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SchlüchternerMun g

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Erscheint Mittwoch und Samstaß. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 16.

Samstag, den 22. Februar 1908.

59. Jahrgang.

Rußland am Kaukasus.

Russische Blätter haben das Gespenst eines Krieges mit der Türkei zitiert. Dieses Gespenst ist von Papier und wird es wohl auch bleiben. Tatsache scheint aller­dings zu sein, daß die russische Regierung eine Truppenverschiebung nach dem Kaukasus vornimmt; die dortigen Garnisonen sollen angeblich um 3 Divi­sionen verstärkt werden. Es ist aber unglaubhaft, daß der Grund dieser Maßregel in einer bedrohlichen An- sammlung türkischer Truppen in Armenien bestehe. Der Sultan hat andere Sorgen als die, einen Er­oberungszug nach dem Kaukasus zu unternehmen.

In Armenien ist es immee unruhig; dafür sorgen die Kurden mit ihren Raubzügen gegen armenische Dörfer zur Erntezeit, und bei den Armeniern selbst ist immer eine revolutionäre Unterströmung gegen die türkische Herrschaft vorhanden. Das türkische Heer in Armenien wird zu verhindern haben, daß das Beispiel Persiens, wo sich zurzeit eine Art Parlamentsherrschaft durchgesetzt hat, ermunternd auf die benachbarten Untertanen des Sultans wirkt. Außerdem ist der persisch-türkische Grenzstreit wegen des Gebietes bei Urmia noch nicht geschlichtet. Die Türken haben nicht nur das streitige Gebiet besetzt, sondern auch einen Vorstoß nach dem persischen Saulbulak gemacht und dem persischen Gouverneur hart zugesetzt. Kürzlich ist jedoch vom Sultan ein Befehl zum Rückzug in die frühere Position gegeben worden.

Die Verstärkung der russischen Truppen am Kau­kasus muß also andere Gründe haben. Sie wird dem Generalgouverneur Grafen Woconzordaschkow zuge­schrieben, der für sehr energisch und unteruehmul'gs- lustig gilt. Ob sein Drang aber mehr der Ordnung bei den zum Teil unsicheren Völkerschaften des Kauka­sus gilt über der Bereitschaft zum Einschreiten in Aserbeidschan, der nördlichen Provinz Persiens, ist nicht klar zu erkennen. Jedenfalls iväre die Entfessel­ung eines Krieges mit der Türkei in Asien ein höchst leichtfertiges Spiel. Ist es auch ein altes russisches Rezept, über innere Verlegenheiten mit auswärtigen Unternehmungen hinwegzukommen, so hat doch Ruß­land in den letzten fünf Jahren draußen wie drinnen trübe Erfahrungen genug gemacht, so daß es schwer ist, eine Wiederholung alter Methode für möglich zu halten. Allerdings war die Sprache einiger Peters­burger Blätter in letzter Zeit wegen der Erklärungen des Barons Aehrenthal wieder so maßlos und hoch­mütig auftrumpfend, daß die Lehren der letzten Ver­gangenheit wirklich vergessen zu sein scheinen.

Deutsches Reich.

Der Kaiser wird vor Antritt seiner Mittelmeer­fahrt der Insel Helgoland einen Besuch abstatten, um die Uferbefestigungen, die in letzter Zeit an der Nord­westseite der Insel in Angriff genommen waren und rüstig fortgeschritten sind ,zu besichtigen. Bekanntlich werden die Felsen der Insel durch Mauern und Wellenbrecher vor der Macht der Wellen geschützt und ihre Lücken durch Steinaufschüttungen ausgefüllt. Kaiser Wilhelm hat seit der Besitzergreifung der Insel im Jahre 1890 nicht mehr auf Helgoland geweilt, sondern hat bei Flottenmanövern in der Nähe der Insel nur die Helgoländer Düne besucht,

Der Reichstag setzte am Sonnabend die Be­ratung des Postelats fort, ohne einen Schritt vorwärts zn fommen. Die Debatte drehte sich wie an den beiden vorhergehenden Tagen nur um Beamtenfragen, als ob es tatsächlich nichts anderes zu erörtern gäbe. Auf die Kritik des Abg. Dr. Struve (frs. Vg) wegen der Entlassung des Vertrauensarztes Dr. Schellenberg, der in der Stichwahl sozialdemokratisch gewählt hatte, erwiderte Staatssekretär Kraelke unter dem Beifall der Rechten, daß ein Vertrauensarzt der Post nicht in seiner Stellung bleiben könne, wenn es bekannt werde, daß er sozialdemokratisch gewählt habe. Am Mon­tag wurde die Generaldebatte über den Postetat zu Ende geführt. Den wiederholten Angriffen der Abgg. Eichhorn (Soz.) und Lehmann (Soz.) auf die Post­verwaltung wegen des Falles Schellenberg traten die Abgg. Dr. Böhme (Wirtsch. Vg.) und Frhr. v. Gamp (Rp) entgegen. Sie erklärten es für durchaus richtig, daß der Staatssekretär Sozialdemokraten als Beamte oder Arbeiter im Postbetriebe nicht dulden wolle, und warfen der Sozialdemokratie vor, daß sie die Beamten der Post leichtfertig verleumdet hätte, als sie diese beweislos des Bruches des Briefgeheimnisses beschul­digte.

Das preußische Abgeordnetenhaus verhandelte am Montag zunächst über einen von den Rational- liberalen und Freisinnigen gestellten Antrag, der eine eingehende Auskunft über die vom Handelsminister angestellten Untersuchungen über die Vorbildung der Fortbilduuqsschüler und über die Maßnahmen zur Behebung der etwa zutage getretenen Mängel des Volksschulunterrichts verlangte. Kultusminister Dr. Holle erwiderte, daß die Ergebnisse der vom Handels­minister angeordneten Untersuchungen noch nicht vor­liegen, die Verschiedenheit der Schulsysteme und des Schülermaterials erschwere die Aufstellung einheitlicher

Lehrpläne für die Fortbildungsschulen außerordentlich. Die Verwaltung sei bemüht, die Volksschule immer mehr zu heben. Der Antrag wurde der Unterrichts­kommission überwiesen, ebenso ein nationalliberaler Antrag auf Bereitstellung von Staatsmitteln, um be­fähigen Volksschülern die weitere Ausbildung zu er­möglichen. Schließlich wurde noch über einige Anträge auf Erhöhung der Ostmarkenzulagen der Lehrer ver­handelt. Die Anträge der Freisinnigen Vereinigung und der Nationalliberalen und Freikonservativen wurden zurückgezogen, während ein konservativer Antrag der Kommission überwiesen wurde, die später die Lehrer» besoldungsvorlage beraten soll.

Die Berliner Gesellschaft zur Fürsorge für die zuziehende männliche Jugend warnt vor leichtsinnigem Zuzug. Die soziale Not ist in Berlin infolge der wirtschaftlichen Krisis eine sehr große. Man schätzt die Zahl der gegenwärtigen Arbeitslosen auf 4050 000, und der Berliner Asylverein berichtet, daß er im letzten Jahre über 100 000 Obdachlosen hat Unterkunft und Desinfektion hat geben müssen. Diese Zahlen zeigen, wo viele das ersehnte Glück in der Großstadt suchen mußten, als sie die Heimat und das Land verließen und nach Berlin zogen. Darum sei Vorsicht beim Verzug nach der Reichshauptstadt dringend angeraten.

Im Zirkus Busch in Berlin hat die diesjährige Generalversammlung des Bundes der Landwirte statt- gefunden. Es sprachen u. a. Dr. Rösicke, Ehefredakteur Schrempf, Freiherr v. Wangenheim, Staatsminister a. D. v. Podbielski, Dr. Dietrich Hahn und Dr. Oertel. Es wurden zwei Resolutionen angenommen, deren eine die Zustimmung des Bundes zur Blockpolitik ausspricht, während die andere sich gegen direkte Reich-steuern wendet.

Ausland.

In der Funkentelegraphenstation des Eiffel- turures ist am Dienstag ein Brand ausgebrochen. Der Betrieb ist nicht gestört. Die Feuer-brunst ent­stand durch einen Kurzschluß, welcher das Petroleum der Maschinen zum Betrieb der Dynamoapparate entzündete. Ein Teil der am Fuße des Turmes be­findlichen Baracken wurde samt dem eben fertig ge­stellten Posten Paris-Lazard zerstört; der Posten Paris-Casablanca blieb unversehrt.

Nach derDeutsch-Südwestafr. Ztg.- war An­fang Januar von der Kolonialbahn Otavi Groot- fontein der Oberbau bis Km. 54 fertig und der Unterbau bis auf einen kurzen Rest. Die Linie er-

Odt- Kerze«.

Roman von Erwin Friedbach. 10

Rosamunde, die die kleine Gruppe bemerkt hatte, kam letzt, den Staubbesen noch in der Hand, heraus und ihnen entgegen.

Die nett, Roderich, daß Du schon da bist; bitte, sieh Dir einmal an, was wir geleistet haben; nein, was da­für Arbeit macht, ganze Berge Schmutz haben wir hin- auSschaffen müssen; weiß Gott, wo sie Herkommen. Aber lay Dich nur erst einmal begrüßen, oder bin ich so häß­lich tn dem abscheulichen Staub geworden, daß Du mich nicht ansehen niagst?- fügte sie, ihn mit ihrem verliebten Lächeln ansehend, hinzu.

Weniger zuvorkommend als sonst fragte er, ob sie in wolle" ^"^ d'° verabredete Bootfahrt unternehmen

«Ach daS habe ich ja ganz vergessen; aber eS tut mchts, Kinder, weil ich es mir in den Sinn gesetzt habe, me Keiumacherei noch heute zu beenden. Ihr seid ja drei hoch, Lore uz dazu zum Rudern, fahrt nur allein!

v Fräulein Dora, Sie nehmen sich LorcheuS dürfen doch unserer Kleineil daS versprochene Bergungen nicht verderben."

K.^.m^P^ '"ch^ gegen die neue Bestimmung einzu- ^Mch Dora lieber geblieben iväre, um Rosamunde zu helfen, würde es doch eine Geschmacklo- M^ir,^ r^L sich hiernach zu weigern. Gemein- schaftllch traten sie deshalb bald darauf, gefolgt von dem Gärtnergehilfen, den Weg durch den Park zum nahen

An der Marmortreppe, die die hintere Samtenum« Dünung durchbrach und d,« bei ungewöhnlich hohem Was- [er taube, tute eS heute der Fall, war, fast von den Wellen beipült wurde, nahn, das Boot die kleine Gesellschaft auf h±Ä.^ LorcheuS Jubel rasch auf die leicht hkivegle Fläche der Bucht Hinan- E- war ein sonniger

Tag, der tiefblaue Himmel hier und dort mit weißen Flok- kenwölkchen bedeckt; die heitere Ruhe deS erwachten Früh- lillgS schwebte über allem. Schmeichelnd umkoste der laue Wind auf der schaumsprühendenFlut die jugendlichen Ge- stalten, den blonden, vornehmen Mann daS ernste Mädchen mit dem blütenzarten Antlitz, das schwarzlockige Kind in kurzem, roten Kleidchen.

Dora und Roderich saßen anfangs wortkarg da und taten dem unablässig plaudernden Mündchen der Steinen keinen Einhalt.

ES lag für Roderich ein unnennbarer Reiz in dieser Fahrt, dein er sich überließ; keinen bestimmten Gedanken festhaltend, lebte er nur in dem Bewußtsein der Nähe DoraS.

Wie köstlich müßte eS sein, so mit ihr und seinem Kinde immer weiter hinausfahren, inS Endlose hinein, ohne Ziel, nur fort und nie mehr zurück in das lauburnspon- neue Gefängnis dort am Ufer. Welch' eine Wonne müßte es sein, in der verwandten Seele aufgehen zu dürfen, welch' eine Qual war eS, sich von der fremdartigen unterdrücken zu lassen.

Sie betrachtete aufmerksam eine Blume, dieLorchen ihr geschenkt, und versenkte sich in deren Anblick.

Fräulein Dora, eS ist mir unmöglich, weil ich doch so innigen Anteil an Ihrem Geschick nehme, länger eine Frage zn unterdrücken. Würden Sie jemals bereit sein, die Hand deS Grafen Mender anzunehmen?"

Darauf kann ich keine bestimmte Antwort geben, Herr von Ast, der Gedanke ist mir noch zu neu. Falls Ihre Ber- mittung sich bestätigen sollte, muß eS meinem Herzen über­lassen bleiben, wie weit eS für ihn spricht."

Sie wich ihm aus, weil sie nicht wußte, in welche kaum zu ertragende Angst ihn ihre Art der Auffassung dieser wichtigen Angelegenheit versetzte: wie lange würde eS ihm noch gelingen unter diesen Umständen, die sich hoffnungs­loser nicht hätten gestalten können, den heißen Kampf einer

Mannes zu verbergen, der zum erstenmal die Beute einer großen Leidenschaft geworden war? WaS ging in ihrem Innern vor, das noch durch keinen Schatten einer nach­haltigen Empfindung getrübt schien? Sollte es möglich sein, daß eine Berirrung des Gefühls sie dem Grafen in die Arme führte, der dreist den Besitz des holden Mädchens begehrte?" Davor mußte er sie retten, selbst auf die Ge­fahr hin, ihre Ruhe zu stören. Sie hielt ihn vielleicht für glücklich, weil er anscheinend befriedigt von seiner Ehe neben Rosamunde herging, so sollte sie denn zum wenig- sten erfahren, daß er ein einsamer Mann war, der dar­ben und entbehren mußte, wo andere an der vollen Ta­fel deS Lebens schwelgen durften.

Lorenz fragte jetzt, ob es den Herrschaften nicht Zeit zur Umkehr dünke.

Roderich sah nach seiner Uhr, eine Stunde befanden sie sich schon auf dem Wasser, sie war wie im Fluge ver­gangen.

Kurz vor Sonnenuntergang war es, als sie daS Boot gewendet hatten, vor ihnen lag die weite, lichtsprühende Meeresfläche. Allmählich verkürzte sich die Strecke, die sie vom Ufer trennte, die Sonne verschwand hinter Frie- denSheim und färbte den Himmel bis hoch hinauf zu den schwebenden Rosenwölkchen mit lichtem Golde. Der flam­mende Horizont aber, dessen Farben nach und nach im­mer feuriger erglühten, wob eine breite Purpurwand, von der daSSchloßinmitten seiner stolz aufragendcnBäume sich dunkel, sammetartig abhob.

Eine feierliche Stimmung schwebte über der Landschaft, in deren Anblick Dora sowohl wie Roderich versunken wa­ren.

Ist dar nicht wie die Vision einer weltentfremdeten Träumerei, als ob mit solchen Augenblicken die Natur dem armen Menschen da» verlorene Eden zeigen wollte?"

Sie haben recht," sagte Dora ergriffen.Wir dürfen nur nicht vergessen, daß der Mensch das Paradies verlor durch eigene Schuld." . x 140,1#