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mit amtlichem Kreisblatt Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Mittwoch, den 8. Januar 1908.
59. Jahrgang.
Fortwährend
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Schlüchterner Zeitung
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da sie die größte Austage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
daß er den Grafen Moltke für homosexuell gehalten habe. Seine Anspielungen in den Artikeln waren so raffiniert gefaßt, daß sie die schlimmste Deutung zu- ließen.
Die Berufung Hardens auf den § 193 des Straf- Gesetzbuches — Wahrnehmung berechtigter Interessen — hat der Gerichtshof nicht gelten lassen. Wenn Harden auch eine politische Wirkung erzielen wollte, so durfte er doch nicht politische Interessen unter Verletzung der Ehre anderer zur Geltung bringen. Das Urteil sagt, daß Harden leichtfertig vorgegangen sei, und daß so wie er kein politischer Schriftsteller handeln dürfe. Das Häßliche liegt grade darin, daß er um eines politischen Zweckes willen auf Grund von Alkoven- geschichten, obendrein falsch dargestellten, das geheimste Leben eines Menschen an die Oeffentlichkeit gezerrt hat. Schon in seiner Feindseligkeit gegen, den Fürsten Bülow hatte er nicht immer das rechte, sittlich zulässige Maß gewahrt, so namentlich als er den durch lange Uederarbeitung hervorgerufenen Ohnmachtsansall, den der Reichskanzler im Reichstage erlitten hatte, verhöhnte und den Fürsten als unheilbar kranken Mann hinstellte. Das verwerflichste Mittel im politischen Kampfe ist aber jedenfalls die leichtfertige Verdächtigung der persönlichen Ehre und das Herumschnüffeln in dem Privatleben eines Gegnes. Der Mann also, der mit der eitlen Wiederherstellung des Huttenschen Wortes: „Ich hab's gewagt", in den Prozeß ging und sich eine Märtyrerkrone zu erwerben glaubte, hat seine Strafe verdient.
r Das Urteil im Hardenprozeß ist am Freitag in der sechsten Abendstunde gefällt worden. Gemäß dem scharfen Anträge des Staatsanwaltes lautet es gegen den Angeklagten Harden auf 4 Monate Gefängnis und Tragung der Kosten. Das Urteil ist scharf ausgefallen, das Gericht hat aber die Schwere der Be» leidigung berücksichtigt.
Deutsches Reich.
— An dem Kaisermanöver 1908 soll das 2. bayerische Armeekorps teilnehmen. Die Beteiligung des Generalfeldmarschalls Prinzen Leopold von Bayern, Sohnes des Regenten Luitpold, gilt als sicher. Unter Kaiser Wilhelm II. nahmen im Herbst 1897 das erste und zweite bayerische Armeekorps an den nördlich und östlich von Frankfurt a. M. sich abspielenden Kaiser- manövern teil.
— Eine interessante Begegnung findet in den
Zu dem Rrteilsspruch im Prozeß Karden ist zunächst zu bemerken, daß schon das Schöffengericht in den Artikeln der „Zukunft" einen schwer beleidigenden Vorwurf gegen den Grafen Kuno Moltke gesehen und Harden nur deshalb freigesprochen hatte, weil von ihm der Beweis der Wahrheit erbracht worden sei. Der Beweis wurde in dem Zeugnis der Frau von Elbe, geschiedenen Gräfin Moltke und in dem Gutachten des Dr. Hnschfeld, das auf homosexuelle Veranlagung des Privalklägers lautete, gesunden.
In dem neuen Verfahren vor der Strafkammer ist das frühere Zeugnis der Frau v. Elbe vollständig entkräftet worden, nicht bloß durch andere Zeugen, die über das Eheleben der Frau v. Elbe, die Belätig- ung ihrer Rachsucht gegen den früheren Ehemann, ihr krankhaftes Wesen auszusagen hatten, sondern auch durch Frau v. Elbe selbst, die zugab, in der Berhand-' lung vor dem Schvsfengeiicht gefärbt zu haben und überhaupt nicht imstande zu sein, die objektive Wahrheit zu sagen. Nach dem Urteil der Aerzte ist sie eine schwer kranke, hysterische Frau. Der Sachverständige Hirschseld mußte sein Gutachten zurückziehen und mit den vernommenen ärztlichen Autoritäten erklären, daß von einer normwidrigen Veranlagung des Grafen Moltke, geschweige denn von einer Betätig- ung, nicht die Rede sein könne.
Der Angeklagte Harden hatte seine Verteidigung auf die Behauptung zugeschnitten, daß er den Grafen Moltke überhaupt nicht beleidigt habe. Er habe ihm in seinen Artikeln nur unmännliches Wesen, süßliche Männerfreundschaft, nicht Männerliebe, vorgeworfen. Auch das wäre schon beleidigend genug. Harden konnte aber and) gegenüber dem Zeugnis mehrerer, ihm zum Teil bcfrenndelen Personen nicht bestreiten,
nächsten Tagen in Sankt Moritz statt. Dort werden das deutsche und das dänische Kronprinzenpaar zu- saminentreffen. Wie erinnerlich sein dürste, sind die deutsche und die dänische Kronprinzessin Schwestern.
— In Charlottenburg sind neue Verhaftungen russischer Anarchisten erfolgt. Bei einer geheimen Zusammenkunft in der Wohnung eines bekannten russischen Anarchisten in Charlottenburg, Pestalozzistraße Nr. 69, wurden 17 Russen verhaftet. Man fand eine Unmenge von Schriften vor. deren Inhalt gegen § 128 des Strafgesetzbuches (Geheimbündelei betreffend) verstößt. Es handelt sich offenbar um eine geheime Sitzung des Zentralskomitees der russischen Revolu» tionüre zu entpuppen. Man scheint aber den edlen Herren glücklicherweise kräftig auf der Spur zu sein.
Wegen der Bezeichnung des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie als „Reichslügenverband" ist wieder ein „Genosse" verurteilt worden. Der veranl- worrliche Redakteur des sozialdemokratischen Lübecker „Volksboten" Löwigt, der diesen Ausdruck in einer Polemik mit dem zweiten Haupt-Geschäftsführer des Verbandes Dr. Ludwig gebraucht hatte, wurde deshalb vom Schöffengericht in Lübeck zu 300 Mark Geldstrafe verurteilt.
— Als Anerkennung für taktvolles und energisches Auftreten dem polnischen Schulstreik gegenüber sind zum Jahresschlüsse in der Provinz Westpreußen 14 Volksschullehrern, 2 Rektoren, 5 Schulaufsichtsbeamten, 6 Amts- und Gemeindevorstehern, einem Landrat und einem Oberförster Ordensauszeichnungen verliehen worden. In der Provinz Posen erhielten 19 Kreis- schulinspektoren, 2 Regierungsräte, 10 Rektoren und 53 Volksschullehrer aus gleichen Anlaß Ordensauszeichnungen.
— Ein eigenes parlamentarisches polnisches Pressebureau wurde in Berlin errichtet. Als Leiter des Bureaus ist der frühere Redakteur des „Dziennik Kujawski" Jankowski gewählt worden, der dieser Tage npch Verbüßung einer Gefängnisstrafe, die ihm seine Haltung im polnischen Schulstreik eingebracht hatte, aus dem Gefängnis in Hohensalza entlassen worden ist- . v
— Mit Rücksicht auf den Arbeitenuangel in der Landwirtschaft hat das herzoglich braunschweigische Staatsministerium die Kreisdirektionen ermächtigt, auf Antrag in solchen Fällen, wo die Beibehaltung ausländischer polnischer Arbeiter für eine ungestörte Fortführung der Wirtschaft des Antragstellers dringend
Untrennbare Kerzen.
Roman von Otmar Wilm». 45
„Wir können Gott danken, daß Geier der Gerechtigkeit entgangen," fuhr er, als der Kommissar das Zimmer oer« lasten hatte, zu Julius gewendet, fort, „er würde eine Freude daran empfunden haben, Ihre Mutter an den Pranger zu bringen .. Waren Sie heute morgen schon im elterlichen Hause?"
„Ja, ich war dort," erwiderte der junge Mann gepreßt, „el steht traurig in dem Hause aus."
„Traurig?" fragte Horn erstaunt.
„Ja, sehr traurig," suhr Siiliiil ihm inS Wort fallend fort. „Ich ging heute morgen hin, um meinem Bater zum neuen Jahre Glück zu wünschen; er war in seinem Kabinett und empfing mich mit einer Herzlichkeit, die ich nicht erwartet hatte. Erst als itt) neben ihm saß und meine Hand in seiner feuchten, fieberheißen Rechten ruhte, be- piertte ich in dem Blicke, den er unverwandt auf mich ge- xichtef hielt, etwa» Unflates, Verwirrtes, welches mich auf eine heftige GemütSunruhe, oder gar Geistesstörung schlie- ßen ließ. Meinen teilnehmenden Worten gelang eS, mir fein Herz zu erschließen. Die erste Mitteilung, die er mir wachte, war die, daß daS alte Bankhaus Alsdorf und Kompagnie auf dem Punkte stehe, seine Zahlungen einstellen iU müssen.«
Horn sprang überrascht auf. „Doch nur eine fixe Idee?" fragte er, einen forschenden Blick auf da« umdiisterte Antlitz Julius' werfend
Nich» weniger als daS. Sie wissen, daß vor wenigen Wochen ein hiesiges Bankhaus fallierte?"
Der Notar bejahte. „Ich habe mein kleines Vermögen nochzurrechtenZeitgerettet,«sagteer, „wenn ich nicht irre, trug der Sturz eiueS bedeutenden Hauses in Amerika die Schuld an seinem Falliment.
So ist e»," fuhr Julius fort. „Der Fall jene» ameti' tanijchen Hause» versetzte auch den Geschäften meine» Va
ters einen Stoß, von welchem eSsich vielleicht nie wieder erholen wird. Ich habe den Kopf oben gehalten, so lange ich konnte, sagte mein Vater, aber der Verlust ist zu bedeutend, morgen sind Wechsel auf mich fällig, deren Be- trag den Rest meines Vermögens weit übersteigt. Ich habe soviel flüssig gemacht, als »Tu nur möglich war, teils eige- neS, teils fremdes Geld, aber die Summe reicht nicht auS. Laste ich die Wechsel prolongieren, geht'» mit meinem Kredit zu Ende, meine Geschäftsfreunde ziehen die Summen, die sie mir anvertraut haben, zurück, und ich bin zur Fal- literklärung gezwungen. Ich fragte ihn, wie viel ihm noch an der Summe fehle, deren er zur Deckung der Wechsel bedürfe; er sah eine Weile düster zu Boden, dann ertvi- derte er, ich könne ihm nicht helfen, um da» Geschäft zu retten, müsse er wenigstens zweimalhunderttausend Taler haben. Und das alles, fuhr er mit Bitterkeit fort, habe ich der da oben, Deiner Mutter, zu verdanken; sie hat mehr für ihre Toilette und Privatzwecke gebraucht, als daS Ge- schüft erlaubte. Ich fühlte, daß ich meine Mutter in Schutz nehmen mußte, und tat es, obgleich mit innerem Wider- streben, denn so ganz unrecht konnte ich dem Vater m$t geben. Er wollte nichts davon wiffen. ES ist brav von Dir, daß Du ihr keinen Haß nachtragst, fiel er mir inS Wort, verdient hat sie ihn, aber die Binde ivird einmal von ih- ren Augen fallen. Weißt Du, wa» sie mir heute morgen antwortete, als ich sie von den, bevorstehenden Unglück in Kenntnis setzte? Ich sei entweder ein Dummkopf und mei- nem Geschäfte nicht gewachsen, oder ein leichtsinniger Wag- Hals, der alles auf eine Karte setze und keine Rücksicht auf da» Schicksal seiner Familie nehme. Du siehst, waS ich von ihr zu erwarten habe, wenn der traurige Fall eintritt, statt Trost und Teilnahme, Vorwürfe und Verachtung."
Horn hatte sich erhoben und seine Pfeife hmgestellt. Er schritt erschüttert im Zimmer auf und ab und warf von Zeit zu Zeit einen Blick voll Teilnahme auf den jungen Mann, der düster vor sich hin schaute. „Wenn ich meine HerzenSmeinung sagen soll," hob er endlich an, „so muß ich gestehen, daß ich Ihrer Mutter die Lektion gönne, abex
um Ihren Vater tutS mir leid. Wenn ich ein Mittel wüßte um ihm zn helfen, so ..."
„Ich hab'»," fiel Meta ihm in» Wort, die bis dahin still in sich gekehrt, schweigend dazesessen hatte. „Wie Sie mir sagten, beträgt da» Vermögen meines Vater» fünf* malhunderttausend Taler, die Hälfte davon genügt, dem Kommerzienrat zu helfen, nun wohl, geben wir ihm die Summe unter irgend einem Vorwande, er mag sie später, wenn er sie wieder entbehren kann, zurückzahlen."
„Dir hast ein guter Herz Meta," nahm JuliuS, seine Braut dankbar anblickend, daS Wort, „doch bangt mir, Dein Plan ist nicht ausführbar. Bevor Du über Dein Vermögen verfügen kannst, mußt Du vom Gericht all die rechtmäßige Erbin derselben anerkannt sein."
„So ist eS," versetzte der Notar, „und dann bedenken Sie, wie gewagt er ist, einem Geschäftsmanne, destenBer- mögenSverhältnisse gänzlich zerrüttet sind, solche Summe vorzustrecken."
„WaS liegt daran, wenn sie verloren geht?" entgeg- nete Meta. „Wie lange wirds dauern, bis da» Gericht meine Person als die Tochter Westhau»' anerkennt?"
„Bier Wochen mindesten»," erwiderte der Notar.
„Bier Wochen?" wiederholteMeta sinnend, ja müssen wir unS also bis dahin gedulden. ES ist mein fester Wille dem Kommerzienrat zu helfen, nur soll er nicht wissen, daß die Hilfe von mir kommt. Ich denke, wir fangen die Sache so an. Du Julius, gehst heute noch zu Deinem Vater und suchst ihn zu bewegen, daß er die Wechsel auf zwei Monate prolongieren läßt, Sie, Herr Notar, teilen ihm mit, daß Ihr künftiger Schwiegersohn eine Summe voir zweimalhundertfünfzigtausend Taler in daS Bankgeschäft, einlegen wolle, wenn er Teilhaber an demselben. werde. So ist unS allen geholfen; in zwei Monaten kprur ich über mein Vermögen verfügen, und daß Julius seine Einwilligung zu dieser Bestimmung geben wird, dessen bin ich gewiß" 144,18