SchUchternerAitun g
mit amtlichem Areisblatt.
Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 6.
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Kchlirchterner Zeitung
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finden in der Schlüchterner lllod Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser wird doch im Februar wahrscheinlich eine Mittelmeerreise antreten. Aus Kiel wird nämlich der Voss-Ztg. gemeldet: An der kaiserlichen Jacht „Hohenzollern" sollen die in der Kieler Reichswerft vorgenommenen Unbauten und Instandsetzungen so beschleunigt werden, daß sie bis zum 10. Febr. beendigt sind. An diesem Tage hat das Schiff die Werft zu verlaffen und auf dem Strom zu ankern, um am 26. Febr. zum Auslaufen bereit zu sein. Da für die „Hohenzollern" ein längerer Aufenthalt in Genua vorgesehen ist, und sie dort auch erst ihren neuen Anstrich erhält, ist darauf zu schließen, daß sich der Kaiser erst in Genua an Bord seiner Jacht einschiffen wird.
— Die polizeiliche Bewachung des kaiserlichen Schlosses in Berlin ist unter dem Eindruck der Wahlrechtsdemonstration am Sonntag verstärkt ^worden. Auch am Montag mittag, bevor die Wache aufzog, waren gegen 100 Schutzmänner im ersten Schloßhof versammelt, denen von ihren Offizieren Instruktionen erteilt wurden. An den Zugängen zum Schloß waren bedeutend mehr Beamte aufgestellt, als gewöhnlich. Am Sonntag und Montag wurde die Schutzmannschaft, die im Schloß Dienst hatte, auf Befehl des Kaisers aus der Schloßküche beköstigt. Die polizeilichen Sicherheitsmaßregeln deuten darauf hin, daß man noch mit weiteren Zwischenfällen rechnet.
— Der Reichstag erledigte am Sonnabend in erster Beratung den Gesetzentwurf betr. Abänderung des § 833 des Bürgerlichen Gesetzbuches, Einschränkung der Haftpflicht des Tierhalters. Da ein Antrag auf Ueberweisung an eine Kommission abgelehnt wurde, wird auch die zweite Beratung gleich im Plenum
Samstag, den 18. Januar 1908.
59. Jahrgang.
stattfinden. Es folgte die Generaldiskussion über die Vorlage betr. Aenderung des § 63 des Handelsgesetzbuches. Danach soll es in Zukunft unzulässig sein, den Gehallsanspruch, der dem Handlungsgehülfen auch während einer Krankheit auf die Dauer von 6 Woche- zusteht, durch Vertrag auszuschließen. Er muß sich aber den Betrag, der ihm auf Grund gesetzlicher Verpflichtung aus der bestehenden Kranken- und Unfallversicherung zukommt, anrechnen lassen. Der Staatssekretär des Reichsjustizamts Dr. Nieberding empfahl den Entwurf zur Annahme. — Am Montag wurden die Verträge des Deutschen Reiches mit Belgien und Italien über den Schutz an Werken der Literatur und Kunst und an Photographien in erster und zweiter Lesung angenommen und die erste Beratung des Gesetzentwurfs betreffend Aenderung des § 63 des Handelsgesetzbuches, der die Gehaltsansprüche der Handlungsgehülfen in Krankheitsfällen regelt, fortgesetzt. Der Entwurf wurde einer besondern Kommission über- wiesen. Schließlich wurde die erste Lesung der Novelle zum Viehseuchengesetz begonnen.
— Das preußische Abgeordnetenhaus begann am Montag die erste Lesung des Etats. Zuerst nahm der Minister der öffentlichen Arbeiten Breitenbäch das Wort, um sich über die Tätigkeit und die Ergebnisse der Eisenbahnverwaltung zu äußern. Auf Bitten des Abg. Frhrn. v. Zedlitz (frkons) gab sodann der Minister des Innern von Moltke eine Erklärung über die Straßendemonstrationen in Berlin ab, in der er scharf gegen die Aufreizung der Masten durch die Sozial- demokratie Stellung nahm. Kultusminister Dr. Holle erklärte, daß er einer Dezentralisation in der Schul- Verwaltung sehr geneigt sei. Abg. v. Pappenheim (kons.) betonte namentlich die Notwendigkeit einer gründlichen Reichsfinanzreform. Abg. Dr. Friedberg (natl) verlangte eine übersichtlichere Etatisierung der Eisenbahnverwaltung und wandle sich gegen die geistliche Schulaufsicht. Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben verteidigte die Aufstellung des Etats, die nach den früher vom Hause aufgestellten Grundsätzen erfolge. Ferner betonte der Minister die Notwendigkeit einer flattern Amortisation der Staatsschuld. Schließlich stellte Kultusminister Dr. Holle eine Denkschrift über die Mädchenschulreform in baldige Aussicht.
— In einer Montag mittags in Köln abgehaltenen, überaus zahlreich besuchten Arbeitslosen-Versammlung, wurde die Mitteilung des Oberbürgermeisters verlesen, worin dieser sich bereit erklärt, sämtliche auf dem Kölner Tiefbauamt beschäftigten Italiener zu entlassen,
damit in ihre Stellen einheimische Arbeiter eingestellt werden können.
— Der Brooklyner Gesangverein Arion wird am 27. Juni an Bord des Lloyddampfers „Barbarossa" eine Reise nach Deutschland antreten.
— Die deutsche Hochseeflotte wird im Februar dieses Jahres eine vierwöchige Reise nach den spanischen Gewässern antreten.
— Mit dem französischen „Genosten" James beschäftigt sich die „Leipziger Volkszeitung" und meint, feine Zurückgezogenheit, in der er jetzt lebt, fei darauf zurückzuführen, daß er an einem Entwürfe über die Organisation des sozialdemokratischen Staates arbeite. An diese Mitteilung knüpft das genannte Blatt die Bemerkung: „Man muß sich fragen, ob Jaures nichts Näherliegendes zu tun hat" — Es ist interessant, daß selbst ein sozialdemokratisches Blatt wie die „Leipz. Volksztg." den Zukunftstaat als etwas in nebelhafter Ferne Liegendes betrachtet.
— Wie die Polen ihren Grundbesitz festzulegen suchen, kann man aus folgendem ersehen: Graf Stanis« laus Poninski-Wreschen hat seine 13 000 Morgen große Herrschaft in eine Familienstiftung umgewandelt, um einen Uebergang der Güter in deutsche Hände zu verhindern. Jetzt haben die reichsten polnischen Magnaten, die Grafen Soltowski, deren Güter im Posenschen liegen, ihren Besitz in eine Familienstiftung verwandelt. Gegen das Vorgehen der Grafen Soltowski erhob die Ansiedlungskommission Einspruch, da durch derartige Umwandlungen ihre Tätigkeit illusorisch gemacht werde. Das Oberverwaltungsgericht hat jedoch zugunsten der Grafen Soltowski entschieden.
— Eine Warnung vor Auswanderung nach Süd Rhodesien enthält eine Zuschrift an die „Mrdd. Allst. Ztg." aus Kapenstadt, in der es heißt: Der schon fett mehreren Jahren andauernde wirtschaftliche Niedergang Südafrikas macht sich auch in Süd-Rhodesien in so starkem Maße geltend, daß die Chartered Company öffentlich vor der Auswanderung dorthin warnt und allen Personen, die nicht eine bestimmte Stellung in sicherer Aussicht haben, davon abrät, nach Süd-Rhodesien zu kommen.
Ausland.
— In der Hauptmoschee der marokkanischen Hauptstadt Fez ist die Absetzung des Sultans Abdul Aziz erklärt und Mulay Hafid unter Verlesung einer franzosen- feindlichen Proklamation zum Sultan von Marokko ausgerufen worden. Der Grund der Absetzung Abdul
Antrennvare Kerze«.
Roman von Otmar WilmS. 49
„Du zürnst Deiner Mutter nicht, daß sie sich weigerte, Deine Frau vor ihrem Tode noch einmal zu sehen?"
„Gewiß nicht, ich kenne und ehre den Grund, der sie zu dieser Weigerung bewog, sie hatte Meta zu sehr be* leidigt, als daß sie eine Begegnung mit ihr wünschen konnte." Bei den letzten Worten hatte er seinen Hut vom Tische genommen und dem Bater die Hand gereicht. „Ich werde mit ihr und den, Kinde heute nachmittag zu Dir kommen," sagte er, dann können wir daS nähere, mie eS in Zukunft gehalten werden soll, besprechen." Er schritt hinan». Der Bankier blieb mit bem Doktor Zwenger zurück.
Noch immer war e» still, totenstill in den Gemächern, die sein Fuß jetzt wieder durchwanderte und doch, wie rasch hatte alle» sich in denselben geändert! Freilich, die Möbel standen noch auf ihrem alten Platze, die Mandarinen schauten ihn nicht freundlicher und nicht dummer an, al» vorhin, aber der frostige, unheimliche Geist, der sie vor einer Stunde noch durchwehte, war geschwunden!
Es war dem jungen Manne, al» habe er plötzlich eine »weite Heimat gefunden, die Heimat des Kinde», die dem Menschen bi» aus Grab lieb und teuer bleibt.
t M ’n Gedanken versunken über die Straße seiner Wohnung zuschritt, hörte er plötzlich seinen Namen rufen. Er sah auf und blickte in daS hochrote Antlitz Ferdinand», der fast atemlos vor ihm stand und seinen Liebling, den grauen, feisten Kater, unter dem Arme hielt.
Julius mußte lächeln. „Ihr scheint'» ja eilig zu ha- h^n," verlöte er, „dem Notar ist doch nicht» zugestoßen?"
„Ach Gost, nein," entgegnete Ferdinand im Tone der Verzweiflung, „Horn ist so gesund, wie ein Fisch im Wasser, aber meine Katze ist krank, Herr Doktor. Dreimal schon habe ich den Tierarzt gebeten, er möge einmal zu mir kommen, aber leider Gotte», wenn er kam, ivar ich nie zu Haus«. Wir haben jetzt im Bureau vollauf zu tun, so
daß ich keinen Augenblick abkommen kann, da dachte ich denn, ich wollte kurzen Prozeß machen und selbst mit dem Kater zum Arzte gehen. Nehmen Sie mir'» nicht übel, Herr Doktor, die Zeit drängt, und da» Schicksal der armen Tieres beunruhigt mich so sehr, daß ich unmöglich länger mit Ihnen plaudern kann." Bei den letzten Worten war er schon davon gerannt.
Julius sah ihm kopfschüttelnd nach und setzte dann seinen Weg fort.
Er war noch keine Stunde in seinem Hause, al» schon der Wagen seine» Vater» vorfuhr um ihn und seine Familie abzuholen.
Der Kommerzienrat konnte seine Ungeduld nicht länger bezähmen, am Fenster wartete er die Rückkehr seines Wagens ab, und als dieser am Portal anfuhr und Julius Mit der jungen, blühenden Frau und dem lieblichen Kinde auSstieg, da überstieg seine Freude jede Schranke. Er eilte hastig seinen wiedergefundenen Kindern entgegen, drückte Meta, die einen solchen Empfang nicht erwartet hatte, stürmisch an seine Brust und nahm das Kind, welche» jauchzend die Händchen nach ihm auSstreckte und aus seinen Hellen, blauen Augen ihn freundlich anschaute, auf den Arm.
Der alte Mann war plötzlich selbst wieder zum Kinde geworden. Er ruhte nicht eher, bis die beiden Gatten ihm da» Versprechen gaben, nach der Beerdigung der Mutter zu ihm inSHauS ziehen zu wollen.
Bon jenem Tage an lebte der Bankier neu auf. Wieder spielte ein Kind in den großen, eleganten Gemächern, wieder erfreuten die stummen Mandarinen sich einer zart- lichen Teilnahme und kindlich naiver Anreden, aber nicht mehr wie damals tat ein ernster Mann diesem Spiel mit mürrischer Miene Einhalt. Ja, selbst in dem Privatkabinett der Kommerzienrat», welches die Kommi» nur mit Zit- tern betraten, in dem die reichsten Kaufherren in gedämpftem Tone sprachen, durfte frei und ungestört die Helle Kin- deSstimme lachen und jauchzen, den alten freundlichen Herrn mit den silbergrauen Haaren und der goldenen Brille, der hinter dem hohen, vergitterten Pultesaß, störte dies nicht
Nur wenn e» ihm zu bunt ward, schaute er wohl einmal auf und drohte mit dem Finger, doch da» freundliche Lächeln, welches diese Drohung stet» begleitete, nahm ihr nicht nur jede Wirkung, e» erhöhte sogar den Jubel bei Kinde».
Jahre kamen und schwanden, der Geist der Liebe aber blieb in dem Hause de» Kommerzienrat», in welche» er mit dem Kinde jubelnd eingezogen war.
— Ende. —
Der durchgefallene Generalsuperiutrudeut.
Bor längeren Jahren befand sich der Generalsuperintendent F. au» W. auf einer BisitationSreise und kam u. a. auch nach Sch. Nachdem er dort seine Amtspflichten erledigt hatte, folgte er einer Einladung der Frau Pfarrer zu einer Tafle Kaffee. Sie hatte im großen Pfarrgarten draußen gedeckt, wo am Rande eine» Teiches ein Gartenhäuschen stand. Die Gegend dort ist auch heute noch sehr reich an Karpfenteichen, und der Pfarr- stelle ist ein solcher eigen. Nun war die Hütte schon zum Teil über Wafler erbaut und hatte Ihre Jugendblüte bereit» hinter sich. Ein Generalsuperintendent gehört aber zu den „gewichtigen" Persönlichkeiten. Für die schon altersschwachen Fußbodenbretter war er zu schwer. Sie brachen durch, und der hohe, geistliche Herr stand plötzlich bis an die Knie auf schlammigem Teichgrunde. Groß war der Schrecken rundum. Man half dem Gesunkenen schleunigst empor und ergoß sich in taufenb Entschuldigungen Der Generalsuperintendent jedoch, liebenswürdig und freundlich wie bisher; wehrte ab und sagte: „Lasten Sie es gut fein, Herr AmtSbruder! Jedenfalls ist el heute zum erstenmal vorgekommen, daß ein Pfarrer deu Generalsuperinlendenteu durchfallen läßt."
Beruhigt» Onkel: „Ich werde mein Geld den Armen und Bedürftigen hinterlassen!" — Neffe: „Gott sei Dank, ich hatte schon Angst, Du würdest mich vergessen!" „ - 144,18k