SchWernerZeitung
mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Deutsches Reich.
— Die Mittelmeerreise wird der Kaiser von Italien aus antreten, wohin die Fahrt auf dem Landwege unternommen wird. In Venedig geht das Kaiserpaar an Bord, um zunächst auf Korfu Aufenthalt zu nehmen. Die Kaiserjacht „Hohenzollern" tritt am 26. Februar von Kiel die Ausreise, von der sie erst drei Monate später zurückkehrt, nach dem Mittelmeer an. Als erster Hafen wird zum Kohlenbunkern Gibraltar angelaufen.
— Der Reichstag nahm am Dienstag zunächst in dritter Lesung die Brüsseler Zuckerkonventiven einstimmig und den Antrag Bassermann betreffend Herabsetzung der Zuckersteuer gegen die Stimmen des Zentrums und der Sozialdemokraten an. Es folgte die Fortsetzung der zweiten Beratung des Militäretats. Die Debatte konzentrierte sich zumeist in dem Wunsche, daß die Lieferungen für die Militärverwaltung nach Möglichkeit nicht den großen Firmen, sondern den Handwerksmeistern zugewiesen würden. Abg. Erzberger (Z.) wandle sich gegen den von der Militärverwaltung mit dem Verlag Mittler u. Sohn geschlossenen Vertrag, welcher der Firma einen Millionenverdienst sichere. Oberstleutnant Golz erwiderte, daß die Verwaltung nach Ablauf des Vertrages sich auf dem Submissionswege an andere Firmen wenden werde, und bestritt, daß Mittler u. Sohn so viel Vorteil von dem Vertrage habe, wie Herr Erzberger angenommen habe. Nach weiterer Erledigung von Einzelheiten war die Beratung des Militäretats beendet. — Am Mittwoch war Schwerinstag. Zunächst wurde der konservative Antrag betreffend die Pensionsversicherung der Privatbeamten einstimmig angenommen. Angenommen wurde ferner der Antrag des Prinzen Schönaich- Carolath (natl.) betreffend Maßnahmen zum Schutze vor Ausschreitungen im Automobilwesen. Staatssekretär Nieberding erklärte namens der Regierung, daß demnächst dem Reichstage ein entsprechender Gesetzent- Wurf zugehen werde. — Der Reichstag bewilligte am Donnerstag debattelos die in einem Nachtragsemt geforderten 400 000 Mark für die Förderung der Luftschiffahrt und begann dann die zweite Lesung des Postetats. Abg. Dr. Droescher (kons.) sprach gegen eine von der Wirtschaftlichen Vereinigung beantragte Wiedereinführung des niedrigen Ortsportos und verbreitete sich ausführlich über Beamtenfragen. Abg. Singer (Soz.) erhob gegen die Reichspostverwaltung, ohne ausreichendes Material für einen solchen schweren Vorwurf in den Händen zu haben, den Vorwurf der
Mittwoch, den 19. Februar 1908.
59. Jahrgang.
Verletzung des Briefgeheimnisses bei Briefen an seine Parteigenossen. Staatssekretär Kraetke wies diesen schweren Vorwurf im Namen aller Postbeamten energisch zurück. — Am Freitag kamen nur drei Redner zu Worte, die sich in der Hauptsache mit Beamtenfragen beschäftigten. Vorher hatte Unterstaatssekretär Twele die Erklärung abgegeben, einen bestimmten Termin für die Einbringung der Besol- dungsvorlage nicht angeben zu können. Staatssekretär Kraetke bat, die Telephonvorlage aus der Debatte zu lassen, bis eine Vorlage an den Reichstag gelangt sei.
— Das preußische Abgeordnetenhaus begann am Mittwoch die Beratung des Kultusetats. In der allgemeinen Besprechung verlangte zunächst Abg. Dr. Dittrich (Z.) in höheren Maße die Genehmigung von Ordensniederlassungen, worauf Kultusminister Dr. Holle eine Uebersicht über die Zahl der zugelassenen Niederlassungen gab und erklärte, daß bei der Prüfung der Frage die Zulassung von Orden neben staatlichen Rücksichten der Gesichtspunkt maßgebend sei, daß nicht in evangelischen Gegenden Reibungspunkte geschaffen würden. Abg. Dr. Friedberg (natl.) bezeichnete die Ausführungsbestimmungen zum Schulunterhaltungsge- setz als gegen das bei der Beratung dieses Gesetzes abgeschlossene Kompromiß verstoßend. Abg. Dr. v. Heydebrand (kons.) trat warm für die geistliche Orts- schulaufsicht ein. Kultusminister Dr. Holle erklärte, daß er im Interesse des Zusammenhanges zwischen Kirche und Schule die Aufrechterhaltung der geistlichen Ortsschulaufsicht für notwendig halte. Abg. Freiherr v. Zedlitz (frkons.) schloß sich der Auffassung des Abg. Friedberg bezüglich der Ausführungsbestimmungen zum Schulunterhaltungsgesetz an. Ministerialdirektor D. Schwartzkopff wiederlegte in schlagender Weise die Richtigkeit dieser Auffassung. — Das preußische Abgeordnetenhaus überwies am Donnerstag zunächst den Gesetzentwurf über die Herstellung einer Eisenbahn- Dampffähren-Verbindung zwischen Saßnitz und Trelle- borg der Budgetkommision zur Vorberatung. Dann wurde die Generaldebatte über den Kultusetat fortgesetzt, die sich in der Hauptsache um die Ausführungsbestimmungen zum Schulunterhaltungsgesetz und die Schulaussicht drehte. Ministerialdirektor D. Schwartz« kopff stellte nochmals unter dem Beifall der Rechten fest, daß die Ausführungsbestimmungen durchaus dem entsprächen, was die Regierung in Aussicht gestellt habe, und erklärte, daß die Fälle, in denen der Orts- schulinspektor der Vorsitzende des Schulvorstandes sein
werde, nur in einzelnen Landgemeinden vorkommen werde. Abg. Metzenthin (kons.) sprach sich gegen eine zu große Berücksichtigung der liberalen Richtung bei der Besetzung von Theologieprofessuren aus. Kultusminister Dr. Holle erwiderte, daß alle Richtungen berücksichtigt werden müßten. — Am Freitag wurde das Ministergehalt bewilligt und dann eine Anzahl Kapittel ohne wesentliche Debatte erledigt. Den Schluß der Beratungen bildete eine Interpellation der Nationalliberalen und Freikonservativen über die Heranziehung derjenigen Personen zu den Schullasten, die von der Zahlung der Kommunalsteuerzuschläge zur Einkommensteuer befreit sind. In seiner Beantwortung der Interpellation wies der Kultusminister darauf hin, daß die Frage sich am zweckmäßigsten bei der Revision bei Kommunalabgabengesetzes regeln lasse, gleichzeitig mit der Regelung der Frage der Heranziehung der Privilegierten zur Kommunalsteuer. Bei der Besprechung der Interpellation erklärte sich Abg. Bosse (kons ) im Namen seiner Partei mit den Darlegungen des Ministers einverstanden.
— In einer Gerichtsverhandlung gegen einen 14jährigen „Genossen" in Berlin, namens Obiglo, der anläßlich einer Ansammlung beim Jandorf-Boykott die Polizei mit Steinen beworfen hatte, wurde der Angeklagte in Anbetracht seiner Jugend nur zu einem Verweise verurteilt. In der Urteilsbegründung führte der Vorsitzende aus, daß der hoffnungsvolle Angeklagte, wenn er über 18 Jahre alt wäre, eine Gefängnisstrafe bekommen hätte. Die richtige Strafe wäre, so meinte der Vorsitzende am Schlüsse, eine tüchtige Tracht B ügel. Leider sei das Gericht nicht in der Lage, die Strafe zu verhängen.
Ausland.
— Nach Berichten aus Kairo hatte der älteste Sohn von Cumberland, Prinz Georg Wilhelm, dort eine Begegnung mit dem Prinzen Waldemar von Preußen, dem Sohne des Prinzen Heinrich. Beide machten gemeinsame Fahrten durch die lybische Wüste zur Besichtigung der dortigen Sehenswürdigkeiten.
— Bei der Kaiserin von Rußland stellen die Aerzte eine Verengung der Speiseröhre fest, eine Krankheitserscheinung, die auf nervöser Basis beruhe.
— Der Zuschuß für die deutsche Schule in Teheran soll, wie die persische Regierung amtlich bekannt gibt, verdoppelt, die Schule zu einer neunklaffigen Oberrealschule ausgebaut und ihr ein Lehrerseminar ange- gliedert werden.
@Mt Kerzen.
Roman von Erwin Friedbach.
9
UeppigeS Weinlaub umrankt das rötliche Mauerwerk und bildet um die dem Meere zu gelegenen Fenster dichtes Gewinde. Das Ganze liegt inmitten einer Gruppe hochstrebender Akazien versteckt.
„ Hier hatte Dora heute, es war anfangs Mai, LorchenS Unterricht beendet und schritt nun, die plaudernde Kleine an der Hand, die Stufen hinab, alsvom hinteren Teil deS Parke» her, wo eine Pforte in das Eichhofsche Gebiet führte, Rooerlch daher kam, in kurzem Lodenrock und Stulpen- stlefeln, in der Rechten ein paar Waldblumen, die erunter- wegS gepflückt hatte. Schon von weitem zog er grüßend den Strohhut, während Lorchen ihm entgegenlief.
„Papa! Du hast uns heute die Bootfahrt versprochen !
„Gewiß, deshalb komme ich auch früher als gewöhn- uch," entgegnete er, seinem Töchterchen die mitgebrachten Blumen schenkend. Dann sich gegen Dora wendend, Welche die Trauer abgelegt hatte und in dem kleidsamen hellblauen Kostüm noch anziehender erschien, als in der '^Warzen Tracht: „Wa» ist denn geschehen, daß Sie so beglückt aussehen?"
"^^af Mender war vorhin da ...*
„und sein Besuch vermochte Sie in so hohem Maße t» erfreuenunterbrach er sie.
. «ein Besuch, sondern die gute Nachricht, die er «rächte. Sie wissen, wir Frauen interessieren uns lebhaft .«en Umbau der zerfallenen Gemeindekirche, die er mit solchem Feuereifer betrieb, daß man davon eingenommen wurde. Run kam er heute, um un» mitzuteilen, baß e» fernen erneuten Anstrengungen endlich gelungen sei, die Summe dafür von der Regierung bewilligt zu erhalten."
„Da» freut mich um der Gemeinde und GrafMender» willen, obgleich mir der staunenswerte Eifer für die Kir- chenangelegenheit offen gestanden, seinem Geschmacke we» ,mß i“ entsprechen scheint. War er lange da?"
„Kaum eine halbe Stunde. Er bedauerte sehr, Sie nicht anzutreffen, Herr von Ast."
„Er wußte doch, daß ich mich um diese Zeit auf Eichhof befand." Er schwieg eine Weile, schlug mit der Reitgerte gegen seine Stiefel, dann über die Halme deS am Wegrande wachsenden Grases, an dem sie vorbeigingen.
„Graf Mender kam während der letzten Zeit recht oft nach FriedenSheim."
„Das brächte die Angelegenheit wohl mit sich, nachdem Sie ihm versprochen hatten, ebenfalls dafür zu wirken."
„Sind Sie sicher, Fräulein Dora, daß e» nicht noch andere Gründe für sein häufige» Kommen gibt?"
„Ich weiß nicht, ob er dafür noch einen anderen Grund besaß," erwiderte Dora befremdet, weil au» seinem Ton ein Borwurf klang. „Woher sollte ich eS auch wissen?"
„DaS ist richtig; Sie besitzen noch zu wenig Menschenkenntnis, um einen Lebemann wie diesen Herrn zu durchschauen, und weil das der Fall ist, hoffe ich, wird eS mir erlaubt sein, Sie zu warnen; ja, als Mitglied meiner Familie haben Sie das Recht auf meinen Schutz, den Ihnen gewähren zu dürfen ich von Herzen bitte.
Wer Graf Mender mit unbefangenen Augen betrachtet, dem kann es nicht entgangen fein, daß er die Absicht hegt, um Ihre Hand zu werben."
„Wirklich ?" fragte Dora erstaunt, ihre Verwirrung unter einem Lächeln verbergend, „daran habe ich noch nicht gedacht; er liebt ei, mir gegenüber einen scherzhaften Ton anzuschlagen, deshalb hielt ich seineAufmerksamkeiten mehr für väterliche Güte; denn der Graf steht zu Anfang der Vierziger, ist also doch ein älterer Mann."
„Sagen wir: ein alter Mann, weniger durch seine Jahre al» durch eine stark bewegte Vergangenheit. ES mag keinen Abgrund geben, aus dessen Tiefen er nicht geschöpft hätte. Hegen Sie denn Interesse für ihn?"
wü ja," antwortete Dora offen, „er ist ein so gewand
ter Kavalier, ein vorzüglicher Gesellschafter voll hinreißender Beredsamkeit; man hört ihm gern zu."
„Allerdings," bemerkte Roderich voll unterdrückter Bitterkeit, „niemand wie er versteht e», mit so vollendetem Anstand den Damen seine Rosen zu reichen und so fesselnd von den Abenteuern seiner weiten Reise zu erzählen. Wie Sie diesen Mann beurteilen, kann e» eben nur die Unschuld tun, die nicht ahnt, daß sich hinter der gefälligen Maske ein moralisch recht tiefstehender Mensch verbürgt."
Dora schüttelte den Kopf, sie konnte ei kaum glauben. Schön freilich war er durchaus nicht, der Herr Graf Alfred von Mender zu Menderberg,sein von rotblondemBoll- bart umgebenes, breites und grauweiße» Gesicht mit der weitflügeligen Nase, den Wasserhellen Zwinkeraugen und spärlich die hohe Stirn bedeckendem Haar, konnte man nicht anziehend nennen, doch gaben seine hervorragenden gesellschaftlichen Talente ihm jenei eigentümlich Bestrik« kende, das so leicht gerade die reinsten, lugendlichen Frauen betört.
„Aber er ist liebenswürdig," sagte Dora scherzend, „und da ich nicht über seine Sünden zu richten habe, mögen sie vergeben sein; die Liebenswürdigkeit darf fordern, daß man ihr viel verzeiht!"
„Dennoch kann ich nicht ander», al» meine Warnung wiederholen," entgegnete Roderich finster, „und meineHoff- nung bleibt, daß Sie selbst, nachdem ich andeutete, wie ei mit Mender steht, erkennen werden, wie wenig würdig er ist, sich Ihr Gatte zu nennen."
Dora entgegnete hierauf nicht», sie wollte da» Gespräch über den Gegenstand abbrechen.
Roderichs Verdacht aber, daß der Titel und da» Wesen deS Grafen, der von Hau» aus arm, sein bedeutende», gegenwärtiges Vermögen aus der Heirat mit feiner verstorbenen Frau gewonnen, Dora zu erobern vermochten, weckte alle Qualen der Eifersucht und vermehrte die peinigende Unruhe, die seit kurzem sich seiner bemächtigt hatte. Alle» wollte er ertragen, nur daS eine nicht, sie als Eigentum des Manne» zu sehen, den er verachtete. 140,18