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chlüchte

mit amtlichem Kreisblatt

Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mr. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.

Samstag, den 12. Oktober 1907.

58. Jahrgang.

Deutsches Reich.

In Karlsruhe hat die Beisetzung des Großher- zogs Friedrich I. von Baden in Anwesenheit des Kaisers, des deutschen Kronprinzen und zahlreicher Fürstlichkeiten stattgefunden. In der Schloßkirche hielt der Seelsorger des Großherzoglichen Paares Ober- kirchenratspräsidend D. Helbing eine Predigt über 1. Mose 24, 56 und segnete die Leiche ein. Dann be­wegte sich der Trauerzug unter Glockengeläut und Trauersalut nach dem Mausoleum im Fasanengarten, wo ebenfalls Exzellenz D. Helbing die Gedächtnisrede über den BibelspruchIch will dich segnen, und du sollst ein Segen sein!" hielt. Mit Gebet, Segen und Orgelspiel schloß die ergreifende Feier. In der Kapelle zu Cadinen wurde auf Anordnung der Kaiserin ein Trauergottesdienst für den verstorbenen Großher- zog von Baden abgehallen.

Der Kaiserbesuch im Haag wird, wie jetzt fest- steht, am 28. November stattfinden. Morgens früh wird das Kaiserpaar aus England über Vlisfingen im Haag eintreffen. Die Königin und der Prinzgemahl, die beabsichtigten, im Monat November auf Schloß Loo zu weilen, werden sich tags zuvor nach dem Haag begeben. Die Abreise wird noch am selbigen Abend nach dem Diener erfolgen. Nach derKönigsb. Allg. Ztg." wird der Kaiser im Februar nächsten Jahres eine Mittelmeerreise antreten, und dabei längere Zeit auf seiner neuen Besitzung Achilleion in Korfu Aufenthalt nehmen.

Die ersten praktischen Erfolge der Reise des Staatssekretärs Dernburg nach Ostafrika sind in der Tatsache zu erblicken, daß der ihn begleitende Kommer- zienrat jOtto in der Gegend von Kilossa. ungefähr 200 000 Hektar Land belegt hat, auf dem vorDgsweise Baumwolle, dann aber auch Sisal (Hanf) und Kaut­schuk angebaut werden soll. Bei dem großartig ange­legten Unternehmen sollen keine Ausländer, sondern nur Deutsche angestellt werden. Herr Otto gedenkt 100150 Ackerbauer-und Spinnereiarbeiterfamilien aus Deutschland in den ostafrikanischen Gebieten an= zusiedeln.

Zeppelins Luftschiff mit der Ballonhalle wurde vom Reich für 2 Millionen angekauft. Slcaßburg und Kiel werden als Landungshäfen vorgesehen. Zep­pelin baut im Auftrage des Reichs ein neues Luftschiff für 14 Personen zu 285 Pferdekräften.

Die Nordd. Allg. Ztg. schreibt: Der Statt­halter von Elsaß-Lothringen Hohenlohe reichte mit

Rücksicht auf sein Alter sein Abschiedsgesuch in Berlin ein. Als Nachfolger ist der Wiener Botschafter Gra Wedel ausersehen, der durch den Staatssekretär V Tschirschky ersetzt wird. An die Spitze des Auswär­tigen Amtes tritt der Petersburger Botschafler v. Schön.

Ein Wechsel in hohen Reichsämtern ist amtlich bekannt gegeben worden. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes v. Tschirschky und Bögendorff ist von dieser seiner Stellung zurückgetreten und geht als Botschafter nach Wien. Zu seinem Nachfolger an der Spitze des Auswärtigen Amtes ist der Botschafter in Petersburg Herr von Schön bestimmt worden. Der bisherige Botschafter in Wien Graf v. Wedel ist zum Staathalter von Elsaß-Lothringen ernannt worden als Nachfolger des greisen Fürsten zu Hohenlohe-Langenburg, der sich in den Ruhestand zurückzieht.

JmReichsanz." ist der Gesetzentwurf zur Reform des Zivilprozeßrechts veröffentlicht worden, so wie er voraussichtlich dem Bundesrat vorgelegt werden wird. Er umfaßt Aenderungen des Gerichlsverfaff- ungsgesetzes (Art. I), der Zivilprozeßordnung (Art. II), des Gerichtskostengesetzes (Art. III) und der Gebühren­ordnung für Rechtsanwälte (Art. IV). Eine aus­führliche Begründung, welche die Absichten und die Tragweite der durch den Entwurf eingeleiteten Reformen erkennen läßt, ist dem Entwurf beigefügt.

Bei den Wahlen zum penßischen Landtag wurden in den allgemeinen Wahlen acht bürgerliche und zwei sozialdemokratische Kandidaten gewählt. In zwei Wahl­kreisen finden Stichwahlen mit Sozialdemokraten statt. Wenn diese zugunsten der bürgerlichen Kandidaten aus­fallen, würden die Sozialdemokraten zwei Sitze ver­lieren.

In Erfurt werden Abend für Abend sozialde­mokratische Flugblätter an Fortbildungsschüler verteilt, in denen diese skrupellos gegen ihre Lehrmeister und Brotgeber aufgehetzt werden. Einem l 8jährigen Flug­blattverteiler wurden kürzlich die Flugblätter von einem Polizeibeamten konfisziert, leider scheint es aber keine wirksameren gesetzlichen Handhaben zu geben, um dieser ausgearteten Agitation gründlich das Handwerk zu legen.

Die Kosten sozialdemokratischer Parteitage werden aus einer Notiz oer sozialdemokratischenMainzer Volksstinme" ersichtlich, wonach der Essener Parteitag die Genossen mehr als 12000 Mark gekostet hat. Das genannte Genossenblatt macht deshalb den Vorschlag,

künftig bei der Wahl des Tagungsortes nicht nur den idealen, sondern auch den materiellen Standpunkt zu erwägen. Dieser Vorschlag findet aber bei demVor­wärts" keine Gegenliebe. Er meint, zwölftausend Mark hätten die andern Parteitage auch gekostet, das sei nicht zu viel Merkwürdig, daß dieArmen" undElenden" soviel Geld für eine derartige Schaustellung übrig haben. Es scheint doch mit dem Elend nicht so schlimm zu sein.

Wie Krankenkassen zu sozialdemokratischen Par­teizwecken ausgenutzt werden, zeigt folgendes neue Bei­spiel. Der Former S. war wegen Beleidigung verklagt worden, weil er veröffentlicht hatte, die Metallarbeiter- Krankenkasse Filiale Pankow-Berlin habe WO Mark für den sozialdemokratischen Wahlfonds hergegeben. Der Angeklagte wurde freigesprochen, weil er den Wahrheitsbeweis erbringen konnte. Die Kosten wurden den Privatklägern auferlegt. DerVorwärts" hatte seinerzeit bestritten, daß Krankenkassen zu sozialdemo­kratischen Parteizwecken benutzt würden, an anderer Stelle aber die Abrechnung über jene WO Mark ver­öffentlicht.

Ausland.

In Deuisch-Südwestafrika ist der Grundstein zu einer neuen evangelischen Kirche in Windhuk gelegt worden, wobei Pastor Anz und Unterstaatssekretär v. Lindequist Ansprachen hielten. Die Kirche soll den Namen Christuskirche führen. Der Bauplatz wurde von der deutschen Regierung kostenlos überwiesen. Zu den Kosten der Kirche will der deutsche evangelische Kirchenausschuß beitragen bis zu 150 000 Mark, der Gustav Adolf-Verein hat 8615,38 Mark beigesteuert, die evangelischen Deutschen der Kapkolonie 5672,95 Mark. Die Gemeinde Windhuk selber hat bisher 29 271,42 Mark aufgebracht. Eine wesentliche Hülfe ist es, daß die Woermann-Linie für alle Kirchenbau- materialen eine Frachtermäßigung von 25 v. H. be­willigt hat.

In Persien hat die Einweihung der deutschen Schule in Teheran stattgefunden, zu der außer oer deutschen Kolonie zahlreiche Perser erschienen waren. Der deutsche Gesandte hielt die Festrede, die mit einem Hoch auf den deutschen Kaiser und den Schah schloß. Außerdem sprachen noch der Schuldirektor und der per- ische Unterrichtsminister.

In letzter Stunde ist der österreichisch-ungarische Ausgleich doch noch zustande gekommen. Der Reichs-

Nntrennvare Kerzen.

Roman von Otmar WilmS. 12

Ferdinand, der, in Nachdenken versunken, vor seinem Pulte stand, fuhr erschreckt zusammen, als er plötzlich sei- nen Herrn gewahrte.

Mir scheint, Ihr habt kein gutes Gewissen," hob der RechtSkonsulent in rauhem Tone an,nehmt Euch in acht, alter Freund, finde ich, daß Ihr in irgend einer Weise mein Vertrauen mißbraucht, werde ich nicht lange Federlesens mit Euch machen. Ihr werbet wohl wissen, wie sehr Ihr mir zu Dank verpflichtet seid; ohne mich wäret Ihr auf der Straße verhungert."

Ihr Mißtrauen ist unbegründet," entgegnete der Schreiber in gereiztem Tone, während Leicheublässe sein Antlitz überzog,Ihr Vorwurf ungerecht und verletzend. Das Vermögen, um welches Sie meinen Vater betrogen haben, bringt Ihnen das Fünffache meines ganzen Gehal- teS ein!"

f^tvon Z°r""d" °uf d» Stirn des Rechtskonfnlenten

Was hindert mich," erwiderte er, vor feinen Schrei- ber hintretend, und den stieren Blickauf ihn richtend,Euch vor die Tür zu werfen, wie einen Hund? Wer hat Euren Vater an den Bettelstab gebracht, ich oder sein Leichtstun, he? Genügt Euch das Gehalt nicht, welches ich Euch aus Barmherzigkeit gebe, so seht zu, wo Ihr eine andere Stelle bekommt, ich kannEuch besser entbehren, als Ihr mich! Nach meiner Ansicht reichen zehn Taler monatlich hin, die Be­dürfnisse eines einzelnen Menschen zu befriedigen."

Ferdinand sah ein, daß er zu weit gegangen war, er schwieg und wartete geduldig ab, bis sein Herr, der sich mehr und mehr in die Hitze redete, erschöpft imie hielt.

Wozu der Worte?" entgegnete er ruhig,ich weiß eben so gut wie Sie, daß Sie mich nicht vor die Türe setzen werden, weil Sie nicht so bald jemanden finden, der nach ersetzt und sich mit so wenigem begnügt. Zudem ist es Ihnen nicht unbekannt, daß ich in dem Besitze gewisser

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Geheimnisse bin, deren Veröffentlichung Ihnen böse Sinn- den bereiten könnte."

Auf den RechtSkonsulenten schienen diese Worte Ein­druck zu machen, er blickte den Schreiber einen Augenblick stier an, dann ihm den Zettel überreichend, sagte er in ruhigem Tone:Wir wollen nicht weiter darüber reden, ich wiederhole Euch, nehmt Euch in acht, ich lasse nicht mit mir scherzen. Bringt diese Annonce in die ZeitnngS-Expe- ditio», sie soll in alle Zeitungen unserer Provinz und die gelesensten, deutschen, französischen und englischen Blätter täglich, hört Ihr, täglich, eingerückt werben, und zwar so lange, bis ich eine andere Bestimmung treffe Auf dem Rück­wege geht Ihr in die Steruengaffe, dort wohnt in dem Hause Nr. 80, im dritten Stockwerke, eine Näherin, Meta Behrend, sagt ihr, sie solle morgen früh gegen zehn Uhr bei mir vorsprechen, ich habe Arbeit für sie."

Geier bemerkte das verschmitzte Lächeln nicht, welche« flüchtig über die Züge der Schreibers glitt, er hatte sich bei den letzten Worten umgewanbt und schritt nun in sein Kabinett zurück.

Ferdinand sandte ihm einen Blick nach, in welchem Haß und Verachtung gepaart waren. Er erhob sich, zog langsam den fadenscheinigen Rock an, wischte bedächtig den Staub von seiner Mütze, und verließ, nachdem er mit triumphierendem Lächeln die geballte Faust drohend ge­gen die Türe des Kabinetts geschüttelt hatte, die Schreib­stube, um die Befehle seines Herrn zu vollziehen.

Der Selbstmord des Wucherers hatte in den ersten Ta­gen nach der Auffindung der Leiche die Gemüter derBür- ger und Bürgerinnen in nicht geringe Bewegung gesetzt. Man wußte sich nicht zu erklären, welcher Grund den Wucherer zur Selbstentleibung bewogen hatte, der doch ein sorgloses, beneidenswertes Leben führen konnte, und das Erstaunen steigerte sich, als acht Tage später, nach Eröffnung des Inventars, die Kunde von dem enormen Vermögen, welche» Westhaus hinterließ, in die Oeffent- lichkeit drang. Eine Zeit lang bildete dies und die beiden

^^^^^^,lgia"m^^ Vorgefundenen Testamente, die dem Hauptinhalte »ach be- kannt wurden, das ausschließliche Tagesgespräch; kaum aber waren vier Wochen verstrichen, so verstummte das- selbe allmählich, Frau Fama sorgte für anderen Stoff, und nur hie und da, wenn einmal zufällig der Blick eines mit- teilsameu Spießbürgers auf eine der beiden, ihrem In­halte nach übereinstimmenden Annonce» fiel, von denen die des Notars jeden dritten Tag, die des Rechtskonsulenten täglich in der Zeitung stand, wurde jener Borfall, seine wirklichen und mutmaßlichen Folgen im Kreise ehrbarer. Zecher noch einmal besprochen.

Daß sowohl der Notar als auch der Rechtskonsulenr die verschollene Tochter des Verstorbenen aufforderten, sich zur Empfangnahme der Erbschaft zu melden, fand man na- türlich; ersterer war als TestamentS-Exekutor dazu ver- pflichtet, und den letzteren, als allerdings noch zweifelhaf- tenMiterben, nötigte das eigeneJnteresse zu diesemSchritte, denn, folgerte man, verdankte die reiche Erbin dem Rechts- konsulenten die erste Nachricht von ihrer gewiß unverhoff­ten Erbschaft, so durfte sie nicht undankbar sein und mußte ihn jedenfalls für den bedeutenden Verlust, den er durch sie erlitt, schadlos halten. 144,18

Die Meinungen über diesen Punkt im Allgemeinen wa­ren geteilt, auf der einen Seite wünschte man, das Mäd­chen in den Besitz der Erbschaft treten zu sehen, aus ber anderen dagegen wollte man die Hoffnung nicht aufge­ben, daß der Stadt, oder vielmehr ihren unbemittelten Brautpaaren, die Hälfte derselben zufallen möge. Nur da­rin war man einig, daß dem Rechtskonsulenten die ihm im Falle des Nichterscheinens der rechtmäßige» Erbin te­stierte Summe weder gebühre, noch zu gönnen sei. Man wußte, daß er auf allerdings gesetzlichem, aber doch un- rechtlichem Wege ein nicht unbedeutendes Vermögen zu- sammengescharrt hatte,welches durch seiuezahlreichen,größ­tenteils den höheren Ständen angehörenden Klienten täg­lich noch auwuchs. Ebenso sonnte man seine Habsucht, sei­nen Geiz und seine Hartherzigkeit, von der, wie man ge-

I »au wußte, sein Schreiber hesonder« viel zu leiden hatte