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mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
____vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".____________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine-Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Mittwoch, den 5. August 1908
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9. Jahrgang.
Die Arbeiter-Wilwen- und Waisenversicherung
Nach dem § 15 des Zolltarffgesetzes vom 25/ Dezember 1902 soll die Witwen- und Waisenversicher- ung, für die die Mittel durch die Kapitalisierung ge
wisser Zollerträge aus dem Zollgesetz geschaffen werden, am 1. Januar 1910 in Kraft treten. Der Reichsten wird daher in seiner Tagung genötigt sein, sich mt dieser wichtigen Frage zu befassen, die voraussichtlich im Anschluß an die Reform der übrigen Arbeitergesetze gelöst werden wird. Ueber die Grundzüge der neuen Versicherung ist natürlich noch nichts Näheres bekannt. Man wird jedoch erwarten dürfen, daß sie sich an die im I. Juni 1907 ins Leben getretenen Invaliden-, Witwen- und Waisen-Versicherungskassen der Seebe- russgenossenschaft ablehnen wird, deren Organisation sich ihrerseits wieder eng an die Organisation der Invaliden- und Altersversicherung anlehnt. Es werden dort Wochenbeiträge nach 5 Lohnklassen in der Höhe von 20, 26, 32, 40 und 46 Pfg. die je zur Hälfte von Arbeitern und Unternehmern gezahlt werden. Dafür gewährt die Kasse einmal ein Witwengeld, das je nach den Lohnklassen 30-50 Mk. jährlich beträgt, und ferner für jedes noch nicht 15 Jahre alte Kind ein Waisengeld in derselben Höhe. Während aber die Invaliden-, Witwen« und Waisen-Versicherungskassen der Seeberufsgenossenschaft nur einer ziemlich eng begrenzten Zahl der Teilnehmern zugute kommen, hat die allgemeine Witwen- und Waisenversicherung, die jetzt ins Leben gerufen werden soll, es von Anfang an mit einer sehr großen Zahl von Teilnehmern zu tun. Ueber ihre Zahl wird die Regierung wohl schon Erhebungen angestellt haben, doch liegen der Oeffent- lichkeit noch keine bestimmten Zahlen darüber vor. Von sachverständiger volkswirtschaftlicher Seite wird berechnet, daß es sich dabei um ungefähr ;400,000 Witwen- und 9C3,000 Waisenrenten handeln dürfte, zu welchen Verpflichtungen noch besondere Beihilfen für Wöchnerinnen und Säuglinge treten würden. Die Kosten für die Witwenrenten würden sich bei denk Durchschnittssatze von 130 Mk. auf 52 Millionen Mark, die Waisenrenten bei einem Durchschnittssatze von 66 M. auf 59,4 Millionen Mark belaufen, wozu dann noch die auf etwa 8'/, Millionen Mark geschätzten Kosten für N" 'enleistungen kommen würden. Daraus ergibt sich, daß die gesamten jährlichen Kosten für die Witwen« und Waisenversicherung etwa 120 Millionen Mark betragen würden. Das ist eine neue uno gewaltige Last, die das deutsche Volk im Interesse
Künstkerblüt.
Roman von Vera v. Baratomski.
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Aus seinen Zügen sprach höchste Erregung.
„Geh' nicht hinunter!" rief er, die junge Frau zurück drängend.
„Weshalb?"
Die Lache ja gar incht.
den Weg frei! Ich will, ich be-
„Weil meinem Vetter ein Unfall zustieß."
„Was istgeschehen? Um Gottes willen, so sprich doch!"
ein Gott, das Pferd scheute und.. geh doch in Dein Zimmer! So schlimm ist die Sache ja gar nicht."
„Du lügst! Gib mir 1 - fehle es!" ’
„Bleibe hier! Wenn Wladimir nach Dir verlangt, werde ich Dich rufen."
Er wollte den Arm um die junge Frau legen und sie fortführen.
Klothilde riß sich los. Wie ein grellerBlitz flammte es aus ihren Augen. „Laß mich! Mein Wille ist frei! Das I°^sst Du doch endlich wissen. Weg da! Ich gehe hinaus ! Blich hält keiner zurück und Du am allerwenigsten!" - ®k stürmte die Treppe hinunter. „Was ist mit dem Herrn? Wo habt Ihr ihn hingebracht?" rief sie der am Anfang der Treppe stehenden Dienerschaft zu.
"In den Saal des Erdgeschosses," erwiderte jemand. „Holt Aerzte! Was steht Jhi ‘ ““
ÄkUnb T^nz sind schb.. stZsD...
Klothilde wagte nicht zu fragen: „Wie steht es um den Verunglückten?" Mit zitternder Hand drückte sie auf dre Klinke, trat ein und warf sich mit einem markerschütternden Schmerzensschrei über den tödlich Verletzten.
„Wer hätte gedacht, daß wir so früh schon scheiden müßten?" flüsterte Wladimir und seine Hand sank müde auf das Haupt der schluchzenden Frau, die ihn krampf- W umklammerte, sinnlose Worte und heiße Gebete stam-
ir müßig da?
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sie zu rufen, steht es un
1 der Witwen und Waisen sein.Arbeiter sich aufbür — Die Feierlichkeiten zum 350jährigen Jubiläum ^und es spricht für d e Opferwilligkeit der bürgerlich. Der Universität Jena wurden mit der Einweihung des
Parteien, daß sie fLi^u diesem gewaltigen Opfer aus i '
eigenem Antriebe enscolossen haben — vielleicht gerade weil die Wstwen und Waisen zu dem Aermsten der Armen gehören und weit weniger als die sozialdemo- cratische Arbeiterschaft in der Lage sind, ihre Wünsche und Klagen an das Ohr der ausschlaggebenden Stellen gelangen zu lassen. Möge auch dieses große Werk dazu beitragen, daß manche aus Sorge ums tägliche Brot geflossene Träne in Zukunft getrocknet wird und daß sich weiterhin auch gerade in den Kreisen der Arbeiter und der unteren Volksschichten der Gedanke festwurzelte und ausbreite, daß der Staat und das heutige Wirtschaftsleben es nicht darauf anlegen, den Armen zu unterdrücken und ihn auszunutzen, sondern gerade ihn zu unterstützen und zu heben.
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Deutsches Reich.
Der Kaiser in Swinemünde. Am Freitag morgen machte der Kaiser einen Spaziergang an Land und fuhr in Begleitung des aus Norderney eingetroffenen Reichskanzlers, des Grafen Hülsen-Häeseler und des Gesandten v. Treutler im Automobil in der Richtung nach Heringsdorf.
— Das Kronprinzenpaar empfing in seiner Jagl»- villa im Bregenzerwalde dieser Tage den Besuch des Grafen Zeppelin.
— Fürst Bülow ist am Montag wieder in Norder- ney eingetroffen.
— Der Chef des Geheimen Zivilkabinetts Dr. v. Lucanus ist in Potsdam Dienstag Nacht gestorben.
— An der Universität Straßburg ist her vierte Sohn des Kaiserpaares Prinz August Wilhelm zum Doktor promoviert worden. Der Prinz schrieb seine Dissertation üoer das Thema. „Die Entwickelung der Kommissariatsbehörden in Brandenburg-Preußen bis zum Regierungsantritt Friedrich Wilhelms I." Die Arbeit wurde von der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät angenommen, worauf das mündliche Examen tattfand, das der Prinz mit der Zensur „sehr gut" testand. Die Examinatoren waren die Professoren Sartorius, Frhr. v. Waltershausen, Laband und Rehm. Den Vorsitz führte der Dekan der Fakultät Professor v. Thur. Es dürfte dies der erste Fall sein, daß ein Sproß des preußischen Königshauses den Doktortitel an einer deutschen Universität erworben hat.
Schmerz, Schrecken und Verzweiflung überwältigten sie so sehr, daß eine furchtbare Nervenkrisis folgte.
Nun gelang es, die fast Bewußtlose zu entfernen.
Mit den schnellstens eintreffenden Aerzten weilte Bo- aislaus von Sudowski an dem Lager des Sterbenden, dessen Ende nahe schien, und der es ohne Zagen erwartete.
„Dir, Bogislaus, vertraue ich Klothilde an, sowie das Kind, welches zu erblicken mir nicht vergönnt ist und dessen Vormund Du als nächster Verwandter bist," sagte Wladimir mit verlöschender Stimme. „Meiner Gattin Zukunft stellte ich schon vor unserer Vermählung sicher. Nimm Deinen Wohnsitz auf diesem Gute, das unter strenger Aufsicht stehen muß. Deine Mutter soll ..."
„Sie wird mich natürlich begleiten und Klothilde hegen und pflegen wie ihre Tochter. Doch die Jugendkraft ist Dir sicher! Du bleibst uns erhalten!"
Wladimir machte eine ungeduldige Bewegung. „Ich sterbe ungern, denn das Leben hätte mir noch" eine unermeßliche Fülle von Freuden und Genuß zu bieten gehabt, doch kann ich auch bem Tod fest und ruhig ins Antlitz sehen. Er schreckt mich nicht. Auf Dich und Deine ehrenhafte Gesinnung baue ich. Du wirst der Witwe und dem verwaisten Kinde als treuer Freund und Berater zur Seite stehen, da das Schicksal Dich nun zum Herrn oder nur zum Verwalter dieser Besitzung macht."
„Gewiß, das verspreche ich Dir!" erwiderte Bogislaus, wandte sich aber jäh ab, wohl weil Tränen seinen Blick verdunkelten.
„Gibt es noch etwas zu regeln, VoHislaus, so komme meinem schwindenden Gedächtnis zu Hilfe. Ich weiß nicht mehr .. mir ist es, als tauche ich in ein wogendes Nebelmeer."
„Du sorgtest gut für die Deinigen."
„Klothilde!" stöhnte der Sterbende. „Wo ist sie?"
„Soll ich Deine Gemahlin rufen?"
„Ja .. meine letzte Stunde gehört ihr."
neuen Phylogenetischen Museuius eröffnet. Hieraus fand in der Vorhalle des neuen Universitätsgebäudes eine Feier statt, zu der die großherzoglich und herzoglich sächsischen Staatsminister Einladungen hatten er
gehen lassen. Die Hauptfeier begann mit dem Fest- gotresdienst in der Stadtkirche, an dem auch der Groß- Herzog von Sachsen-Weimar, der Herzog von Sachsen - Koburg-Gotha, der Herzog von Altenburg, der Erbprinz und Prinz Ernst von Sachsen-Meiningen teil- nahmen. Professor D. Thümmel hielt die Festpredigt. Den zweiten Teil des offiziellen Programms bildete der Festakt im Volkshause, dessen Schluß eine Reihe von Ehrenpromotionen seitens der vier Fakultäten bildete.
F — Zur polnischen Boykottietung deutscher Bäder hveift der Krakauer „Glos Narodu,, mit besonderer ^Genugtuung auf die keineswegs erwiesene Tatsache «hin, daß das Ostseebad Zoppu dieses Jahr von den Polen gänzlich g: nieben werd', unD knüpft hieran den Wunsch: „Es wäre wünschenswert, die polnische Ge« meinschaft beschlösse auch bezüglich der andern deutschen Bäder einen ähnlichen Boykott." — Ein derartiger Beschluß der polnischen Gemeinschaft dürfte vielen Besuchern deutscher Bäder nicht unangenehm sein.
— Leider ist schon wieder von einem Uebergang deutschen Besitzes in polnische Hände zu melden. Das deutsche Rittergut Skronskau bei Rosenberg in Schlesien, das vergebens der Hoframmer angeboten war, ist jetzt von dem Besitzer Fränkel an einen Polen aus Schroda verkauft worden.
— In den Einigungsverhandlungcu beim Stettiner „Vulkan" zwischen der Direktion, dem Arbeiterausschuß und der Nieterkommission erklärte sich letztere bereit, den Vorschlag der Direktion, daß alle Nieter bis inklusive Oktober, bis zum Stapellauf des Dampfers „George Washington", an vier Abenden in der Woche je eine halbe Stunde nach Schluß der normalen Arbeitszeit arbeiten, zur Annahme zu empfehlen. Andere Wünsche der Arbeiterschaft wurden von der Direktion teils bewilligt, teils abgelehn^. Sobald die Nieter mit den Bedingungen der Direktion über die Regelung der Ueberstundenalbeit s"h einverstanden erklären, wird der Betrieb des Werkes wieder ausgenommen.
— Der katholische Pfarrer Mansuy in Ars an der Mosel, der wegen seiner anläßlich des Geburtstages des Kaisers in der Pfarrkirche zu Ars gehaltenen
Bogislaus eilte fort. Er rüttelte die immer noch in halber Bewußtlosigkeit Liegende auf und rief: „Wladimir verlangt nach Dir. Komm! Er hat keine Zeit mehr zu warten. Der Tod steht neben ihm!"
Sie taumelte empor, aus wohltätiger Betäubung zu gräßlicher Wirklichkeit erwacht.
„Stütze Dich auf mich! Du vermagst Dich kaum auf« recht zu erhalten," sagte Bogislaus, ihr nähertretend.
„Ich bedarf Deiner Hilfe nicht," erwiderte sie barsch. „Bleibe mir fern."
Er wich stumm zurück.
Schwankend stieg sie die Treppe hinab, sich mit beiden Händen an das Geländer klammernd. Ihr leises, trä- nenloses Schluchzen klang wie das Wimmern eines ver» endenden Tieres.
Wladimirs Wunsch, sie zu sehen, war nur noch das letzte Aufflackern der schwindenden Lebenskraft gewesen. Der Sterbende erkannte Klothilde nicht mehr. Der Blick seiner brechenden Augen schien schon umflort von den ewigen Geheimnissen des Jenseits.
Die junge Frau umschlang ihn und drückte ihren Mund auf den seinigen. Ein leichtes Zittern zeigte, daß Su- dowsky die zärtliche Liebkosung noch empfand. Er atmete tief, als wolle er den Atem des liebenden Weibes einsaugen, versuchte sich emporzurichten, sank aber zurück. Ein kurzes Röcheln, ein halb erstickter Schmerzenslaut.. und alles war vorüber ...
Wenige Tage später wurde der so früh und unerwar« tet aus dem Leben Geschiedene zur Ruhe bestattet.
Sein Vetter Bogislaus und dessen Mutter, eine Greisin mit strengen, wie aus Marmor gemeißelten Zügen, zogen auf dem Gute ein.
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Fünf Jahre waren seit dem tragischen, in vielen Zeitungen besprochenen Ereignis verflossen, als Hugo Meißner, der talentierte Zögling einer deutschen Malerschule, sich zu seinem Lehrer, dem Professor Klußmann begab.