SchlüchtemerMm g
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
____________vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".___________________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 50.
Amtliches.
J.-Nr. 3179. Nach dem Bericht des Herrn Kreisgärtners tritt an Aepfel- und Zwetschenbäumen die Raupe der Apfelgespinnstmotte und des Ringelspinners so zahlreich auf, daß die Obsternte dadurch ernstlich gefährdet wird. Wie schon jetzt einzelne vollständig kahl gefressene Bäume zeigen, greift die Zerstörung der Obstbäume rasch um sich. Es ist daher dringend erforderlich, die Schädlinge so schnell und so gründlich als möglich zu vertilgen.
An alle Baumbesitzer richte ich hiermit die dringende Aufforderung, sofort mit der Beseitigung der Raupen vorzugehen.
Die Raupen des Ringelspinners sitzen in den Mittagsstunden zusammen in Astgabeln oder am Stamme und sonnen sich, wo sie leicht mit einem Lappen oder dergleichen zerdrückt werden können, (Die sehr gefräßige Raupe ist bunt gestreift und erreicht die Länge eines kleinen Fingers.)
Die Raupe der Gespinnstmotte lebt gesellig in Nestern 1—1V, Centimeter groß, grau oder grün) und muß mittelst Raupenfackeln oder mit an Stangen befestigten, mit Petroleum getränkten Lappen abgebrennt werden.
Schlächtern, den 16. Juni 1908.
Der Königl. Landrat: Valentiner.
Deutsches Reichs
— Der Kaiser besuchte am Montag, als am 20. Jahrestage des Todes seines Vaters, mit der Kaiserin das schön geschmückte Mausoleum bei der Potsdamer Friedenskirche und legte einen Kranz am Sarkophage Kaiser Friedrichs nieder. Im Neuen Palais empfing der Kaiser das preußische Staatsministerium mit dem Fürsten Bülow an der Spitze und das Hauptquartier zur Entgegennahme der Glückwünsche zum 20jährigen Regierungsjubiläum.
— Der Kaiser besichtigte in Döberitz am Dienstag früh zunächst die beiden Gardedragonerregimenter, exerzierte hierauf die Gardekavalleriedivision und ließ hierauf eine umfangreiche Gefechtsübung vornehmen. Es beteiligen sich daran auch die Fürstenwalder Ulanen, Artillerie, Infanterie und Maschinengewehre. Sodann nahm der Kaiser an dem Frühstück im Kasino des Lagers teil.
— Der Kaiser verlieh dem kommandierenden General des preußischen Gardekorps von Kessel den Schwarzen Adlerorden.
Samstag, den 20. Juni
— Am 15. Juni waren 20 Jahre verflossen seit dem Tage, an dem Wilhelm II. seinem Vater, Kaiser Friedrich III., in der Regierung folgte. Wilhelm 11. hat oft mit seinem impulsiven Wesen, mit dem Gegensatz seiner modernen Lebensauffassung zu seinem Hang zum Traditionellen die Kritik herausgefordert, aber selbst derjenige Deutsche, der nicht immer mit seiner Politik einverstanden war, wird seine enormen Fähigkeiten und den guten Willen, für sein Land das Beste zu tun, anerkennen müssen. Unter seinem Szepter hZt sich das Deutsche Reich, dank einer erfolgreichen Friedenspolitik, zu einem wohlhabenden Lande entwickelt und der deutsche Reichsgedanke weitere Verbreitung gefunden. Durch die Schaffung einer, wenn auch noch kleinen Marine, sein eigenstes Werk, ist dem deutschen Handel ein kräftiger Schutz geworden und sein Emporblühen, nicht nur im Jnlande, gefördert worden.
— Schlußresultat. Die Landtagswahlen haben am Dienstag nach verschiedenen Berichtigungen nunmehr folgendes Gesamtergebnis. Gewählt sind:
151 Konservative (bisher 144),
60 Freikonservative (bisher 64),
64 Nationalliberale (bisher 76),
29 Freist Volkspartei (bisher 24)),
8 Freist Vereinigung (bisher 9), 105 Zentrum (bisher 96),
15 Polen (bisher 13),
6 Sozialdemokraten (bisher 0),
2 Dänen (bisher 2),
2 Fraktionslose (bisher 5).
Es sind also 442 Abgeordnete gewählt, eine Stichwahl steht noch aus, im ganzen sind zu wählen 443 gegen 433 Abgeordnete des vorigen Landtages. Die Vermehrung der Abgeordnetenzahl von 433 auf 443 hängt bekanntlich mit der in der Zwischenzeit erfolgten Aufteilung einiger größerer Wahlkreise zusammen. Von den 12 Abgeordneten, die Berlin fortan in den preußischen Landtag entsendet, sind 11 definitiv gewählt, und zwar dem Ausfall der Wahlmännerwahlen entsprechend 6 Freisinnige und 5 Sozialdemokraten. Der 12. Abgeordnetenwahlkreis Moabit wird erst aus der Stichwahl hervorgehen, in die der freisinnige Prediger Dr. Runze mit dem Sozialdemokraten Hoff- mann gelangt ist.
— Die ordentliche Hauptversammlung des Deutschen Flottenvereins in Danzig hat einen in jeder Beziehung erfreulichen Verlauf genommen. Einen großen Teil des Verdienstes, daß dies Ergehnis erreicht werden
>8. 59. Jahrgang.
■■■KHUBaBHBBHHHHBHBMHHBHMBK; konnte, muß man dem Oberpräsidenten v. Jagow zusprechen, welcher schon in der geheimen Vorstandsitzung sowie beim Beginn Der Verhandlungen durch geschickte, packende und überzeugende Worte die erregten Gemüter zu beruhigen und in das rechte Fahrwasser einer sachlichen Erörterung zu leiten wußte. Aber bei aller Anerkennung für diese Vermittelung und für die ruhige Zurückhaltung der Bayern gebührt unstreitig das Hauptverdienst dem alten Präsidium, dessen Mitglieder, obwohl für sie die Sachlage durch die einstimmige Wiederwahl des Fürsten Salm zum Präsidenten wesentlich verändert war, einmütig eine Wiederwahl ablehnten, um, wie General Keim telegraphierte, „die Einigkeit im Flottenverein wiederherzustellen". Mit dem Danke, der von verschiedenen Seiten und schließlich auch offiziell vom Verein aus dem alten Präsidium und ganz besonders dem General Keim gespendet worden ist, hat der Verein eine Pflicht erfüllt, die in gleicher Weise den Spender wie den Einpfänger ehrt.
— Der Verwertung der natürlichen Wasserkräfte für öffentliche und gemeinnützige Zwecke hat — nach dem Borbilde der süddeutschen Staaten — auch der preußische Minister der öffentlichen Arbeiten sein Augenmerk zugewandt. Wie die „Verkehrstechn. Woche" mitteilt, hat Herr Breitenbach Ermittelungen darüber in die Wege geleitet, welche Wasserkräfte in dem Berg- und Hügellaude verfügbar sind, welche Kräfte für das öffentliche Interesse vorbehalten und an Private abgegeben werden sollen. Für die Ausführung dieser Vorarbeiten hat der Minister bereits einen Betrag von 50 000 Mk. vom Finanzminister beansprucht, der voraussichtlich auch bewilligt werden wird. Mit den Vorarbeiten soll die Landesanstalt für Gewässerkunde betraut werden. Es stehe zu erwarten, daß auch die am Wasserbau und an der Wasserwirtschaft beteiligten Kreise das Vorhaben der Regierung durch Geldmittel und geeignete Anregungen unterstützen würden.
— Da in einzelnen Gegenden der Kontraktbruch der landwirtschaftlichen Arbeiter im letzten Jahre erheblich an Umfang gewonnen hat, will das Landesökonomiekollegium versuchen, die auf diesem Gebiete vorhandenen Uebelstände auch zahlenmäßig zur Darstellung zu bringen. Die preußischen Landwirtschaftskammern sind zur Beschaffung des einschlägigen Materials angegangen worden.
— Wie weit sich die Tugend der Sparsamkeit in Deutschland noch erhalten hat, läßt sich natürlich zahlenmäßig nur schwer beurteilen. Es gewährt nur
Hdl- Kerze«.
Roman von Erwin Friedbach.
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„Ein Traum, der schon den Keim deS Todgeweihten in sich barg, die Entsagung," entgegnete Dora kühl.
„So fordern eS die äußeren Verhältnisse, der
„So fordern eS die äußeren Verhältnisse, denn im Geiste bleiben wir vereint, und weilte ich am Nordpol und Sie in den Gefilden der tropischen Sonne, daS unsichtbare Band verknüpfte uns doch zu tausendmal innigerem Bunde als alle Gesetze irdischer Richter."
„Sie irren sich, Herr von Ast," sagteDora, gewaltsam dieimmer wiederkehrende Verwirrung beherrschend, „wir bleiben nicht in Gedanken vereint und sind auch keineswegs mit unzerreißbaren Banden verknüpft. Ich will offen sein und frei gestehen, daß er eine Zeit gab, in der meine Begriffe von Recht uub Sitte, von Pflicht und Reinheit sich verwirrt hatten, in der die verlockenden Rosen mir den Ab- gründ des Weges, den ich gedankenlos zu wandeln begonnen, verbargen, aber er war nur eine kurze Zeit, dann gav das Erwachen die Besinnung zurück."
«Ich lernte Rosamunde besser kennen," begann Dora nach kurzer Pause von neuem, „und dadurch Ehrfurcht hegen vor ihrem edlen, echt weiblichen Herzen. Sie kannte m»r gegenüber keine Eifersucht und fuhr fort, mich zu neben, nach, von der ihr allmählich klar geworden, was ue^hr geraubt! Ich schämte mich auS tiefster Seele. ES gab stunden, wo ich mich selbst haßte und feine Strafe nur hart genug erschien für den Frevel, der an Rosa- munde begangen wurde.
„Dieser Haß aber und die unbändige Empörung gegen nnch und Sie erstickte vollkommen alles, was eine unlautere Neigung an Giftkeimen in mein Herz gesäet hatte, 'ch konnte dem Mann, der eine Rosamunde besitzt und sie w ihren heiligsten Rechten zu kränken wagt, nicht mehr schätzen, das sündhafte Gefühl erlosch für immer, und ohne -oeoenken war ich von da an bereit, mich einem Manne zu verloben, der mir eine gesellschaftliche Stellung und Fesicherte Zukunft bietet, zwei Dinge, die ich ersehnte und
deren unschätzbaren Wert ich nach und nach begreifen gelernt."
Sie fühlte RoderichS brennende Blicke auf sich gerichtet, während sie den schmalen Weg verfolgten, als wollte er auf dem Grunde ihrer Seele lesen, ob sie die Wahrheit gesprochen.
Da wagte es Dora, all' ihre Kraft zusammennehmend, ihn und anzusehen, stolz, sicher zugleich imJnnernsiegesbewußt, die Schwäche überwunden zu haben. Es war vollbracht.
Roderich war verstummt. Hatte er recht gehört, waS da so selbstbewußt von ihren Lippen kam, als handle es sich um die einfachste und natürlichste Sache von der Welt ? Ein eisiges Erschrecken durchrieselte ihn, und von jähem Erstarren gepackt, suchte er auf ihrem Antlitz zu lesen, ob sie nicht grausamen Scherz mit ihm treibe.
Doch das war nicht Doras Art und dieser Augenblick wahrlich zu ernst für solch ruchloses Spiel. Sollte er sich getäuscht haben, war sie schließlich ein Weib wie fast alle übrigen, oberflächlich, launenhaft, angezogen und betört von der Aussicht, Frau Gräfin Mender zu werden?
Es mußte wohl so sein. Denn was er jetzt in ihren Zügen zu lesen glaubte, das bestätigte ihre Worte, die ihn vernichteten.
Sie hatten einen Kreuzweg erreicht der quer über die Heide nach FriedenSheim zurückführte.
Dora blieb stehen.
„Hier trennen sich wohl unsere Wege, Herr von Ast? Ich gehe weiter nach Hohenführ."
„Ja, unsere Wege trennen sich," wiederholte er, wie auS einem Traume erwachend. „Ich Tor! Die gesellschaftliche Stellung ist eS, was Sie zu der Heirat veranlaßt! O, ich ahnte nicht, daß ein Weib, daS ich so hochgestellt, daS mir die Verkörperung alles dessen, waS schön, groß und edel ist, beuchte, plötzlich nichts Besseres zu erstreben wußte, als eine gesellschaftliche Stellung, und eine gesicherte Zukunft für den Preis alles irdischen Begehrens hält. Ich danke Ihnen, Fräulen Dora, Sie haben mir eine Lehre erteilt, die unsagbar schmerzlich, aber heilsam wirkte."
„Es war meine Pflicht, Sie über die wahren Beweggründe meines Handelns aufzuklären, Herr von Ast."
„O, über die Barmherzigkeit, "entgegnete er voll schmerzlicher Ironie. „Vielleicht wäre es weniger grausam gewesen, Sie hätten mir den Wahn gelassen, der mich beseligte und über die erbärmliche Wirklichkeit hinweahob."
„Das durfte nicht sein, weil ich trotz meiner Fehler und Schwächen zu ehrlich bin, um länger einen Platz in Ihren Gedanken einzunehmen, der durchaus nicht mir, sondern nur Rosamunde, dem einzigen Ihrer Liebe und Verehrung würdigen Ideal gebührt."
Sie grüßte leicht und wandte sich zum Gehen.
Roderich dankte mechanisch, griff an seine Stirn und schritt zum Ufer zurück, wo er sich an einer einsamen Stelle auf den Sand warf, die Beute qualvoll auf ihn einstür- mender Gefühle.
Dora aber ging vorwärts, dem nahen Dorfe zu, und wie sie weiter wanderte auf der stillen Heide, beruhigten sich die hochgehenden Wogen ihres Innern, daSGleich- gewicht der Seele kehrte wieder durch die Gewißheit, so gehandelt zu haben, wie sie handeln mußte, wie Frau Therese eS von ihr erwartet und die arme, beraubte Rv- samunde es zu fordern hatte. Und diese Genugtuung gab ihr einen solchen Frieden, daß sie schon zu lächeln ver- mochte, als Frau Rektor ihr aus der HauStür entgegen- trat.
Im Wohnzimmer der Ferdinandstraße hatte Wilma so- eben die Lampe angezündet, als ein Brief aus Friedensheim für sie abgegeben wurde, den sie hastig erbrach, würde er doch jedenfallSirgend eine Nachricht über Henning enthalten. Wilma glaubte überwunden zu haben, aber zu vergessen vermochte sie nicht.
Wieder eine Enttäuschung, Dora schrieb nicht» über ihn ; sie mußte ausschließlich mit ihren eigenen Angele- genheiten beschäftigt sein. Wilma la» und las noch einmal, aber da stand es schwarz auf weiß, nüchtern und verständig zum Erschrecken. , _ 140,18