreichte im Bezirk Bromberg seinen Höhepunkt mit etwa 30 000 streikenden Schulkindern. Infolge der ruhigen, aber energischen Haltung der Schulverwaltung ging die Zahl bis zu Ostern 1907 bereits auf etwa 3000 zurück, und jetzt haben auch die letzten Väter ihren Widerstand aufge­geben. Da auch im Bezirk Posen nur noch in wenigen Orten von einzelnen Kindern gestreikt wird, so kann in der ganzen Provinz der von den Polen mit so großem Lärm in Szene gesetzte Schulstreik als völlig erloschen angesehen werden.

Ausland

Eine kleine charakteristische Notiz finden wir in derDeutsch-Ostafrikanischen Zeitung" über den Auf­enthalt des Staatssekretärs Dernburg in Ostafrika: Von 5 bis/e? Uhr erteilte Se. Exzellenz allen, die ihm ein Anliegen Vorbringen wollten, Audienz." Da­nach ist ein Wunsch der Kolonisten erfüllt, dessen schnelle Erfüllung durch Dernburg nur segensreich wirken kann.

Der Aufstand in Deutsch-Ostafrika ist jetzt auch amtlich als vollkommen erloschen erklärt worden. Im Nordwesten von Ssongea ist nun auch der Kriegszu­stand aufgehoben worden. Es war der letzte Gebiets­teil der Kolonie, wo er noch bestand. Gleichzeitig ist auch die Sperrung des nordwestlichen Teils des Bezirks Ssongea zurückgezogen, das heißt also für den Durch« zug von Europäern wieder sreigegeben worden.

Nach einem Telegramm des Gouverneurs v. Schuckmann aus Windhuk haben siebzig bei Morenga befindliche Bondels um Aufnahme in das mit den Bondels im Dezember 1906 geschlossene Unterwerf­ungsabkommen gebeten. Um Morenga Kräfte zu ent-

Antrennöare Kerzen.

Roman von Otmar Wilms. 1

(Nachdruck nicht gestattet.)

He, holla, Platz für die Polizei! Macht Platz! Was steht Ihr da und gafft? Geht in Eure Häuser, Leute, wer- bet früh genug erfahren, was in dem alten Hanse vorge- zangen ist!"

Der also Sprechende war der in allen Schichten der Bevölkerung wegen seiner Strenge und seinem aufbrau­senden Wesen gefürchtete Polizeirat Stürmer, der, von einem Polizeikvnimissar und zwei Gendarmen begleitet, auf eine ansehnliche Volksmenge zuschritt, die sich an einem hellen Julimorgen vor einem alten, düsteren Hause in der St. Nikolasstraße angesammelt hatte.

Murrend wich die Menge, die zum größten Teile aus Frauen, Mägden und Kinder» bestand, nach beiden Sei­ten anS.

Der Polizeirat näherte sich dem Hause, drückte auf die Schloßkrücke und setzte, als er die Tür verschlossen fand, die Schelle mehrmals heftig in Bewegung.

Schrill unb unheimlich hallte der Ton in dem alten Gebäude wieder. Der kleine, schmächtige Kommissar, der neben seinem Vorgesetzten stand, schreckte zusammen unb richtete die grünen unstäten Augen stier auf das Schlüs­selloch, als höre er schon die leisen, schlürfenden Tritte des alten Wucherers, der jenes Haus bewohnte, als er­warte er im nächsten Augenblicke daS fahle Antlitz des­selben hinter der halbgeöffneten Türe zu erblicken. Er sah sich in seinen Vermutungen getäuscht, der Glocke Ton ver- hallte, die alle Stille trat wieder ein und niemand er­schien. um die Türe zn öffnen.

Ich glaube, den wecken Sie nicht mehr, Herr Poli- zeirar," hob einer aus der Menge an, der, nach den ver­schiedenen Nähnadeln zu schließen, welche den linken Aer- niel seines mannigfach zerrissenen Fracks zierten, das ehr- same Schneiderhandwerk betrieb.

»Woraus schließt Ihr das?" fragte der Rat barsch.

Seid Ihr vielleicht heute morgen schon in dem Hause ge­wesen?"

Gott soll mich davor behüten," entgegnete der Schnei­der leise, indem er einen furchtsamen Blick auf die ver­schlossene Tür warf.Nicht für hundert Taler möchte ich einen Fuß in jene Höhle setzen! Woraus ich das schließe? Nun, ich wohne drüben an der anderen Seite der Straße und kann von nieinem Nähtische aus alles, was in diesem Hause vorgeht, beobachten. Der alte WesthauS öffnete je- den Moxgeu Punkt acht Uhr seine Fenster und ging eine Viertelstunde später nach dem Markte, um dort seine Ein­käufe für den Mittag zn machen; er hatte weder eineMagd, noch sonst einen dienstbaren Geist um sich, wohnte ganz allein in der großen Baracke und verrichtete alle Haus­arbeiten selbst. Na, da drinnen mnß eS schön auSsehen, brrr, mir läufig schon eiskalt über den Rücken, wenn ich an die Staubmassen und Spinngewebe denke, die sich dort in allen Zimmern vor finden werden."

Machts kurz," fiel Stürmer ihm in die Rede,gebt mir Eure Gründe für das, was Ihr eben behauptet habt."

Die sind sehr einfach und klar," fuhr der Schneider- fort.Seit drei Tagen hat der alte Filz weder ein Fen­ster noch die Türe geöffnet. Alle, die ihn besuchen wollten, mußten unverrichteter Sache wieder abziehen, weil sie trotz mehrmaligem Schellen nicht eingelassen wurden."

Warum habt Ihr davon nicht eher Anzeige gemacht?" brauste derPolizeirat auf.Ist unter Euch ein Schlosser, der dieses Schloß öffnen kann?"

Ein breitschulteriger, gedrungener Mann, dessen Ant­litz und Hände die Merkmale seines Handwerks trugen, trat mit einem Schlüsselbunde an der Hand vor.

Wenn die nicht öffnen," sagte er, die Schlüssel empor­haltend,so werden Sie in der ganzen Stadt keinen passen­den Schlüssel finden, hat der alte Geizhals den Riegel nicht vorgeschoben, sind wir, ehe eine Minute verstrichen ist, im Hanse."

Bei den letzten Worten hatte er aufs Geratewohl einen Schlüssel in das Schloß gesteckt, und ein Ausruf der ge­

spanntesten Erwartung entfloh unwillkürlich denLippen der Zunächststehenden, als der Schloffer mit einem triumphie- renden Seitenblick auf denzusammenfahrendenPolizeikom- missar den Schlüssel nnidrehte und da» Schloß öffnete.

Hab's mir wohl gedacht," sagte er, al» trotzdem die Türe nicht nachgab,der Riegel ist vorgeschoben. Da wer- den wir uns noch ein halbes Stündchen gedulden müssen, bis ich ihn herausgesägt habe; ihn durchfeilen würde zu lange dauern, den» der alte WesthauS hat an seinen Rie- geln das Eisen nie gespart, so geizig er auch in allen an- deren Dingen war."

Na, macht doch voran," fiel der Polizeirat ihm un- geduldig ins Wort,sonst stehen wir noch hier, wenn iu Mittag geläutet wird."

Die Volksmenge war inzwischen mehr und mehr an- gewachsen. Die Bemühungen der beiden Gendarmen, die Leute zum Nachhausegehen zu bewegen, blieben fruchtlos, keiner der Anwesenden wich, im Gegenteil jeder drängt« sich soviel als möglich vor, um im entscheidenden Augen- blicke dem geheimnisvollen Schauplatz recht nahe zu sein.

Eben hatte der Schlosserden Riegel beseitigt, al» plötz­lich zwei Männer sich durch die Menge drängten, die allem Anscheine nach ein besondere» Interesse trieb, bei b« Oeff- innig des Hauses zugegen zu sein.

Der eine ein schon ziemlich bejahrter, hoher, stattli- cher Mann, dessen Blicke Gutherzigkeit, daneben aber auch Ernst und Charakterfestigkeit verrieten, ward von dem Polizeirat mit einem Handdruck empfangen, während der andere, eine kleine, hagere Gestalt mit scharf markierten Gesichtszügen, dessen Glatze eine fuchsige Perrücke bedeckte und der gute Gründe zu haben schien, seine grauen, ste­chenden Augen hinter einer blaßgrünen Brille zu bergen weder von dem Polizeirat noch dem Kommissar eine» an­deren als geringschätzenden Blickes gewürdigt wurde.

Desto mehr Beachtung schenkte ihm das Volk, welche» erfreut darüber, endlich einen Ableiter für die aus seiner Ungeduld entstandene üble Laune zu haben, sofort über den Kleinen Herfiel. 144,18