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SchlüchternerAttm g

mit amtlichem Kreisblatt Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 23~ ; Mittwoch, den 18. März 1908. 59. Jahrgang.

Politischer Wochenbericht.

Während der Berichtswoche ist es sowohl im Reichstage wie im preußischen Abgeordnetenhause zu bedeutsamen Erklärungen der Regierung gekommen, zu denen Interpellationen aus dem Hause wegen der Beamtenbesoldung den Anlaß gegeben haben. Im Reichstage teilte der neue Staatssekretär des Schatz« amtes Sydow mit, daß die Regierung sich leider ge­nötigt sehe, die Erhöhung der Beamtengehälter bis zum Herbste dieses Jahres zu vertagen, da diese An« gelegenheit nur im Zusammenhänge mit der Reichs­finanzreform befriedigend geregelt werden könne. Ohne Lösung der Deckungsfrage sei es unmöglich, den Reichs­etat noch mit neuen gewaltigen Ausgaben zu belasten. Zu dem genannten Zeitpunkte würde eine großzügige Finanzreform-Vorlage, die bestimmt sei, der gegen­wärtigen Zerrüttung der Reichsfinanzen ein dauerndes Ende zu bereiten, gleichzeitig mit einer Beamtenbesol- dungs-Vorlage eingebracht werden. Um aber die Beamten zu entschädigen, solle jetzt wiederum eine Teuerungs-Zulage beantragt werden, und ferner sei in Aussicht genommen, den geplanten Gehaltserhöhungen rückwirkende Kraft vorn 1. April dieses Jahres zu verleihen. Das gerechte und unbefangene Urteil wird diesem Standpunkte der Reichsregierung volle Würdigung angedeihen lassen müssen. Wie es schon im privaten Haushalte unverantwortlich ist, Ausgaben zu machen, für die keine Deckung vorhanden ist, so trist dies in noch wesentlich höherem Maße auch auf die Regierung zu. Erst die Einnahmen, dann die Ausgaben. Sind die Parteien wirklich so beamten- freundlich, wie sie sich in Parlament, Presse und ster- sammlungen täglich geben, nun, dann werden sie ge­wiß kein Bedenken tragen, dem auch aus andern Gründen unbedingt notwendigen Zustandekommen der Reichsfinanzreform willig ihre Kräfte zu leihen. Von dem bisher stets bewährten gesunden Sinn unserer Beamtenschaft aber-steht zu erhoffen, daß sie sich durch oppositionelles Geschrei in ihrer loyalen Haltung nicht beirren und wankend machen lassen wird.

Mit der Besoldung der Reichsbeamlen steht diejenige der preußischen Bearmen in untrennbarem Zusammen­hänge. Soll der Grundsatz, daß für gleichwertige Vorbildung und Leistungen im Reiche wie im größten Bundesstaate die gleichen Gehälter zu zahlen seien, zur Durchführung gelangen, so muß Preußen unbedingt abwarten, ob und wie die Lösung der Beamtenbesol- dungs'Frage im Reiche gelingt. Folgerichtig gab denn

Odl- Kerze«.

Roman von Erwin Friedbach. 22

Später, als Mender gegangen war, traf eS sich, daß Roderich noch einen Augenblick allein mit Dora im Zim- mer blieb. Sie ordnete die zerstreut umherliegenden No­ten, während er gegen den Flügel gelehnt stand und in einem Hefte blätterte.

Sie reichten dem Grafen eine Rose, Fräulein Dora, ist Ihnen auch die Bedeutung eines solchen Geschenkes bewußt?"

Die Bedeutung ist meistens diejenige, die man selbst hineinlegt. Eine weiße Rose gilt auch für das Symbol des Todes, deshalb pflanzen wir sie mit Vorliebe auf ein Grab."

So bedeutete dies Geschenk, das Sie mit ihm das Stab Ihrer Hoffnungen schmücken; in der Tat sehr sinn- reich," entgegnete Roderich nicht ohne Bitterkeit,denn eine Ehe mit Graf Mender würde auf alle Fälle nur das Grab Ihrer Jugend, Schönheit und berechtigten Lebens- Hoffnungen bedeuten."

So meinte ich es natürlich nicht."

Denken Sie denn jetzt ernsthaft daran, sich mit ihm zu verbinden?»

Dora zog die Stirn in Falten. Da war eS wieder, die- leS lebhafte Interesse für ihre Angelegenheiten, das sie incht wollte; und obgleich sie jetzt, seit Mender zuversicht­licher geworden und dadurch ein dem Grauen ähnliches Gefühl in ihr erweckt hatte, schon wußte, daß eS unmög­lich sein würde, ihn anzunehmen, so trieb eS sie doch, ihm zu widersprechen, sich gegen RoderichS Rat und Wünsche, mochten sie auch noch so gut gemeint sein, anfzulehnen. Ja, diese ungerechtfertigte Empörung ging so weit, ernstlich zu erwägen, ob es nicht trotz aller Abneigung geraten sein dürfte, den Grasen zu ermutigen.

Es könnte sein, vielleicht auch nicht. Ich bin mir selbst noch nicht im klaren darüber."

«Ein Beweis, wie wenig Sie Ihr eigenes Herz ken- ich, Fräulein Dora. Wenders Benehmen tauscht Sie über

auch der Vizepräsident des Staatsministeriums v. Bethmann-Hollweg im preußischen Abgeordnetenhause eine entsprechende Erklärung ab. Hierbei rechtfertigte er in klarer und überzeugender Weise das Verhalten der preußischen Regierung und zerstreute gleichzeitig die Bedenken und Besorgnisse hinsichtlich einer etwaigen Schädigung der Beamtenschaft. Auch für die preußischen Beamten soll die kommende Gehaltserhöhung mit rück­wirkender Kraft ausgestattet werden, und auch ihnen soll durch Vorausbezahlungen der sofortige Genuß eines bebesserten Einkommens ermöglicht werden. Wir hoffen deshalb, daß kaum innerhalb der preußischen Beamten­schaft keinerlei unnötige Beunruhigung Platz greifen wird.

Die Angelegenheit des Briefwechsels zwischen Kaiser Wilhelm und Lord Tweedmouth hat nunmehr mit ihrer Erörterung im englischen Parlamente einen be­friedigenden Abschluß gefunden. Die vornehme Art und Weise, in der die beiden Häuser des englischen Parlaments die Sache behandelt haben, ist durchaus angetan, in Deutschland Genugtuung hervorzurufen, und läßt deutlich erkennen, daß die maßgebenden eng­lischen Kreise entschlossen sind, sich durch deutschfeindliche Treibereien nicht beirren zu lassen. Insbesondere ver­dienen die von lebhaftem Wohlwollen für Deutschland getragenen Ausführungen Lord Roseberys hervorgehoben zu werden. Seine Mahnung an die Presse, sich ihrer Verantwortung mehr als bisher bewußt zu sein, ver­dient vollste Beachtung. Nur haben wir leider wenig Hoffnung, daß die deutschfeindliche Hetzpresse Englands sich dadurch bewegen lassen wird, ihrem schamlosen Handwerk in Zukunft zu entsagen.

Der Ermordung des Königs und des Kronprinzen von Portugal sind bald weitere Mordanschläge auf hochgestellte Personen gefolgt: eine Bombenverschwör- ung gegen das Leben des Schahs von Persien und ein weiteres Attentat in Teheran, ein Dynamitanschlag gegen den Wagen des argentinischen Präsidenten Alcorta in Buenos Aires, ein Altentat gegen den Polizeichef Shippy in Chikago und ein Mordanschlag gegen den norwegischen König Haakon. Das mißglückte Attentat auf König Haakon ist von einem vermuthlich irrsinnigen Schweden verübt worden, während der von dem be­drohten Polizeichef Shippy erschossene Mörder ein russischer Anarchist, der Jude Lazarus Auerbach aus Kischiyew, war. Amerika, das in der Bekämpfung der anarchistischen Schreckenstaten uns Europäern zum Vorbilde dienen kann, hat sofort den Ausschluß aller

die Leere seines Innern hinweg, und da eS roh ist, wird er Sie mißhandeln, nicht körperlich, aber seelisch, und daS sind Martern, die das feinfühlende Weib kaum weniger schmerzlich empfindet."

O, mißhandeln lasse ich mich nicht," entgegnete Dora mit stolzem Lächeln.

Roderich sah daS Erfolglose seiner Bemühungen ein. Dora war zu rein und unerfahren, um die verschleierten Andeutungen zu verstehen. Er stand an einem Wende­punkt, so weiter zu leben vermochte er nicht. DaS, waS er am Abend errungen, zerstörte am nächsten Morgen ihr Erscheinen, und das ewige Bekämpfen des gefolterten Her­zens drohte endlich seine Kraft zu übersteigen.

Er wollte fort, eine größere Reise unternehmen. Nach monatelanger Abwesenheit würde er dann stark genug zu­rückkehren, den Kampf mit einer Liebe weiterzuführen, die von der ersten Minute ihres Erwachens an hoffnungs­los dem Tode verfallen war.

Noch von dieser Stimmung beeinflußt, brächte er daS Gespräch sogleich auf den Gegenstand, als er sich bald danach mit Rosamunde allein befand.

Ich hätte Luft zu einer Reise nach Italien."

Jetzt, Roderich, wo die Erntezeit beginnt? Da kön­nen wir doch nicht gut abtommen."

DaS habe ich bedacht und möchte deshalb allein ge­hen "

Rosamnnde sah ihn verständnislos mit ihren dunklen Augen an.Allein nach Italien?" wiederholte sie entsetzt.

Aber, bin ich denn ein Kind, daS nicht ohne Beglei­tung reisen kann?" gab er ein wenig ungeduldig über ihre Schwerfälligkeit zurück.

Liebling! Wirhaben mis doch bis dahin nie getrennt! Eheleute sollten eS außerdem nie tun. WaS sie da reden von einem Auffrischen der Liebe durch die Trennung, ist eitel Unsinn. Echte Liebe bedarf dessen nicht, sie bleibt immer frisch. Ich würde krank werden vor Sehnsucht nach Dir, ich würde sterben."

gefährlichen ausländischen Elemente aus seinem Gebiete ins Auge gefaßt.

Das entschlossene Vorgehen der englischen Regierung gegen die Mißstände in der Verwaltung des Kongo- staates scheint jetzt zu rascher Erledigung der zwischen Belgien und König Leopold bestehenden Streidigkeiten zu führen. Der König hat den größten Teil der Forderungen, die er an die Ueberlassung des Kongo­staates an Belgien geknüpft hatte, fallen lassey und insbesondere auf die vielumstrittene Erhaltung der Krondomänen verzichtet. Nach allem, was verlautet, dürfte die belgische Kammer mit den neuerlichen Vor­schlägen sich einverstanden erklären. Die Schwierig­keiten, die für Belgien aus dem neuen Gesetze erwachsen werden, sind allerdings nicht gering zu veranschlagen.

Deutsches Reich.

Kaiser Wilhelm wird am 20. März Mittags in Venedig eintreffen, und dort von König Viktor Emanuel empfangen werden. Hierauf wird sofort das Deujeuner im Palazzo Realeingenommen. Abends findet an Bord der Hohenzollern Galatafel statt. Die Gazetta Venetia erfährt, daß die Zusammenkunft einen hochpolitischen Charakter tragen wird, da sich der Reichskanzler in des Kaisers Begleitung befinden wird. In der Nacht geht die Hohenzollern nach Corfu weiter. Tie 2. Division des italienischen Geschwaders wurde nach Venedig beordert, um bei der Ankunft des Kaisers Salutschüsse abzufeuern und der Hohen­zollern das Geleit zu geben.

Prinz Joachim Albrecht von Preußen zurzeit als Major kommandiert zum Oberkommando der Schutztruppen, hat um seinen Abschied gebeten.

Der Reichstag beschäftigte sich am Dienstag mit den Interpellationen der Konservativen, National­liberalen, Freisinnigen und des Zentrums über den Zeitpunkt der Einbringung der Beamtengesetze. Der neue Staatssekretär des Reichsschatzamts Dr. Sydow beantwortete die Interpellationen und entwickelte in einer großen Rede die wichtigsten Fragen. Er gab namens der verbündeten Regierungen die Erklärung ab, wenn auch die Gehaltsaufbesserungen und die Er­höhung des Wohnungsgeldzuschusses auf den Herbst dieses Jahres vertagt werden müssen, so würden doch alle Beamten falls eine für das Reich und die Einzel« statten genügende Finanzreform zustande komme, so gestellt werden, als ob das Gesetz am 1. April in Kraft getreten wäre. Am Mittwoch wurde die

Kind, Du übertreibst. Eine Frau stirbt nicht an eine» Reise ihres Mannes nach Italien."

Der Gedanke, Dich dort allein zu wiffen, ist mir schreck­lich."

Und mir ist es offen gestanden, schrecklich, so wenig Herr meiner selbst zu sein."

Also Du willst allein fein. Ja, wenn Du eS in dem Lichte betrachtest .. Herr Deiner selbst .. ich dachte, auch Dir würde eS schwer fallen, Dich von mir zu trennen."

Wir leben doch nachgerade nicht mehr in den Flit- terwochen, Rosamunde."

Diese Worte ihres Mannes trafen sie wie ein Faust­schlag.O doch, Rodi, doch! Mir ist'S, als lebte ich heute noch in den Flitterwochen, nur daß ich Dich jeßt womög­lich noch mehr liebe als damals," fügte sie, sich fest an ihr» schmiegend, hinzu.

Er hatte eine ungeduldige Bemerkung auf den Lippen, besann sich jedoch. Rosamunde war sein Weib, er schuldet» ihr Rücksicht. Genug, daß er sie in seinem Innern betrog.

Sie hatte ihn beobachtet, während er nachdenklich da- stand und seinen blonden Schnurrbart strich.Weißt Du, war ich jetzt zuweilen von Dir denke, Roderich?"

Ich verstehe mich schwer auf da» Gedankenerraten, Kind.«

Ich denke, daß Du mich nicht mehr liebst, vielleicht nie geliebt hast." Sie legte die Arme um seinen Hal» und hängte sich schwer an seine Brust.

Ich bleibe ja nicht ewig," antwortete er gequält,nur sieben bis acht Wochen, und Du hast mich wieder, Dein unbestrittenes Eigentum."

Wider Willen klang ein bitterer Ton aus feinerStimme. Nur einmal erlöst von den drückenden Fesseln, die ihn niedergezogen, nur einmal frei sein, und wäre es auch nur um Kraft zu sammeln für die Endlosigkeit der grauen Zu­kunft.