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SchlüchternerMung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".________________________

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich,! Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 43. Mittwoch, den 27. Mai 1908. 59. Jahrgang.

Himmelfahrt.

Nun ging in lichte Himmelshöhen Der Heiland uns voraus die Bahn,

Und frohbeseligt magst Du sehen

Auch dir den Himmel aufgetan.

Der Cherub wich, der mit dem Schwerte

Einst Edens goldnes Tor bewacht

Ein Paradies ward rings die Erde

Als Vorhof nur von Edens Pracht.

Was zweifelst du? Nach oben streben

Siehst du, was nur auf Erden lebt.;

Die Blumen still ihr Haupt erheben,

Die Lerche hoch im Blauen schwebt,

Und weit in nebelgraue Ferne

Dringt forschend kühn der Menschengeist

Empor bis zu dem letzten Sterne,

Der ihm den Pfad zur Heimat weist.

In Lehren, Lieben, bittrem Leiden

Hat Gottes Sohn sein Werk vollbracht:

Nun sehn wir ihn von hinnen scheiden, Ein Held nach sieggekrönter Schlacht.

Sein ist das Reich, sein ist die Krone

Und sein die Macht und Herrlichkeit,

Und betend nah'n dem Menschensohne

Der Völker Scharen weit und breit.

Auch du, mein Herz, in Andacht heute

Schwing dich empor, dem Heiland nach: Leicht wird des irdischen Staubes Beute,

Wer nicht der Erde Fesseln brach.

Die Blume lehrt's, des Vogels Streben:

Empor zum Licht, zu Gott empor!

Dem winkt ein neues, ew'ges Leben,

Wer sich des Heilands Pfad erkor.

____Richard von Felsenegg.

Ium Himmelfahrtslage.

Das ist die Aufforderung und Verheißung, welche der Herr seinen Jüngern vor seiner Himmelfahrt ge­geben und am Pfingstfeste erfüllt hat. Himmelfahrt und Pfingsten hängen aufs engste zusammen. Unser Herr und Heiland ist eingegangen in die Herrlichkeit seines Vaters, um dort ferner unser zu gedenken und für uns sein Heilandswerk fortzuführen. Ja, er tut von dort aus noch mehr, als er uns auf Erden getan hat und tun konnte. Erst durch seine Himmelfahrt ist er zum Herrn geworden über alles und zum unbe> schränkten Verwalter der himmlischen Lebensgüter und

Lebenskräfte; von dort aus erst kann er die Seinen antun mit Kraft aus der Höhe. Das ist es gerade, was wir am dringensten bedürfen. Denn wir sind von unten her und leben in einem Leibe der Schwach­heit; zum Wollen des Guten bringen wir es oft nicht einmal, geschweige zum Vollbringen. Was helfen uns die schönen Worte und Lehren Jesu, was hilft uns sein heiliges Vorbild, was sogar sein Versöhnungsleiden, wenn es uns an der Kraft fehlt, jene Worte zu be­folgen, jenes Vorbild nachzuahmen, die Sünde zu überwinden, uns zu heiligen. Diese aber haben wir nicht in uns selbst, dessen werden wir gerade dann recht inne, wenn wir ernstlich in Jesu Schule lernen und in seine Nachfolge treten wollen. Da tröstet uns aber die Verheißung: Ihr werdet angetan werden mit Kraft aus der Höhe, Kraft des heiligen Geistes, Kraft zur Erneuerung und Heiligung des Herzens und Wandels. Bitte um diese Kraft, harre darauf in Geduld und in beharrlicher Uebung dessen, was du Gutes zu tun vermagst, in redlicher Bekämpfung des Bösen, in Buße und Glauben und du wirst die Kraft empfangen aus himmlischer Höhe. Der Herr wird dir senden, was er verheißen hat, du wirst emp­fangen den Geist, das Pfand des himmlischen Erbes, und dadurch wird dein Leben sich gestalten zu einer Wallfahrt, die auch in einer Himmelfahrt ihren seligen Abschluß finden wird.

Deutsches Reich.

Der Kaiser begab sich am Donnerstag nach Alt-Madlitz bei Briesen im Kreise Lebus, wohin ihn der Bankier Delbrück, wie schon in früheren Jahren, zur Jagd auf Rehböcke eingeladen hat. Von dort geht die Reise nach Marienburg und Prökelwitz.

Am Samstag nachmittag 3*/2 Uhr trafen das Kronprinzenpaar mit . Gefolge, von Barmen kommend, in zwei Automobilen in Düsseldorf ein. Am Portal des Parktors hatten sich Oberbürgermeister Marx, zahlreiche Beigeordnete und Stadtverordnete und eine Anzahl festlich gekleideter Ehrenjungfrauen versammelt. Der Oberbürgermeister richtete einige Worte herzlicher Begrüßung an das Kronprinzenpaar und die Tochter des Beigeordneten Greve überreichte der Kronprinzessin einen Blumenstrauß. Die Straßen und Plätze der Stadt waren festlich geschmückt. Das Wetter war gün­stig. Um 6 Uhr abends fuhr das Kronprinzenpaar unter dem Jubel der Menge (nach dem Ständehaus. An der Treppe wurden die kronprinzlichen Herrschaften

vom stellvertretenden Vorsitzenden des Provinzialland- tages, Oberbürgermeister Spiritus-Bonn dem Vor­sitzenden des Provinzial-Ausschusses, Grafen Beissel v. Gymnich und dem Landeshauptmann v. Rennvers empfangen. Hierauf fand die Ueberreichung des Hoch­zeitsgeschenkes im Foyer des Ständehauses statt, wobei Exzellenz Frhr. v. Landsberg eine Ansprache hielt. Das ganze Land, so führte er aus, habe von ganzem Herzen Anteil an dem für das Herrscherhaus und das ganze Land so bedeutungsvollen Ereignis der Verhei­ratung des Kronprinzenpaares genommen. Um diesem Gefühle Ausdruck zu geben, hätten die Provinzen Rheinland und Westfalen beschlossen, ein gemeinschaft« liches Geschenk darzubringen. Im weiteren Verlaufe schilderte der Redner die Entstehungsgeschichte des Werkes. Alsdann überreichte er dem Kronprinzen ein Prachtbuchwerk betiteltSilberner Tafelschmuck des Kronprinzenpaares". Der Kronprinz dankte mit folgen­den Worten:Den Vertretern der beiden Schwestern^ Provinzen Rheinland und Westfalen dankte ich von ganzem Herzen im Namen meiner Frau und in meinem eigenen Namen für die wertvollen Geschenke. Wir find tief beschämt durch die große Güte, die uns diese Geschenke hat zuteil werden lassen. Sollte es möglich sein, so werden sie die Bande, welche sich zwischen uns und den beiden Provinzen gebildet haben, in Zukunft noch fester knüpfen."

Der Chef des preußischen Generalstabs von Moltke beging am 23. Mai seinen 60. Geburtstag. Seit dem 1. Januar 1906 steht er auf seinem jetzigen Posten.

Die Entwürfe betreffend die Gehaltsreform der Reichsbeamten, der preußischen Beamten sowie betreffend die Neuregelung des Wohnungsgeldzuschusses und der Service und die Beseitigung des Steuerprivilegs sind vom Reichsschatzamt und dem Finanzministerium so­weit fertiggestellt, daß einschneidende Aenderungen kaum noch Platz greifen werden. Für Reichszwecke ver­langen die Entwürfe über 76*/, Millionen, für die preußischen Beamten etwa 130 Millionen. Die Ent­würfe werden nicht veröffentlicht werden, dem Bundes­rate gehen sie erst im Herbst zu, wenn die Entwürfe betreffend die Finanz- und Steuerreform fertiggestellt sind.

In Wolgast in Pommern kam es in den letzten Tagen mehrfach zu ernsten Zusammenstößen zwischen Streikenden und Arbeitswilligen, so daß auf Ersuchen der Stadtverwaltung zwei Kompagnien Infanterie aus

| Adle Kerze«.

f Roman von Erwin Friedbach. 48

Und nicht genug mit diesem Trauerspiel wird vor drei Tagen auch HanS von typhösen Fieber ergriffen und liegt schwer krank danieder. Ich selber kann mich kaum noch aufrecht halten und nehme meine letzte Kraft zusammen, Dir die'en Jammerbericht zu senden. DaS ist so ungefähr die Sachlage."

Toni würde ohne Zweifel helfen, aber vorgestern ist ein Junge angekommen, der sie natürlich ganz für sich in Anspruch nimmt. Wir nahmen eine graue Schwester zur Pflege, aber Papa ist so furchtbar eigensinnig, ermagkeine & Fremde um sich dulden und kehrt das Gesicht zur Wand,

| sobald sie an seinem Bett erscheint. Da komme ich nun

zu Dir in unserer großen Not, und zwar auf Vater» bringendes Geheiß, stelle Dir vor, was er leiden muß, wenn er selbst mir aufträgt, Dich zu rufen.Willy," klagte , er vorhin,ich glaube, es geht mit mir zu Ende, schreibe

an Wilma, sie wird un» helfen, ich mag niemand um

mich haben als sie."

Aber Papa," wendete ich ein, mühsam mein Schluchzen unterdrückend,"sie ist zu schlecht bei unS behandelt wor- bedenke doch." Da steht er lange zur Decke auf, zum Totweinen gebrochen und verfallen.Ja, sie ist schlecht > uns behandelt worden, Willy, daS weiß Gott; aber

Wilma ist ein edleS Mädchen, daS nicht nachträgt, was "'s öesündigt wurde. Ich weiß eS, sie wird unS ihre nicht verweigern." Dann entgegnete ich Papa, daß wir Dich nicht blos auf etliche Tage oder Wochen kom­men lassen dürften, Du seiest kein Versatzstück, da» man auf beliebige Zeit mieten und wieder fortschaffen könne. Da sah er mich traurig an und antwortete:Daran ist auch unter diesen Umständen gar nicht zu denken, wir wollen unserm Schöpfer danken, wenn Wilma einwilligt, von nun an für immer bei uns zu bleiben, und ich hoffe, k tut sie «S auch nicht um meinet- so wird sie eS HanS we-

-en tun." Und da», Du meine einzige Wilma, ist der t

Punkt, wo ich meine Bitte der des Vaters anschließe. Hans, der Dich wie eine Mutter liebt und dem Du eS warst, be- darf Deiner! Wirst Du uns um seinetwillen helfen? Die Stimme meines Innern antwortet mir: Ja. Ich kann nicht mehr schreiben, ich bin bis zum Umsinken erschöpft. Versäume nicht, mir den Zeitpunkt Deiner Ankunft zu melden, damit ich Dich vomBahnhofholen kann. DaS muß noch gehen, ob ich auch vom vielen Wachen und Weinen auSsehe wie eine Meerkatze. Deine Milly."

Wilma legte den Bogen auf den Tisch und verharrte Minuten regungslos; und in der nächtlichen Stille, die sie umgab, erstand vor ihr mit unheimlicher Deutlichkeit die Wohnung des GeheimratS, er selbst ein totkranker Mann, HanS, mit dein die zartesten Fäden ihres liebe­vollen Herzens sie verbanden, in Lebensgefahr. Mecha­nisch stand sie auf, war es doch, als seien ihre bittenden Stimmen bis hierher gedrungen:Komm, o komm!"

Ein heißes, übermächtiges Gefühl des Mitleids und der Sehnsucht nach dem geliebten Kinde breitete sich warm aufquellend in ihrem Innern aus und erstickte momen- tan jeden andern Gedanken. Selbstverständlich, sofort zu ihnen, .. ob ein Zug jetzt gleich in der Nacht ginge? Nein, sie erinnerte sich, der erste, den sie benutzen konnte, fuhr morgens um halb sieben Uhr, bis dahin hatte sie also Zeit, daS Notwendigste zu ordnen. Born Bahnhof auS sollte eine Depesche Willy ihre Ankunft melden.

Plötzlich hielt sie inne .. was würde Henning zu die­ser unerwarteten Reise sagen? Schwer legte der Gedanke sich auf ihr Gemüt, sie hätte wenigsten» seine Meinung hören sollen.

Aber würde er nicht zweifellos ebenfall» einsehen, daß sie hier nicht nein sagen, sondern helfen mußte, trotzdem er nicht wußte, welch'innige Freundschaft sie mit Geheim­ratS verband. Außerdem würden hoffentlich ein paar Wo­chen, die Kranken wieder Beinstellen genügen.

Wilma schalt sich, daß der Entschluß gerade jetzt zu reisen, ihr gewissermaßen schwer wurde. Sie hatte sich so unaussprechlich auf morgen gefreut, wo er sie der

Mutter als Braut vorstellen wollte, und nun sollte dieses größte Ereignis ihres Lebens auf unbestimmte Zeit hin­ausgeschoben werden.

Gleichviel, wertloS ist eine Pflicht, die nicht durch Ver­suchungen gestählt wurde. Der Mensch soll sich bewähren in dem, was ihm das Schwerste ist. Hatte sie nicht einst zu Milly gesagt:Rufe mich, sobald Du meiner bedarfst, und sollte ich mit einem Prinzen am Altar stehen, ich reiße mich loS und komme zu Dir." Das war freilich halb im Scherz gesprochen worden, auch hatte sie damals noch nicht gewußt, was für eine Bewandtnis es mit der echten Liebe zum Manne habe.

Und dann entstand ein heißer Kampf in Wilma. Es hielt sie eine warnende Stimme hier zurück, sie ahnte un­bestimmt, daß Henning diesen Schritt nicht gut heiße, aber er konnte doch wiederum nicht anders, als ihn entschul­digen und einsehen, daß sie der gebieterischen Notwen­digkeit gehorchen müsse.

Zu schlafen war ihr unmöglich. Kaum begann der neue Tag zu grauen, als sie einige Zeilen an ihn schrieb, die früh durch einen Boten nachFriedenSheim gesandt werden sollten.

Mein lieber Henning! Eine unheilvolle Nachricht aus Hamburg von meinen dortigen Lieben gibt die Veranlas­sung zu diesen Zeilen, die ich schweren Herzen» nieder­schreibe. Kch baue jedoch fest auf Deine Nachsicht und Dein Gerechtigkeitsgefühl, das mir beiftimmen wird, wo e» sich um eine Tat der barmherzigen Liebe handelt, die ich meinen teueren Freunden gegenüber zu erfüllen habe. Der Geheimrat und HanS, mein Pflegekind, sind erkrankt. Die schwergeprüfte Milly fleht zu mir um Beistand, ich kann nicht anders, als der Bitte folgen. Trotz dieser mei­ner festen Ueberzeugung bin ich doch voll Unruhe, wie Du die Nachricht aufnehmen wirst, und ersuche Dich herz­lichst, mir sofort nach Empfang dieses zu schreiben. Un­ausgesetzt denke ich an Dich und Deine Mutter, Herz und Seele lasse ich auf Friedensheim und folge nur dem Ruf der Freundschaft, die mich unauflöslich mit der Familie verknüpft." 140,18