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mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

1. ' Mittwoch, den 1. Januar 1908. 59. Jahrgang.

Fortwährend

werden Beflellunge« auf die

Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt

von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.

finden in der Schlüchterner

Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.

Zum Jahreswechsel.

Hinab ins Meer der Ewigkeit Ist nun ein Jahr entschwunden, Mit seinen Freuden, seinem Leid / v Hat es ein Ziel gefunden AS c Wohl blühten uns der Rosen viÄ, Doch grüntew auch Zypressen \>Xa Nun ist verrauscht das bunte Spiel, Bald Freud' und Leid vergessen. X

Ein unerforschlich Rätselbild Grüßt uns das Jahr, das neue. Noch ist in dunkle Nacht gehüllt, Was uns betrüb', erfreue. So stehn wir an der Zukunft Tor Mit bangen Zweifelsfragen Tritt niemand tröstend uns hervor, Um Antwort uns zu sagen?

O laß dein Bangen, Menschenkind, Was auch die Stunden bringen! Nicht nur im Sonnenscheine lind Wirst Gottes Preis du singen. Im Wettersturm und Schicksalsschlag Will er dich erst erproben: Du sollst nicht nur am lichten Tag, Ihn auch im Dunkel loben!

Drum frisch hinein ins neue Jahr! Wovor sollt' uns denn grauen? Wir werden in ihm immerdar Nur Gottes Güte schauen.

Sie bleibt der feste Ankergrund, Der Leitstern bis zur Bahre, Und glaubensfroh ruft Herz und Mund: Grüß Gott zum neuen Jahre!

Zum Neujahrstage.

Wiederum heißen wir heut ein neues Jahr will­kommen. Mancher blickt nicht gern auf das ver­gangene zurück; es hatte für ihn Widerwärtigkeiten allerlei Art. Er richtet sein Auge lieber auf das be­gonnene und begrüßt es mit stillen Hoffnungen. Vor seiner Einbildungskraft blüht jenseits der Schneefluren des Winters wieder ein Frühling, dann ein langer Sommer, ein Herbst was kann da nicht alles ge­schehen! Keine Empfindung ist bei Beginn des neuen Jahres in uns lebhafter als die Neugier zu wissen, was es bringen werde. Und doch ist es gut, daß wir das nicht vorauswissen. Es würde vielen alle ange- nehmen Hoffnungen vom Zukünftigen vernichten und nur die Furcht vor dem Unangenehmen in ihrer Brust zurücklaffen. Ja, manche würden fast den Mut ver­lieren neue Anfänge zu machen, wenn sie ihre Pläne Abermals scheitern sähen. Aber wenn dir auch schon Vieles bisher nicht gelang, war es dein Unglück? Können wir Menschen, die wir von einer ganzen Ewigkeit des Daseins nur einen unendlich kleinen Punkt leben, mit Sicherheit behaupten, was uns wohl oder übel getan haben würde, wenn die Dinge so oder anders gekommen wären?Meinest du, daß du so viel wissest als Gott weiß?" sprach Zophar von Naema,und wollest alles so vollkömmlich treffen als der Allmächtige?" Hier eben stehen wir mit unseren Hoffnungen und Wünschen plötzlich still. Wir sind in der Gewalt eines Höheren, dieser Gedanke muß heute unser Inneres durchbeben. Es ist umsonst, daß wir weitaussehende Pläne schaffen, umsonst, daß wir glänzende Paradiese der Einbildung bauen der Mensch denkt, aber Gott lenkt. Gott richtet, Gott ordnet, Gott leitet, und wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte, wie unerforschlich seine Wege! Vor allem müssen wir dedenken: das Los, das uns die Hand Gottes auf Erden gegeben hat, ist uns wahr­lich nicht gegeben worden für unsern Leib, fonbern für unsere Seele, nicht für das Erdenleben, sondern für das ewige Leben, uns zu demselben vorzubereiten. Das ist das beste Ziel, das wir auch sehr wohl er­reichen können, auf kein anderes dürfen wir mit Ge­wißheit zählen. Dann erst sind wir recht Weise und klug. Dann werden auch die Wege Gottes aufhören, uns dunkel zu sein; wir werden die Fügungen unseres Gottes verstehen.'

Deutsches Reich.

Das Weihnachtsfest in der kaiserlichen Familie ist in der herkömmlichen Weise gefeiert worden. Nach­dem der Kaiser die Regierungsgeschäfte erledigt hatte vereinte sich die. gesamte Familie zu einem Karpfenessen. Trotz des ungünstigen Wetters machte der Kaiser, wie gewohnt, einen Sparziergang in der Umgegend des Neuen Palais bei Potsdam und beschenkte die Wacht­posten und bedürftige Personen, die ihm begegneten. Um 6 Uhr am Heiligabend, während draußen die Kirchenglocken ertönten, erstrahlten im Muschelsaale die Christbäume in ihrem Kerzenglanz, diesmal 14 an der Zahl; für die beiden Majestäten, die kaiserlichen Kinder, die Kronprinzessin und ihre beiden Söhne, die Prinzessin Eitel-Friedrich und die Verlobte des Prinzen August Wilhelm. Dem Gesang desStille Nacht, Heil'ge Nacht" folgte die Bescherung: Spielzeug für die Enkel des Kaisers und zumeist praktische Sachen für die eigenen Kinder und die Schwiegertöchter wie für das Kaiserpaar selbst. Ihrer Tochter hat die Kaiserin auch diesmal den Perlenschmuck vervollständigt. Die Vormittage der beiden Weihnachtstage sind dem Besuche des Gottes« dienstes gewidmet, die Nachmittage für Empfänge und Ausfahrten reserviert gewesen.

Das kaiserliche Hoflager ^vird mit Beginn des neuen Jahres vom Neuen Palais nach dem Berliner Schlosse verlegt werden. Das Kronprinzenpaar siedelt nach dem kronprinzlichen Palais in Berlin über, während das Prinzenpaar Eitel-Friedrich erst mit dem Beginn der Berliner Hoffestlichkeiten und nur für deren Dauer seine Wohnung von Potsdam nach dem Schlosse Bellevue zu verlern gedenkt.

Prinzessin Beatrice von Koburg-Gotha, die jüngste Tochter des verstorbenen Herzogs Alfred von Koburg, Bruder des Königs von England, hat sich mit dem Prinzen Alfons von Bourbon-Orleans verlobt. Die Braut ist 1884, der Bräutigam, der in Heidelberg studiert, 1888 geboren.

Der Prinzregent von Bayern hat aus Anlaß des Weihnachtsfestes 10 und der König von Sachsen 22 Strafgefangenen den Rest der Strafe erlassen.

Prinzregent Luitpold von Bayern hat zu Weih­nachten einen Unfall erliten. Der im 87. Lebensjahre stehende Fürst zog sich eine Ueberdehnung des rechten Handgelenks zu. Unter ziemlich lebhaften Schmerzen bildete sich im Handgelenk eine Geschwulst. Fieber ist nicht vorhanden und das Allgemeinbefindeu nicht nach­teilig beeinflußt. Der greife Prinz machte Ausfahrten und erledigt die Regierungsgeschäfte weiter. Der Unfall

Mntrennvare Kerze«.

Roman von Otmar WilmS. 43

Kurz nach der Verhaftung des Vagabunden wurde an dem Hause Geiers einigemal heftig die Glocke gezogen. Der RechtSkonsulent fuhr erschreckt in die Höhe, zündete rasch ein Licht an und öffnete daS Fenster, um anzufragen, wer Einlaß begehre.

Macht nur 1* scholl es von unten herauf.Ich habe eine wichtige Nachricht für Euch!"

Doch wohl nicht so wichtig, daß le nicht bis morgen Zeit hätte," brummteGeier unwirsch.Sprecht, waS gibt'S? Ich habe keine Lust, mitten in der Nacht mein HauS einem wild fremden Menschen zu öffnen."

Ist auch nicht nötig," erwiderte berEinlaßBegehrende, ich kann den Brief unter die Türe schieben, einer Ant­wort bedarf eS nicht.. Gute Nacht!«

Der RechtSkonsulent schlug das Fenster zu, daß die Scheiben klirrten, zog den Schlafrock an und ergriff das Licht, um den Brief zu holen. MM

Kaum hatte er denselben erbrochen und die wenigen Zeilen, die er enthielt, überle/en, als er leichenblaß auf einen Stuhl sank. Der Brief entglitt seinen Händen, da» Haupt neigte sich tief auf die Brust und die leblosen, weit geöffneten Augen richteten üch stier, mit dem Ausdrücke der Verzweiflung, auf den obgenutzten persischen Teppich, der den Fußboden bedeckte.

Verhaftet!« murmelt: er tonloS.Tümpling verhaf­tet jetzt ist alles verloren Der Schurke wird plaudern, ich weiß, wie sehr er mich haßt, hier gibt es keine Rettung mehr *

Er blieb eine Weile. iu dumpfeSBrüten versunken, sitzen, sprang dann aus, trockn-te den Schweiß ab, der in gro­ßen Tropfen auf seiner Stirne perlte und hob den Brief auf.

Es ist kein Zweifel mehr," fuhr er in seinem Selbst- oesuräch fort, nachdemer Die Zeilen nochmals gelesen hatte. Welches Interesse flöte der Wirt haben, mich zu belü- gen?"

^v'

Er warf den Brief auf den Tisch, schritt mehrmals durch das Zimmer und blieb endlich vor bent Fenster ste­hen, um seine heiße Stirne gegen das kalte Glas zu drük- ken.

Unverwandt stierte er auf die dunkle Straße hinaus, und bei jedem Tritt, der auf dem Pflaster laut wurde, fuhr er erschreckt zusammen.

Also das ist das Ende der Laufbahn, die mir ein so glänzendesZielverhieß ?«murmelte er.Brrr, mir schau- dert's, wenn ich daran denke, daß die eiskalten Hände der Henkers meinen Hals berühren werden, daß ich zwischen Himmel und Erde baumeln und mein Körper ein Fraß der Raben werden soll.«

Und die Menschenmenge, die den RechtSkonsulenten Geier sterben sehen will, all die Gesichter, die mich höh­nisch anglotzen werden, um meinen TodeSkampf zu beob­achten!«

Er wandte sich entsetzt um und schwankte wie ein Trun­kener an sein Bett, auf welches er sich erschöpft nieder­setzte.

An dem geistigen Auge GeierS zogen düstere Bilder vorbei, gespenstige Gestalten stiegen auS ihren alten ein- gesunkenen Gräbern, traten vor ihn hin und schauten aus ihren tiefliegenden, erloschenen Augen ihn drohend, räche- glühend an. Keine Muskel seines Antlitzes zuckte, als er sie vorüberziehen sah; was wollten sie von ihm, deren Ver- mögen er geraubt, die er inS Elend hinauSgestoßen, deren Herzen er gebrochen hatte! Sie konnten ihm nichts an* haben, ihr Hab und Gut hatte das Gesetz ihm zugespro­chen, er trug nicht die Schuld an ihrem Unglücke, sondern ihr eigener Leichtsinn. Doch als die letzte dieser Gestalten an ihn herantrat, als er den alten Mann mit den dun- kelroten Flecken am Halse und dem bleichen Kinde auf dem Arme vor sich stehen sah, sprang er mit einem Schrei be8 Entsetzens auf.Fort, fort von mir, Ihr PhantaSmago- rien!" rief er dumpf, indem er die Hände abwehrend aus- streckte,was wollt Ihr von mir? Könnt Jhr'S nicht ab- warten, bis ich in Eurem Reiche Such begegne? Müßt --------1

' / /

Ihr hier auf Erden noch erscheinen, um mich zu foltern?" Er ergriff^as Licht und verließ hastig, als wolle er dev drohenden Gestalten entfliehen, daS Zimmer.

Langsam, gleich einem Wahnwitzigen, stier und unver­wandt vor sich hinschauend, schlich er durch daS HauS, durch alle Zimmer, über alle Gänge, vom Speicher bis hinunter in den Keller. Er blieb in jedem Zimmer einen Augenblick stehen, sah sich verwirrt um, leuchtete in die Ecken und setzte dann kopfschüttelnd seine Wanderung fort.

Es war offenbar, er suchte etwas, und allem Anschein» nach wußte er selbst nicht, waS.

Erst als er sich unten in dem dumpfen, moderigen Kel­ler befand und die schwarzen, nassen Mauern eine Weil« angestiert hatte, schien sein Geist zum Bewußtsein zurück- zukehren, denn er wandte sich hastig um, stieg die schlüpf­rige Treppe wieder hinauf und trat in sein Kabinett.

Er warf sich gleich einem Verzweifelnden auf da» Bett und bedeckte sein Antlitz mit den Händen. Krampfhaft hob seine Brust sich und eine große Träne rollte langsam über die welken, erdfahlen Wangen.

Der eiserne Mann, mit dem steinharten Herzen, der mit kaltem Blute einen Mord begehen konnte, dem bie Tränen der Opfer, die er ins Elend hinauSgestoßen hatte, nur ein Lächeln der Verachtung entlockten, weinte jetzt wie ein Kind bei dem Gedanken, daß er sterben sollte.

Langsam ließ der RechtSkonsulent die Hände von sei­nem Antlitz gleiten. Sein Blick fiel auf den Spiegel, der ihm gegenüberhing, entsetzt wandte er sich ab, als er in demselben sein fahles, verzerrtes Antlitz gewahrte. Er er­hob sich und trat wieder an» Fenster, um auf die Straße hinauSzuschauen.

Ah pah," murmelte er nach einer Weile in wegwer­fendem Tone,ich habe mein Leben genossen, so gut wie jeder andere, was liegt an ein paar Jahren mehr oder we­niger?"

Er blieb einen Augenblick in Nachdenken versunken, dann setzte er sich hin und warf rasch einige Zeilen auf ein Papier. . _ 14448