SchlüchternerAttun g
mit amtlichem Areisblalt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 11.
Mittwoch, den 5. Februar 1908.
59. Jahrgang.
Der König und Kronprinz von Portugal erschossen.
Ein Verbrechen von einer Grausamkeit, wie es in der Weltgeschichte ohne gleichen dasteht, wurde am Samstag abend in Lissabon verübt. Der König Don Karlos I. von Portugal und sein ältester Sohn, der Thronfolger Ludwig Philipp, wurden nach ihrer Rückkehr aus der Villa Vicosa von einer Gruppe Bewaffneter erschossen, Der zweite Sohn, Jnfant Manuel, wurde leicht verwundet, die Königin Amalie blieb unverletzt. Die Leichen wurden um 9 Uhr abends in zwei geschlossenen Landauern nach dem Palais Nece- ssidades, von Munizipialtruppen eskortiert, übergeführt. Nachmittags war das Königspaar aus der Villa Vicosa nach Lissabon wieder zurückgekehrt. In dem Augenblick, als der Wagen in die Arsenalstraße einbog, schoß eine Anzahl mit Karabinern bewaffneter Leute anf den König und den Thronfolger, die beide sterbend in den Marinesaal gebracht wurden. Als die Schüsse fielen, erhob sich die Königin um den Thronfolger mit ihrem Körper zu decken, jedoch war dies Opfer mütterlicher Liebe nutzlos. Der König wie der Kronprinz wurden jeder von drei Kugeln durchbohrt. Die Mörder schössen aus nächster Nähe, sodaß sie ihr Ziel sicher wählen konnten. Sie vermieden es auf die Königin zu schießen und auch Jnfant Manuel erhielt nur durch einen Zufall eine leichte Verletzung.
Die Gründe für die verbrecherische Tat sind bekannt. Im November vorigen Jahres errichtete der Ministerpräsident Franco, als er mit dem Parlament in Konflikt geraten war, die Diktatur. Es herrschte stellenweise Beamtenbestechung und eine Parla^ieUts- und Behördenkorruption ohne gleichen. Da lange Zeit das Schicksal des Landes in Händen der konservativen Partei lag, so glaubte man durch einen Wechsel der Zustände Herr zu werden und die Leitung des Kabi- nets wurde dem Liberalen Franco übertragen. Allein bei seiner Tätigkeit stellte sich sofort eine Art Parla- mentsstreik ein, sodaß Franco dasselbe auflöste. Die ersten Sturmboten erschienen in der Sitzung vom 28. November 1906. Der repuplikanische Abgeordnete Alfonso Costa hielt in derselben eine lange Rede über die Verhältnisse des Landes und namentlich über die ungeheuren Vorschüsse an das königliche Haus und er verlangte daß der Ministerpräsident sofort vollständige Abrechnung über die Vorschüsse vorlege und daß er der Person die den Nutzen davon hat, sagt, wie notwendig es sei, alles zurückzuzahlen, mit Zins ohne Ausnahme
eines einzigen Postens. Und dann wenn alles bezahlt ist, muß er dieser Person sagen: „Sennor, ziehen Sie sich zurück und gehen Sie aus dem Lande damit ich Sie nicht ins Gefängnis stecken muß." Der Kammerpräsident verlangte Widerruf dieser Aeußerung. Der Abgeordnete nahm nichts zurück, worauf er von der Sitzung ausgeschloffen wurde.
Dieser Vorgang kennzeichnet das mächtige Erstarken einer revolutionären Bewegung und hierauf führte Franco mit der Zeit die vollständige Diktatur ein. Die Zustände im Lande sind durch die zahlreichen indirekten Steuern unerträglich. Es gibt fast keinen Gegenstand der nicht mit einem Zolle belastet ist. Die Steuereintreibung wird dadurch geradezu unerträglich, da sie an den Meistbietenden verpachtet ist. Selbst Reisende, die sich auf ihren Wagen einen Vorrat an Früchten mitnehmen, verfallen bei Eintritt in eine Stadt sofort der Zollpflicht — Ueber die Persönlichkeit Francos wir mitgeteilt, daß er aus der entlegensten Gegend des Landes stammt, wenig Bildung besitzt und nicht über gute Maniren verfügt. Sein jüngstes Dekret das am Tage des Königsmordes publizirt wurde verfügte die Ausweisung aller verdächtigen Personen oder ihre Deportation in die Kolonien. In diesem Dekret, das natürlich ohne die kgl. Genehmigung nicht hätte erlassen werden können, hat man den unmittelbaren Anlaß zu der Katastrophe zu suchen.
König Karlo wurde als ältester Sohn des Königs Ludwig I. und der Königin Maria Pia, einer Tochter des Königs Viktor Emanuel von Italien am 28. September 1863 in Lissabon geboren und bestieg nach dem Tode seines Vaters am 19. Oktober 1889 den Thron. Am 22. Mai 1885 hatte er sich mit der am 28. September 1865 geborenen — der König und die Königin feierten an dem gleichen Tage Geburtstag — Prinzessin Amalie von Orleans-Boürbon vermählt. Dieser Ehe sind 2 Söhne entsprossen. Der mit dem Könige ermordete Thronfolger Jnfant Ludwig Philipp, der am 21. März 1887 geboren wurde, also im kommenden Monat sein 21. Lebensjahr vollendet hätte, und der Jnfant Manuel, der am 15. Oktober 1889 geboren wurde.
Eine Sonderausgabe des „Diario de Governo" veröffentlicht folgende Proklamation des Königs:
„Portugiesen! Ein verabscheuungswürdiger Anschlag hat mein Herz mit tiefstem Kummer als Sohn und Bruder erfüllt. Ich weiß, daß die Nation meinen Schmerz teilt und mit Unwillen dieses verabscheuungs ,
würdige und in der Geschichte noch nicht dagewesene Verbrechen verdammt. Durch die Verfassung bin ich berufen, die Geschicke des Königreiches zu leiten. Demgemäß werde ich alle meine Kräfte anstrengen zum Wohle des Vaterlandes und um die Liebe des portugiesischen Volkes zu gewinnen. Ich werde für die katholische Religion und den unantastbaren Bestand des Königreiches eintreten und die politische Verfassung des Volkes zu erhalten trachten. Auch erkläre ich, daß ich gesonnen bin, die gegenwärtigen Minister in ihren Stellungen zu belassen, gez. Manuel II."
Die Proklamation ist von allen Ministern gegen- gezeichnet. In einer weiteren königlichen Botschaft wird eine allgemeine Trauer auf vier Monate angeordnet. Alle öffentlichen Lustbarkeiten fallen aus. Die Leichen des Königs und des Kronprinzen sind einbalsamiert und in demselben Zimmer des Schlosses aufgebahrt. König Manuel trägt einen Arm in der Binde. Er erklärte, daß er keine Schmerzen habe. Die Polizei beobachtet strengstes Stillschweigen über die Persönlich« feit der Mörder und die von ihr eingeleitete Untersuchung.
Der Staatsrat und die Minister traten Sonntag im Schloß zusammen, um König Manuel II. den Huldigungseid zu leisten.
Politischer Wochenbericht.
Die verflossene Woche hat für jeden patriotisch empfindenden Deutschen durch den Geburtstag unsers geliebten Kaisers ein auszeichnendes Gepräge und einen festlichen Charakter empfangen. Umso lebhafter aber iußerte sich diesmal die Festesfreude, als Kaiser Wilhelm nach völlig überwundener Krankheit wieder in alter Kraft und Frische seines Amtes zu walten vermag. Es ist naturgemäß, daß an dem Geburtstage eines Herrschers, der von so maßgebendem Einflüsse auf die Geschicke seines Landes und Volkes ist, auch die politischen Verhältnisse Deutschlands in den Kreis der Festesbetrachtung einbezogen werden. Da dürfen wir nun wohl mit gutem Rechte feststellen, daß im abgelaufenen Lebensjahre den Monarchen die erfreulichen Momente überwiegen. Das Kamarillageschwätz ist beseitigt, und die Blockpolitik hat sich bewährt. Einen dunklen Flecken bildet nur das revolutionäre Treiben des innern Feindes, der Sozialdemokratie, wie sich solches erst jüngst wieder in den sogenannten Wahlrechtsdemostrationen kund gab. Keinen dringenderen Wunsch gibt es daher für die Gegenwart am Geburtstage des Kaisers als den, Gott wolle die Herzen unseres
Gdle Kerze«.
Roman von Erwin Friedbach. 5
Dunkelblondes, welliges Haupthaar schmückte ein regelmäßiges Antlitz mit träumerisch blicken den Augen, die auf eine Schönheit unsichtbarer Art gerichtet schienen. Auch um die von einem weichen Bart beschatteten Lippen lag ein Zug von Träumerei, der in eigenartigem, höchst anziehenden Gegensatz ju der kraftvollen Männlichkeit der ganzen Erscheinung lag.
Er küßte seiner Mutter artig die Hand und wandte sich hierauf zu Rosamunde, die ihm entgegenschritt und ihren Gatten, den sie abgöttisch verehrte, mit stürmischen Liebkosungen willkommen hieß, die er als etwas Gewohntes gleichgültig über sich ergehen ließ; dann griff er nach den eingetroffenen Zeitungen und vertiefte sich in deren In- halt, von Zeit zu Zeit eine Bemerkung über die neuesten politischen Ereignisse mit Frau von Ast austauschend, während Rosamunde die Briefschaften zur Hand nahm.
„Mein Bruder Ulrich schreibt mir," begann sie, etwas ängstlich die Züge ihres Mannes prüfend, „die von uns gesuchte, junge Dame für Lenore sei gefunden, und zwar in der Schwester Fräulein Wilmas. Das paßt ja ailsge- zeichnet. Er sendet hier ihr Bild, bitte, Schatz, sieh' es Dir doch einmal an."
- . ^ivlschen den geraden Brauen Roderich von Asts zeigte sich eine ^alte des Unmuts. Die Aussicht auf dasEindrin- gen einer wildfremden Persönlichkeit in den engen Kreis seiner Familie berührte ihn peinlich
„Hat denn das so große Eile?" fragte er, ohne von der Zeitung aufzusehen."
„ «3a, Rodi, eS wird Zeit, daß Lorchen regelmäßigen Unterricht erhalt; so gern ich eö Dir erspart hatte, um deS Kindes willen müssen mit die Unannehmlichkeit ertragen."
„Lorchen ist noch klein! Sollte es denn nicht genügen, tvenn ich sie täglich eine Stunde unterrichte?"
Rosamunde lachte .Mein Liebling, das genügt kei
neswegs ; anstatt zu lernen, tändelt Ihr wie zwei Verliebte miteinander. Ich müßte Euch nicht kennen!"
„Mein Gott, der Gedanke, von morgen» bis abends so eine steifnackige, pendantische Erzieherin um mich zu sehen, auS deren gestrengen Mienen ich fortwährend Borwürfe über meine irdische Unvollkommenheit zu genießen bekomme, ist mir einfach fürchterlich. Erzeige mir den Gefallen und verschone mich wenigstens vorläufig noch mit dieser unerträglichen Geißel, Rosamunde."
Die junge Frau sah, ein wenig bestürzt durch Rode- richs energische Abwehr und wie hilfesuchend zu der Mutter hinüber, die sich hier ins Mittel legen zu müssen glaubte.
„Mein guter Juuge," äußerte sie mit ihrer milden, versöhnenden Stimme, „eS gibt Unannehmlichkeiten, denen ein Familienvater auS Pflicht gegen die Seinen sich nicht entziehen darf. Rosamunde hat vollständig recht, Lärchen bedarf deS Unterrichts; überdies würde Dir auch schon deshalb der Eintritt einer Fremden in unseren Kreis nicht erspart bleiben können, weil ich meiner geschwächten Augen wegen das Bedürfnis habe, eine junge Dame für mich zu halten, die mir ein paar Stunden des Tages vor- liest. Ein solches Amt aber läßt sich sehr gut mit den bescheidenen Pflichten einer Lehrerin unseres sechsjährigen LorchenS vereinen, und deshalb haben Rosamunde und ich beschloßen, Fräulein Dora Fürstner kommen zu lassen, die eine Tochter meiner verstorbenen Jugendfreundin ist und meine besondere Teilnahme besitzt."
Roderich machte seiner Mutter eine kleine scherzhafte Verbeugung. „Dieser Autorität gegenüber muß ich natürlich die Segel streichen und mich fügen, aber Ihr werdet mich wenig mehr zu Hause sehen, ich besitze nämlich eine unüberwindliche Abneigung gegen die pedantischen Allüren so einer vertrockneten Drillmaschine, die sich Erzieherin nennt."
Frau von Ast lächelte fein. „Das Bild, daS Du da entwirfst, mein Sohn, trifft hier durchaus nicht zu. Fräulein Fürstner wurde von ihrem gelehrten Großvater streng
häuslich zu keinem bestimmten Beruf erzogen, kann also von den gefürchteten Allüren der gestrengen Lehrerin nicht daS Allergeringste besitzen."
Roderich fügte sich schweigend, er hielt den Gegenstand für erledigt und begann von neuem zu lesen, wobei ein müder, düsterer Ausdruck in seinen Zügen sichtbar wurde.
RosamundeS Augen hingegen leuchteten vor Freude, und heimlich drückte sie der alten Dame für den wirksamen Beistand dankend die Hand.
„Wie gut, daß Mama zu unS gekommen ist," dachte sie beim Hinausgehen, um nach dem Abendbrot zu sehen, und beschämt ihrer früheren Befürchtungen sich erinnernd: „Seine Mutter wird wie ein FriedenSengel zwischen unl walten und alles zum besten wenden; nun fürchte ich auch die Ankunft des schönen, jungen Mädchens nicht mehr, im Gegenteil, zweifellos bringt sie Leben inS Hau». Roderich wird sich mit ihr nach feinem Geschmack unterhalten können, und der Schatten, den Mama auf seinem Gemüt bemerkt haben will, wird durch den regeren Verkehr vielleicht bald schwinden."
Frau von Ast aber lehnte den Kopf zurück und verfiel in schmerzliches Sinnen. Sie konnte e« sich nicht länger verhehlen, daß Roderich» Heirat, die unter ungewöhnlichen äußeren Umständen stattgefunden, unbefriedigend für ihn ausgefallen war.
Vor etwa neun Jahren hatte ihr ältester Sohn Hen- ning, der als Referendar die diplomatische Laufbahn einschlagen wollte, sich mit Rosamunde von Waßmut, der Tochter eines angesehenen Beamten, verlobt. Frau von Ast suchte diese Verbindung zu verhindern, weil Henning infolge seiner zum Leichtsinn neigenden Veranlagung in schlechte Gesellschaft geraten war und sich auf der abschüssigen Bahn zum unvermeidlichen Untergang befand. Wiederholt hatte sie bereitwillig seine Spielschulden bezahlt, weigerte sich jedoch standhaft, als er trotz aller dringenden Ermahnungen zum viertenmal mit einem ähnlichen Anliegen zu ihr kam. £ 1*0,18