mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber, vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
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Mittwoch, den 8. April 1908.
59. Jahrgang.
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L finden in der Schlüchterner Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlüch- tein erscheinenden Zeitungen besitzt.
Politischer Wochenbericht.
In der inneren Politik Deutschlands interessiert zurzeit naturgemäß das Schicksal des Vereinsgesetzes und der Börsenreform am meisten, da von diesen beiden Gesetzentwürfen die Zukunft des Blocks wesentlich mitbedingt wird. Hinsichtlich der Börsenreform sind von den Nationalliberalen jüngst Kompromißvorschläge gemacht worden, doch steht die Stellungnahme der ein» zelnen Parteien zu diesen Vorschlägen noch aus. Mac aber das Vereinsgesetz anbetrifft, so machen sich da, wie vorauszusehen war, innerhalb des freisinnigen Lagers Quertreibereien geltend, um einzelne Abgeordnete dem Kompromisse abwendig zu machen und den Entwurf so im Plenum zum Scheitern zu bringen. An der Spitze dieser Fronde stehen die Herren Barth, v. Gerlach und der bekannte Caligula-Quidde. Nun, der Regierung und den Konservativen kann es rech, sein; sie sind auch in diesem Falle wieder zugunsten der Erhaltung des Blockes mit ihrer Opferwilligkeit bis an die Grenze des Möglichen gegangen. Mag auch die formale Einheitlichkeit des Vereins- und Versammlungsrechts eine noch so schätzenswerte Errungenschaft sein, wichtiger und beteutungsvoller bleibt doch der materielle Inhalt der Rechlsbestimmungen, und in dieser Hinsicht läßt sich nicht leugnen, daß der Vereinsgesetzentwurf mit seinem abgeschwächten und verstümmelten Paragraphen 7 zu mancherlei Bedenken Anlaß gibt. Will der Freisinn also die Verantwortung für das Scheitern des Kompromisses auf sich nehmen, so mag er es immerhin tun, die Vereinsgesetzgebung bleibt dann nach .jie vor Sache der Einzelstaaten. Ihren Freunden unb Schützlingen, den Polen, aber dürften die Freisinnigen mit solchem Verhalten jedenfalls keinen Dienst erweisen.
Der Zusammenkunft der Herrscher Deutschlands und
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Edte Kerze«.
Roman von Erwin Friedbach. 30
„Gebrochen ? Dieser Ausdruck trifft hier keineswegs zu. Hat sie sich bei Dir beklagt
„Ist ihr nicht eingefallen. Ich bin diejenige: welche! Papa, ich habe Dich gestern abend mit Elfe von Ralfs nach HeinzeS Hotel fahren sehen, und als ich ihr da» erzählte, stimmten wir beide darin überein, daß die eS ist, um derentwillen Du Wilma den Laufpaß gibst."
Der Geheimrat zuckte unmerklich zusammen und fand, saß Milly sich oft allzu unverblümter Redensarten bediene. „Sollte eS sich in der Tat so verhalten," erwiderte er gezwungen, würdevoll und feine Brille auf die Stirn schiebend, „würde ich meiner Tochter doch nicht zugestehen, sich ein abfällige» Urteil über meine Handlungsweise zu erlauben."
„Bitte, Papa, verschanze Dich nicht hinter diesen bombastischen Phrasen, die viel zu abgenutzt sind, um mir im Bangsten zu imponieren. Du bist mein Vater, ich bin
Tochter. Alles hat jedoch ein Ende dem erwachsenen Kinde gegenüber, auch die Vaterschaft im Sinne de» Vormunde», um etwa» Besserem Platz zu machen, da» ist d«e Freundschaft!"
„Ich schulde Dir nicht alleinLiebe," fuhr Milly weicher fort, sondern auch Ehrfurcht, und Du weißt, bi» zu welchem Grade ich sie für Dich hegte. Aber leider muß sie schwinden mit dem Augenblick, wo Du eine Elfe Ralf un- serer Wilma vorziehst."
„Meine liebe Milly," sagte der Geheimrat, sich in sei- nen Sessel drückend, „Du redest, wie Dein noch nicht ge- reifter Verstand e» Dir eingibt, ohne zu bedeuten, daß ein Mann wie ich seine Beschlüsse nicht gänzlich von demUr- teil seiner Kinder abhängig macht, am wenigsten dort, entschieden hat. Ich denke, Du wirst mir hin- reichend Autorität zutrauen, darüber ganz nach eigenem ermessen zu bestimmen."
Italiens in Venedig ist unmittelbar auf dem Fuße die Reise unseres Reichskanzlers Fürsten von Bülow nach Wien gefolgt. Man wird daher nicht umhin können, auch ihr für die Festigung der innigen Beziehungen zwischen den Mächten des Dreibundes eine besondere Bedeutung beizulegen, und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß auch in dem Besuche des Fürsten Bülow beim österreichischen Minister des Auswärtigen Freiherr» v. Aehrenthal die «getrübten herzlichen Beziehungen zwischen den beiden leitenden Staatsmännern Deutschlands und Oesterreichs sowie den von ihnen vertretenen großen Nachbarreichen kla zum Ausdrucke gekommen sind. Hat auch kein spezieller politischer Anlaß unsern Reichskanzler nach Wien geführt, so ist es doch zweifelsohne zwischen ihm und Freiherrn v. Aehrenthal zu einer Aussprache über die schwebenden Fragen der internationalen Politik ge- kommen. Daß hierbei aber eine völlige Uebereinstimmung zwischen den beiden Staatsmännern erzielt worden ist, dürfte ebenfalls mit völliger Sicherheit anzunehmen sein.
Die innerpolitische Lage Oesterreichs, die Fürst Bülow bei seinem Besuche in Wien angetroffen hat, ist keine besonders erfreuliche, vielmehr hat sich die parlamentarische Situation an der Donau wieder einmal recht kritisch zugespitzt. Den Anlaß hierzu bietet die böhmische Sprachenfrage und im besondern der Egerer Sprachenfall. Am Egerer Landgerichte sind nämlich Eingaben in tschechischer Sprache von deutschen Richtern zurückgewiesen worden. Dieses Verhalten wird von den Tschechen, die auf Grund der sogenannten Stremayrscyen Verordnung auch für die innere Amtssprache der Gerichte allenthalben die Gleichberechtigung des Tschechischen verlangen, heftig angefochten, während die Deutschen wiederum der genannten Verordnung keinerlei Rechtskraft beigelegt wissen wollen. Als einziger Ausweg empfiehlt sich die klare und unzweideutige gesetzliche Regelung der betreffenden Materie, und eine solche Regelung ist denn auch von dein Zustizminister Dr. Klein im Budgetausschusse des östreichischen Abgeordnetenhauses soeben in Aussicht gestellt worden. Bis dahin aber ist sowohl den tschechischen wie den deutschen Parteien des österreichischen Parlaments dringend ein Waffenstillstand anzuraten; denn kommt es infolge des nationalen Sprachenhaders zu einer parlamentarischen Krisis, so dürften die einzig Gewinnenden dabei Ungarn und die Sozialdemokratie sein.
Die russischen Reformvorschläge in der Balkanfrage,
„Aus diesem glaube ich zu verstehen, daß Du beabsich- tigst die Schauspielerin zu heiraten, Papa ?'
„Unb wenn dem so wäre? ElseS Ruf ist fleckenlos; was die gehässige Fama auch faseln mag, weder gegen ihre Persönlichkeit noch Verhältnisse läßt sich etwas einwenden, unb sie liebt mich wahrhaft. Entsagt doch diese» kunstbe- gabte, hochbeseelte Mädchen dem Triumphzug über Gold und Lorbeeren, der ihr winkt. Dir, der Tochter, mag daS sonderbar erscheinen, doch darfst Du nicht vergessen Milly, daß der Ruhm daS Haupt des Mannes mit einer Glorie schmückt, die selten ihren Eindruck auf gefühlvolle Frauen- herzen verfehlt. Ich werde also noch kurze Zeit glücklich sein, mein Kind, und daS darfst Du Deinem Vater, der so lange einsam war, wohl gönnen."
„O Papa, welch' ein verhängnisvoller Irrtum!" Angesichts dieser Saiten, die der Geheimrat anschlug, sank Milly plötzlich der Mut. AuS übervollem Herzen hatte sie zu ihm sprechen »vollen, und nun verflog der Zorn vor dem Mitleid über seine hiflose Blindheit. „Alles, waS ich hier stammele, ist nur ein schwacher Ausdruck von dem, was ich empfinde. Du glaubst, ein Glück zu erreichen, und ahnst nicht, wie grausam Du enttäuscht sein wirst, denn Elfe Ralf ist keine Frau für Dich, sondern eine oberflächliche, leichtlebige Natur, die niemals dauernd Deinen Ansprüchen genügen kann. Und dann, Papa, vergib, daß ich so spreche, aber eS muß geschehen, darf der Mensch nicht nur allein an sich selbst denken, bist Du nicht auch den Deinen einige Rücksicht schuldig, vor allem Deinem jüngsten Kinde? Darfst Du Han» eine Mutter nehmen, wie Wilma sie ihm gewesen ist?"
Die Worte hatten getroffen. Die Gestalt deS alten Herrn sank zusammen, er stützte die Stirn auf seine Hand und brütete finster vor sich hin.
„Mein lieber Papa," begann Milly mit leiser, vibrierender Stimme, als er zu schweigen fortfuhr, „hier stehe ich vor Dir, Deine Tochter, die Dir so viel verdankt an schönem, fruchtbringenden Wissen, um mich an Dein Herz zu wenden, da» stet» auf» wärmste für un» alle geschla
die in der Berichtswoche dem Auswärtigen Amte in Berlin durch den russischen Botschafter übermittelt worden sind, stellen ^eine ziemlich umfangreiche und sehr eingehende Arbeit dar, zu deren Einzelheiten die Mächte noch Stellung zu nehmen haben. Es herrscht im allgemeinen der Eindruck vor, daß die Vorschläge Aussicht haben, im wesentlichen die Grundlage zu bilden, auf der das europäische Konzert in der mazedonischen Frage weiter arbeiten kann. Die Aufnahme der russischen Denkschrift ist dementsprechend überall günstig gewesen. Die englische Regierung hält zwar an ihren eigenen Vorschlägen fest, ist jedoch nach wie vor bereit, auch andere Gesichtspunkte in Erwägung zu ziehen.
In der niexikanischen Magdalena-Bai hält die amerikanische Schlachtflotte, die den langgestreckten Körper der neuen Welt rasch und erfolgreich umschifft hat, jihre Schießübungen ab. Von dort geht es zunächst nach San Francisko, wo die Vorräte ergänzt werden und der an die Altersgrenze gelangte Admiral Evans das Kommando abgibt, und dann nach Australien. Zum Schluß wird die amerikanische Flotte auch der Einladung Japans Folge leisten, und die klugen Japaner werden sich die amerikanische Streitmacht sehr genau ansehen, den Gästen aber wohl kaum einen Ein- blick in das Stadium ihrer eigenen Flottenrüstungen gewähren, an denen sie mit großen« Eifer arbeiten.
Deutsches Reich.
— Die kaiserliche Familie hat auch in Messina eine sehr herzliche Aufnahme gefunden. Die Fahrt von Syrakus nach Messina bot einen außerordentlichen Genuß. Nacheinander zogen die grüne Tiefebene von Catania, der mit Schnee bedeckte Aetna in ganz ungewöhnlicher Kla beit, Taormina und die anderen Bergstädte auf d u pittoresken Uferbergen vorüber. An Bord wurde eifrig photographiert. Am Sonntag hielt der Kaiser Gottesdienst an Bord der „Hohen- zollern" ab und machte hierauf einen Besuch auf dem Panzerkreuzer „Francesco Ferruccio", um sich nach dem Befinden des ersten Offiziers auf dem „Ferruccio" zu erkundigen, welcher bei einem Unwetter, das das Schiff vor Bari zu überstehen hatte, verletzt wurde. Der Kaiser besichtigte nachher die „Hamburg". Nach der Mittagstafel begaben sich die Kaiserin, Prinz August Wilhelm und Prinzessin Viktoria Luise nach Taormina in einem Sonderzug der italienischen Eisenbahn. Der Kaiser mit den Herren des Gefolges be- gab sich zu Wagen nach Castanea, einem Dorf 1000
gen hat. Stoße Wilma nicht um der anderen willen von Dir. Es ist eine Sünde, Papa, die sich schrecklich durch sich selbst rächen würde.
Der Geheimrat atmete schwer, die Vorstellungen Mil- ly» verfehlten ihre Wirkung nicht. Doch in seiner Seele hatte zur Zeit nichts mehr Raum al» die Stimme und das verlockende Bild des jugendschönen Weibe».
„Du verstehst eS, zum Herzen zu sprechen, meine liebe Milly," sagte er bewegt, „aber Du verkennst, und wie sollte daS bei Deiner Jugend auch ander» sein, die Macht der Leidenschaft. Das ist nicht wie im Frühling de» Leben», wo die Liebe wie der milde Lenz erwacht und tausend neue Blüten zur Entfaltung ruft, die Stürme de» Herbste» wehen verheerend, und vergeben» ist e», sie besänftigen zu wollen. Und seltsam," fügte er mit abwesender Miene inS Leere blickend hinzu, „mir ist'», als verjüngte mich die Neigung, der jugendfrische Hauch der hochbegad- ten Künstlerin wirkt wie ein Wunder, nie gespürte Leben», lust fließt durch meine Adern. Und was unsern Han» anbetrifft, so tröste Dich, sie versprach mir fest, ihm eine pflichtgetreue Mutter zu sein."
AlS sie erkannte, daß alle» verloren war, warf sich Milly trostlos auf ihre Knie und umschlang seine Gestalt.
„Und Wilma, Vater, Wilma, die elf Jahre für unSge- arbeitet und un» groß gezogen hat, Deine liebevolle Pflegerin, bringst Du eS fertig, sie auf solche Weise für immer von Dir zu stoßen?"
„Bestes Kind, man kann schließlich doch nur eine heira- ten; und da sie mich freimütig aufgab, entscheide ich mich natürlich für die, zu der e» mich unwiderstehlich zieht."
„Und wenn nun alle Deine Kinder sich von Dir wenden und Dein Hau» auf Nimmerwiederkehr verlassen, Vater ?" flehte Milly beschwörend, während ihre Augen mit wahrer Todesangst an seinen Lippen hingen.
„Kind, Kind, beruhige Dich," bat er, nach Fassung rin- gend, „waS die Folgen der Verbindung mit Elfe bringen, muß ich standhaft über mich ergehen lassen." 146,1p