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mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
___Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat"._______________________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg,
»N 49. Mittwoch, den 17. Juni 1908. 59. Jahrgang.
Amtliches.
J.-Nr. 3179. Nach dem Bericht des Herrn Kreisgärtners tritt an Aepfel- und Zwetschenbäumen die Raupe der Apselgespinnstmotte und des Ringelspinners so zahlreich auf, daß die Obsternte dadurch ernstlich gefährdet wird. Wie schon jetzt einzelne vollständig kahl gefressene Bäume zeigen, greift die Zerstörung der Obstbäume rasch um sich. Es ist daher dringend erforderlich, die Schädlinge so schnell und so gründlich als möglich zu vertilgen.
An alle Baumbesitzer richte ich hiermit die dringende Aufforderung, sofort mit der Beseitigung der Raupen vorzugehen.
Die Raupen des Ringelspinners sitzen in den Mittagsstunden zusammen in Astgabeln oder am Stamme und sonnen sich, wo sie leicht mit einem Lappen oder dergleichen zerdrückt werden können, (Die sehr gefräßige Raupe ist bunt gestreift und erreicht die Länge eines kleinen Fingers.)
Die Raupe der Gespinnstmotte lebt gesellig in Nestern 1—1V» Centimeter groß, grau oder grün) und muß mittelst Raupenfackeln oder mit an Stangen befestigten, mit Petroleum getränkten Lappen abgebrennt werden.
Schlächtern, den 16. Juni 1908.
Der Königl. Landrat: Valentiner.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser wird auf seiner Fahrt nach Hamburg am 19. d. Mts. äußer Celle auch Lüneburg besuck n, dann der Stadt Altona einen Besuch abstatten und voraussichtlich auch eine Fahrt nach Helgoland unternehmen.
— Der Kaiser hat den ehrengerichtlichen Spruch gegen den Generalleutnant z. D. Grafen Hohenau bestätigt. Dieser Spruch lautet auf Verlust des Offizierstitels und des Rechts zum Tragen der Uniform. — Wenn man auch sicher erwarten durfte, daß die Entscheidung des Kaisers in diesem Sinne fallen würde, so wird doch die Nachricht überall mit Genugtuung begrüßt werden. Sie zeigt von neuem mit vollster Klarheit, daß der Kaiser gegen jeden, auch gegen Personen, die ihm sehr nahe gestanden haben, dem Gesetze freien Lauf läßt und von Gnade nichts weiß, wenn sie sich gegen das Gesetz vergangen haben.
— Das Befinden der Kaiserin ist andauernd be friedigend. Die Folgen des Sturzes vom Pferde werden bald beseitigt sein. Kaiser Franz Joseph hatte
sich sofort in herzlichen Worten nach dem Befinden erkundigt.
— Die Kaiserin nimmt an der Automobilfahrt durch die Lüneburger Heide nicht teil, sondern wird am 21. mittels Sonderzuges in Hamburg eintreffen.
— Prinz Ludwig von Bayern hat in Berlin die Schiffsbauausstellung besichtigt und ist Sonnabend vom Reichskanzler empfangen worden.
— Für die wiederaufzubauende Berliner Garnisonkirche will der Kaiser zwei Kirchenfenster und ein Altarbild stiften.
— Ueber die Sommertagung des Landtages nimmt man jetzt an, daß die formelle Tagung nur 2 Tage, 26. und 27. Juni, dauern wird. Das Abgeordnetenhaus wird an diesen Tagen die Wahlen in den Abteilungen prüfen, nachdem das Bureau die Prüfungen vorbereitet hat, und das Präsidium wählen. Dann wird die Session wahrscheinlich geschlossen und nicht vertagt werden, da die Herbstsession mit einer Thronrede eröffnet werden soll.
— Anläßlich des Kaisermanövers wird die Kaiserin in Metz Aufenthalt nehmen. Im Bezirkspräsidium werden bereits die Gemächer hergestellt. — Als Vertreter Italiens nimmt der Graf von Turin am Manöver teil.
— Drei neue Telegraphenbataillone sollen, wie gemeldet, bis zum Jahre 1910 geschaffen werden. Als Standorte derselben sind Danzig, Hannover und Ares« lau in Aussicht genommen. Eine entsprechende Vorlage wird voraussichtlich schon in nächster Session dem Reichstage unterbreitet werden.
— Gegen Ausschreitungen der Presse wendet sich die „Norddeutsche Allgemeine Ztg." mit folgenden Worten: „Nachdem vor kurzem die „Neue Gesellschaftliche Korrespondenz" einen unqualifizierbaren Artikel gegen die Person des Königs Eduard gebracht hat, den die ernste deutsche Presse taktvoll genug war, unbeachtet zu lassen, hat soeben der „Tag" in der Form eines satyrischen Gedichts einen rohen Angriff gegen das Zarenpaar gerichtet. Diese Ausschreitungen beweisen einen Mangel an Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber dem eigenen Lande, der die schärfste Mißbilligung zur Pflicht macht. Der Mißbrauch der publizistischen Freiheiten zur Herabwürdigung fremder Souveräne schädigt nicht nur das Ansehen der deutschen Presse im Auslande, sondern auch die politischen Interessen des Reiches.
— Die geheime Sitzung des Gesamtvorstandes des Deutschen Flottenvereins, für die zwei Tage in Aussicht genommen waren, hat ihren Abschluß gefunden und einen friedlichen Verlauf genommen. Zu verdanken ist
dies dem energischen Eintreten des westpreußischen Pro- vinzialverbandes, besonders der Tatkraft des Oberpräsidenten von Jagow.
— Die Hauptversammlung der Deutschen Kolonial- gesellschaft wurde von dem Präsidenten Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg in Bremen mit einer Ansprache und einem Ueberblick über die Entwickelung der Gesellschaft während des letzten Jahres eröffnet. Unterstaatssekretär im Reichs-Kolonialamt v. Lindequist sprach seinen Dank dafür aus, das es der Kolonialverwaltung so leicht gemacht werde, mit der Kolonialgesellschaft in Verbindung und in enger Fühlung zu bleiben. Sodann wurde der Geschäftsbericht für das Jahr 1907 debatte- los genehmigt und dem Vorstand Entlastung erteilt. Zu dem Punkte: „Die Eingeborenenfrage im Hinblick auf die wirtschaftliche und politische Entwickelung unserer tropischen Kolonien" sprachen Konsul a. D. Vohsen und Reichstagsabgeordneter Stabsarzt a. D. Dr. Arning, deren Ausführungen mit lebhaftem Beifall ausgenommen wurden. Im Anschlüsse an die Referate fand eine lebhafte Diskussion statt, an der sich u. a. Geheimrat Dr. Paasche beteiligte, der für die Kleinsiedlung weißer Kolonisten eintrat und die verdienstvolle Tätigkeit der Mission anerkannte.
Verschiedene Beschwerden, die aus Nordschleswig an dtn Kultusminister wegen Nichtbestätigung der Wahl von dänisch gesinnten Mitgliedern des Schulvorstandes durch die Landräte gerichtet worden sind, sind sämtlich vom Minister als unbegründet zurückgewiesen worden.
— Die erste Prinz-Heinrich-Fahrt des Kaiserlichen Automobilklubs, die Dienstag früh in Berlin begann, ist bestimmt, die Herkomerkonkurrenzen der letzten 3 Jahre zu ersetzen. Am Start waren in Berlin Dienstag früh um 6 Uhr von 144 gemeldeten Wagen 128 erschienen. Der Start begann pünktlich 6 Uhr morgens. Die Strecke ist 2215,5 Km. lang und führt über Berlin, Stettin, Kiel, Hamburg, Hannover, Köln, Trier und endigt am 17. Juni abend in Frankfurt a. M. Der vom Prinzen Heinrich gestiftete Siegespreis besteht aus einem Automobil en miniature; dieses stellt die genaue Nachbildung eines 40-P.-S.-Benz.-Tourenwagens dar.
Ausland.
— In Wien hat der Kaiser-Huldigungsfestzug statt» gefunden. Der Kaiser verfolgte sichtlich gerührt mit größtem Interesse die einzelnen Gruppen und dankte namentlich unermüdlich für die seitens der einzelnen Nationalitäten in ihrer Sprache dargebrachten brausen»
Gdte Kerzen.
Roman von Erwin Friedbach.
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„Um Sie zu meiden, Dora, floh er vouFriedenSheim. um ihm entrückt zu sein, wollen Sie sich kopfüber in eine Ver« nunftehe stürzen. Darin sehe ich Eure ehrliche Gesinnung und zugleich die vergeblichen Versuche, eine Neigung zu überwinden, welche Euch unlösbar mit einander verbindet."
„Liegt eS in unserer schwachen, menschlichen Natur, der Leidenschaft nachzugeben, so gab uns doch die Gottheit den Verstand, sie zu besiegen!" sagte Dora, indem sie voll leidenschaftlicher Innigkeit RosamundeS Hand gegen ihre Lippen preßte. „Versuchen Sie nicht weiter, mich von meinem Entschlüsse abzubringen, was Ihr engelhaftes Gemüt ent. schuldigt, das entsühnt mich niemals in den eigenen Augen. Was ich fehlte, fft so unerhört, so frevelhaft, daß ich nur
Verleugnung meiner selbst es zu büßen vermag."
Rosamunde schauderte. „Wie willenstark Sie sind, Wil- m Schwester! Dora, Dora, Sie muten sich Ueber- menschliches zu und werden daran zu Grunde gehen."
"Ey, Rosamunde, wir sind viel zu stark, um an der trye mit einem ungeliebten Manne zu Grunde zu gehen, das
"^ ^^abe, durch die wir uns für Schwerere» zu stahlen haben."
Rosamunde seufzte wieder. „Es istkühl geworden, wir wollen m» Haus gehen, Dora. Mich friert's bis inS Mark hinein, und müde bin ich, zum Sterben."
, „Ja. wir wollen gehen, Rosamunde; und vor allem, feien Sie beruhigt," batDora innig; „bin ich erst ver- lobt, dann wird . . Herr von Ast erstaunt sein, wie es „vV^OA Sewesen, um einer so selbstsüchtigen, berechnenden Madchenseele wegen seine treue, liebe Rosamunde in den Schatten gestellt zu haben .. und .. uns allen ist geholfen."
t,^?lber die junge Frau glaubte nicht an diese Hilfe; sie vatte das Bewußtsein, als ob Dora spräche wie jemand,
NR zu betäuben sucht und die Verhältnisse durch da»
eigene Opfer in die rechten Bahnen zu zwängen vermeint.
Sie schritten dem Hause zu, das im abendlichen Schatten dalag ; und auch im Innern Rosamundes, die schwei- gend neben Dora herging, war es dunkel und hoffnungslos, mehr und mehr lahmte eine unendliche Mutlosigkeit ihr ganzes Sein. Die Zukunft stand vor ihr, öde und trostlos wie eine undurchdringliche, von schwarzen Schatten erfüllte Nacht, in die sie hinein mußte, früher oder später, um sich darin zu verlieren.
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Am folgenden Nachmittag wollte Dora nachHohenfähr gehen, wo sie an Frau Rektor Kücchner einen kleinen Auftrag Wilmas auszurichten hatte.
Roderich war gleich nach dem Essen fortgeritten, um einen durchreisenden Bekannten auf der Station zu begrüßen.
Rosamunde bot ihr an, den Wagen zu benutzen.
Doch Dora zog e» vor, zu gehen und trat um fünf Uhr den Spaziergang an.
Es war stürmisches Wetter, heftige Windstöße wechselten mit leichten Regenschauern.
Dora schlug die Richtung zum Strande ein, sie liebte den Sturm und sein brausendes Jubeln. Hier, in der Weltallstimmung des uferlosen Meeres fühlt sie sich nicht so schuldig als zu Hause. Sie ging langsam den einsamen Weg, da« Haupt gebeugt, in Sinnen verloren; rechts lagen die Dünenhügel weit um die Bucht herum, deren Umrisse sich scharf vom Horizont abzeichneten. Eben stand sie im Begriff, link» auf den schmal sich abzweigenden Heideweg einzubiegen, als ganz unten auf der letzten abfallenden Anhöhe Die Gestalt eines einzelnen Mannes auftauchte, der näher kam.
Dora blieb unwillkürlich stehen, während ihr Herz ungestüm zu pochen begann; trotz der noch beträchtlichen Entfernung hatte sie Roderich erkannt, mit dem sie hier in der Einsamkeit zusammentreffen sollte, denn an ein Aus
weichen war nicht meht zu denken, falls er die Absicht hegte, sich ihr zu nähern.
Bis er sie erreicht hatte, würden immerhin noch einige Minuten vergehen, und diese genügten Dora, sich einigermaßen zu fassen. Die Stunde der Entscheidung war gekommen, der sie nicht länger entrinnen durfte, sondern mit der Kaltblütigkeit des überlegenen Willen» entgegengehen mußte. Unter dem ChaoS der auf sie einstürmenden Gefühle empfand sie lebendig da», wa» einst Frau Therefe ihre Aufgabe genannt, die Neigung vor ihm zu verleug. nen. Das würde eine Lüge sein, und sich so tief vor ihm zu erniedrigen, das allerschiverste Opfer. Aber Dora sagte sich, daß es um RosamundeS willen geschehen müsse, und sie wappnete sich mit der Todesverachtung, die nicht mehr davor zurückbebt, den Dolch in die eigene Brust zu stoßen.
Sie sah ihn näher kommen, geradeweg» auf sich zu, während sie den Heidepfad dicht am Strande hinanschritt. Sie bemerkte kaum seinen ehrerbietigen Gruß, den sie nur mit leichtem Kopfnicken erwiderte.
„Verzeihung, Fräulein Dora, da e» zu Hause sich nicht bewerkstelligen läßt, Sie ungestört zu sprechen, sah ich mich gezwungen, Sie hier aufzusuchen, nicht au» Leichtsinn oder verwerflicher Schwäche, sondern au» Notwendigkeit bin ich hier."
„Ich weiß nicht, worauf Sie hindeuten .
„Auf Ihre Verbindung mit Graf Mender."
„Es gibt nicht», waS mich in diesem Entschlüsse wankend machen könnte."
„Doch, o doch, nachdem ich Ihnen gesagt habe, daß dieser unnatürliche Entschluß Ihrer unwürdig ist! Alle» werde ich standhaft über mich ergehen lassen, doch Sie auf diese Weife herab^eriffen zu sehen von dem Altar, auf den meine Verehrung Sie gehoben, da» ertrage ich nicht, weil Sie dadurch ein ungeahnte» Elend auf sich nehmen. Dora, längst ist es Ihnen kein Geheimnis mehr, daß ich Sie liebe! Riesenstark wuchs das Gefühl empor und füllte allmählich alle Tiefen meines Innern." 140,18