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mit amtlichem Areisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
___Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".________________________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
F 73.
Mittwoch, den 9. September 1908.
59. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser im Elsaß. Der Kaiser, der am Samstag abend um 9 Uhr vom Besuch der Hohkönigs« bürg im Kaiserpalast wieder eingetroffen war, besichtigte am Sonntag vormittag um 10 Uhr mit dem Prinzey, und dem Gefolge das Münster. Der Kaiser wurde von dem Bischof Fritzen und dem Weihbischof Zorn von Bulach empfangen. Im Münster hörte der Kaiser den Vortrag des Münsterbaumeisters Knauth über die vorzunehmenden baulichen Arbeiten. Nachmittags um 5 Uhr machte der Kaiser mit den Prinzen und den Herren der Umgebung eine Automobilfahrt mit anschließendem Spaziergang am Rheinufer nördlich Straßburgs durch den Rheinwald und die Hafenanlagen. Um 7 */2 Uhr folgte der Kaiser einer Einladung des Staathalters Grafen Wedel zur Tafel, zu der auch Prof. Hergesell geladen war. Der Kaiser unterhielt sich nach dem Essen mit dem Gelehrten längere Zeit über dessen wissenschaftliche Expedition an Bord des deutschen Kriegsschiffes „Viktoria Luise." Ganz besonders eingehend erkundigte sich der Kaiser nach den Luftschifffahrten des Grafen Zeppelin. Professor Hergesells begeisterte Schilderung der großen Schweizerfahrt erregte das höchste Interesse des Monarchen Der Kaiser sprach sich auch mit großer Wärme über die nationale Spende des deutschen Volkes aus; wohl allen werde es klar geworden sein, daß die deutsche Nation in allen großen Fragen geschlossen wie ein Mann stehe.
— Zu den Kanalplänen des Prinzen Ludwig von Bayern wird den „Berl. N. Nachr." geschrieben: Eine Verbindung des Mains mit der, Weser und Elbe würde nicht allein einen hohen idealen Gewinn, die Herstellung eines neuen „silbernen Bandes" zwischen Nord und Süd herbeiführen, sondern auch den gleichfalls im nationalen Sinne nicht geringen Vorteil bieten, daß ein beträchtlicher Teil Süddeutschlands alsdann auf dem Wasserwege, so unmittelbar wie möglich, mit unseren Nordseehäfen Bremen und Hamburg verbunden würde. Bei alleiniger Ausführung der bis jetzt verfolgten Fluß- und Kanalpläne (Main- Donaukanal) würde ganz Süddeutschland, soweit es die Verbindung mit der Nordsee auf dem Wasserwege zu suchen gezwungen ist, fast ausschließlich auf den holländischen Hafen Rotterdam angewiesen seien. Mögen daher Nord und Süd in dieser neu aufgeworfenen nationalen Frage einmütig zusammenstehen.
— Ueber das Vordringen des Polentums in
owaMH^Mnmwianm'MMgcgMiMwawBWpg^^ Künstkerblut.
Roman von Vera v. Baratowski. 13
Das Porträt des kleinen Nikolaus ging seiner Vollendung entgegen. Meißner hätte sie gern verzögert, und brannte doch auch wieder vor Begierde, des schönen Weibes Wunsch zu erfüllen.
Neben Klothildes prächtiger Erscheinung verblaßte tue Erinnerung an Floras holde, jungfräuliche Antmut mehr und mehr.
Für das halb kindliche Mädchen war er immer maßgebend gewesen. Sie hatte nie eine andere Ansicht gekannt als die seinige und selbst, wenn nicht gänzlich überzeugt, ihre Zweifel stets mit den lächelnd ausgesprochenen Worten beruhigt: „Hugo ist entgegengesetzter Ansicht, und sein Urteil muß das richtige sein!"
Die Polin wußte nichts von dieser echtweiblichen Unterwürfigkeit, sie behauptete ihre Meinung sehr scharf und nachdrücklich. Es kam oft zu förmlichem Wortwechsel mit
Ä aber wenn er sich dann ihrem zuweilen fast un- erfuilbar scheinenden Willen fügte, strahlte auch so rück- yatttose Anerkennung aus diesen unergründlichen Augen, fühlte als der Empfänger eines könig- Uchen Geschenkes.
^?^m blauen Kleidchen des kleinen, auf einem stmrychenWolfsfellruhendenNikolaus blieben noch einige Striche zu tun. 7
„Söie lieb er aussieht," flüsterte die Witwe, „und wie gut Sie nun den kranken, leidenden Zug trafen! Wenn rch die tiber halb schließe, ist es mir, als fange das Kind wieder zu leben an. als brauche ich nur die 'tone aus- zustrecken, um es auf meinen Schoß heben und liebkosen zu können."
Lebhaft sprechend, wie es ihre Art war, überhörte sie, daßiemanddas Atelier betrat, und wandte, erst Meißners grüßende Bewegung bemerkend, den Kopf.
Schlesien, namentlich im Norden des Kreises Glogau, ist wiederholt berichtet worden. Es sind bei Schlawa, Alt-Strunz usw. mehrere Güter in polnischen Besitz übergegangen. Neuerdings scheint dort das Vordringen des Polentums aber zum Stillstand gekommen zu sein, wenigstens sind seit geraumer Zeit Güterverkäufe an Polen nicht mehr bekannt geworden. Dafür wird aber aus dem Nackbarkreise Guhrau berichtet, daß dort immer mehr Polen sich ankaufen. Während sich die Polen bisher nur in den nördlichen Grenzstrichen des Guhrauer Kreises angesiedelt haben, dringen sie nunmehr auch in der Mitte vor. So ist neuerdings ein größeres Bauerngut in Jästersheim in polnische Hände übergegangen; auch anderwärts stehen, wie ans Guhrau berichtet wird, einzelne Besitzer mit Polen in Verkaufsverhandlungen.
— Die sozialdemokratische Parteischule in Berlin hat im Reiche wenig Freunde. Die nordbayerischen Sozialdemokraten hatten bereits jüngst eine Aktion gegen die Schule unternommen. Jetzt erfährt man, daß in der Generalversammlung des sozialdemokratischen Vereins in Cassel der Genosse Wegener in seinem Referat über den Parteitag in Nürnberg erklärte: „Die Parteischule in ihrer jetzigen Anlage müßte auf Grund der bis jetzt gemachten Erfahrungen als ein verfehltes Unternehmen betrachtet werden. Das dafür aufgewendete Geld könne in anderer Form zweckmäßiger für Bildungszwecke verwand werden."
— Die Kronprinzessin von Rumänien ist am Sonnabend abend 83/4 Uhr nach München abgereist.
— Der Führer der Delegation des Deutschen Reiches zu dem internationalen Tuberkulosekongreß in Washington, Wirklicher Ge Met Rat Dr. Koch wird von Japan aus zur Eröffnung des Kongresses, welcher für den 21. September in Aussicht genommen ist, in Washington eintreffen und den Kongreß im Namen des Deutschen Reichs begrüßen. Als weitere Vertreter des Reiches und der Bundesstaaten sind der Geheime Ober-Medizinalrat und Vortragender Rat im Königl. Preußischen Ministerium der geistlichen, Unterrichtsund Medizinalangelegenheiten Prof. Dr. Kirchner und der Königl. Bayerische Geheime Rat Prof. Dr. von Leube bestellt worden, so daß Deutschland durch drei amtliche Delegierte vertreten sein wird.
— General der Kavallerie z. D. v. Hänisch ist am Sonnabend früh 5 Uhr in seiner Wohnung in Charlottenburg gestorben. Er war zuletzt komman- dierender General des 4. Armeekorps.
— Lastautomobile für das 18. Armeekorps. Gegen-
„Verzeihung! Ich störe wohl?" rief Bogislaus von Sudowsky. „Bleibedoch sitzen, Mathilde! Hätte ich Dich hier vermutet, so wäre es mir sicher gar nicht eingefallen, so plump hereinzuplatzen. Weiß ich doch, wie wenig Du derartige Uebetrafchungen liebst . . Was betrachtest Du da für ein Bild?" Zeige doch!"
„Nein!" Sie stand auf und zog einen verhüllenden Vorhang über die Staffelei.
„Ach, ich errate! Dein Porträt, um welches ich schon lange vergebens bat! Du ließest es endlich malen?"
s,Für Dich?" Lachend schritt sie der Tür zu.
Das war kein Ausbruch harmloser, neckender Fröhlichkeit. Dieses Lachen klang scharf, schneidend, verächtlich und mußte demjenigen, welchem es galt, eine Empfindung verursachen, als schleudere man ihm ätzende Flüssigkeit ins Antlitz.
Meißner, verwirrt und selbst peinlich berührt, geleitete die Witwe zum Ausgang und fragte sie leise: „Darf ich Sie morgen wieder erwarten?"
„Nein," entgegnete sie kurz und hart. „DerZauber ist gebrochen. Schicken Sie mir das Gemälde nach Fertig- stellung, aber ohne es vorher Bogislaus gezeigt zu haben. Sein Blick soll meines Kindes Engelsangesichtchen nicht entweihen!"
„Was bin ich doch für ein täppischer Geselle!" rief der Rittergutsbesitzer spöttisch und gereizt, als sie gegangen war. „Es scheint mir wirklich'vorbehalten, immer und überall zu spät oder zu unrechter Zeit zu kommen. Da habe ich nicht nur Klothilde, die von ihrem Trübsinn zu heilen mein ganzes Sinnen und Trachten ist, verscheucht, sondern auch Ihnen die Schaffensflamme gründlich verdorben. Nein, nein, bitte, keine höfliche Gegenver- sicherung. Müßte ja nicht Kunstkenner sein, wenn ich nicht wüßte, wie leicht sich, was man „Stimmung" nennt, verflüchtigt... Darf ich mal sehen?" Er streckte'die Hand nach dem Vorhang aus.
„Verzeihen Sie," wandte Meißner ein, „Frau von
»WMWSSM» ^p»ai immm—waaafa wärtig erfolgt die Zuteilung der Lastautomobile an die Armeekorps. So erhält das 18. Armeekorps 8 Automobilwagen mit je einem Anhänger, einen Lastzug mit 5 Anhängern, einen Schnell-Lastwagen, einen Autoomnisbus für das Werkstattpersonal, eine fahrbare Werkstatt, zwei Personenautomobile und zwei Krafträder.
— Das abgelößte ostasiatische Besatzungs-Detache- ment wird in diesem Jahre nicht wie früher auf dem Seewege, sondern über Sibirien mit der Eisenbahn in die Heimat zurückkehren und voraussichtlich am 30. September in Sirballen eintreffen. Den Angehörigen des Detachements werden nach Möglichkeit unterwegs während des Aufenthalts auf größeren Stationen gewöhnliche Briefe und Postkarten (jedoch nicht Drucksachen, Geschäftspapiere und Warenproben) zugeführt werden.. Solche Sendungen unterliegen denselben Taxen, wie wenn sie nach der asiatischen Garnison gerichtet wären. Sie müssen in der Aufschrift die deutliche Angabe tragen: „Durch das Marinepostbureau in Berlin. Empfänger gehört dem aus Ostasien heimkehrenden Besatzungs-Detachement an." Die Ausgabe eines Bestimmungsortes ist nicht erforderlich.
Ausland.
— Madrid. Prinzessin Luise von Orleans, die Gemahlin des Jnfanten Don Carlos, wurde von einem Sohne entbunden.
— Die Agitation für den tschechischen Schulstreik in Deutschböhmen hat nach den Kundgebungen in Prag nunmehr auch in den einzelnen Orten Deutsch- böhmens eingesetzt. Wie in Biliu, Bruch, Tschausch, Seestadt und andern deutschen Gemeinden, fand nun auch in Teplitz eine tschechische Versammlung statt, in der der Schulstreik als Zwangsmittel zur Errichtung eines neuen Schulgebäudes gegen die deutsche Stadt proklamiert werden sollte. Der überwachende Regierungskommissar ließ zwar einen solchen Beschluß nicht zu, doch wird dies die etwaige Ausführung des Planes nicht binbern. Es unterliegt keinem Zweifel, daß auch diese Bewegung von Prag aus einheitlich geleitet und angeregt wird. Dasselbe Tschechentum, das in Prag eine wüste Hetze gegen die deutschen Schulen veran- staltet, stellt an die deutschböhmischen Gemeinden bezüglich der konnationalen Minoritätsschulen die unverschämtesten Anforderungen und gaukelt der weiten Oeffentlichkeit damit die Mär von dem angeblichen „Deutschen Barbarismus" vor.
Sudowsky nahm mir das Versprechen ab, die noch nicht gänzlich vollendete Arbeit niemand zu zeigen.
Sonst würde ich natürlich gern um Ihr mir so schätzenswertes Urteil bitten. Aber ..."
„Gott bewahre mich davor, Sie Ihrem Worte untreu machen zu wollen! Diskretion ist jedes Kavaliers erste Pflicht!" rief der Pole pathetisch, daß man unschwer den Hyhu heraus fühlte. „Wie gesagt, ich bedaure aufrichtig, wieder einmal ungelegen gekommen zu sein. Aber auf den Augenblick wo ich meiner Cousine gelegen käme, werde ich leider bis zum jüngsten Tage vergebens warten. . . Nun wie steht es mit der „Versuchung"?"
„Jetzt hält mich nichts mehr ab, eifrig daran zu arbeiten. Ich muß um Entschuldigung bitten, inzwischen einen anderen Auftrag übernommen und erledigt zu haben, meinte aber, mich den Wünschen einer Dame gegenüber, die meinem verehrten Gönner so nahe steht, nicht ablehnend verhalten zu können."
„Selbstverständlich! Sie taten sehr recht! Klothilde hat krankhafte Einfälle. Sie ist eine äusserst sensitive, ner« vöse Natur, und mir wurde schon oft der Vorwurf ge- macht, daß ich zu nachgiebig sei und mehr Festigkeit zei- gen müßte. Doch, wie könnte ich das? Die Sterne möchte ich javom Himmelherunterreißen und ihr zu Füßen le- gen! Das Unmögliche möchte ich vollbringen, nur um einen freundlichen Blick von ihr zu gewinnen." Wilde, gierige Sehnsucht verriet sich in diesen heftig herausgestoßenen Worten und sprühte aus den grünschillernden Augen. In des Polen häßliches Gesicht schienen die wüstesten, ungezügeltsten Leidenschaften ihre Zeichen gegraben zu haben.
„Nicht ohne Grund haßt und fürchtet Klothilde diesen Mann!" mußte Meißner unwillkürlich denken. 155,18 „ Aber schon hatten sich Sudowskys Züge geglättet. Ein Lächeln spielte um die wulstigen Lippen, als er mit gemäßigtem Tone fortfuhr: „Die Erinnerung an den ar- men Wladimir macht mich so schwach. Ich'hatte ihn nun einmal lieb, trotz seiner Fehler und seines Leichtsinnes^/