mit amtlichem Kreisblatt,
Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 22.
Erstes Blatt.
Deutsches Reich.
— Zum erstenmal seit fünf Jahren hat der Kaiser am Montag Helgoland besucht. In der Zwischenzeit waren Wohl Besuche geplant, aber die Landung war jedesmal durch hohen Seegang verhindert worden. Auch diesmal wär's fast ebenso gekommen. Der Kaiser, der mit dem Flottenflaggschiff „Deutschland" vor der Insel eingetroffen war, legte mittags bei stürmischem Wetter auf einem Torpedoboot an der Landungsbrüc e an. Junge Helgoländerinnen bildeten Spalier und begrüßten den Kaiser lebhaft. Der Monarch besichtigte die Festungswerke und die Arbeiten zum Schutz der Insel. Am Dienstag war der Kaiser Gast der Stadt Brenien im Ratskeller, wobei von dem berühmten Wein „Rose" serviert wurde. Am Mittwoch kehrte der Monarch nach Berlin zurück. — Der Kaiser stiftete für da Deutsche Museum in München ein 4 Meter langes, 100 000 Mark kostendes Modell des neuesten Linienschiffes „Nassau". Ein anderes Kriegsschiffsmodell hat der Monarch dem Museum bereits im vorigen Jahre geschenkt.
— Monarchenzusammenkünfte? An „sonst zuverlässiger" Stelle erhält sich, wie den „M. N. N." aus Wien gemeldet wird, das mit größter Bestimmiheit auftretende Gerücht, daß Kaiser Wilhelm während seiner Mittelmeerceise eine Zusammenkunft mit dem König Victor Emanuel von Italien haben wird, und zwar wird die Zusammenkunft auf der Hinfahrt in Venedig stattfinden. Der Tag sei bisher noch nicht bekannt, doch sei an der Entrevue kaum mehr zu zweifeln. „Man bestätige" ferner, daß Kaiser Wilhelm auf der Rückreise von Korfu über Trieft und Wien dem Kaiser Franz Josef in Wien einen Besuch abstatten wird.
— Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am Sonnabend die Beratung des Eisenbahnetats fort. Zur Debatte stand zunächst der Antrag Dr. v. Korn- Rudelsdorf (kons.) betr. die Beseitigung der Mißstände auf dem Kohlenmarkte. Abg. Dr. Voltz. (natl.) bekämpfte den Antrag. Von einer Kohlennot könne keine Rede sein; die Kohleukuappheit der letzten zwei Jahre sei nur eine vorübergehende gewesen. Abg. Gyßling (frs. Vp) befürwortete die Verweisung des Antrages an die Budgetkommission. Abg. Graf v. Kanitz (kons.) befürwortete die Annahme des Antrages v. Korn und Ueberweisuiig an die Budgetkommission,
Odls Kerze«.
Roman von Erwin Friedbach.
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Er eilte den Düncuwall hinab, Warfsich inS Wasser und teilte bald mit kräftigen Armen, die schäumend ihn umsprudelnden Fluten.
_. Wie versteinert sah Dora dem Verschwindenden nach Eme Zeitlang konnte sie noch den Bewegungen folgen HE^n die tanzenden Wellen ihr seinen Anblick ent- War er schon znr Tiefe hinabgerissen? Einen Herz- lchlag lang war es ihr, als müsse sie ihm Nachfolgen in ^^sEnde, brausende Meer, dann verlor das fiebernde Gehirn sich in vagen Vorstellungen der Scham, der Em- pvrnng gegen sich selbst und dem Wunsche, dort in den brodelnden Fluten zu versinken, um nie mehr daS Licht der Sonne zu sehen.
War daS was sie in seinen Blicken gelesen, nicht der verräterische Funke einer verborgenen Leidenschaft, unb er, hatte er durch ihre znr Schon getragene Angst um 'h" auf Erwiderung schließen müssen? Wenn doch ein Blitzstrahl sie treffen und vernichten möchte, dann mä» diese demütigenden Minuten, die sie vor ihm und vor l'ch selbst erniedrigten, ausgelöscht.
r ^ein, nein, er konnte nichts erraten haben, und besaß t überhaupt ein Geheimnis, bestanden ihre Gefühle L ■ rJ11^ lediglich nur in Freundschaft und Sympa- 'v"^e nichts. Aber die Scham und der hmr'pn6^ bräunten weiter in ihrem Innern und waren nicht mehr zu bannen.
Schlag auf Schlag krachte jetzt der Donner, züngelnd sichren die Blitze von allen Seiten nieder, vereinzelt fielen große Tröpfelt. Uebermanut von Furcht und Entsetzen, war 4.01H längst dem Hause zu geflüchtet, gefolgt von dem
Nur Wilma blieb, unb näherte sich der Schwester. Kein Wort wurde gewechselt, minier nur den Blick aus daS finster grollende Meer gerichtet, erwarteten sie die Rück
Samstag, den 14. März 1908.
59. Jahrgang.
was schließlich geschah. In der weiteren Debatte wurde eine reiche Anzahl lokaler Wünsche vorgebracht, auf die Minister Breitenbach erwiderte, daß einzelne ihrer Erfüllung entgegengingen, über andere mit den beteiligten Gemeinden verhandelt werde- — Am Montag wurde die Beratung des Eisenbahnetats zu Ende geführt. Bei dem Extraordinarium kamen, nach Betriebsdirektionen getrennt, die Neuforderungen für die einzelnen Provinzen zur Sprache, und die Abgeordneten brachten bei dieser Gelegenheit so zahlreiche Sonder- wünsche ihrer Wahlkreise vor, daß die ganze Sitzung damit ausgesüllt wurde.
— Der Schluß des preußischen Landtages ist auf Anfang April anberaumt, die Neuwahlen finden im Juni statt.
— Die außerordentlich stark besuchte Jahresversammlung des Ostpreußischen Konservativen Vereins, die kürzlich in Königsberg tagte, hat einstimmig folgende Resolution gefaßt: „Die Generalversammlung des Ostpreußischen Konservativen Vereins steht auf dem Boden der Stellungnahme der konservativen Partei des Abgeordnetenhauses zum preußischen Wahlrecht, welche in der Erklärung vom 10. Januar d. I. auf Grund des einstimmigen Beschlusses der konservativen Fraktion zum Ausdruck gelangt ist. Das Wahlrecht für das preußische Abgeordnetenhaus hat sich im vollsten Umfange bewährt. Es hat keine der staatserhaltenden politischen Parteien bevorzeugt, es hat die berechtigte Bedeutung des Mittelstandes in Stadt und Land aufrechterhalten. Eine Abänderung der Wahlbezirkseinteilung ist nicht erforderlich, da eine Beseitigung der Härten durch die Novelle vom Jahre 1905 erfolgt."
— Die polnische Sozialistenpartei in Deutschland befindet sich in vollständiger Auflösung.. Die Zwistig- keiten zwischen dem mehr polnisch-nationalen und dem der deutschen Sozialdemokratie nahestehenden Flügel haben sich so sehr verschärft, daß, nachdem bereits kürzlich die Führer der Berliner polnischen Sozialisten- bewrgung, Thiel und Ziolkiewicz von der in Kattowitz befindlichen^starteileitung in Acht uud Bann erklärt wurden, jetzt über die Gesamtorganisation der polnischen Sozialisten Berlins der Ausschuß verhängt wurde. Der Verein polnischer Sozialisten in Berlin, der seit 18 Jahren besteht, hat sich gegen das Vorgehen der Parteileitung ausgesprochen und ist von dieser als parteifeindlich boykottiert worden. Die Berliner Pol nischen Sozialisten bildeten das Rückgrat der ganzen Partei und vermittelten ihre Beziehungen zur deutschen Sozialdemokratie.
kehr Roderichs, der nach einer qualvollen halben Stunde endlich am Ufer erschien.
„Sie sahen das Boot?" rief ihm Wilma entgegen.
„Ja, es ist das unsere ; eS treibt kieloben auf dem Wasser, und in seiner Nähe fand ich dieses."
Er zog nach diesen Worten von seiner Brust, wo er ihn verbarg, um die Hände beim Schwimmen frei zu behalten, einen weißen Strohhut mit braunem Band.
Wilma schrie herzzerreißend auf, sie erkannte ihn als Rolands Eigentum.
„Tot! O mein armer, armer Junge! Seine Hilferufe sind auf dem Wasser »»gehört verhallt; er hat mich gerufen in seiner Todesnot, und ich bin nicht gekommen."
Lautlos fant sie auf ihre Knie und preßte die Stirn in den feuchten Sand, während ein konvulsivisches Schluchzen ihren ganzen Körper erschütterte.
Dora eilte nach Hause, um die Nachricht schonend zu verkünden.
Wilma lag noch immer regungslos, Roderichs sanftes Zureden kam» vernehmend. Heulend umraste sie derSturm; gepeitscht von seinem brausenden Atem, fiel der Regen, hin und wieder zuckte noch ein Blitz, begleitet von prasselndem Donner.
Sie sah und hörte eS nicht, sie spürte nichts als den tobenden Aufruhr in der eigenen Seele: daS ihr anvertraute geliebte Kind war eines elenden Todes gestorben, und sie füllte Rechenschaft darüber ablegen vor dem Vater.
AnS Friedensheinl war ein HauS der Bestürzung und tiefen Trauer geworben. Gramgebeugt rüstete der Geheimrat sich schon am nächsten Tage, die Stätte zu verlassen, wo der Tod ihm so jäh seinen hoffnungsvollsten Sohn geraubt.
Toni aber folgte gern einer bereits früher ergangenen Einladung ihrer Schwiegereltern nach deren Besitzung bei Wiesbaden, um sich von den erlittenen Aufregungen zu erholen.
* * ♦
Etwa vier Wochen waren nach diesen Ereignissen ver
— In Metz hat sich ein deutsch-französisches Komitee gebildet zur Vorbereitung eines deutsch-französischen Vereins, welcher der Fördetung friedlicher Annährung der beiden Volksstämme des Reichslandes dienen soll. Der Verein will in allen größer» Gemeinden des Reichslandes eigene Zweigstellen errichten.
Ausland.
— Aus Christiania kommt die Nachricht, daß ein Schwede gegen das Königliche Residenzschloß mehrere Schüsse abgab. Das Königspaar befand sich zu der Zeit aber außerhalb der Stadt. Ein Schwede feuerte am Dienstag mit einem modernen Remingtongewehr 10 bis 12 scharfe Schüsse gegen das Schloß ab. Einige Schüsse gingen durch die Scheiben und drangen in mehrere Zimmer des Schlosses. Der Mann wurde ergriffen und der Polizei übergeben. Auf der Polizeistation erklärte er, daß seine Absicht gewesen sei, König Haakon zu erschießen. Er hatte 40 bis 50 Patronen bei sich. Man hält den Täter für irrsinnig. Er ist der etwa 30 Jahre alte schwedische Arbeiter Johannes Gren, der feit einigen Jahren hier wohnt und zuletzt in einer Motorfabrik beschäftigt war. Er soll früher in einer dänischen Irrenanstalt gewesen sein. Die Schüsse hat er aus einer Entfernung von 300 Metern abgegeben. Das Königspaar befindet sich gegenwärtig aus Boxen Kollen.
— Eine vorzügliche Kaffee-Ernte in ganz Ostussm- bara in Deutsch-Ostafrika hat es diesmal gegeben, und nach der „Usambara-Post" ist anzunehmen, daß überall ein erheblicher Reingewinn erzielt wird. Das Blatt bemerkt dazu, daß die Ernte noch besser und der Reingewinn noch größer gewesen wären, wenn die Arbeiterverhältnisse besser, d. h. wenn mehr Arbeiter zu bekommen gewesen wären, um die Kaffeepflanzungen stets -». Ordnung halten und pflegen sowie allen reifen Kaffee pflücken zu können. Auf einer größeren Plantage in Oftusambara mußte z. B. ein lohnender Betrieb stillstehen, um die dort beschäftigten Arbeiter zur Kaffee-Ernte mitverwenden zu^önnen.
— Im englischen Unterhause erklärte Schatzkanzler Asquith, daß er seinen Ausführungen vom letzten Freitag nichts weiter hinzuzufügen habe, als daß Lord Tweedmouth sofort nach Empfang des Briefes Kaiser Wilhelms diesen Brief dem Staatssekretär des Aeußern Sir Edward Grey gezeigt und sich mit Grey darüber verständigt habe, daß der Brief keinen offiziellen Charakter trage und als eine Privatmitteilung zu behandeln sei. Es könne absolut keine Rede davon sein, eine
flossen, als Wilma sich eines Nachmittags in der Jasmin- taube des kleinen, zwischen hohen Nachbarsmauern gele- genen Gartens der Ferdinandstraße befand, den der Geheimrat und seine Familie benutzen durfte. Sie besserte Wäsche aus und wollte dabei, weil sie selten inS Freie kam, den Blumenduft und daS Stückchen blauen Himmelhoch über sich genießen.
Es war ein stilles Stündchen. Hans und Walter befanden sich in der Schule, Milly in dem Kolleg. Toni weilte noch bei den Schwiegereltern, wo sie bis zur Hochzeit bleiben wollte.
In Wilma ist noch alles zerrissen, so schmerzlich wie sie hat nur der Vater den Verlust des Sohne», dem sie Mutter gewesen ist, empfunden.
Jetzt tritt der Geheimrat aus dem Hinterhaus«, durch- schreitet die mit Buchsbaum eingefaßten Beete und nähert sich der Laube.
Wilma hat gerade ein Paar Unterhöschen HanS' in Angriff genommen, was führte ihn zu dieser ungewohnten Zeit hierher, sollte er sie suchen?
„ES ist eigentlich recht hübsch hier im Garten," begann er, ihr gegenüber am Tische auf der hölzernen Ban! Platz nehmend, „man sollte daS mehr benutzen."
Nach diesem nicht sehr bedeutenden AuSspruch blieb Wilma nach wie vor über den Zweck seines Kommen» im Dunkeln. Um seine Augen nicht zu beleidigen, hatte siedaS Höschen unbemerkt versteckt unb ein Küchenhandtuch ergriffen, an dem sie nun auf Tod und Leben stopfte.
„Herr Geheimrat suchte mich wohl?"
„So ist es, Wilma, ich suchte Sie. DaS geht nicht, waS Sie da gestern vom Fortgehen zu mir sprachen, Sie dür- fen uns nicht verlassen."
Wilma ließ die Arbeit in den Schoß sinken. „Gott iveiß, wie schwer es mir geworden ist, Ihnen den Entschluß mit- zuteilen, Herr Geheimrat, unendlich schwer, aber ich kann nicht anders, nach dem, was zwischen mir und Fräulein Toni vorgefallen ist, muß ich gehen." * 140,19