Einzelbild herunterladen
 

mit amtlichem Kreisblatt Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die klein« Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

>0 ------- ------- - - "» i . -- ..^-.^.---^..»-»«»^^.,. -..«».^-.. »»^i,»ik»iu»>ua»»wi^»«.1mMU>.at-.ar<>allliBi[IJKaMMWiiiM»i»i««»iiM»i««i««wmiim*.-M»w»»>ViiiiiTi -ni-im 11 im » hmii i unn'i'irm«iiii n1 »»iih»iii»i iM»1

89. Mittwoch, den 6. November 1907. 58. Jahrgang.

8^^^:;£WSafifflaBSMB8»gEaB88i®KW&Wg«iiiaBmam^

Politischer Wochenbericht.

Der Prozeß Harden-Moltke hat in einer für das gesunde Volksempfindeu unverständlichen Weise, nämlich mit der Freisprechung Hardens geendet. Das forensische Schauspiel, das hiermit seinen Abschluß gefunden hat, bietet der Betrachtung reichen Stoff dar und regt zu den mannigfachsten Erörterungen an, so daß es un­möglich ist, ihm in dem engen Nahmen eines Wochen­berichts auch nur annähernd gerecht zu werden. Das Wesentlichste mit scheint uns die Tatsache zu sein, daß der Prozeß die Reformbedürstigkeit unserer Justitz in einigen wichtigen Punkten vor aller Welt schlagend dargetan hat. So kann es mit der Handhabung der Oeffentlichkeit nicht weiter gehen; denn sonst werden unsere Gerichtshöfe zu hohen Schulen des Lasters und verwandeln sich aus Instituten, die der Reinhaltung der Sitten zu dienen haben, in förmliche Pflanzstätten der Unzucht. Und auch das kann nicht immerfort so bleiben, daß die Rollen des Klägers und Angeklagten, wie in dem in Rede stehenden Prozesse, dank der Un­zulänglichkeit des Gerichtsleilers völlig vertauscht werden, und daß Kläger und Zeugen in allen Intimitäten ihres Privatlebens schutzlos der Frechheit und Rabuliftik eines zynischen Advokatentums preisgegeben werden. Hier gilt es, den Finger in offene Wunden zu legen und ernstlich auf Abhülfe Bedacht zu nehmen. Her- vorzuheben ist aus den Eindrücken des Prozesses ferner die jammervolle Komödiantenrolle, die der Angeklagte, Herr Jsidor Witkowski alias Maximilian Harden, darin gespielt hat. Herr Jsidor Witkowski, ein Mann, der es als seine Lebensaufgabe erachtet, Monarch und Volk miteinander zu verhetzen, in der Pose eines Vaterlandsretters ist in der Tat ein Schauspiel für Götter. Eine derartige Vaterlandsretterei erinnert lebhaft an die Dienste des Bären in der Fabel, der seinen Schützling, um ihn von einer lästigen Fliege zu befreien, mit kräftigem Tatzenhieb ins Jenseits fördert. Das deutsche Volk bedankt sich für solche Vaterlandsretter und überläßt dieselbe gern dem süßen Pöbel, der Herrn Jsidor Witkowski vor den Pforten des Moabiter Kriminalpalastes rauschende Ovationen bereitete. Im übrigen hoffen wir zuversichtlich, daß mit dem Freispruch des Schöffengerichts die Justitz ihr letztes Wort in Sachen Mollke-Harden noch nicht ge­sprochen hat.

Mit großer Freude ist, wie man wohl sagen darf, von ganz Europa die Nachricht von der Genesung Kaiser Franz Josefs ausgenommen worden. Sein

AALrenudare Kerzen.

Roman von Otmar WilmS. 21

Doch was führt Sie zu mir?"

»Sie werdeu's gleich erfahren," erwiderte Ferdinand. Ich muß etwas weit ausholen, nicht nur, um die Bitte, die ich an Sie zu richten wage, zu motivieren, sondern auch, weil ich das Bedürfnis fühle, mein Herz vor einem Manne auSzuschütten, den ich achte, von dessen Teilnahme ich überzeugt bin. Man nennt mich denKatzen-Nante", und spottet über meine Liebe zu den Katzen. Hat man mich nicht dazu gezwungen, mein Herz an die Tiere zu hän­gen? Bei ihnen das zu suchen, was die Mensche» mir ver« weigern, Freundschaft und Mitgefühl. Die Menschen ha- ben mich, gleich einem Paria zurückgewiesen, weil ich kei- neu feinen Rock trug und nichts in der Tasche hatte, daS Herz will aber an etwas hangen, deshalb wandte ich mich den Tieren zu, und ich versichere Sie, ich bin mit dem Tausch zufrieden. Doch hören Sie dieSchicksale eines Man- neS, den bis jetzt das Unglück mit hartnäckiger Konsequenz verfolgte. Bor ungefähr zwanzig Jahren war mein Vater ein wohlhabender, geachteter Landwirt, den man um sein Glück beneidete. Er besaß ein hübschesBauerngut, eine gute, brave Hausfrau und, wenn ich von mir so sprechen darf, einen wohlerzogenen Sohn, der die Landwirtschaft schon selbständig zu führen wußte. Nur einen Fehler hatte er, nämlich den, daß er zu gutherzig war und jedem aufs Wort glaubte. Eines Tages fand in unserem Hause ein alter Jugendfreund von ihm sich ein, der durch harte Schick- salsschläge unverschuldet sein ganzes Vermögen verloren hatte und bei ihm Hilfe suchte. Mein Vater würde ihm augenblicklich die Summe, die er bedurfte, vorgestreckt ha­ben, wenn er sie gehabt hätte, er gab ihm so viel er eben konnte und vertröstete ihn auf die nächste Ernte, deren Er- trag er ihm ebenfalls zu übertveise» versprach. Der Freund schien zufrieden gestellt und wußte für seinen Dank keine Worte zu finden. Nach einem dreitägigen Aufenthalt wollte rr unsern Hof wieder verlassen, als das Unglück den Rechts-

Leben ist nicht bloß für die besondern Geschicke Oester­reichs, sondern auch für die gesamten europäischen Verhältnisse von unschätzbarem Werte. Möge ihm bald die parlamentarische Erledigung des österreichisch­ungarischen Ausgleiches beschieden sein. Schwierig- keilen genug dürfte dieses bedeutsame Werk noch zu überwinden haben, und der Reichsrat wird, falls er seine Arbeiten kräftig fördern will, in Zukunft mehr Selbstzucht an den Tag legen müssen, als die vielen unerquicklichen Szenen der jüngsten Zeit wieder be­wiesen haben.

Die bis jetzt vorliegenden Ergebnisse der Wahlen zur russischen Reichsduma lauten diesmal erheblich günstiger als die früheren. Die sogenannten Kadetten und die sozialistischen Parteien haben einen starken Rückgang erfahren, und die gemäßigten Gruppen, die zu ernstlicher Arbeit und Zusammenwirken mit der Regierung bereit sind, werden voraussichtlich im neuen russischen Parlament eine große Mehrheit besitzen. Damit eröffnen sich günstige Aussichten für eine ge­deihliche Weiterentwickelung des großen Zarenreiches. Kehrt erst einmal in den gebildeten Kreisen des russischen Volkes die Besonnenheit wieder, dann ist auch zu hoffen, daß die Schandtaten des revolutionären Terrorismus endlich aufhören und Ruhe und Ordnung ihre Wieder­herstellung finden werden.

In England wird die öffentliche Meinung zurzeit vorzugsweise durch einen drohenden Streik der Eisen­bahner in Anspruch genommen. Der sozialdemokratische Charakter des Unternehmens hat aber nicht nur die Eisenbahndirektionen zu festem Zusammenhalten veran­laßt, sondern auch sofort im ganzen Lande eine starke antisozialdemokratische Bewegung ins Leben gerufen. Die beiden großen Parteien scheinen entschlossen, überall, wo es sich um die Bekämpfung von Sozialdemokraten handelt, Hand in Hand zu gehen, und auch die gesamte fresse nimmt einmütig gegen die Eisenbahner Stellung. Es ist dies ein erneuter Beweis für den gesunden po­litischen Sinn, der das britische Volk noch in allen Epochen seiner Geschichte ausgezeichnet hat.

Die letzte Woche hat endlich eine Reihe furchtbarer Naturereignisse gebracht: die Ueberschwemmungen in Frankreich und Norditalien und das Erdbeben in Kalabrien. In Deutschland herrscht herzliches Mitge­fühl mit den zahlreichen Opfern dieser Katastrophen deren Gewalt den Menschen wieder einmal ihre Hülf- losigkeit und Schwäche gegenüber den Naturmächten zu erschütterndem Bewußtsein bringt.

konsuleuten Geier, der mit meinem Vater bekannt war, in unser Haus führte."

Die drei Männer setzten sich ins Besuchszimmer und zechten bis in die späte Nacht. Was sie an jenem Tage Ver- handelten, sollten meine Mutter und ich am nächsten Mor­gen, als das Geschehene nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte, erfahren. Mein Vater hatte den mutmaß- lichen Ertrag seiner Ernte im voraus verkauft, drei Wech­sel, jeder zu fünfhundert Taler, unterschrieben und diese dem Rechtskonsuleuten eingehändigt, der ihm das Geld dafür von einem guten Freunde verschaffen wollte. Der gute Freund war der Wucherer Richard Westhaus; für jene fünfzehnhundert Taler erhielt mein Vater, oder viel- mehr dessen Freund, nur zwölfhundert, dreihundert wur- den für Zinsen abgerechnet. Was meine Mutter ahnte und ich befürchtete, geschah; heftige Hagelschläge vernichteten die Ernte und die Wechsel wurden am Verfalltage zur Zahlung vorgezeigt. Mein Vater bat den Wucherer um Ausstand und erhielt mit Not und Mühe, nachdem er einen vierten Wechsel, auf hundert Taler lautend, unterschrieben hatte, eine Galgenfrist von zwei Monaten. Er suchte in dieser Zeit ein Kapital auf sein unverschuldetes Gut zu erhalten, es gelang ihm nicht. Sein Freund hatte zum zwei- tenmale alles verloren und war nach Amerika ausgewan­dert. Mißmut und Sorgen verleiteten meinen Vater zum Trunk, und jetzt gingen Glück und Wohlstand ihrem Ver­fall mit Riesenschritten entgegen. Die Galgenfrist lief ab, Geier leitete, als die Wechsel nicht bezahlt wurden, die Klage ein, unser Gut wurde öffentlich versteigert und., erlassen Sie mir das andere," schloß Ferdinand, indem er, überwältigt von seinem Schnierze, das Antlitz mit den Händen bedeckte.

Auf den Notar hatte die Erzählung des Schreibers einen tiefen Eindruck gemacht, so gut er dies vermochte, suchte er ihm Trost zuzusprechen. 144,18

Ferdinand schüttelte wehmütig das Haupt.Sie wissen noch nicht alles," fuhr er fort,hören Sie weiter. Vier

Deutsches Kelch.

Das Kaiserpaar wird, nach offizieller Meldung, am 10. November morgens von Vlisfingen aus die Seereise nach England antreten.

Der polnische Schulstreik, der in den letzten Wochen nur noch mühsam aufrecht erhallen werden konnte, ist jetzt tatsächlich beigelegl. Seit voriger Woche verweigert auch in der Provinz Posen kein Kind mehr auf deutsche Fragen im Religionsunterricht die Antwort. Man bat also doch klein beigegeben.

Um dem Arbeitermangel auf dem platten Lande und der dadurch bedingten unerwünschten Heranziehung russischer und polnischer Arbeiter zu begegnen, beab­sichtigt die mecklenburgische Regierung, einen Fonds von zwei Millionen Mark zu begründen, aus dem ein­heimischen Arbeitern in weitgehendstem Maße Darlehen gewährt werden sollen, um deren Ansiedelungsmö,glich - keit besonders in der Ritterschaft tatkräftig zu fördern.

Die Enthüllungsfeier der Gustav-Adolf-Kapelle bei Lützen wird die Vertreter der evangelischen Fürsten­häuser ziemlich zahlreisch versainmeln. Vvm deutschen Kaiserhause wird Prinz Eitel Friedrich an der Feier teilnehmen. Im Namen des 78jährigen königlichen Vaters erscheint der schwedische Kronprinz Gustav; Ein­ladungen sind außerdem an die Höfe von Karlsruhe, Weimar und Dessau gerichtet worden. Das badische Haus stammt durch die Mutter des jüngstgeborenen Großherzogs Friedrich von dem Hause Wasa ab, Sachsen Weimar hat in seinem Herzog Bernhard den Feldherrn hervorgebracht, der nach dem Tode Gustav Adolfs bei Lützen den Oberbefehl übernahm und die Schlacht zu Ende führte, unter den dort auf der evangelischen Seite Gefallenen befand sich ein Prinz von Anhalt. Die schwedische Armee wird an erster Stelle durch den General Oggla vertreten sein, dem sich ein besonderer Repräsentant der Artillerie anschließt. dieser Waffe mißt die schwedische Geschichtsschreibung den Hauptanteil nn den damaligen kriegerischen Er­folgen ihrer Nation bei. Nach der Feier wird, wie die Blätter melden, die schwedische Militär-Deputation von dem Kaiser empfangen werden, voraussichtlich in Verbindung mit einer Parade. Auch der schwedische Adel beschloß die Entsendung einer Delegation zu der Feiner und die Niederlegung eines Kranzes. Der preuß. Kultusminister Dr. Holle hat ebenfalls sein Erscheinen zagesagt.

Die Strafverfolgung im Prozeß-Moltke-Harden hat nunmehr die Staatsanwaltschoft beim Aandgerich

IUMM«!film........»nnIHWBBB^mtM

Wochen nach dem Verkaufe unseres Gutes brach der Gram das Herz meiner Mutter. An ihrem Sarge ergriff mei- nein Vater, der sie heiß und treu geliebt hatte, die Reue, bald zehrte auch an seinem Leben die Schwindsucht, und noch ehe der Hügel auf dem Grabe meiner Mutter ein­gesunken war, bettete man auch den Vater neben sie in die Gruft. Arm und verwaist stand ich allein in der Welt, mein ganzes Sinnen und Trachten ging nur dahin, Rache an denen zu nehmen, die unter der Maske der Freund­schaft meinen Eltern Glück und Leben geraubt und mich zur Waise gemacht hatten. In den ersten Jahren arbei­tete ich als Knecht auf einem Bauerngute, ward eS aber bald überdrüssig, hinter fremdem Pfluge zu gehen; ich wählte eine andere Karriere und trat, da ich sehr gut schrieb und rechnete, als Schreiber in den Dienst eines Ad- vokaten. Wir verstanden uns nicht, ich hatte noch nicht ge- nug Erfahrungen gemacht, um einzusehen, daß Demut das beste Mittel ist, durch die Welt zu kommen. Eines Tages sagte ich ihm in etwas derber Weise die Wahrheit und wurde entlassen Lange Zeit trieb ich mich auf der Straße herum, niemand wollte mich beschäftigen. Ich fristete mein Leben dadurch, daß ich meine Habseligkeiten, ein Stück nach dem anderen, verkaufte. Ich hatte meine Rache nicht ver- gessen, als mir eines Tages der Rechtskonsuleut, der wahr- scheinlich in mir ein brauchbares Subjekt entdeckte, die Schreiberstelle in seinem Bureau anbot, ging ich sofort auf dieses Anerbieten ein. Zehn Jahre lang habe ich es ausgehalten, was ich in dieser Zeit lernte, werde ich nie vergessen. Ich war Schreiber, Laufbursche, Hausknecht, Stiefelputzer und Sündenbock in einer Person, mußte täg­lich harte Worte, Schimpf und Spott geduldig einstecken und das alles für zehn Taler monatlich. Doch ich fügte mich in das Joch und arbeitete int stillen an meinem Ra- cheplane. Wie ich schon sagte, wurde ich vor vier Wochen plötzlich entlassen, weil ich mich nicht bezähmen konnte und dem schon lange in meinem Herzen kochenden Zorne Luft machte. Mich reut es nicht, meine Katzen nur dauern mich, die armen Tiere werden verhungern müssen."