mit amtlichem Areisblatt
Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
£ 5
Mittwochs den 15. Januar 1908
59. Jahrgang
werden Bestellungen auf die
Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
finden in der Schlüchterner
Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlüch- tein erscheinenden Zeitungen besitzt.
Amtliches.
Unter den Schweinen des Hutmachers Wilhelm Amend zu Steinau ist die Schweineseuche ausgebrochen.
Schlüchtern, den 11. Januar 1908.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
J.-Nr. 336. In Höchst, Kreis Gelnhausen, ist die Rotlaufseuche, in Großenhausen und Aufenau, gleichen Kreises, die Schweineseuche festgestellt worden. Die letztere ist in Höchst und Niedermittlau, Kreis Gelnhausen, wieder erloschen.
Schlüchtern, den 11. Januar 1908.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
Deutsches Reich
—■ Die Vorbereitungen für den Aufenthalt des deutschen Kaiserpaares in Korfu, das dort mehrere Wochen zu Beginn des Frühlings zubringen wird, sind jetzt lebhaft im Gange. Wie der „Neuen Freien Presse" aus Triest gemeldet wird, traf dort vor einigen Tagen der deutsche Dampfer „Pergamon mit Möbeln, Skulpturen und Gemälden zur Ausschmückung des Schlosses Achilleion ein. Ferner sind mit der Bahn ^ etwa 80 Kisten aus Berlin in Trieft eingetroffen, die der Dampfer „Pergamon" nach Korfu mitnimmt. Auch gehen gleich zeitig mehrere Berliner Hosbedienstete nach der Insel ab, wo sich bereits mehrere deutsche Künstler, Architekten und Ingenieure befinden, die das Schloß nach den Anweisungen des Kaisers Wilhelm bewohnbar machen.
— Prinz Heinrich von Preußen legt, falls Genral Keim Vorsitzender bleibt, das Präsidium über den Flottenverein nieder. Es wird darüber amtlich von der "Nordd. Allg. Ztg." geschrieben: Entgegen anders lautenden Meldungen sind wir zu der Mitteilung er-
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Roman von Otmar Wilms.
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„Und daS sagen Sie erst jetzt?" fiel Julius ihm vor- wurfsvoll ins Wort, indem er hastig aufsprang. „Doktor, eS war unrecht von Ihnen, zu glauben, ich würde auch nur einen Augenblick zögern, an das Sterbebett meiner Mutter zu eilen." Er hatte, während er sprach, Hut und Stock ergriffen, rasch nahm er jetzt von Meta Abschied, um
Ein peinliches Gefühl überschlich Julius, als er durch die großen, wohlbekannten Zimmer, über die weichen, persischen Teppiche schritt, er fühlte sich nicht mehr heimisch in den Räumen, in denen er seine Kindheit verlebt hatte. Und doch war alles in denselben noch gerade so, wie an dem Tage, an welchem er geboren wurde und zu der Stunde, rn der er dieser Haus für immer verließ.
Die hohen venetianischen Spiegel, vor denen er als Kind oft stundenlang gestanden hatte, um sein Gegenüber anzuschauen, warfen auch jetzt wieder sein Bild, freilich wcht mehr das eines Kindes, sondern das eines ernsten, gereiften Mannes, zurück.
.. Ae schwarzen Möbel glänzten nicht stärker als damals, vle schweren Damastvorhänge mit den Kordeln und Oua- sien, ia selbst der Silberflor, der die vergoldeten Kronleuchter vor dem Staube schützte, schienen noch dieselben von damals zu leim und die chinesischen Mandarinen auf dem Kanllttsimse schauten aus ihren dumm glotzenden Augen chu so vertraulich an, als wüßten sie es, daß er und daS Kind, welches vor Zeiten so oft mit ihnen geplaudert hatte, rm und dieselbe Person tonten
Eins aber und wohl die Hauptsache, fehlte, daS eine, we ch-S einst diese Raume so traulich gemacht hatte, mit dessen Verschwinde» der schönste Schmuck ihnen geraubt war. Und dieses eine war der Geist der Liebe der vor Zeiten diese Gemächer gleich einem Zauber durchwehte Md sie dem Kinde zu einem Eden machte. DaS Kind hatte
mächtigt, daß im Falle des Verbleibens des Generals Keim in der Stellung als geschäftsführender Vorsitzender des Flottenvereins Prinz Heinrich von Preußen in Einvernehmen mit dem Kaiser das Protektorat über den Verein niederlegen wird.
— Der Reichskanzler Fürst v. Bülow empfing den aus dem Amte geschiedenen Reichsbankpräsidenten Dr. Koch und später dessen Nachfolger des letzteren im Präsidium der preußischen Seehandlung sind endgültige Bestimmungen noch nicht getroffen. Die Geschäfte führt vorläufig der erste Rat des Instituts. Die Ernennung des neuen Präsidenten erfolgt wahr scheinlich erst im Frühjahr.
— Der Reichstag beriet Freitag in erster Lesung die Vorlage über den Vogelschutz und Einführung des Vogelschutzgesetzes in Helgoland. Abg. v. Wolff- Metternich (Z.) beantragt Beratung in einer 21gliedrigen Kommission. Abg. Feldmann (k) ist für Annahme der Vorlage ohne Kommissionsberatung. Abg. Dr. Vahrenhorst (Rp) hält eine internationale Regelung des Vogelschutzes für allein wirksam Abg. Geck (Soz.) verlangt weitere Verschärfungen und verurteilt die Massenvernichtung von Vögeln für Mode und Luxus. Abg. Behrens (christl. sozi) befürwortet eine scharfe Kontrolle der Vogelhändler. Nachdem noch die Abgeordneten Sommer (fr. Vp.) und v. Arendt (t) gesprochen, geht die Vorlage an eine Kommission von 21 Mitgliedern. Es folgte die Beratung der neuen Maß- und Gewichtsordnung. An der Debatte beteiligten sich die Abgeordneten Engelen (Z), v. Kapen- Hengst (k.), Stolle (Soz.) u. A. m., worauf die Verweisung wird. — Nächste Sitzung: Sonnabend. Eingegangen ist eine Interpellation betr. die preußische Enteignungsvorlaae.
— Das preußische Abgeordnetenhaus verhandelte am Freitag über den freisinnigen Antrag zur Reform des preußischen Wahlrechts. Ministerpräsident Fürst Bülow beantwortete den Antrag dahin, daß die Regierung in dieser Session des Abgeordnetenhauses keine Wahlrechtsvorlage mehr einbringen werde, sondern voraussichtlich in der nächsten. Die Einführung des Reichstagswahlrechts in Preußen lehne die Regierung grundsätzlich ab. In der Abstimmung wurde Punkt 1 des Antrags (Reichswahlrecht) gegen die Stimmen des Zentrums, der Polen und der Freisinnigen abgelehnt; Punkt 2 (Aenderung der Wahlbezirke) wurde gegen die Stimmen der Freisinnigen, der Polen und des größten Teiles der Nationallieberalen abgelehnt. (Vgl. besonderen Artikel)
an diesen Zauber geglaubt; von sorgsamer Mutterhand gehätschelt und gepflegt, glaubte er an die reine, wahre Mutterliebe, doch schon vor dem tieferen Blicke des Jünglings mußte die Täuschung schwinden. Die Hülle fiel, und hinter der Maske jener Mutterliebe schaute daS hohläugige Antlitz des Egoismus hervor. Dumpf und frostig war's von jenem Tage in den Gemächern geworden, und selbst auf die Erinnerung an sie und jene schöne Zeit, in der daS Kind sich in ihnen herumgetummelt hatte, lagerten sich schlvarze Schatten.
Julius schritt an der Seite deS alten Doktors leise, fast ängstlich durch diese hohen Räume, die er durchwan- deru mußte, um in das Schlafgemach seiner Mutter zu gelangen. Schon seit langen Jahren, seit jene helle, fröhliche Kinderstimme in ihnen verstummte, war's still in ihnen und dem ganzen Hause getvesen, aber heute herrschte eine so unheimliche, drückende Stille, als laste ein schweres Ge- heinrnis auf dem Hause, dessen gefürchtete, erschütternde Enthüllung nahe bevorstehe.
Julius wartete in dem Borzimmer, um dem alten Doktor Zeit zu lassen, die Sterbende auf seinen Bestich vor- -»bereiten, baun trat er in die dunkle, schwüle Krankenstube ein.
Wohl über eine Stunde blieb er dort, und als er, begleitet von seinen! Vater und DoktorZwenger, wieder her- auskam, lag eine ernste, ruhige Trauer auf seinem Antlitz.
Die Stirne der KommerzieuratS zeigte nicht mehr noch tiefere Furchen, als die, welche daS Alter und die Geschäfts- sorgen gezogen hatten.
Der Tod seiner Gattin griff nur in seine alten Gewohnheiten, nicht in sein Herz, für ihn war sie nur die Folie seines Namens, die Hüterin seines Hauses gewesen, Liebe hatte er nie zu ihr getragen. Und dennoch blieb dieser Todesfall nicht ohne tiefere Folgen.
* Am Sterbebette der Gattin befiel den Bankier plötzlich das drückende Gefühl der Einsamkeit; eS ward ihm klar, daß nicht Rang und Geld allein das Herz glücklich machen töniten. Er hätte viel darum gegeben, die letzten
— Die Flottenvorlage wurde in der Budgetkommission des Reichstages mit 15 gegen 3 Stimmen angenommen. Das Zentrum enthielt sich der Stimme.
— Die Stuttgarter Gemeinderatswahlen bedeuten den Anfang vom Ende der demokratisch-sozialistischen Vorherrschaft im Stuttgarter Rathause. Die Wahlen haben in diesem Jahre zum erstenmal nach dem neuen Wahlmodus (Verhältniswahl) stattgefunden Bisher waren von 28 Gemeindevertretern 15 Demokraten und 9 Sozialisiert, 6 Demokraten). Bei der Ersatzwahl wurden 3 Nationalliberale, 1 Konservativer, 1 Demokrat und 4 Sozialdemokraten gewählt.
— Der Berliner Tierschutzverein hat dem Reichskanzler telegraphisch für die im Reichstage im Jnter« esse des Tierschutzes gesprochenen Worte gedankt und zugleich gebeten, auch der Fürstin v. Bülow seinen Dank auszusprechen. Darauf hat der Reichskanzler geantwortet: „Für die freundliche Begrüßung meinen und meiner Frau herzlichen Dank. Tiere gegen Grausamkeiten schützen, heißt nicht nur die Natur ehren, sondern bedeutet auch eine Aufgabe sittlicher Erziehung. Wer gegen Tiere roh ist, wird es auch gegen Menschen sein."
— Ein Opfer des Moltke-Hardenprozesses. Das „Berl. Tageblatt" meldet: Dem Leutnant v. Kruse, dem Sohn der Frau v. Elbe, geschiedene Gräfin Kuno Moltke, wurde der erbetene Abschied aus der Armee gewährt.
— Zur Agitation für die Einführung des direkten und geheimen Wahlrecht veranstalteten die Arbeiter Berlins am Sonntag acht Versammlungen in Berlin und vierzehn in der Umgegend Die Versammlungen beschlossen alle einstimmig die Annahme einer Resolution für die Einführung des Wahlrechts. Die acht Versammlungslokale, die insgesamt etwa 11 000 Personen fassen, waren lange vor der angesetzten Stunde überfüllt und mußten polizeilich gesperrt werden. Der Anmarsch zu den Lokalen geschah in größeren Trupps. Die Sozialdemokraten hatten sich in ihren 600 Zahlstellen versammelt und waren von dort geschloffen loS- marschirt; die Säumigen wurden durch den sogenannten Schlepperdienst herangeholt, so daß etwa 51 000 Genossen zur Demonstration aufgefordert waren, zu denen sich eine große Anzahl sozialdemokratisch gesinnter Personen gesellte, die nicht organisirt sind. Auch aus Rixdorf und dem Kreise Niederbarnim hatten sich viele Genossen eingefunden. Nachdem die Versammlungen meistens gegen 1*/» Uhr geschlossen worden waren, drängte die Menge nach dem Innern der Stadt zu,
dreißig Jahre noch einmal durchleben zu können, wie ganz anders wollte er alsdann seine Jugend und daS Mannes- alter genießen. Sah er zurück, wie arm an Freuden war sein ganzes vergangenes Leben, den bei weitem größten Teil desselben hatte er im Kontor zugebracht, all sein Denken nur auf sein Geschäft gerichtet, nie für seine Umgebung und die Erziehung seines Kindes ein Auge gehabt. Jetzt erst erinnerte er sich jener Zeit, manches, was er damals nicht beachtete oder das gar seinen Unmut erregte, zog jetzt in reizenden Bildern an seinen Augen vorüber, eS war zu spät, die Liebe seines Kindes hatte er verscherzt, auch erstarb einst unbeweiut, unbetrauert! Aber nein, noch konnte er vieles wieder gut machen, nur eines Wortes bedurfte eS, und Julius öffnete ihm die Arme. Allmählig schmolz die EiSrinde, die Stolz und Gewinnsucht um sein Herz gezogen hatten, und als Julius der Mutter verzieh und diese ihn mit zitternder Stimme immer und immer wieder um Vergebung bat und über ihn und seine junge Frau den reichsten Segen vom Himmel herabflehte, da wollte es dem Bankier doch bedünken, als schössen ihm plötzlich die Tränen ins Auge, wohl die ersten, seit den längst vergessenen Jahren der Kindheit.
Julius ließ den Vater nicht zu Wort kommen. Er wußte, was im Herzen desselben vorging und sein stummer Handdruck sagte dem Bankier besser und herzlicher, wie sein Sohn dachte, al» Worte dies getan haben wür- den.
„Sie ist versöhnt mit Dir heimgegangen,"versetzt« der Bankier, während er die Rechte Julius' in seinen kalten Händen hielt, „und daß diese Aussöhnung stattgefunden hat, gereicht mir zu großem Troste. Auch ich habe ..."
„ Sprechen wir nicht weiter davon," fiel ihmJuliuS mild inSWort, „geschehene Dinge kann man nicht ändern, wohl aber vergessen."
In dem Antlitz deS KommerzieuratS zuckte eS freudig auf. „Und Deine Frau?" fragte er.
„Meta hat nie Groll gehegt," fuhr Julius fort, „ihr Herz ist zu edel, als daß eS Haß bergen könnte." 144,18