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SchlüchternerZeitung

mit amtlichem Areisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 13.

Mittwoch, den 12. Februar 1908.

59. Jahrgang.

Die Keisetzungsfeierlichkeiten in Lissabon.

Die Ueberführung der Leichen des Königs und des Kronprinzen von dem Palais Necessidades zur Kirche San Vincente fand Samstag mittag in feier­lichem Zuge statt. Zwischenfälle ereigneten sich nicht. Zur Aufrechterhaltung der Ruhe und zur Sicherheit der geladenen Gäste waren große Truppenmassen auf» geboten. An der Stelle, wo das Attentat verübt worden war, war eine Kavallerie-Abteilung aufgestellt. Aber trotz des großen Menschenandranges vermieden es die Leute, sich dort aufzustellen. Auf den Straßen, durch welche sich der Leichenwagen bewegte, herrschte feierliche Stille. Vor dem Leichenwagen fuhren in Galawagen die hohen Würdenträger und die Vertreter fremder Staaten und Fürsten, darunter Prinz Eitel Friedrich von Preußen, Prinz Ferdinant von Bayern, der Herzog von Connaught und der Graf von Paris.

Die außerordentlichen Gesandschaften der Sou­veräne und Staatsoberhäupter waren einzeln von König Manuel II. vor Beginn der Trauerfeierlichkeiten empfangen worden. Der König gab den an ihn gerichteten Bitten nach und wohnte dem Leichenbe­gängnis nicht bei. König Manuel und die Königinnen Maria Pia und Amelia gingen hinter den Särgen bis auf die Terrasse der Schloßkapelle; sie trugen große Wachskerzen in der Hand. Als sich der Trauerzug in Bewegung setzte, kehrte die königliche Familie in das Palais zurück.

Kriegsministerium einen Eingriff in die Kommandoge­walt des Kaisers bedeuten würde. In diesem Sinne sprach sich auch Abg. v. Oldenburg (kons.) aus, der auch seiner Entrüstung über das Benehmen der Sozial- demokraten bei der Beileidskundgebung für den König von Portugal Ausdruck gab. Das Ministergehalt wurde bewilligt. Der Reichstag setzte am Donners­tag die Beratung des Militäretats fort. Abg. Stücklen (Soz.) trat wieder einmal das Thema der Soldaten­mißhandlungen breit. Generalleutnant Sixt v. Arnim bezeichnete das Bild der Mililär-Strafrechtspfleg e als durchaus erfreulich, da die zahl der Rückfälligen im Sinken sei. Eine Reihe der zum Etat eingebrachten Resolutionen wurde zur Abstimmung gebracht. Sonst brächte die Debatte nichts Wesentliches. Am Freitag wurde in namentlicher Abstimmung mit 203 Stimmen der Blockparteien und der Polen gegen 112 Stimmen ein Kompromißantrag angenommen, nach dem die Zuckersteuer vom 1. April 1909 an auf 10 Mark pro 100 kg Reingewicht herabgesetzt wird, sofern bis dahin Gesetze zustande kommen, die eine Erhöhung der eigenen Einnahmen des Reiches um mindestens 35 Millionen Mark jährlich bezwecken. Alsdann wurde ebenfalls in namentlicher Abstimmung die Wiederher­stellung der Regierungsforderung über die aggregierten Fonds im Militäretat beschlossen. Die Fortsetzung der Beratung des Militäretats brächte bei der Er­ledigung der einzelnen Kapitel zahlreiche Wünsche von Abgeordneten aller Parteien. Nächste Sitzung Diens­tag.

Das preußische Abgeordnetenhaus nahm am 'Dienstag zunächst verschiedene kleine Gesetzentwürfe ohne Diskussion an. Hieran schloß sich die erste Be­ratung des Gesetzentwurfs über die weitere Aufschließ­ung des staatlichen Besitzes an Steinkohlenfeldern im Oberbergamtsbezirke Dortmund in Verbindung mit einem Antrag des Abg. Dr. Porsch (Z.) betr. die weitere Ausschließung des staatlichen Besitzes an Stein­kohlenfeldern im Oberbergamtsbezirke Breslau. Abg. Dr. Hager (Z) befürwortete den Antrag und stimmte der Regierungsvorlage zu. Handelsminister Dr. Del- brück erklärte, daß der Zeitpunkt für die Ausführung des Antrages Porsch, dessen Tendenz die Regierung gern zustimme, noch nicht gekommen sei. Die zeit­weilige Kohlennot sei jetzt behoben. Anscheinend würden die Zonenpreise im nächsten Jahre niedriger sein, als jetzt. Die Vorlage wurde mit dem Anträge Porsch der Budgetkommission überwiesen. Bei der folgenden Beratung des Etats der Berg-,Hütten- und Saliuen-

Deutsches Reich.

Der Reichstag setzte am Dienstag die zweite Beratung des Militäretats und der dazu gestellten Resolutionen fort. Dem Abg. Schrader (fr. Vg.), der alles Mögliche, den Fall Gaedke und das Militärkabinett, die Technik der Kavallerie und die Manöver vorbrachte, erwiderte der Vertreter des Kriegsministeriums Gene­ralleutnant Sixt von Arnim unter lebhaftem Beifall sehr scharf und betonte mit erhobener Stimme, daß unter keinen Umständen geduldet werden dürfe, daß von irgendeiner Seite des Reichstages Eingriffe in die Kommandogewalt des Allerhöchsten Kriegsherrn versucht würden. Zum Schluß ließ Abg. Noske (Scz.) eine militärfeindliche Rede vom Stapel, ohne etwas Wesent­liches vorzubringen. Am Mittwoch wurde die Beratung des Militäretats fortgesetzt. Dem Abg. Müller-Meiningen (fr. Vp.) gegenüber beharne Gene­ralleutnant Sixt von Arnim auf seiner Auffassung, daß die Unterstellung des Militärkabineits unter das

verwaltung plädierte der Abg. Quehl (kons.) für ein Kohlenausfuhrverbot. Den Genossenschaften, deren Kohlenbedarf alljährlich steige, müsse mehr entgegenge« kommen, der Kohlennot mit allen Mitteln gesteuert werden. Am Mittwoch wurde der Antrag Porsch angenommen. Die weitere Beratung verlor sich in Einzelheiten, auch die Wünschelrute kam zur Sprache. Schließlich wurde der Etat bewilligt. Das preußische Abgeordnetenhaus begann am Donnerstag die Berat­ung des Etats der Bauverwaltung. Auf Anregung des Abg. Jderhoff (frkons.) sprach sich Verkehrsminister Breitenbach über die Frage der Schiffahrtsabgaben aus. Er erklärte, die preußische Regierung erstrebe einen Zweckverband aller beteiligten Bundesstaaten, dessen Mittel ohne Unterschied des Staates zur Be­friedigung gemeinsamer Strombedürfnisse verwendet werden sollten. Abgeordneter von Arnim-Züsedom (kons.) stimmte namens seiner Partei den Ausführungen des Ministers zu. Bei den dauernden Ausgaben be­zeichnete Abg. von Pappenheim (kons.) die Erklärungen des Ministers bezüglech der Verwendung der Schif­fahrtsabgaben, als einen Markstein in der Entwickel­ung des Kanalwesens. Seine politischen Freunde würden auch weiterhin alle nötigen Mittel zur Lösung landeskultureller Aufgaben bewilligen. Im weiteren Verlauf der Debatte trat noch Abg. Zindler (kons) für ein beschleunigtes Tempo in der Netzeregulierung ein. Nächste Sitzung Sonnabend.

Die JachtHohenzollern" hat Befehl erhalten, sich bereit zu halten, den Kaiser am 6. März in Wilheln^shaven zur Fahrt nach Korfu an Bord zu nehmen. Die Kaiserin und die Prinzessin Viktoria Luise werden den Monarchen begleiten.

Nach Ausführungen des bekannten amerikanischen BlattesScientific American" werden die Schlachffchiffe wahrscheinlich bald eine Größe von 30 000 t erreicht haben. Die Armierung dieser Riesenschiffe dürfte der Hauptsache nach aus Geschützen schwersten Kalibers 30,5 bezw. 34 oder 36,5 an bestehen.

Herzog Ernst von Sachsen-Altenburg ist in der Nacht vom 6. zum 7. Februar um 1 Uhr in Alten­burg gestorben. Herzog Ernst war mit 81'/, Jahren einer der ältesten Fürsten Europas.

Prinzessin Eitel Friedrich, die in Oldenburg zum Besuch ihrer Eltern eintraf, sieht nach einer Meldung desWeserboten" einem freudigen Ereignis entgegen.

Prinz Adalbert. der dritte Sohn des Kaiser­paares, ist schwer erkrankt. Er befand sich mit dem

Hdle Kerze«.

Roman von Erwin Friedbach. 7

Wie mochte die Welt sich hinter dieser weißen Stirn, die noch unberührt von ihrem zerstörenden Hauche geblie­ben war, spiegeln?

Die natürliche sowohl wie die anerzogene Scheu vor dem fremden Manne ließ Dora sich äußerst zurückhaltend benehmen. Nur flüchtig glitten hin und wieder ihre Augen über seine Gestalt. Wie jung er war, und so liebenswür- big! Sie spürte die Filrcht vorder neuen Umgebung schwin­den; unter dem Schutze dieses Manne» würde sie sicherlich gut geborgen sein.

Unerwartet schnell war nachseinerMeinungFriedeuSheim erreicht, wo Rosamunde schon am Gittertor stand. Sie stutzte beim Anblick Dorns, auf so viel herzgewinnende Schönheit war sie doch nicht gefaßt gewesen, und ein be­klemmende» Angstgefühl stieg in ihr auf. Doch schwanden die kleinen, eifersüchtigen Bedenken, sobald sie Doras un­nahbare Kälte Roderich gegenüber bemerkte, während diese vor ihr und der Mama jene tatvolle, bescheidene Herzlichkeit entfaltete, die ihr auf dem schwierigen Posten die Freund­schaft der Frauen sichern mußte.

In dem behaglichen Eßzimmer des ersten Stockes, daS wahrend des Winters statt des parkuingebenen Erdge­schosse» bewohnt wurde, stand die erleuchtete Abendtafel gedeckt, au der man bald nach der Ankunft Platz nahm.

Rosamunde war froh, daß Dora wenigsten» keinen un­angenehmen Eindruck auf Roderich hervorgebracht zu ha­ben schien, er sah gleichgültig wie immer aus. Sie aber empfand neben dem schwarzgekleideten heimatlosen Mäd­chen ganz das Bewußtsein der gebietenden Herrin. Und wohlwollend, wie Rosamunde war, beschloß sie, an» der Fülle ihres Ueberflusses einen Strahl auf Dora zu len- ken, die nichts von all ihrem Glück besaß.

Stets am zärtlichsten, wenn sich Grund zu ungewöhn- üch heiterer Laune bot, begann sie jene harmlosen Spie­lereien mit Roderich, die, von ^m erwidert sie auf den

Höhepunkt ihres sonnigen Glückes hoben, er indessen schien hierzu heute noch weniger aufgelegt als sonst.

Darf ich Dir das Butterbrot belegen, Liebling? Reh­braten oder Lachs daranf, was wünschest Du?"

Wie merkwürdig abstoßend er die Anrede fand, Rosa­munde sollte doch in Gegenwart der jungen Fremden keine so vertraulichen Bezeichnungen gebrauchen!

Bemühe Dich nicht, Rosamunde, ich bediene mich wirk­lich lieber selbst."

Aber Schatz, Du wirst mir doch daS Vergnügen nicht versagen, für Dich sorgen zu dürfen?" fragte sie, die Lip­pen über den tadellosen Zähnen zu geräuschvollem Lachen öffnends; damit legte sie mit der Vertraulichkeit ihrer ver­brieften ehelichen Rechte die weiße Hand um sein Kinn, ihn dadurch zwingend, ihre verliebten Blicke zu bemerken.

Eine flüchtige Röte färbte seine Wangen höher, indem er sich der Berührung sanft entzog. Mußte sie denn ihr Eigentumsrecht auf ihn so aufdringlich vor jedermann be- tätigen? Und zum erstenmal ergriff ihn beim Anblick Do- ras, die vor dem vertraulichen Benehmen seiner Frau die Wimpern gesenkt hatte, ein der Abneigung ähnliches Ge­fühl gegen Rosamunde. Die seit lange von ihm empfun­dene klaffende Spalte zwischen ihm und seinem Weibe er­weiterte sich merklich, alles an Rosamunde berührte ihn heute peinlich.

Das rasche Verschwinden der gehäuften Portionen auf ihrem Teller, das ungezwungene Lachen, ihr ausführliches Sprechen über die unbedeutendsten Sachen. Es war ihm, als muffe das jetzt anders werden und die einschläfernde Geistesöde auf FriedenSheim einem belebenderen Atem weichen. Ja, er hatte geschlafen und spürte plötzlich ein Bedauern über die versäumte Zeit.

Wie viel Köstliche» war unbemerkt versunken, wieviele Morgen- und Abendröten unbeachtet erloschen. Aber eS tarnen andere, und von nun an wollte er sich wieder an der Farbenpracht ergötzen, sich wieder mehr dem Leben zuwenden.

Ich möchteDich um eineGefälligkeit bitten, Rosamunde/ begann er, als sie später ihrer Gewohnheit nach in sein Schlafzimmer kam, um noch eine Weile mit ihm zu plau­dern,nenne mich in Gegenwart Fremder, wer e» auch sei, nie anders als Roderich, alle Kosenamen sind mir in den Tod verhaßt."

Sie sah ihn betroffen an, so heftig ohne eigentlichen Grund war er noch nie gewesen.Ich wußte das wirklich nicht; selbstverständlich soll das nicht wieder geschehen. Du bist so ungehalten, Roderich; Fräulein Dora» Anwesenheit geniert Dich doch nicht etwa?"

Fräulein DoraS Anwesenheit ist mir höchst gleichgül­tig, vorausgesetzt, daß ich fortan der Unannehmlichkeit ent­hoben bin, durch Deine Kosenamen zur Unzeit mich geniert zu fühlen."

Das war genug; erschrocken zog Rosamunde seine Hand an ihre Lippen, ihn bittend, er möge ihr verzeihen; und ob auch die Zärtlichkeit und ihre unterwürfige Liebe, die etwas von der Treue eines mißhandelten Hunde» an sich hatten, ihn nahezu verletzten, so tat sie ihm doch schließlich leid, und halb mitleidig, halb gezwungen duldete er die Liebkosungen seine» WeibeS.

Die Wintermonate vergingen ereignislos aufFrieden»- heim. Eine bedeutsame Wandlung war während der trüben Zeit, die wenig Abwechslung brächte, nur mit Roderich vor- gegaugen, auch äußerlich; er ließ sich weniger gehen, die natürliche Disziplin de» einstigenOffizierS trat wieder deut­lich in seinem Benehmen hervor.

Er verbrachte die Morgen und meistens auch den grüß­ten Teil der Nachmittage auf dem zu FriedenSheim gehö­rigen Vorwerk Eichhof,daS, lange Zeit von einem Inspek­tor verwaltet, dadurch vernachlässigt worden war. Mit bemerkenswertem Eifer widmete er sich dem regen Be­trieb dieser wertvollen Besitzung seiner Mutter, doch waren die Gründe dafür nicht ganz so lobenswert, wie e» den An- schein hatte. 140,1^