mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 34.
Samstag, den 25. April 1908.
59. Jahrgang.
Amtliches.
J.-Nr. 2083 K. A. Diejenigen Herren Standesbeamten welche mit Erledigung der Verfügung vom 11. April ct. — I. Nr. 1948 K. A. - (Schlüchterner Zeitung Nr. 31) belr. Angabe des Bedarfs an Formulare für das Jahr 1909 noch im Rückstände sind, werden an Erledigung mit 3 Tagen Frist erinnert.
Schlüchtern, den 23. April 1908
Der Königliche Landrat.- I. V. Berta.
Deutsches Reich.
— . Bayerns Thronfolger Prinz Ludwig, beabsichtigt, an der Ostseefahrt der jüngst eingestellten Seekadetten und Schiffsjungen auf dem Schulschiff „Hertha" teil- zunehmen und sich am 12. Mai einzuschiffen. Kronprinz Wilhelm wird vom 29. Mai bis 6. Juni an Bord des Lienenschiffes „Deutschland" an einer Uebung der Hochseeflotte (16 Fanzer und 10 Kreuzer) teil- nehmen.
— Die Ansiedlungskommission hat nach längerer Pause jetzt auch wieder einen größeren Besitz erworben. Sie kaufte von dem Oekonomierat'.Walzer das 4 000 Morgen große Rittergut Grodzieznow, das in dem an die Provinz Ostpreußen grenzenden Kreise Löbau in Westpreußen liegt. In dem Kreise sind insgesamt 21 000 Morgen zu Besiedlungszwecken angekauft, von denen 16000 Morgen an Ansiedler abgegeben worden sind. Das Besiedlungsergebnis war auch im ersten Quartal dieses Jahres recht günstig. Es wurden in den Monaten Januar, Februar und März insgesamt 535 Verträge abgeschlossen gegen 452 in der gleichen Zeit des Vorjahres, also 83 mehr.
— Nach polnischen Blättern ist das Wahlkompromiß zwischen den Polen und dem Zentrum für Oberschlesien jetzt endgültig abgeschlossen. Danach sollen die Polen drei Landtagsmandate, je eines in Pleß- Rybnik, Oppeln und Ralibor, erhalten.
— In dem Prozeß gegen die Berliner Wahlrechtsdemonstranten wurden die „Genossen" Paschke und Wermut zu je 6 Monaten Gefängnis verurteilt, die übrigen Angeklagten zu 1 bis 4 Monaten; drei An« geklagte wurden wegen Uebertretung zu 30, 50 bezw. 100 Mark Geldstrafe verurteilt. Zwei wurden freigesprochen. Dem Berliner Polizeipräsidium wurde die Pubmatronsbefugnis zugesprocheu.
• Daß Wahlterrorismus der Sozialdemokratie wird jetzt von ihr offen verkündet. So wurde in einer Versammlung des sozialdemokratischen Wahlvereins für
den achten hannoverschen Reichstagswahlkreis vom Vorsitzenden es als selbstverständlich bezeichnet, daß die Sozialdemokratie im bevorstehenden Kampfe mit großem Nachdruck dafür sorgen werde, daß die von der Ar« beiterschaft abhängigen Geschäftsleute für die Sozial- demokratie eintreten. Diese Ankündigung wurde mit lautem Beifall ausgenommen. — Ein gefährliches Beginnen; die bürgerlichen Parteien könnten leicht sich verleiten lassen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Auch die Ungültigkeit des Mandates kann die Folge sein.
— Nach Leibungen aus Bremen dauert der Rückgang der Auswanderung an. Von Januar bis März sind insgesamt 11523 Personen, gegen 58 121 im Vorjahre, ausgewandert. Im März allein ist der Rückgang noch beträchtlicher. Im März des Vorjahres betrug die Auswanderung noch 30 044 Personen, während dieses Jahr nur 4765 Persen auswanderten.
— Nach einer Entscheidung des Unterrichtsministers ist es nicht zulässig, Kandidaten des höheren Schulamts Reisekosten undjTagegelder zu gewähren für eine Reise, die sie unternehmen, um den Dienst an der ersten Anstalt anzutreten, welcher sie zugewiesen sind. Es macht hierbei keinen Unterschied, ob sie der Anstalt zur unentgeltlichen Beschäftigung überwiesen werden, oder ob ihnen für ihre Beschäftigung eine' Remuneration gezahlt wird.
Ausland.
— (Unser Kaiserpaar auf Korfu.) Am Karfreitag hielt Pfarrer Goens in der Schloßkapelle im Achilleion einen Gottesdienst ab, an dem auch die Kronprinzessin von Griechenland teilnahm. — Am Sonnabend nahm der Kaiser Vorträge entgegen. Am 1. Ostertag wohnten das Kaiserpaar sowie der König und die Kronprinzessin von Griechenland dem Gottesdienste bei; später folgte ein Ausflug nach der Stadt Korfu. Am Montag fand an Bord der „Hohenzollern" Eier- und Apfel- sinensuchen für die Mannschaften der Kaiserjacht statt. Am Dienstag mittag empfig per Kaiser die Gesandtschaft des Sultans.
— Die Abreise des Kaisers von Korfu wird vor» aussichtlich am 4. Mai erfolgen. Prinz Oskar ist am Ostermontag an Bord der „Hohenzollern" von Korfu zur Fortsetzung seiner Studienreise nach Sizilien zurückgekehrt.
— Der Reichskanzler Fürst v. Bülow hat Rom wieder verlassen und verlebte die Feiertage mit seiner Gemahlin in Venedig. Die Audienz des Fürsten beim
Papst ist zur beiderseitigen vollsten Zufriedenheit ver- laufen.
— Im Kampfe um die Gerichtssprache in Böhmen ist nun auch das Kreisgericht Brüx dem Standpunkte des Egerer Kreisgerichts durch eine Entscheidung beigetreten. Eine tschechische Eingabe eines Präger Rechtsanwaltes an das Bezirksgericht in Kaaden wurde von letzterem mit dem Hinweise auf die deutsche Amtssprache bei diesem Gerichte abgewiesen. Die gegen diese Entscheidung an das Kreisgericht in Brüx erhobene Beschwerde wurde von diesem mit dem Bedeuten abgelehnt, daß im Brüxer Kreisgerichtssprengel allein die deutsche Sprache landesüblich sei. Damit hat sich auch dieses Kreisgericht ein für allemal auf den Standpunkt gestellt, daß die von den Deutschen angefochtenen Stremayerschen Sprachenverordnungen, die in ganz Böhmen die doppelsprachige Amtsführung vorsehen, als ungültig anzusehen seien.
— 9la$ Pariser Blättermeldungen hat die Petersburger Polizei eine Verschwörung gegen die russische Kaiserfamilie entdeckt. Es war geplant, anläßlich der Hochzeit der Großfürstin Maria Pawlowna mit dem Herzog von Södermanland einen Anschlag zu verüben. Bei Haussuchungen wären darauf bezügliche höchst wichtige Funde gemacht worden.
— In Jalta ist der ehemalige russische Botschafter in Berlin Graf Paul Schuwalow gestorben; er hat ein Alter von 78 Jahren erreicht. Ein tüchtiger Soldat und ein hervorragender Diplomat, der auch persönlich in Berlin große Wertschätzung genoß, ist mit ihm dahingegangen. Graf Paul Schuwalow bekleidete den Berliner Botschafterposten etwa zehn Jahre lang bis Anfang 1895, hat aber auch nach seinem Weggänge herzliche Beziehungen zur Berliner Hofgesellschaft unterhalten und erfreute sich noch im vorigen Jahre, als er sich mehrere Tage zur Befragung ärztlicher Autoritäten in Berlin aufhielt, der besonderen Aufmerksamkeit des deutschen Kaiserpaares.
— Die Bombenattentate in Frankreich häufen sich. In Narbonne wurden vor das Haus des ehe« maligen Maire, des ehemaligen Beigeordneten und des jetzigen Maire Bomben gelegt. Zwei von ihnen explodierten und richteten Materialschaden un.
— Das Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten hat den Antrag Hobson, der den Bau von vier Schlachtschiffen anstatt der vom Marinekomiten befürworteten zwei Vorsicht, mit 190 gegen 79 Stimmen abgelehnt. Das Ergebnis der Abstimmung wurde mit lautem Beifall begrüßt. Die Ablehnung erfolgte auf
Gdk Kerze«.
Roman von Erwin Friedbach.
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lind etwas wie ein stiller Feiertag begann unter den Eindrücken des heutigen Tages sich auch in Wilma» Seele etnjufinb'n, während sie in dem bequemen Friedenshei- mer Wagen nach Hohenfähr zurückfuhr.
* * *
Kurz vor Weihnachten traf Roderich wieder zu Hause ein. Er war im Antlitz braun geworden, wie e» in seinem Herzen auSsah, vermochte niemand zu erraten, denn er verstand eS, sich so vollkommen zu beherrschen, daß selbst seine Mutter irre wurde und ihn geheilt glaubte, um so wehr, da er alSbald mit energischer Tätigkeit seine Arbei- ten auf Elchhof wieder tn Angriff nahm.
Am ersten Feiertage erhielt Rosamunde einen Brief von dem Geheimrat, worin er ihr zunr Neujahrsfeste den Besuch seiner ganzen Familie meldete. Elfe, die seit November seine Frau war, wünsche sehnlichst, die Friedens- yelmer Verwandten kennen zu lernen, und da auch Ger- & » sowie Toni und Luitpold mitzureisen beabsichtigten, vetrachtete er da» Ganze als eine Art Bersöhnungsfeier, zu der sie ihm ihre Hilfe nicht vorenthalten möchte, tior *m bestück brächte Rosamunde die Angelegenheit ... «Acht Personen auf einmal, um diese Jahreszeit, das ist viel, meuUe sie „Jedenfalls liegt da ein Einfall Elfe» vor, Die stets nach besonderen Effekten zu haschen scheint. So gern lch nttch auch mit meinem Bruder ausgesprochen hatte, will ich Dir doch nicht zumuten, Roderich, seine Frau zu empfangen, werl ich Deine Abneigung für das Theater ^nue und welß. wie unangenehm der Trubel im Hause Dir sein würde."
„,n3uAtem sannen wollte er diesen Einwand nicht £ffCm"-^^ Rosamunde. Unmöglich
SS Du Ulrich abschrelben, es hieße die Gastfreundschaft
' ?nt 3™u ^se anbetrifft, nun, so nehmen wir Ke rvrnmuluden Kauf."
„Du bist natürlich immer tolerant. Aber zur Winterzeit, bedenke doch, und daß wir den verwöhnten Hamburgern so gut wie gar nichts bieten können."
„Wir werden ihnen, falls der Frost anhält, ein EiSfest geben. Ein solches Fest bei Fackellicht und Musik aus der Ostsee dürfte auch unsern anspruchsvollen Großstädtern etwa» Neues sein."
Ein Eisfest, Roderich, dem jede größere Gesellschaft seit Jahren ein Greuel war. Wie er sich verändert hatte! Seine Mutter aber dachte: „Er will sich betäuben. Nicht über- wunden hat er, sondern nur gelernt, die Maske meisterhaft zu tragen."
Dora vermied eS, seinen Augen zu begegnen, voll unruhiger Scheu wich sie ihnen au», als ob eine drohende Gefahr damit verbunden sei. Zu ihrem Entsetzen erfüllte seine Nähe sie mit heimlichem Entzücken, seine Stimme traf sie wie eine Liebkosung, und ein berauschendes Geheimnis, das beide empfanden, schwebte zwischen ihnen. Und herber noch wurde Doras Zurückweisung, kälter ihr Blick und Ton, der die Vorgänge des Innern hätte verraten können.
Nachdem Rosamunde erfahren, daß Roderich nichts gegen die Ankunft der zahlreichen Gäste einzuwenden hatte, begann sie erleichtert die Vorbereitung zu deren Empfang zu treffen. Sie war gespannt auf Elfe» Bekanntschaft, von der die Neffen und die Nichten da» Widersprechendste geschrieben. Nur Toni hatte sich gegen alle» Erwarten leicht gefügt, weil die Gattin ihres Vaters wenigstens einen adeligen Namen trage und deshalb nach ihrer Meinung besser zu ihm passe, al» da» simple Fräulein Fürstner.
Am Sylvestermorgen war Rosamunde mit Roderich zur Begrüßung der Verwandten nach der Station gefah. ren, und schon die ersten Minuten brachten die Bestatt- gung ihrer schlimmsten Befürci tungen. Der Geheimrat von Waßmut sah um Jahre gealtert au». Bart und Haupthaar waren fast iveiß geworden, die frühere Beweglichkeit der schmächtigen Gestalt hatte einer gewissen Mattigkeit Platz gemacht, und au» seiner Stimme klang dem vertrauten Ohr der Schwester unverkennbar daS Geständnis: „Ich
habe einen verhängnisvollen Irrtum begangen und stehe im Begriff, ein unglücklicher Mann zu werden."
Eises kecke» Spitzmausgesichtchen hingegen strahltevor Vergnügen. Diese winterliche Reise bei herrlichem Wetter nachdem Norden bot ihren überreizten und nach steter Abwechslung dürstenden Sinnen die erwünschte Anregung. Nur nichts Langweilige», nur nicht mit sich selbst allein sein, da» ist da» Gräßlichste, nur Zerstreuung! Sie trug ein amethystfarbeneS Sammetkostüm mit weißlichem Federbesatz, und aus ihren markierten Zügen blickte so viel Begehrlichkeit, Selbstbewußtsein und Zerfahrenheit, daß Rosamunde Milly vollkommen recht gab, als diese behauptete : Elfe von Ralf mag al» Soubrette eine glänzende Zukunft verscherzt haben, aber zu PapaS Frau paßte sie durch« aus nicht; dazu ist sie zu launenhaft und kindisch.
Das Wetter zeigte sich dem geplanten EiSfest, daS am folgenden Nachmittage stattfinden sollte und von allen mit Jubel begrüßt wurde, ungemein günstig. Der anhaltende starke Frost hatte die Bucht mit glattem Spiegel überzogen, während weiter hinaus die Decke, holprig geworden, schollenweise aneinander gefügten gefrorenen Wellenhügeln glich. Der Park lag unter dichtem Schnee lautlos in feierlicher Winterruhe da.
Es waren noch mehrere Familien aus der Umgegend geladen, und so begann denn am Nachmittag des sonnenklaren Wintertage» ein bunt belebtes Bild auf der Bucht sich zu entfalten. Jugendlich anmutige Gestalten, die Wangen hochgerötet vor Kälte, die Augen strahlend, bewegten sich pfeilschnell dahin, zwischen ihnen Roderich, der dem Sport des Schlittschuhlaufens mit Vorliebe und großer Geschicklichkeit huldigte. Zuweilen schallten jauchzende Töne oder fröhliches Lachen durch die stille Luft, bis die Dorfkapelle erschien und dem Vergnügen durch den Rhythmus der Musik noch erhöhten Reiz verlieh.
Toni war zu bequem zum Laufen, auch hielt die Aussicht eines zu erwartenden Mutterglücks sie von der im- merhin gefährlichen Eisfläche fern. x 140,18