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mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
mit amtlichem Rreisblatt
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Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat"
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Samstag, den 27. Juni 1908
59. Jahrgang
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Die im 59. Jahrgang erscheinende Schlüchter«er Zeitung mit amtlichem Kreisblatt ist mithin die älteste und verbreitendste Zeitung im Kreise Schlüchtern und weit noch über denselben hinaus und finden Inserate in derselben wirksame Verbreitung.
daher in der Zustellung unserer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der
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lll PP p11|P | || PPUPPP In || | wolle dieselbe so bald wie möglich bei dem betreffenden Postamte bestellen. Nur diejenigen auswärtigen
n h I lll Ilh lll II I Postabonnenten, welche bis spätestens 28. Juni unsere Zeitung wieder bestellt haben, können verlangen,
II uiuu vuiui M1 j daß ihnen unsere Zeitung vom 1. Juli ab pünktlich von der Post geliefert wird. Wer später bestellt, muß nach den amtlichen Bestimmungen für Nachlieferung der ersten Nummern des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10 Pfg. bezahlen. — Jede Postanstalt und jeder Landbriefträger ist verpflichtet, Abonnements-Bestellungen anzunehmen.
Zu recht zahlreiche« Bestellungen auf das mit dem 1. Juli 1908 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
dik Expedition der „Schlüchterner Zeitung".
Amtliches.
J.-Nr. 3179. Nach dem Bericht des Herrn Kreis- gärmers tritt an Aepfel- und Zwetschenbäume die Raupe der Apfelgespinnstmotte und des Ringelspinners so zahlreich auf, daß die Obsternte dadurch ernstlich gefährdet wird. Wie schon jetzt einzeln vollständig kahl gefressene Bäunie zeigen, greift die Zerstörung der Obstbäume rasch um sich. Es ist daher dringend erforderlich, die Schädlinge so schnell und so gründlich als möglich zu vertilgen.
An alle Baumbesitzer richte ich hiermit die dringende Aufforderung, sofort mit der Beseitigung der Raupe vorzugehen.
Die Raupen des Ringelspinners sitzen in den Mittagsstunden zusammen in Astgabeln oder am Stamme M und sonnen sich, wo sie leicht mit einem Lappen oder dergleichen zerdrückt werden können. (Die sehr gefräßige Raupe ist bunt gestreift und erreicht die Länge s eines kleinen Fingers.)
Die Raupe der Gespinnstmotte lebt gesellig in Nestern (1—17« Zentimeter groß, grau oder grün) und muß W mittelst Raupenfackeln oder mit an Stangen befestigten, mit Petroleum getränkten Lappen abgebrannt werden.
Schlüchtern, den 16. Juni 1908.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
Politischer Wochenbericht.
Während der Berichtswoche waren zwanzig Jahre seit dem Regierungsantritte Kaiser Wilhelms II. verflossen. Ein Rückblick auf diese zwei Jahrzehnte ist wohl geeignet, uns mit Dank gegen Gott und freudigem Stolze auf unsern Monarchen, den Lenker der Geschicke Deutschlands, zu erfüllen. Jede Zeit hat ihre eigenen Aufgaben und Bedürfnisse, und es ist das Zeichen staatsmännischen Genies, diese Aufgaben und Bedürfnisse rechtzeitig zu erkennen und ihnen durch zweckdienliche Maßnahmen Rechnung zu tragen. Unsere
Zeit verlangt für Deutschland vor allem den Ausbau der Flotte und im Innern eine auf den Ausgleich und die Versöhnung der verschiedenen Volksklassen gerichtete Sozialpolitik. Bei den Aufgaben ist Kaiser Wilhelm im höchsten Maße gerecht worden.. Die Flottengesetze auf der einen Seite, die internationale Arbeiterschutzkonserenz, die Februarerlasse, das Arbeiterschutzgesetz, das Handwerkergesetz, die Weiterführung und Verbesserung der Arbeiterversicherung auf der andern Seite sind die leuchtenden Zeugnisse einer Regententätigkeit von größter schöpferischer Kraft und Weisheit. Möge Gott unserm Kaiser auch fernerhin mit seiner Huld und Gnade zur Seite stehen und ihm noch eine lange gesegnete Regierung schenken, zum Heile des deutschen Volkes und Vaterlandes.
Durch die soeben stattgehabten preußischen Abgeordnetenwahlen ist das Bild, das die Urwahlen lieferten, im wesentlichen bestätigt worden. Das künftige Abgeordnetenhaus wird in seiner Zusammensetzung sich nicht sehr von dem bisherigen unterscheiden, nur die gewählten sechs oder sieben Sozialdemokraten bringen einen neuen Ton und Einschlag hinein. Sollten diese jedoch versuchen, die bisher durch ihre Würde und Sachlichkeit ausgezeichneten Verhandlungen des Preuß» ischen Parlaments auf das ihnen geläufige Niveau hinabzudrücken, so dürfte ihnen die Lust hierzu hoffentlich von der Mehrheit ausgetrieben werden. Von den bürgerlichen Parteien haben die Nationalliberalen bei der Wahl am schlechtesten abgeschnitten. Das sollte dem Politiker und vor allem den Mitgliedern der nationalliberalen Partei selber zu denken geben. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß .die Mißerfolge der Nationalliberalen dem leider letzthin stark fortgeschrittenen Radikalisierungsprozesse dieser Partei zur Last zu legen sind. Was von einem Staate gilt, daß er nur durch die Mittel erhalten wird, durch die er gegründet und groß geworden ist, das gilt auch von einer Partei. Die nationalliberale Partei sollte sich
wieder mehr auf ihre Ursprünge besinnen und den unheilvollen Jungliberalismus abwehren. Dann wird sie voraussichtlich auch die Machtstellung im politischen Leben wiedergewinnen, die ihr als einer die Extreme ausgleichenden Mittelpartei wohl zu gönnen ist.
Auf der Hauptversammlung des deutschen Flotten» Vereins ist der Friede innerhalb des Vereins wieder- hergestellt worden. Das ist ein Ereignis, das überall in deutschen Gauen, wo patriotische Herzen schlagen, freudig vermerkt zu werden verdient. Denn der Flottenverein ist, wie dies Oberpräsident von Jagow in seiner einleitenden Rede treffend hervorhob, ein bedeutsamer Faktor unseres öffentlichen Lebens und muß als solcher erhalten werden. Hoffen wir, daß Zwietracht und Hader nun für alle Zeit aus dem Flottenverein verbannt bleiben.
Auch für Rußland brächte die verflossene Woche einen Erinnerungstag: den ersten Jahrestag der Auflösung der zweiten Duma und der Oktroyierung eines neuen Wahlgesetzes. Dieses Ereignis stellt einen heilsamen Wendepunkt in der Geschichte Rußlands dar; von da ab haben sich die Dinge wieder zum Bessern gewandt. Während in der ersten und zweiten Duma der ödeste Radikalismus das Heft in Händen hatte und die Politik der Phrase herrschte, besteht die Mehrheit der dritten Duma aus den rechtsstehenden Parteien und den Oktobristen, mit denen sich eine gesunde Realpolitik treiben läßt. Allerdings sind die inneren Zustände Rußlands immer noch traurig genug: Morde und Attentate wollen nicht aufhören. Es läßt sich daraus wohl der Schluß ziehen, daß nichts unwahrscheinlicher sein dürfte, als daß das heutige Rußland sich politische Aufgaben stellen sollte, die nicht anders als mit der vollen Kraft eines geordneten Staatswesens durchzuführen sind. Wir haben daher für den deutschfeindlichen Lärm, der jetzt in der russischen Presse tobt, auch nur ein mitleidiges Achselzucken.
In Marokko triumphiert Mulay Hafid vollständig.
Gdk Kerze«.
Roman von Erwin Friedbach.
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„Liebe, gute, einzige Wilma," fuhr sie dringender fort, ihre kleine behandschuhte Rechte auf deren Arm legend, („sagen Sie mir offen, wie redet mein armer, lieber Ul- rich über mich und die ganze fatale Geschichte? Denken Sie, daß er sich erweichen läßt und mir verzeiht? Ach, ich bin ja so unglücklich geworden, zu unglücklich; bitte, w bitte, sprechen Sie, was ist Ihre Meinung?"
Wilma, noch ganz betroffen von der unerwarteten Begegnung, wußte nicht, was Heuchelei und Uebertreibung oder Wahrheit in diesem Wortschwall sei. Ein Gemisch von Widerwillen und Mitleid hatte sie ergriffen.
»Das sind viele Fragen auf einmal, gnädige Frau, und iJe^e ""ch außer stande, auch nur eine derselben hinreichend zu beantworten, ich weiß nicht, wie Ihr Herr über Sie denkt, weil er niemals die Angelegen- pett vor mir erwähnte."
E^**wi hielt Elfe er für angemeffen, sentimentale Sai- „Dachte ich mir das doch! O, mein teu- M zartfühlend, lieber würde er sterben, als ,^ik^k!n!,-"^age über seine arme Elfe äußern. ich i seine edle DenkungSart nicht genau kennen. Doch ■ heimlich härmt er sich deswegen um so heftiger, sosehr, und darum wollte ich auch nicht unan- i vor ihm erscheinen . . die Aufregung, und wäre 1 ^^ Eme freudige, könnte einen Rückfall herbeifüh- i -^fällig, daß Sie zu seiner Pflege hier ’ Aye S'e nun an, liebstes Fräulein Wilma, vorzubereiten, um dann mit mir zu überlegen, wie wir am zweckmäßigsten die Versöhnung einleiten *
ÄDeSJ^™ ^^ErzeihungdeS Geheimrats als selbst- verständlich zu betrachten. Nach ihrer Ansicht brauchte .^. ^''ur vor ihm zu erscheinen, um sofort wieder den Sieg < nverwln Herz davonzutragen.
^^ peinlich Wilma indessen auch die ganze Angelegen-
»rawramwwi' 111m' '«mmw—?’ ■ immbmmwbmbmbmm heit war, blieb ihr doch nichts übrig, als dem dringen- den Anliegen der jungen Frau zu willfahren; hätte sie es ausgeschlagen, würde Elfe, die vor nichts zurückschreckte, zweifellos ohne weiteres persönlich bis zu dem kaum Genesenen vorgedrungen sein.
Zu weiteren Schlüssen kam sie überdieSjetzt kaum.
Elfe sprach, während sie beide dem Hause zuschritten, unausgesetzt lebhaft auf sie ein; nur das eine empfand sie voll quälender Ungewißheit, wie mag die Sache sich gestalten, versöhnt er sich mit dieser Frau, die so leichtfertig seine und der Familie Ehre in den Staub gezogen ?
Gleich danach pochte sie zaghaft an feine Tür. Auf daS „Herein" öffnete Wilma. Er saß auf dem Sofa, eine wollene Decke über den Knien, die Hände gefaltet, ein Bild beschaulicher Ruhe. Das Licht der Hängelampe ließ deutlich seine verfallenen Züge, die noch die Spuren der eben erst überstandenen Krankheit trugen, erkennen.
„Eine Dame ist da, die Sie sprechen möchte, Herr Geheimrat."
„Die Leute sollten doch wissen, daß ich noch zu schwach bin, um mich mit Konsultationen um diese Zeit zu behelligen!"
„ES handelt sich nicht um Ihren ärztlichen Rat," erwiderte Wilma unsicher, „die Dame will erfahren, was sie von Ihnen als Mann, als Gatte zu gewärtigen hat. Herr Geheimrat, Ihre Frau ist wieder da."
„Meine Frau!" wiederholte er tonlos, ungläubig, mit zweifelndem Blick Wilmas Singen suchend, um in ihnen die Bestätigung des Unerhörten zu lesen.
„Ja, Frau Elfe befindet sich im blauen Salon."
Er richtete sich mühsam auS der halbliegenden Stellung auf. „So, und sie wagt es wirklich, die Schwelle meines Hauses zu betreten, die sie entweihte? Sie glaubt in der Tat, daß ich einwilligen werde, sie zu sehen? Nun, das ist die Schamlosigkeit denn doch ein wenig zu weit getrieben!" rief er keuchend und streckte abwehrend die
gespreizten Finger aus. „Sagen Sie ihr, Wilma, sie solle sich entfernen, und zwar auf der Stelle, um sich niemals hier wieder blicken zu lassen, sie solle zu ihrem Liebhaber gehen, der sie natürlich verlassen hat, weil er ihr ein- fällt, sich des betrogenen und entehrten Gatten zu erinnern ! Sagen Sie ihr das, denn auf keinen Fall will ich die Pflichtvergessene sehen oder gar sprechen!"
Wilma, die die hochgradige Aufregung deS alten Herrn sah und vermeiden wollte, ihn durch Widerspruch noch mehr zu reizen, stand im Begriff zu gehen und Elfe zu bitten, alle ferneren Versuche der Annäherung bis morgen zu verschieben. Sie näherte sich der Tür, als diese vonr anstoßenden Zimmer auS rasch geöffnet wurde und auf der Schwelle Elfe erschien, ohne Ant und Mantel, in blendender, lichtgrüner Seide, die Schulten» von dem rotblonden Lockenhaar umwallt, die schillerndenAugen blitzend auf ihren Gatten gerichtet.
„Nein, Ulrich," begann sie mit theatralischer Pose im Brustton der Ueberzeugung, „das wird Fräulein Wilma nicht tun, es wäre auch überflüssig, denn Du sprachst so laut, daß ich jeder Deiner Worte gehört habe. Ich aber kann und will nicht glauben, daß, »oaS Du im Zorn her- vorstießest, Dein endgültige» Urteil über mich enthalten soll, nein, das vermag ein so zärtlicher, liebevoller Mann nicht, am allerwenigsten, weil ich gekommen bin, Dich um Verzeihung zu bitten!" Und ohne Wilma» Gegenwart zu beachten, die, im Hintergründe stehend, dem Vorgang erstaunt zusah, stürzte Elfe sich auf den Geheimrat, sank in die Knie, und seine Rechte ergreifend, bedeckte sie diese mit Küssen. „Ulrich, vergib mir," flehte sie mit gedämpf-- ter Stimme und voll Inbrunst, die echt fein mochte, weil von der Rückeroberung ihrer verlorenen Stellung an der Seite des nachsichtigen Mannes alle» für sie abhing, „stoße mich nicht von Dir, überlaß mich nicht bem grenzenlosen Elend, jetzt, wo ich einsehen gelernt, wie nnuerantroort- lich ich an Dir gesündigt habe. Ulrich, sieh mir ins Auge, und nach dem, was Du darin liest, sollst Du mich richten!" 140) 1fr