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SchlüchternerMung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

32 10. Samstag, den 1. Februar 1908. 59. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Im weißen Saale des Kgl. Schlosses fand am Mittwoch abend der erste Hofball statt. Gegen 9 Uhr betrat der Kaiser in der Uniform des 1. Garde-Regi­ments mit der Kaiserin, die eine lichtgrüne Schlepprobe trug, den Saal. Es folgten die in Berlin anwesenden Fürstlichkeiten. Die Kaiserin wandte sich zuerst zu den Fürstinnen, den Damen der obersten Hofchargen und den Gemahlinnen der Botschafter und nahm dann den Platz auf dem Thron ein. Der Kaiser begrüßte zu­nächst die Gemahlinnen der Botschafter und Gesandten, dann die Herren des diplomatischen Korps und zog weiter in immer gleicher Frische und Lebhaftigkeit zahlreiche Herren ins Gespräch. Inzwischen begann der Ball. In Karrees am Throne tanzten sämtliche jungen Prinzen mit den Prinzessinnen.

Im Anschluß an die Order des Kaisers vom 30. Januar 1907, 1. daß der Anfang August 1905 ausgebrochene Aufstand in Deutsch-Ostafrika mit dem 18. Februar 1907 als beendet anzusehen ist, 2. daß als Kriegsteilnehmer diejenigen Deutschen anzusehen sind, die während der Dauer des Aufstandes a) an einem Gefecht teilgenommen haben, b) in den Auf­standsgebieten Daressalam, Mohoro, Kilwa, Lindi, Ssongea, NemLangenburg, Mahenge, Jringa, Mpapua, Morogoro, Moschi und Muansa mindestens einen Monat in fortlaufender Zeit militärische Verwendung gefunden haben; 3. daß jedes der Jahre 1905, 1906 und 1907 als Kriegsjahr anzurechnen ist, sofern die Voraussetzungen unter 2a oder 2b in jedem dieser Jahre zutreffen. Hat die Beteiligung in den Jahren 1905 und 1906 beziehungsweise 1906 und 1907 zu­sammen mindestens einen Monat in fortlaufender Zeit betragen, so ist dasjenige Jahr, in welches die längere Beteiligung fällt, als ein Kriegsjahr anzurechnen, sofern keines der beiden Jahre bereits sonst als Kriegsjahr zu erhöhtem Ansatz kommt.

Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte am Sonnabend eine Anzahl Etats debattelos. Beim Etat der Domänenverwaltung brachten mehrere Abgeordnete Spezialwünsche ihrer Wahlkreise vor, die Ministerial­direktor Thiel beantwortete. Bei der Beratung des Etats der Forstverwaltung fragte der Abg. Felisch (kons.) den Minister, in welchem Umfange die Abholz» ung des Grunewalds bei Berlin geplant sei, dessen Erhaltung für die Berliner Bevölkerung in gesundheit­licher Beziehung dringend erwünscht sei. Minister v. Arniin erklärte, daß der Hauptteil des Grunewalds

erhalten und nur der nördlich von der Döberitzer Heerstraße belegene Teil, der bisher schon dem Publikum fast verschlossen war, der Bebauung erschlossen werden solle. Die weitere Debatte bot nichts Bemerkenswertes.

Die Polen wissen, was sie sich schuldig sind. Die Enteignung ist angenommen. Jetzt gilt es, polnische Nationaltrauer zu markieren. Wir wären die letzten, die über den Ausdruck eines echten Gefühls spotten würden, aber gegenüber bloßer Pose kann man un- inöglich ernst bleiben. Man höre. Der VereinLutnia" hat beschlossen,mit Rücksicht auf die gegenwärtigen Verhältnisse" keinen Ball, sondern nur einen bescheidenen Teeabend mit anschließendem Tanz zu veranstalten. Der Presseverein, dessen Vorsitzender Herr von Koscielski ist, wird auch von einem Karnevalsball abseyen und dafür nur einlebendes Tageblatt" aufführen,damit Europa, welches gleich den Polen entrüstet sei, sehe, daß sie auf die bestehenden Verhältnisse reagierten." Wir gönnen ihnen nicht minder diese nationale Trauer, die so fein zu unterscheiden weiß zwischen einem Ball und einem Tänzchen. Ja, die Herren verstehen sich auf die Mache. Das muß ihnen der Neid lassen.

Ein starker Andrang ausländischer Arbeiter macht sich jetzt an der oberschlesischen Grenze infolge der Teuerung in Galizien und Russisch-Polen bemerk­bar, so daß die Vermittlungsämter nicht genug Ar­beitsstellen beschaffen können.

Ein vergeblicher sozialdemokratischer Vorstoß wird aus Karlsruhe gemeldet. In der zweiten badischen Kammer wurde von sozialdemokrätischer Seite versucht, die Wahlrechtserklärung des Fürsten Bülow in die Debatte zu ziehen. Staatsminister v. Dusch lehnte jedoch ein Eingehen darauf ab; er trete in keine Aus­einandersetzung in dieser Angelegenheit ein.

Wieder haben sozialdemokratische Streikexzesse ihre gerechte Strafe gefunden. Während des vorjähr­igen Zimmererstreiks in Düsfeldorf hatten die Zimmerer Karl Karek und Georg Geiser, Mitglieder des sozial­demokratischen Verbandes, einen arbeitswilligen Be­rufskollegen mißhandelt und einen Zimmermeister mit den WortenSchlagt den Hund tot l" bedroht. Die Strafkammer verurteilte jetzt den Karek zu einer Woche Gefängnis, den weniger schuldigen Geiser zu 10 Mark Geldstrafe. Die Strafkammer in Krefeld setzte gegen den Zimmerer Ernst Orth eine Gefängnisstrafe von zwei Wochen fest, weil er während des dortigen vor­jährigen Zimmererstreiks gemeinschaftlich mit andern Ausständigen einen Arbeitswilligen fortgesetzt belästigt

und beschimpft hatte. Seine Komplizen wurden be reits früher zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Die Folgen der sozialdemokratischen Hetzerei haben sich wieder einmal bei dem Textilarbeiterstreik am Niederrhein gezeigt, der mit einer Niederlage der Streikenden geendet hat. Daß selbst die sozialdemo­kratischen Gewerkschaftsführer zur Wiederaufnahme der Arbeit rieten, die doch erst den Streik in Szene gesetzt hatten, hat die dortigen Arbeiter sehr erbittert. In einer Resolution haben sie den Verbandsvertretern ein Mißtrauensvotum ausgesprochen. In diesem Miß­trauensvotum geben sie den Verbandsvertretern die ganze Schuld an der Niederlage, da die Vertreter durch die Verweigerung der anfänglich zugesagten Unter­stützung den Unternehmern den Rücken gestärkt hätten. Die führendenGenossen" kriegen es nun mit der Angst; denn derVorwärts schreibt:Hoffentlich lassen die niederreinischen Textilarbeiter sich von ihrer augenblicklichen Stimmung nicht hinreißen, der Organisa­tion den Rücken zu kehren. Durch ein solches Tun würden sie dem Unternehmertum einen Gefallen er­weisen." Das einzig Richtige wäre es freilich, wenn sie sich von der Sozialdemokratie losmachten.

Ausland.

In New-Aork, fand in prunkvollster Weise die Vermählung der Tochter Cornelius Vanderbilt mit dem ungarischen Grafen Szegenyi statt. Der Papst sandte seinen Segen durch Monsignore St. Patricks, der die Eheschließung vornahm. Am 4. Februar wird sich das Paar zu einer Reise nach Europa einschiffen.

Aus Konstantinopel wurden 10 neue Todesfälle von Cholera gemeldet.

Die deutsche Turnerschaft in St. Louis (Nord­amerika) hat beschlossen, zu dem im Juli d. Js. in Frankfurt a. M., stattfindenden Turnfest zwei Abteil­ungen zu je 10 Mann zu entsenden.

Nach einer Meldung aus Manchester ist der Streik in der englischen Baumwollindustrie beendet. Die Arbeiter haben in letzter Stunde sämtliche Be­dingungen der Arbeitgeber angenommen, und die letzteren haben die angedrohte Aussperrung nicht ver­wirklicht.

4 Die politische Lage in Portugal ist wieder ein­mal recht kritisch, und die scheinbare Ruhe war an­scheinend die Ruhe vor dem Sturm. Aufregende Meldungen kommen von der portugiesischen Grenze. Danach wurden 300 Republikaner verhaftet; die Woh-

Gdle Kerzen.

Roman von Erwin Friedbach. 4

Bekannte kamen und wünschten, Dora vorgestellt zu werden. An allen benachbarten Tischen betrachteten die Herren sie mit unverhohlener Neugierde, einige sogar recht zudringlich, so daß sie unausgesetzt errötete und nicht mehr wußte, wohin sie die Augen wenden sollte. Aber ange­nehm war es doch, sich als den Gegenstand des allgemei­nen Interesses zu wissen. DoraS Sicherheit nahm zu, sie fühlte die Brust geschwellt von seligen Hoffnungen und Le­benslust ; das Bewußtsein ihrer Schönheit breitete sich in ihrem Innern aus, sie ahnte, daß diese eine Macht sei, vor der sich alle huldigend beugen würden.

Der wolkenlose Himmel breitet sich über einen stillen, ringsum von niedriger Tannenwand umschlossenen Park am Meer, dessen Blätterwerk schon stark die Spuren de» Herbstes zeigt. Die Front des weißen, schloßartigen Haupt- gebäudeS, rechts von einem runden Turm flankiert, liegt der ostholsteinischen Heide zugewendet, von der eS durch eine Reihe hochstämmiger Buchen zwischen lebender Hecke getrennt ist.

Es war Spätnachmittag.

In einem elegant auSgestatteten Gartensalon mit efeu- umrankten Fenstern und direkt in den Park führendenGlaS- türen, durch die die letzten roten Strahlen der sinkenden sonne hereinfluteten, befanden sich zwei Damen: Frau Therese vonAst, beschäftigt, der Jüngeren, zu Anfang der Dreißig stehenden, vorzulesen. Die Spitze ihrer schwarzen Tüllhaube berührte zwischengrauenSeitenlocken bie Stirn eines gelblichblassen Gesichts mit scharfgeschnittenen, aber durchgeistigten Zügen, die deutlich ausgeprägt einen lange getragenen, herben Kummer verrieten.

Jetzt hielt sie inne unb sah forschend zu der in ihrer Nähe sitzenden Schwiegertochter hinüber; dabei zuckte ver- stöhlen ein halb schmerzliche», halb belustigtes Lächeln um ihre Lippen.

Rosamunde war während der Lektüre sanft entschla­fen. Ihre mittelgroße, üppige Gestalt, die ein weinroteS Kleid von modernem Schnitt eng umspannte, lehnte zu­rückgesunken im Seffel. Das volle Antlitz zeigte Gutmü­tigkeit, sowie die Ruhe behaglicher Zufriedenheit. Doch konnte es dem aufmerksamen Beobachter auch nicht ent­gehen, daß die starken Brauen gefärbt, die vollen Lippen leicht geschminkt waren, und das kunstvoll über der schma­len Stirn geordnete, schwarze Haar daS Bestreben, jugend­lich-anmutig zu scheinen, erkennen ließ.

Sie schloß das Buch, es war das kunstgeschichtliche Werk eines modernen Autors, und legte eS neben sich auf den Tisch. Doch obgleich eS vorsichtig geschah, wie um die Schlafende nicht zu stören, erwachte diese doch und sahfreundlich,obwohlein wenigbeschämt,die ältereDamean.

Frau Therese von Ast, befand sich erst seit einigen Wochen auf Friedrichsheim; sie hatte bis vor kurzem teils in Berlin, teils im Süden gelebt, bis ihre zunehmende Kränklichkeit sie zwang, ständigen Aufenhalt in der Fa­milie ihres jüngeren Sohnes Roderich, der die Besitzung verwaltete, zu nehmen.

Zu ihrem Leidwesen hatte die kurze Zeit genügt, ihr zu enthüllen, daß diese Ehe trotz aller scheinbaren, äuße­ren Uebereinstimmungen im Leben der beiden Gatten doch keine glückliche zu nennen war. Der Grund lag ohne Frage in Rosamundes mangelndem Verständnis der geistigen In­teressen ihres Mannes.

Mein Gott, ich bin wohl eingenickt? Vergib, Mama- chen, aber wir brachten den ganzen Morgen mit Pflau- »leneiukochen zu, daS unS diesmal viele Arbeit verur­sachte. Ich ließ nämlich die Masse dreimal aufkochen, sämt­liche Gläser ausschwefeln und hermetisch verschließen, da- mit eS unS nicht wieder passiert wie voriges Jahr, wo sie schon um Weihnacht anfingen, schimmlig zu werden; denn Pflaumen sind doch einmal RoderichS LieblingSkom- pot, und ..."

Sie hielt inne, daS gütige, aber ausdrucksvolle Lä­cheln der älteren Dame wurde von neuem sichtbar und

ließ sie unwillkürlich verstummen. Sie empfand deutlich die geistige Ueberlegung der verehrten Mutter ihre» Man­nes, den sie verehrte, und angesichts dieser die eigene Un- wissenheit, ohne doch im Grunde recht zu begreifen, daß ihre mustergültige Wirtschaft, eine schöne, spiegelblank« Wohnung, vorzüglich zubereitete Speisen und gegenseiti­ges, liebevolles Einvernehmen nicht die Hauptgegenständ» sein sollten, um welche sich das ganze Dasein drehte.

Meine liebe Rosamunde," in Frau von Ast» Zügen zeigte sich ein Ausdruck, als koste es sie Ueberwindung, den heiklen Punkt zu berühren,ich bin überzeugt, Roderich ist Dir dankbar für die zarte Fürsorge, mit der Du allen seinen Wünschen zu begegnen weißt, ich möchte sogar be­haupten, Du gehst darin fast ein wenig zu weit und ver­wöhnst ihn gewissermaßen durch allzu breite Unterord­nung und Nachgiebigkeit. Ich bin überzeugt," fuhr sie zö­gernd fort,er würde Dir dankbar sein, wenn Du ver­suchtest, Dich geistig mehr ihm anzupassen, feinen Gesprä­chen über Litteratur und höhere Dinge ein wärmere» Ver­ständnis entgegen zu bringen. Meine Worte klingen wie ein Vorwurf, aber daS sollen sie nicht sein, Du weißt, wie lieb ich Roderich habe, und Dich al» seine Frau mit ihm, und daß ich nicht» sehnlicher wünsche, als Euch so recht glücklich zu sehen."

Rosamunde hatte der Auseinandersetzung ihrerSchwie- germutter aufmerksam zugehört.Du hast recht, liebe Mama, ich habe diesen Mangel meinerseit» auch hin und wieder selbst empfunden, ohne mich jedoch darüber zu grämen. Der Mensch kann eben nicht über sich selbst hin­aus, und ich vermag den hochtrabenden Dingen keinen Geschmack abzugewinnen, au» dem einfachen Grund«, weil sie mir unverständlich sind."

Frau Therese von Ast rüstete sich eben zu einer Ent­gegnung auf diese ihr nicht ganz stichhaltig dünkende Ver- digung RosamundeS, als vom Parke herkommend ein ju­gendlicher Mann in dasGartenzimmer trat,eine vornehme, reckenhafte Gestalt mit lässigen Bewegungen, doch voll männlicher Anmut. 140,18