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mit amtlichem Areisblatt. Alonalsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

___Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat"._____________________

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.

32 35. Mittwoch, den 29. April 1908. 59. Jahrgang.

Deutsches Reich.

-^ Ueber die jetzt viel besprochene Frage:Ver­legung der Garnisonen in kleinere Städteschreibt im Gegensatz zu anderen militärischen Sachverständigen Herr v. Auerswald: Schon jetzt wirkt sehr vieles, und mehr als gut ist, auf eine Blutenleerung der Peripherie unseres Stadlkorpers hin. Gerade im Interesse des Heeres ist die Entvölkerung des Landes zu beklagen. Werden wohl nur wenige Menschen glauben, daß die Großstädte ebenso gute Soldaten großziehen wie die Kleinstäde und das Land. Je mehr Leute aber in den Großstädten ihre zwei Jahre ab- dienen müssen, je weniger kehren in ihre Heimat zu­rück. Das ist die Hauptsache, die auch den Grafen Finkenstein bewogen hat, für die kleinen Garnisonen einzutreten. und nicht die Kammere interessen der Kleinstädte. Wenn die Garnisonen mit Geschick aus­gesucht werden, werden auch in den kleinen Garnisonen lehrreiche Felddienstübungen stattfinden können. 66 und 70 hat das Ausland wenigstens an den Schäden der kleinen Garnisonen keine Freude gehabt. Die Hauptsache ist aber, daß der Entvölkerurg und Ver­armung der kleinen Städte und Dörfer auf jede Weise entgegengearbeitet wird. Die Sozialdemokratie wird mit aller Entschiedenheit für die großen Garnisonen eintreten. Sie ; weiß, dann wird ihr Weizen blühen- Auch dieser Umstand ist wohl zu berücksichtigen. Ich hoffe 7also, daß das Kriegsministerium auch unsere Auffassung der Frage erwägen und die Wichtigkeit bedenken wird, die es für das Heer hat, daß recht viel Bauernsöhne ihrer Heimat erhalten bleiben.

Ein merkwürdiges Schuldeputationsmitglied scheint der frühere Oberst Gaedtke in Steglitz, der so lange um seinen Oberstentitel vergeblich gekämpft hat, zu sein. Nachdem er im Gemeindekuratorium für die Erhöhung des Schulgeldes ein getreten war, veranstaltete er, als dann die Gemeindevertretung diese Erhöhung beschlossen hatte, eine Protestversammlung geaen die Schulgelderhöhung und eiferte gegen einen Beschluß, für den er vorher selbst eingetreten war! Das ist doch alles mögliche!

" Je mehr die Begeisterung für die sozialdemo­kratische Maifeier abstaut, desto mehr tritt der geschäft­liche Charakter der ganzen Demonstration in den Vordergrund. Rote Nelken als Schmuck für den Mai­tag werden in den Gewerkschaftszeitungen ausgeboten, ebenso besondere Maifestzeichen und Maifestzeitungen, die jeder s kaufen muß, der sich am Zuge oder an der

Versammlung beteiligt. In den meisten Fällen macht nicht nur die Fabrikant damit ein Geschäft, sondern auch die sozialdemokratischen Vereinigungen, die diese Abzeichen alljährlich neu für ihre Mitglieder beziehen und ihre Kassen dadurch stärken. Hat der zielbewußte Genosse" seine rote Nelke, sein Abzeichen, seine Mai- festzeitung und was sonst dazu gehört, erstanden, dann darf er mitfeiern, vielleicht in der Voraussicht, dadurch seine Stellung bei seinem Arbeitgeber möglicherweise für immer zu verlieren.

Seinen Austritt aus der sozialdemokratischen Partei erklärt und den Vorsitz des Gewerkschaftskartells niedergelegt hat der Vorsitzende der Ortskrankenkasse und das Gewerkschaftskartells in Offenbach a. M. Jakob Streb, weil er sich im Gegensatz zu der Ge- meindepolitik der Offenbacher Sozialdemokratie befindet.

Nach einer im Reichsversicherungsamte gefer­tigten Zusammenstellung über die Invaliden- und Altersrenten betrug die Zahl der seit dem 1. Januar 1891 bis einschließlich 31. Dezember 1907 bewilligten Invalidenrenten 1 516 021. Davon sind infolge Todes oder Auswanderung des Berechtigten, Wiedererlangung der Erwerbsfähigkeit, Bezug von Unfallrenten oder aus anderen Gründen weggefallen 674 029, so daß am 1. Januar 1908 liefern: 841994. Die Zahl der während desselben Zeitraumes bewilligten Altersrenten betrug 459 394. Davon sind infolge Todes oder Aus­wanderung des Berechtigten oder aus anderen Gründen weggefallen 342 507, so daß am L Januar 1908 liefen: 116 887. Svnach sind im ganzen fast zwei Millionen Renten seit dem 1. Januar 1891 bewilligt worden, von denen am 1. Januar 1908 noch fast 960 000 liefen.

Ausland.

Wie dasGiornale d'Jtalia" in Rom erfährt, sind die Reifevispositionen des deutschen Kaisers insofern abgeändert worden, als er auf der Rückfahrt von Korfu einen Hafen an der italienischen Ostküste anlaufen wird. Es gilt als sicher, daß der Kaiser am 1. Mai in Bari eintrifft, um das in der Nähe gelegene, vom Hohen- staufenkaiser Friedrich II. erbaute Castel del Monte und andere Staufenschlösser zu besuchen. Von Bari wird der Kaiser wahrscheinlich noch nach Ravenna reisen, wo ihn die Grabmäler Theodorichs des Großen und Dantes besonders anziehen.

Die griechische Polizeiverhaftete auf Korfu 50 Albanesen, die aus Patras kamen und Waffen und

Dynamit im Gepäck mit sich führten. 20 Albanesen gelang es, in einem Segelschiff zu entfliehen, sie wurden aber von griechischen Truppen verfolgt, die 11 nieder­machten und die übrigen festnahmen. Etwas anders wird dieser auffällige Vorgang in einem Privattele- gramm desBerlin. Lok.-Anz." geschildert: Am Freitag abend gelangte in Rom die Nachricht von einem tragischen Vorkommnis an der albanischen Küste. Auf einer von Korfu abgegangenen Barke wollte eine Anzahl Albanesen, die keine Pässe besaßen, an der Küste heimlich landen. Die jetzt in Rom aufgestellten Truppen gaben Feuer. Der korsiotische Barkenführer wurde sofort getötet. Wie verlautet, sollen auch vier albanesische Insassen der Barke getötet worden sein.

Nachrichten aus Lissabon deuten darauf hin, daß man auf ernste Ereignisse in Portugal gefaßt sein kann. Die Republikaner wollen dem König nebst seiner Familie empfehlen, in Frieden der Krone zu entsagen und das Land zu verlassen, da die Einsetz­ung der Republik die einzige Rettung aus der Krisis sei. Die Königin scheint keineswegs einzuwilligen, weshalb blutige Ereignisse bei der Totenmesse in Gegen­wart des Hofes sowie bei der Krönung des Königs sehr wahrscheinlich sind. Der Handel und der Fremden­verkehr stocken gänzlich. Kennzeichnend für die Situa­tion ist, daß eine Prozession von Soldaten mit scharf­geladenen Gewehren begleitet wurde. Unter dem Vor- wand, daß eine Parade stattfinden solle, werden starke Detachements aus der Provinz in der Hauptstadt zu­sammengezogen.

Die terroristischen Räubereien in Rußland nehmen kein Ende. In Balachany wurde auf einen von vier Soldaten begleiteten Kassierer der Kaspi- Kompagnie ein Raubanfall verübt. Der Kassierer und zwei seiner Begleiter wurden getötet, die beiden anderen und mehrere Arbeiter erlitten schwere Verletzungen. Von den 24 000 Rubeln, die der Kassierer bei sich hatte, wurde nur ein geringer Teil geraubt.

Aus Saloniki werden neue Bandenkämpfe in Mazedonien gemeldet. Eine Abteilung türkischer Truppen griff in Banitza, Kreis Florina, eine bulgarische Bande an. Diese erhielt Verstärkung durch bewaffnete Bauern und warf die Truppen zurück. Zwei Soldaten wurden getötet.

Aus Washington wird zur amerikanischen Flotten« frage gemeldet, daß Präsident Roosevelt den politischen Führern im Kongreß mitgeteilt hat, er werde sein Veto gegen die Marinevorlage einlegen, welche den Bau

Hdt- Kerze«.

Roman von Erwin Friedbach.

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Ein viereckiges Mützchen von dunkelrotem Sammet auf dem vollen, blonden Haar, die große Figur in einen Man- tel vom selben Stoff gehüllt, thronte sie erhaben in einem Stuhlschlitten und ließ sich von dem unermüdlichen Baron Luitpold, der sehr heiter auSsah und untertänigst der ge- strengen Herrschaft seiner Gemahlin sich zu fügen gelernt, dem Strande nahe hin- und herfahren.

Die beiden führten in ihrem Palast auf der Uhlen- horst eine recht glückliche Ehe, da er, ein Musterehemann, Toni auf Händen trug und mit stetig zunehmender Ergeben­heit wirklich lixbte, so weit sie, innerlich öde, hoffnungs- und glaubenslos, Glück zu empfinden und zu spenden wußte.

Eben hatte eine größere Anzahl der auf dem Eise sich Vergnügenden sich die Hände zum Holländerlauf gereicht, zwischen ihnen Dora, deren anmutige Gestalt in engau- schließendem, dunkelblauenAnzug dieBlicke aller auf sich zog.

Toni beobachtete sie schon länger und ärgerte sich. Be- rrus am Morgen war sie zu der Ueberzeugung gelangt, daß die FriedenSheimer förmlich darauf ansgingen, die Erzoeherin auf unerhörte Weise zu verderben.

- n . ekgute Tante Rosamunde, von jeher weniger takt- voll in der Wahl ihres Umganges, behandelte die Schwe­ster der abgedankten Haushälterin wie eine Freundin, Frau von Ast verhätschelte sie geradezu, und Roderich trug ihr gegeuüber eine Hochachtung zur Schau, die an das Lächerliche streifte. Großartig! Aber ehe sie diesmal abreiste, beschloß Toni, Rosamunde sollte ihre Meinung darübergründlich zu kosten bekommen.

Allmählich hüllte die lichte Dämmerung des früh sin­kenden Tages das belebte Strandbild ein, die Nebel stie- gen aus der Erde, eS wurde dunkler. Drüben, jenseits des Meeres, stand noch eine purpurglühende Wand, die ein Itmunu^boße» Licht über die Landschaft breitete Hier Wuchteten ander schwärzlichenTannenwanddeö Parkes die ersten farbigen Lampions hervor.

Ein Diener kam und bot den Herrschaften Glühwein ' an, wovon sich Toui geben ließ, eine Gelegenheit, die Ba­ron Luitpold zu einem Rundlauf um die Bucht benutzte. Einige aus der Gesellschaft, darunter auch Dora, näher­ten sich dem Ufer, und kaum war Toni ihrer ansichtig geworden, als sie sie zu sich winkte, um der ihr allzu selbstbewußt dünkenden Dame eine kleine Demütigung zu bereiten. Daß Roderich nicht weit davon stand, schadete um so weniger, da eS nach Tonis Begriffen nur nützlich sein konnte, auch ihn ein wenig über den richtigen Stand­punkt gegenüber der Erzieherin seiner Tochter aufzuklä- reu.

Liebes Fräulein," bemerkte sie in dem herablassen­den Ton der vornehmen Dame,möchten Sie nicht ein­mal ins Haus gehe» und sich von meiner Jungfer den Mantel mit dem Bäreupelzwerk geben lassen, mich frö­stelt'-."

Will die Baronin einen Mantel haben, soll sie selbst gehen oder ihren Mann schicken," flüsterte Graf Mender, der außer Höresweite am Strande neben Dora stand, dieser zu, so daß sie lächeln mußte, eine Impertinenz, die Toni haarsträubend fand.

Ich bitte!" fügte sie, als Dora zögerte, den Kopf nach hinten werfend, befehlend hinzu.

Der Auftrag und mehr noch die Art und Weise, wie er gegeben mürbe, verriet so deutlich die absichtliche De­mütigung, daß niemand sie verkennen konnte, am wenig­sten aber Roderich, dem daS Blut in die Schläfen stieg.

Es hieße entschieden Fräulein Fürstner zuviel zumu- ten, Deinen Bärenpelz hierher zu tragen, Toni. Gestatte deshalb, daß ich es für sie tue," äußerte er mit rügender Stimme, die keinen Widerspruch zuließ, löste durch einen raschen Druck auf die Feder seine Schlittschuhe und schlug, ohne eine Antwort abzulvar:en, die Richtung nach dem Schlosse ein.

Verdutzt sah ihm Toni, die überall nur das Niedrigste witterte, nach, ihre Nasenflügel bebten vor verhaltener Wut. Roderich trat ja merkwürdig beflissen für Lorchens

schöne Erzieherin in die Schranken. Er hatte eine Zeit gegeben, wo sie für den jugendlichen Onkel schwärmte, und nur an seiner gänzlichen Nichtbeachtung ihrer deutlich ent­gegengebrachten Bewunderung war daS Gefühl erkaltet.

Plötzlich nahmen ihre Lippen einen häßlichen, verzerr, ten Ausdruck an . . sollte? Aber auf jeden Fall! Daß sie nicht schon früher daran gedacht hatte. Lag eS doch son­nenklar zu Tage, daß ein Mann wie Roderich die haus­backene Rosamunde nicht ewig lieben konnte. Darüber mußte sie Gewißheit haben, mochte eS kosten, waS eS wolle; ein günstigeres Werkzeug der Rache gegen diese hochfahreude Dora ließ sich gar nicht wünschen.

DaS war vernünftig von Ast, der arroganten Baro­nin die Unverschämtheit heimzuzahlen," sagte Graf Men- der zu Dora, für die er ein GlaS Glühwein erobert und gebracht hatte;ihr ist eS freilich unbekannt, daß Sie nur die Hand auSzustrecken brauchten, um binnen kurzem auf derselben gesellschaftlichen Stufe zu stehen, wenn nicht noch um einen Grad darüber hinaus!"

Graf Mender, der in einem riesigen Pelz steckte und eine runde Mütze mit Ohrenklappen trug, auS der nur die Nasenspitze und die wässerigen Augen hinter goldenem Kneifer lugten, beugte sich zu dem jungen Mädchen, um den Eindruck seiner Worte in ihren Zügen zu lesen.Sie weichen mir auS, Fräulein Dora. Schon seit Monaten fahnde ich eifrig nach einer Gelegenheit, Ihnen zu geste- Heu, waS Sie längst aus meinem Benehmen bemerkt ha­ben müssen, daß ich Sie liebe und eS mir zur Aufgabe stellte, Sie zu gewinnen. Ich bin für kurze Entschlüsse, meine es ehrlich und biete Ihnen meine Hand fürs Leben. Wol­len Sie die Meine sein?" 140,18

Graf Mender hatte geglaubt, daß der Grund für DoraS auffallende Zurückhaltung in ihrer mädchenhaften Schüch­ternheit zu suchen, und daß, sobald das Eis einmal ge­brochen sei,sie voll überströmenderFreude bereit sein würde, ihm anzugehören, denn daß ein armes, heimatloses Mäd­chen ohne Namen ihn, den Grafen Mender, ausschlagen konnte, war doch von vornherein so gut wie ausgeschlossen.