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jy« 72. Samstag, den 5. September 1908. 59. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Dienstag vormittag fand auf dem Tempel- Hofer Felde die Herbstparade des GardekorpK statt in Gegenwart der Kaiserin, der Kronprinzessin, der Kronprinzessin von Griechenland, der Prinzessin Eitel Friedrich und der Prinzessin Viktoria Luise, der Prinzen Georg von Griechenlano und Kuni von Japan, der brasilianischen Offiziere und des österreichischen Obersten Schönberger. Der Kaiser traf kurz vor 10 Uhr ein. Die Parade kommandierte der General v. Kessel. Nach dem Abreiten der Fronten folgten zwei Vorbeimärsche. Der Kaiser: führte der Kaiserin das erste Garderegiment zu Fuß vor, dessen Uniform er trug. Der Kronprinz defilierte mit diesem Regiment, Prinz Eitel Friedrich führte die Leipkompanie. Die Parade endete nach 12 Uhr. Nach der Kritik führte der Kaiser die Fahnen und Standarten zum Schloß, von einer vieltausendköpfigen Menge lebhaft begrüßt.
— Ein Automobil-Unfall des deutschen Kronprinzenpaares. Das hohe Paar hatte von Metz aus einen Ausflug nach Saint-Privat unternommen und begegnete unterwegs einem Heuwagen, der nicht richtig auswich. Das Automobil mußte deshalb weiter, als sonst nötig gewesen wäre, nach rechts fahren und kam dadurch in den Straßengraben, wo es sich auf die Seite legte. Die Insassen kamen mit dem Schrecken davon. Sofort kamen auch von allen Seiten Leute und halfen, das Automobil wieder flott zu machen. Der Kronprinz spendete für die Armen des Dorfes Amanweiler, aus dem die Helfer kamen, hundert Mark. V
— Prinz Adalbert von Preußen, des Kaisers dritter Sohn, übernimmt zürn Herbst das Kommando eines Torpedobootes.
— Der Staatssekretär der Reichslande, Herr v. Köllner, hat den Schwarzen Adlerorden erhalten. Diese höchste Auszeichnung war wohl schon die kaiserliche Anerkennung aus Anlaß des zu erwartenden Rücktritts des Staatssekretärs, der nach einem arbeitsreichen Leben Ruhe ersehnt.
— Am elften und zwölften September findet in Berlin der 15. Deutsche Sängertag statt. Aus ganz Deutschland, aus Oesterreich und anderen Ländern werden die Abgesandten der Sängerbünde erscheinen, um an äußerst wichtigen Beschlüssen für die Weiter- entwickelung des gegenwärtig 140 000 Mitglieder zählenden Deutschen Sängerbundes mitzuwirken.
— Das Luftschifferbataillon schickte am Sonnabend
nachmittag in einem Sonderzuge die zweite Kompagnie mit der Bespannungsabteilung nach Diedenhofen in das Kaiser-Manöver ab. Zu dem mitgenommenen Material gehörten 20 Freiballons und 4 Fesselballons. Das lenkbar- Luftschiff wird wahrscheinlich nicht zur Verwendung kommen.
— Die Zahl der Personen, die eine Rente vom Reich beziehen, kann auf Grund der neuen Statistik des Reichsversicherungsamtes genau angegeben werden. Nach dem Bestand vom 31. Dezember 1907 gab es bei den 40 .Landesversicherungsanstalten oder Kassen insgesamt 841992 laufende Invalidenrenten. Im Jahre 1907 waren 112 220 neue Renten hinzuge- kommen, während 84 303 wegfielen. Die Zahl der Invalidenrenten wächst also zurzeit um etwa 40000 jährlich. Krankenrenten bestanden gleichzeitig am 31. Dezember >907 insgesanit 20 081. Im Jahre 1906 waren 11520 hinzugekommen, während 13 547 weg- fielen. Der Wechsel ist hier naturgemäß lebhafter, so daß augenblicklich die Zahl der Krankenrenten in der Abnahme begriffen ist. Wie diese erreicht auch die Zahl der Altersrenten lange nicht die der Invalidenrenten, wenn die Altersrenten auch etwa fünf- bis sechsmal häufiger sind. Altersrenten liefen am 31. Dezember 1907 insaesamt 116 887. Der Zugang betrug im Jahre 1901 10 814, der Abgang 19 530. Der Abgang ist also fast doppelt so groß wie der Zugang. Invaliden-, Kranken- und Altersrentuer gibt es also im Deutschen Reiche nach dem Stande von Neujahr zusammen 978 860. Von den einzelnen Versicherungsanstalten hat die meisten Altersrenten die des Königreichs Sachsen mit 11611. Die meisten .Invalidenrenten werden dagegen in der Provinz Schlesien bezahlt, wo es 86118 Invaliden gibt, die eine Reichsrente beziehen. Auch die meisten Kranken- renten zählt Schlesien mit 2 314.
— Am 1. Dezember wird in Preußen eine neue Viehzählung vorgenommen werden.
— Die Königliche Ansiedlungskommission hat das 800 Morgen große Gut Ujast im Kreise Gnesen aus polnischer Hand erworben. Der Ansiedlungsbesitz im Kreise Gnesen ist durch diesen Ankauf auf rund 80 000 Morgen gestiegen, von denen alles Land bis auf Ujast und zwei Güter mit einigen Grundstücken von zusammen 3 500 Morgen an Ansiedler vergeben ist. Die polnischen Blätter ziehen in gewohnter Weise entrüstet über den „infolge des Enteignungsgesetzes ein- geschüchterten schwachen Polen" her und ernahmen die
polnischen Besitzer, sich durch das Gesetz nicht schrecken zu lassen und an keinen Deutschen, vor allem nicht an Ansiedlungskommission, Land zu verkaufen.
— Ueber die Anwendung des Ausweisungsverfahrens gegen ausländische Arbeiter hat der Minister des Innern jüngst neue Bestimmungen erlassen, durch welche frühere unnötige Härten vermieden werden sollen. Es wird angeordnet, daß von einer Ausweisung des Ausländers wegen Kontraktbruchs Abstand zu nehmen ist, solange irgend ein Verfahren vor dem Landrat, vor dem Schiedsgericht usw. in Sachen des Kontraktbruches schwebt. Unberührt bleibt aber das Recht der Polizeibehörden, einen ausländischen Arbeiter, obwohl ein richterliches Verfahren über das Arbeitsverhältnis im Gange ist, aus anderen fremdenpolizei- lichen Gründen auszuweisen, insbesondere etwa, weil er sich als Bettler oder Landstreicher oder in ähnlicher Weise persönlich lästig gemacht hat.
— Die Verhandlungen über den deutsch-amerikanischen Lehreraustausch zwischen dem Kultusministerium und dem Carnegie-Jnstiiut in New-Pork haben zu folgendem Ergebnis geführt: Im Oktober gehen ein preußischer Oberlehrer und sechs Probekandidaten nach Amerika, um an höheren Schulen in Newyork, Boston, Newhaven, Worcester, Chicago und Cxter zu unterrichten, während die Union zwölf Herren nach Deutschland sendet, die in größeren deutschen Universitätsstädten unterrichten sollen und gleichzeitig die betreffenden Universitäten besuchen werden.
— In Dessau ist der Zusammenschluß aller bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokratie endgültig beschlossen worden. Das Abkommen gilt nicht für einzelne Wahlkreis?-, sondern für das ganze Anhalter Land dergestalt, daß etwa hervortretende Sonder- kandidaturen von keiner der Parteileitungen in irgend einer Weise unterstützt werden.
Ausland.
— In Budapest ereignete sich infolge der Unachtsamkeit eines Packträgers, der mit brennender Pfeife im Munde eine große Benzinflasche in ein Haus trug und auf der Treppe hinfiel, sodaß die Flasche zertrümmert wurde, eine gewaltige Explosion. Ein Teil des Hauses stürzte ein. Zwei Menschen verbrannten, 18 wurden schwer verletzt.
— Die Ueberschwemmungen in Nord- und Süd- Carolina richteten einen Schaden von 2'/, Millionen Dollars an. In Folsen (Neu-Mexiko) ertranken
Kimstterölut.
Roman von Vera v. Baratowski. 12
„Den Meister ziert Bescheidenheit," sagte sie, und dabei glitt ein Lächeln um ihre feinen Lippen, welches fast etwas spöttisch aussah und verriet, daß sie an der Aufrichtigkeit der eben gemachten Bemerkung zweifle.
„Ich male auch ein wenig und werde Ihnen gelegentlich meine Skizzen zeigen," fuhr sie fort. „Ueber den Dilettantismus kam ich ja niemals hinaus. Das wurde mir erst so recht klar, seitdem ich meine Ohnmacht erkannte, ein kleines Werk zu schaffen, dessen Gelingen mich namenlos beglückt hätte."
Hinzutretende Personen unterbrachen das Gespräch, welches andiesemAbendnichtwiederaufgenommenwurde.
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Schon der nächste Morgen fand Meißner ander Staffellei, bemüht, die Umrisse der Gestalten zu entwerfen. Es galt ein in großem Stil angelegtes Gemälde zu schaffen.
Jetzt nahm ihn der Gedanke an die Arbeit vollständig in Anspruch, und das empfand Meißner als Wohltat, als Heumittel, welches die zerstörende Wirkung eines süßen Giftes aufheben sollte.
Er bat Herrn von Sudowsky, ihn zu entschuldigen, wenn er sich vorläufig den gemeinschaftlichen Mahlzeiten fern halte, da es ihm unmöglich sei, sich an bestimmte Stunden zu binden.
Fast schien es, als käme dem Polen dieses Gesuch ganz gelegen. Er ging bereitwilligst darauf ein, mit den Worten: „Betrachten Sie sich hier als zuHause.Mcht des Wirtes, sondern des Gastes Wünsche entscheiden."
Meißner konnte sich vollkommen ungestört der Arbeit widmen und wurde so geräuschlos und trefflich bedient wie von Feenhünden.
Eines Tages vernahm er, daß man pochte und inS .Nebenzimmer trat, achtete aber kaum darauf, in der Vor
aussetzung, jemand vom Dienstpersonal mache sich da zu schaffen.
Als er endlich das leise Rauschen seidener Gewänder vernahm, und erstaunt den Blick nach der Tür wandte, stand Klothilde auf der Schwelle.
Sie näherte sich etwas zögernd und legte ein auf Elfenbein gemaltes Aquarell in seine Hände.
„Mein Kind.. mein armer, kleiner Nikolaus," flüsterte sie mit bewegter Stimme. „Ich versuchte, ihn aus dem Gedächtnis zu inalen. Es gelang mir recht schlecht. Die Aehnlichkeit habe ich ja wohl getroffen, aber das Ganze erscheint zu leblos, zu starr. Gern hätte ich ein größeres und besseres Bildnis von dem früh Heimgegangenen Engel; doch dürfte es wohl unmöglich sein, nach dieser Skizze ein solches herzustellen. Nicht wahr?"
„Ich will es versuchen," erwiderte er. „Freilich müßte mir dabei die Mutter, welche den verstorbenen Liebling stets vor Augen hat, zu Hilfe kommen."
„O, wie gern!" rief sie aus. „Täglich werde ich hier sein und Ihnen jeden Zug des zarten Gesichtchens so genau schildern, daß Sie glauben sollten, den Kleinen selbst gekannt zu haben. Aber, meine Bitte kommt gewiß sehr ungelegen und hält Sie von wichttgerer Arbeit ab," fügte sie hinzu, mit einem Blick auf die Staffelei.
„O, nein, gnädige Frau!" versicherte Hugo lebhaft. „Nichts würde mich mit größerem Stolz erfüllen als der Gedanke, Ihnen das teure Kind wenigstens im Bilde wiedergegeben zu haben, und keine Aufgabe wüßte ich, die mir ehrender und lohnender erschiene! Schon heute beschäftige ich mich mit dem Entwurf und hoffe, Ihnen denselben morgen vorlegen zu können."
„Ich finde mich dann wieder um dieseZeit hier ein. Sie "erwerben sich das höchste Anrecht auf meinen Dank."
Als Meißner die ihm gereichte Hand küßte, fühlte er den schmeichelnden Druck der schlanken Finger.
Am nächsten Tage harrte er fieberhaft erregt des Wre- derkommens berSBUme. Sie ließ ihn nicht vergebens war
ten, und begrüßte die flüchtig untermalte Skizze mit einem Ausruf frohen Erstaunens.
„Wie danke ich Ihnen!" Damit reichte sie ihm beide Hände. „Es tut mir in tiefster Seele wohl, jemand zu finden, der meine Trauer um das einzige Kind begreift, und, was mir oft so bitter verdacht wird, daß ich Kultus mit feinem Andenken treibe. Ich aehöre nicht zu jenen kalten, eigensüchtigen Menschen, die vergessen können und vergessen wollen, denn wahre Liebe ist stärker als der Tod. Weit entfernt, die kühle Ruhe der Gleichgültig- keit zu suchen, möchte ich mich mit allem umgeben, was die Erinnerung wach und ungetrübt zu erhalten vermag."
Sie nahm den Stuhl, welchen Meißner hinschob, und vertiefte sich ganz im Anschauen der Skizze. „Das find genau Nikolaus Züge, aber rote Bäckchen hatte er ine .. Ach Gott, was würde ich darum gegeben haben, solche Rosen auf dem süßen Gesichtchen erblühen zu sehen! Doch, meine Gebete blieben unerhört. Dieses schöne, zarte Rot ist eine Lüge, deshalb fort damit!"
„Dann, um'den kleinen Mund lag immer ein Zug klaglosen Leidens, wie verhaltenes Weinen. Nur einmal sah ich mein Söhnchen lächeln .. als es im Sarge ruhte. .. Ich will ihn aber so besitzen, wie er war, als ich noch hoffen durfte, der Himmel würde ihn mir lassen."
„Alle Ihre Winke befolge ich gewiß mit höchstem Eifer!" versicherte Hugo.
„Ich fürchte, Sie mit meinen Bitten und Forderun- gen zu ermüden," sagte Frau von Sudowsky.
„Nie widmete ich mich mit aufrichtigerem, wärmeren Interesse einer Arbeit! Doch würde mir Ihre Gegenwart meine Aufgabe sehr erleichtern, da wir uns dann jeder Zeit besprechen könnten, und somit jeder zeittaubende Aufenhalt zu vermeiden wäre." 155,18
Klothilde willigte gern ein. Sie kam nun täglich, verfolgte mit gespannter Aufmerksamkeit jeden Pinselstrich, bald dieses tadelnd, bald jenes gutheißend, immer aber war es, als bringe sie die ganze Glut des Südens in das
1 Atelier, an dessen Fenstern jetzt Eisblumen erblühten.