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Samstag, den 12. September 1908
59. Jahrgang
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Ungliicksfiille durch Automobile.
Ueber die Unfälle beim Betriebe von Kraftfahrzeugen im Deutschen Reiche veröffentlicht das erste „Vierteljahrheft zur Statistik des Deutschen Reiches", Jahr« gang 1908, folgende Angaben: Am 1. Januar d. I. wurden in Deutschland insgesamt 34244 vorzugsweise zur Personenbeförderung dienende Kraftfahrzeuge (dar- unter 19573 Krafträder) und 1778 Lastfahrzeuge (darunter 235 Krafträder) gezählt. An den in der Zeit vom 1. Oktober 1906 bis 30. September 1907 bekannt gewordenen schädigenden Ereignissen waren 4719 von den Personenfahrzeugen und 311 von den Lastfahrzeugen beteiligt. Von den 4719 an jenen schädigenden Ereignissen beteiligten Personenfahrzeugen entfielen 2165 aus Berlin, wo am 1. Januar 1908 insgesamt nur 1904 solcher Fahrzeuge gezählt wurden, so daß hier auf je 100 Gefährte 113,7 Unfälle kamen. Die nächsthöchsten Unfallziefern wiesen Schaumburg- Lippe mit 33,3 v. H., Hamburg mit 20,9 v. H., Bremen mit 15,6 v. H. Schwarzburg-Sondershausen mit 14,6 v. H., Reuß j. L. mit 13,8 v. H., die Pro» vinz Brandenburg mit 13,6 v. H., Mecklenburg- Schwerin mit 13,3 v. H. auf, die niedrigsten West- preußen mit l,l v. H.,Westfalen mit 2,9 v. H., Posen
mit 3,2 v. H., Sachsen-Meiningen mit 3,4 v. H., Elsaß Lothringen mit 3,6 v. H., Ostpreußen mit 4,4 v. H. Im ganzen ergibt sich, was die Personenfahr zeuge anbelangt, für Preußen eine Unfallziffer von 17,8 v. H. und für das Deutsche Reich eine solche von 13,8 v. H.; die Unfallziffer der Lastfahrzeuge ist für Preußen auf 18,3 v. H. und für das Reich auf 17,5 v. H. berechnet. Auf je 100 Personenfuhrwerke (bezw. M Lastfuhrwerke) entfielen in Berlin 106,4 (24,1), in Schaumburg-Lippe 33,3 (0), in Hamburg 20,8 (39,1), Bremen 15,6 (22,2), in der Provinz Brandenburg 13,1 (15,8), im gesamten Königreich Preußen 17,0 (16,4), in Bayern 19,9 (18,2), im Königreich Sachsen ( .9,0 (20,6), in Würtemberg 5,2 (5,8), in Baden 8,9
. (7,5), in Hessen 5,1 (9,1), in Elsaß-Lothringen 3,6 k (4,4), im Reiche 13,2 (16,2) schädigende Ereignisse. । Verletzt wurden bei den in der Zeit vorn 1. Oktober ( 1906 bis 30. September 1907 beim Betriebe von I 'Kraftfahrzeugen vorgekommenen Unfällen insgesamt 2419 Personen (darunter 422 Kinder im Alter bis
zu 15 Jahren); davon wurden 145 (35) Kinder getötet. Unter den verletzten 1894 männlichen und 498 weiblichen Personen befanden sich 198 (0) Führer und 259 (100) Insassen von Kraftfahrzeugen. — Diese schauerliche Statistik zeigt, wie dringend nötig es ist,
daß gegen rücksichtslose Automobilfahrer, die Leben und Gesundheit von Menschen in so erschreckendem Maße gefährden, von den Behörden mit aller Strenge vor- gegangen wird.
Deutsches Reich.
— Prinz Friedrich Leopolt von Preußen, General Feldmarschall von Hahnke, ferner fünf brasilianischt und zwei japanische höhere Offiziere trafen von Bere lin kommend am Montag in Frankfurt a. M. ein und reisten ins Manövergelände bei Metz weiter.
— Die Flottenmanöver in der Ostsee sind beendet. Es finden Nachmanöver in der Nordsee statt. 8 Schlachtschiffe befinden sich schon bei Borkum.
— Als Kandidaten für die Nachfolgerschaft des Unterstaatssekretär Zorn von Bulach werden Ministerial- rat Köhler und Wirklicher Geheimer Oberbaurat Fecht genannt.
— Die allgemeine Kriegslage für die diesjährigen Kaisermanöver lautet: Eine blaue Armee rückt aus Nordbaden gegen eine rote Armee vor, die an der Mosel unterhalb Trier aufmarschiert. Straßburg ist blaue, Metz ist rote Festung. Hierzu wird bemerkt, daß den genannten Festungen für die bevorstehenden Feldmanöver nicht die Bedeutung betgemessen wird, die sie im Ernstfalle haben könnten, da zum Beispiel Belagerungsübungen nicht vorgesehen sind. Die blaue Partei steht zurzeit bei Straßburg, die rote bei Metz.
— Am Montag abend zwischen 5 und 6 Uhr rückte die rote Kavalleriedivision des 16. Armeekorps mit ermüdeten Pferden durch St. Avold (Lothringen). .Die Infanterie der 33. Division lagert um Falkenberg. Der Kaiser ist am Dienstag morgen 7 Uhr bei St. Avold zu Pferde gestiegen.
— Graf Zeppelin hat zum Dank für Gas Entgegenkommen der Stadt Friedrichshafen aus seinen Privatmitteln 10000 Mk. für das städtische Kranken haus gestiftet.
— Zahlreich eingehende Anfragen um Auskunft über die Seeoffizierlaufbahn lassen es wünschenswert erscheinen, darauf hinzuweisen, daß Anmeldungen für den Eintritt als Seekadett in die Kaiserliche Marine
zum April 1909 vom 1. August 1908 bis 1. Februar > ' ..
1909 von der Inspektion des Bildungswesens der Schlesien und Ostpreußen durch die Polen verhindern Marine in Kiel entgegengenommen werden. Aus beiphinb zur Stärkung des deutschen Bauerntums in diesen Vorschriften für die Ergänzung des Seeoffizierkorps Provinzen beitragen. Vorläufig machen sich die Wirk- — im Buchhandel (Mittler u. Sohn, Berlin) käuflich ungen der Enteignungsvorlage noch nicht so bemerkbar.
— ist die Aufstellung der Anmeldepapiere genau er- daß ein solches Eingreifen dringend wäre, zumal die sichtlich. Ansiedlungskomniission von dem Rechte der Enteignung
— Ueber den Verkehr der Polizeiorgane mit Privatpersonen hat der Landrat des Kreises Teltow Herr von Achenbach eine nachnahmenswerte Verfügung erlassen. Es heißt da: In der letzten Zeit mehren sich die Beschwerden darüber, daß Privatpersonen in unbedeutenden Angelegenheiten persönlich auf das Polizeiamt geladen werden, obwohl die Sachen ebensogut schriftlich oder durch Vermittlung der Polizeibeamten hätten erledigt werden können. Menschen, die ihrem Erwerbe nachgehen, müssen ein solches Verfahren als eine außerordentliche Rücksichtslosigkeit empfinden. Er ersuche deshalb, darüber zu wachen, daß Privatpersonen nur dann vorgeladen werden, wenn es sich um wirkliche Vernehmungen oder Aufklärungen handelt, zu denen notgedrungen eine persönliche Aussprache erforderlich ist. Er wolle bei dieser Gelegenheit nicht unterlassen, darauf hinzuwcisen, daß das Publikum ein Recht darauf habe, im Polizeibureau zuvorkommend behandelt zu werden. Aufgabe -der Bureau- und Polizeibeamlen sei es, das Verständnis für die polizeilichen Erfordernisse zu wecken und liiert über das Unverständnis zu richten. Im schriftlichen Verkehr mit dem Publikum vermisse er häufig die Rücksichtnahme auf die Person. Ein Anteil der Schuld falle auf die formularmäßige Abfasfung häufig wiederkehrender Schriftsätze. Auf den kategorischen Ton polizeilicher Mitteilungen und Aufforderungen könne in ben meisten Fällen verzichtet werden, ohne daß hierdurch die Autorität der Polizei in geringster Weise beeinträchtigt werde.
— Zu den Landtagsarbeiten wird geschrieben: Ein Gesetzentwurf betreffend die Einführung der fakultativen Feuerbestattung in Preußen wird dem Landtage vorläufig noch nicht zugehcn. Außer den Beamtengesetzen, dem Etat, werden ein Beamtenhaftpflichtgesetz und ein Entwurf betreffend die Beschaffung weiterer Mittel zum Bau von staatlichen Wohnungen für gering besoldete Beamte und Arbeiter (15 Millionen) ihm zugehen. In Vorbereitung befindet sich noch ein Entwurf, der im Zusammenhang mit der Enteignungsvorlage steht, von dem es aber noch nicht feststeht, ob er in nächster Zeit schon den Landtag beschäftigen
wird. Er soll ein Ueberschwemmen der Provinz
Künstterökut.
Roman von Vera v. Baratowski.
„Von keinem anderen Weibe auf der Welt würde ich mir so viel gefallen lassen wie von meiner Cousine. Es gibt Leute, die meinen Willen eisern und unbeugsam nen= nen und vielleicht nicht gerade irren, aber Klothilde gegenüber bin ich machtlos wie ein Kind, weil sie dem früh Dahingerafften das Teuerste auf Erden war."
Er unterzog jetzt den Entwurf des projektierten Gemäldes einer eingehenden Besichtigung und äußerte seine Zufriedenheit. „Die Figur des Antonius ist sehr charakteristisch aufgefaßt, soweit ich nach benUmrissen desKop- fes und der in inbrünstiger Andacht hingesunkenen Gestalt urteilen kann, und was die Ausgeburten der Hölle anbetrifft, welche hier umherschwirren und umherkriechen, so üb er trifft ihre Phantasie noch die eines Ostade. Ganz verschwommen und nebelhaft erscheint dagegen das der Unterwelt entstiegene Weib, und doch mu^gerabc dieses burd) strahlende, verlockende Schönheit fesseln."
„Eben weil ich das weiß, bin ich mit mir setbst noch mcht einig."
"^--Ebnnen hier wundervolle Modelle finden, oder ich null sie hersenden und Ihnen die Mühe des Suchens ersparen... Wie ist es? Gedenken Sie sich noch länger zurrlckzuztehen, oder darfmanwieder auf Ihre Gesellschaft bei Trsch rechnen?"
„D'jff? Fuigc wurde zwar mit verbindlichem Tone ge- stellt, bedeutete aber doch offenbar nichts weiter als eine Hoflichkeitsphrase.
Hätte Hugo abgelehnt, so wären sicher keine Einwendungen erhoben worden. Nachdem aber Frau von Su- dowsky erklärt hatte, nicht wiederkommen zu wollen, gab es ia keine andere Möglichkeit, ihr zu begegnen, als eben
Es^m Gastmahlen. Vor wenig Wochen noch würde -llcelbner, eine große Gefahr ahnend, gern vor Klothilde Lbflohen sein, jetzt jedoch fühlte er sich an sie gekettet.
Flora, ja, stände ihm die zur Seite! Aber sie weihte sich ja ganz dein Dienst der leidenden Mutter, und hätte er ihr wirklich seine schweren Seelenkämpfe geschildert, so würde ihn das reine, keusche Kind wohl schwerlich verstanden haben.
Der junge Künstler arbeitete jetzt mit jenem Fleiß, der alle Nerven bis zum Zerreißen anspannt, an dem Gemälde.
Des kleinen Nikolaus'Bild war der sehnsüchtig wartenden Mutter schon wenige Stunden nach ihrem Scheiden zugeschickt worden, doch sie sandte ihren Dank nur schriftlich. Um ihr zu begegnen, mußte Meißner im Speisesaal oder in den Räumen erscheinen, wo man sich allabendlich zu versammeln pflegte,und dann waren gewöhnlich Fremde anwesend.
Klothilde besaß außerordentliches Geschick, sich zu kleiden, trug aber niemals Schmuck, obschon es hieß, sie verfüge über sehr ivertvolle Brillanten. Höchstens, daß zuweilen einePerlenschnur sich durch die rotgoldenen Wellen ihres Haares schlang, mit mattem, bläulichen Schimmer.
Trotz dieser vornehmen Einfachheit waren Frau von Sudowskys Toiletten kostspieliger als viele andere, mit aufdringlichen Prunk zusammengestellte, denn nur die teuersten Stoffe und Spitzen, nur die kunstvollsten Stickereien durften dazu verwandt werden.
Es gab denn auch Personen, welche die Witwe der tollsten Verschwendung und raffiniertesten Koketterie beschuldigten.
Wohl kamen Meißner solche Gerüchte zu Ohren, aber was fragte er danach! Sie vermochten den Zauber, der ihn täglich fester umspann, nicht zu lösen.
Wenn Klothilde sang, und das geschah jetzt oft, da war es, als ergösse der Vesuv seinen Feuerstrom.
Hugo stand dann da, vorgeneigt, gierig lauschend, gleichsam jeden Lant durstig von den Lippen der Sängerin trinkend. Wie er mit seinem in exotische Farbenpracht getauchten Pinsel, so malte sie in Tönen lockende, berauschende Bilder.
Begegnete ihr Blick wie zufällig dem seinigen, so schien sich ein Abgrund zu öffnen, aus dessen Tiefe es geheimnisvoll schluchzte und jauchzte: „Komm stürze Dich her- ab! Vergehe in Lust und Weh!"
Wie die Sphinx war das Weib anzuschauen, rätsel. haft und unergründlich, verheißend und drohend .. bereit zu liebkosen und schmeichelnd die vernichtende Todes- wunde zu schlagen.
Je öfter Meißner sie sah, desto mehr fühlte er sich gefesselt und umstrickt. Es half ihm nichts, daß er sich da. gegen wehrte, seine Gedanken weilten stets bei Klothilde, und die Arbeit, auf deren ablenkenden Einfluß erhoffte, zauberte ihm ihren Reiz noch verführerischer vor Augen. Wohl versprach das bestellte Bild ein Kunstwerk ersten Ranges zu werden, aber an der Gestalt der „Versucherin* schien alles scheitern zu sollen.
Der Rittergutsbesitzer hielt Wort und schickte Modelle, aber in Meißners Seele vermochte der Anblick dieser entzückenden Wesen die Fackel der Begeisterung nicht zu entzünden. Was er heute malte, und gut fand, kam ihm am nächsten Tage leblos, gekünstelt, mißlungen vor. Pla- stisch begann die Gestalt des Antonius hervorzutreten, erschreckend und unheimlich hoben sich die fratzenhaften Kobolde und Larven von dem düstergrauen Hintergrund der Felsenhöhle ab, alles war stimmungsvoll und packend, nur nicht die Hauptfigur, an deren Ausführung der Maler ohneFreudeund Selbstvertrauen ging, weil ihm ein Ideal vorschwebte, dem die blühenden Schönheiten aus dem Volke nicht glichen.
Endlich bemächtigte sich Meißners ein erschlaffendes, über jede Beschreibung peinliches Gefühl: die demütigende Entpfindung, daß er der gestellten Aufgabe nicht gewachsen sei, und so äußerte er eines Abends als Fremde nichtzugegen waren: „Herr von Sudowsky, ich bitte Sie, den mir gewordenen ehrenden Auftrag einem Würdigeren zu geben. Sie überschätzten meine Fähigkeiten, und ich tue besser, in die Heimat zurückzukehren." 155,1&.