SchlilchternerZeitung
mit amtlichem Areisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
___vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 78
Samstag, den 26. September 1908
59. Jahrgang
Die im 59. Jahrgang erscheinende Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt ist mithin die älteste und verbreitendste Zeitung im Kreise Schlüchtern und weit noch über denselben hinaus und finden Inserate in derselben wirksame Verbreitung.
Wer eine UMM
daher in der Zustellung unserer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der wolle dieselbe so bald wie möglich bei dem betreffenden Postamts bestellen. Nur diejenigen avswärügen Postabonnenten, welche bis spätestens 28. Sept. unsere Zeitung wieder bestellt haben, können verlangen,
_ daß ihnen unsere Zeitung vom 1. Oktober ab pünktlich von der Post geliefert wird. Wer später bestellt, muß nach den amtlichen Bestimmungen für Nachlieferung der ersten Nummern des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10 Pfg. bezahlen. — Jede Postanstalt
und jeder Landbriefträger ist verpflichtet, Abonnements-Bestellungen anzunehmen.
Zu recht zahlreichen Bestellungen auf das mit dem 1. Oktober 1908 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
die Expedition der „Schlüchterner Zeitung"
An die Reservisten
richtet die „Parole" einen Aufruf, der mit folgenden beherzigenswerten Worten schließt: Zur Pflege der militärischen Tugenden, zur Erhaltung und Ausbreitung der innigen Liebe zum angestammten Herrscherhause und zum Vaterlande sowie endlich zur Bekämpfung der auf den Umsturz der bestehenden Verhältnisse in Gesetz und Ordnung sinnenden Sozialdemokratie sind, über ganz Deutschland ausgebreitet, Kriegervereine gegründet, die gern und freudig jeden Pflicht- und ehrliebenden Soldaten aufnehmen. Solchem Verein sollten die Reservisten beitreten, denn so dienen sie dem Vaterlande weiter und schützen sich selbst vor der schweren Gefahr, Schaden zu erleiden an der ehrliebenden Gesinnung.
Die Kriegervereine bilden eine bürgerliche Armee, und jeder ehrenwerte Soldat, der das Heer lieb gewonnen hat, sollte es sich zur Ehre anrechnen, nun im Kriegerverein weiter zu dienen und nach dem Willen seines Allerhöchsten Kriegsherrn so auch das kameradschaftliche Band festzuhallen. Mit offenen Armen empfangen den ausgedienten Soldaten die Sozialdemokratie und der Kriegerverein, aber bei der Sozialdemokratie findet er nur Leute, die das Heer hassen, die das Vaterland verachten und, nur an sich denkend, unmöglichen Zielen nachjagen, bei den Kriegervereinen aber findet er ein warmes Herz für sich selber sowie den starken Willen, daß — wie es echte Kameradschaft verlangt — einer für alle steht, gleichwie alle für den einzelnen eintreten. Er findet innige, treue Liebe untereinander, zum Volke, zum Kaiser und zum Vaterlande. Er findet endlich alte, treue Kameraden aus der aktiven Dienstzeit. Vor allen Dingen hat er nicht wie bei den Sozialdemokraten unerhörte Abgaben für Wahlhetzereien, Arbeitsniederlegung und für Unterstützung fremdländischer Strolche und Verbrecher zu zahlen, sondern nur mäßige Beiträge, die ihm selbst wieder in Not und Gefahr zugute kommen; denn jeder *
notleidende Kamerad wird unterstützt, gleichviel ob Krankheit oder nicht selbstverschuldete Arbeitslosigkeit ihn niederdrückt. Das erstreckt sich nicht nur auf seine Person, sondern auch auf seine Familie, auf die Witwen und Waisen der Kameraden. Insgesamt haben die Vereine des Kyffhäuser-Bundes der deutschen Landes- Kriegerverbände im letzten Jahre rund 5 Millionen Mark für Wohlfahrtspflege ausgegeben.
Kann es da noch zweifelhaft sein, wohin das Herz jeden Pflicht- und ehrliebenden Soldaten ziehen muß?
Deutsches Reich.
— Der Kaiser, die Kaiserin und Prinzessin Viktoria Luise trafen am Mittwoch int ostpreußischen Jagdschloß Rominten ein. Das Schreien der Hirsche soll in diesem Jahre besonders großartig sein.
— Zum mehrtägigen Besuch ist der Kriegsminister von Brasilien nebst Gefolge am Sonntag auf Villa Hügel eingetroffen. Am Montag vormittag reiste der brasilianische Kriegsminister in Begleitung von Krupp von Bohlen und Halbach und mehreren Direktoren nach Rheinshausen, um die dortigen Werke zu besichtigen.
— Der Generalinspekteur der 6. Armeeinspektion, General der Infanterie Freiherr von der Goltz, in Berlin wurde zum Generaloberst ernannt.
— Der ehemalige Reichs- und Landtagsabgeordnete Geh. Ob<.rjustizrat Dr. Rintelen (Ztr.) ist am Sonntag in Berlin gestorben.
— Die Vorarbeiten zur Verbreiterung des Kaiser Wilhelm-Kanals sind jetzt so weit gediehen, daß die praktischen Arbeiten im nächsten Jahre beginnen können. Die Aufstellung der Pläne ist bereits fertiggestellt, mit deren Prüfung sich die zuständige Landespolizeibehörde zurzeit beschäftigt.
— Die Königliche Ausiedlungskommission hat das in dem westpreußischen Kreise Schwetz belegene 6000 Morgen große Rittergut Groß-Sibsau ohne Inventar für i '/4 Millionen Mark von dem mecklenburgischen Kammerherrn v. Gordon, einem Bruder des Majorats«
besitzers zu Laskowitz, gekauft. 2000 Morgen der Besitzung sind Wald, über 1000 Morgen liegen in der Weichselniederung.
— Bei der Landtagsersatzwahl in Tondern (Schleswig) für den verstorbenen nationallieberalen Abg. Feddersen wurde Dr. Schifferer (natl.) mit 121 Stimmen gewählt. Die Dänen und Freisinnigen enthielten sich der Abstimmung.
— Die Landtagswahlen in Oldenburg ergaben fast überall eine Zunahme der bürgerlichen und eine Ab- nahme der sozialdemokratischen Stimmen.
— Einen sozialdemokratischen Boykott der Geschäftsleute, welche bei den letzten Landtagswahlen nicht sozialdemokratisch gestimmt haben, bezweckt ein Flugblatt, das der sozialdemokratische Wahlverein für den 2. Berliner Wahlkreis „an die sozialdemokratischen Wähler und ihre Familienangehörigen" gerichtet hat. Darin werden alle Geschäftsleute, die bei den letzten Landtagswahlen sozialdemokratisch gestimmt haben, aufgeführt und den Sozialdemokraten empfohlen, bei Einkäufen diese Geschäfte besonders zu berücksichtigen. 31 Sozialdemokratie setzt also ihren Terrorismus, den sie vor dem Wahltage auf die abhängigen Wähler ausgeübt hat, auch noch nach den Wahlen fort. Es ist anzunehmen, daß auch in andern Wahlkreisen solche Flugblätter verbreitet werden.
— Der bedingte Strafaufschub ist bisher (seit 1895 bis 1. Juli 1908) in 146 000 Fällen bewilligt worden. Von den Bewilligungen sind 36 v. H. noch nicht erledigt. Im allgemeinen bewährt sich der bedingte Strafaufschub, der nur jugendlichen unter 18 Jahren zugute kommt; etwa 75 v. H. der bedingten Begnadigung nahmen einen günstigen Ausgang, d. h. die Personen, denen Strafaufschub bewilligt wurde, machten sich später keiner strafbaren Handlung mehr schuldig. Die bedingte Begnadigung hat die allgemeine Kriminalität also günstig beeinflußt. Seit Bestehen der Einrichtung wurde Strafaufschub bewilligt: in Preußen in 82 456 Fällen, Bayern 20 997, Sachsen
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Künstlerblut.
Roman von Vera v. Baratowski. 18
„Nein, Hugo! Sie werden überwinden," sagte Frau von Sudowsky mit warmem Tone, durch welchen dennoch leichte Ironie klang. „Kämpfen müssen Sie ja vielleicht, doch zu lange dauert der Kampf wohl nicht, und ist er zu Ende, so fühlen Sie sich gewiß glücklicher an der Seite Ihrer sanften, unterwürfigen Flora als neben mir, der ewig Unzufriedenen und immer leidenschaftlich Fordernden. Niemals könnte ich mich als demütige Magd vor einem Mann neigen, niemals auch nur den schwächsten Abglanz seiner Zärtlichkeit einer anderen gönnen. Selbst auf seine Freunde würde ich eifersüchtig werden und verlangen, daß ihm, mich ausgenommen, niemand auf dieser Welt nahe stehen darf."
„So will ich geliebt sein!" rief Meißner.
„Nein, denn dann hätte Ihnen Ihres schönen Bräut- chens anspruchslose Zuneigung nimmermehr genügt."
„Genügte sie mir denn überhaupt? Ich fühlte stets ein unbestimmtes Sehnen und Drängen, wie nach der tropischen Pracht eines fernen Landes; aber Floras Gegenwart wirkte so beruhigend auf mich wie der Schim- mer des Vlondenlichtes. Oft war es mir, als müßte ich m die Welt hinaus, das süße, versengende Glück, nach welchem dürstete zu suchen.. aber Floras holdes, kindliches Wesen beschwichtigte den inneren Aufruhr und machte mir die Heimat wieder traut und lieb."
„Es gelingt dem anmutigen Mädchen gewiß auch fernerhin, diese wohltuende Herrschaft auszuüben. Ich lasse Sie scheidend in guten, weichen, sanft streichelnden Händen zurück."
„Nur eine Frage beantworten Sie mir bitte noch!"
„Welche?"
„Wenn es keine Flora gäbe, gingen auch dann unsere Wege auseinander?"
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„Was nützt es, darüber zu sprechen?"
„Nichts! Aber dennoch bitte ich Sie, meine Frage zu beantworten."
„Nun gut. Stände das holdeKind nicht zwischen uns, dann würden wir vielleicht, in köstlichem Freiheitsgeftihle schwelgend, die weite Welt als unsere Heimat betrachten und gleich Zugvögeln nur der Wärme und dem Sonnenschein zustreben; dann würden wir, eines auf das andere gestützt, wohl die höchsten Gipfel des Ruhmes erklimmen. Aber wozu sich ausmalen, wie es hätte kommen können? Es kam anders. Das Bild ist vollendet; wir werden nun keine Gelegenheit mehr finden, uns allein zu sehen und zu sprechen. Deshalb will ich dieses letzte, ungestörte Zusammensein benutzen, um Ihnen zu sagen, daß mich nichts so sehr zu beglücken vermöchte, als die Ueberzeugung, daß ich Ihnen zu einem Triumph ver- holfen, daß ich dazu beigetragen habe, Ihren Namen bekannt zu machen."
Sie lehnte in einem Stuhl, dem Gemälde gegenüber. Ihre ungezwungene und doch stolze Haltung glich der einer Königin auf dem Thronsessel.
„Klothilde, Sie sind stärker als ich," flüsterte Meißner, vor ihr niederkniend und sein Antlitz in ihrem Schoße bergend. „Was war ich Ihnen? Eine Episode in Ihrem noch jungen und dennoch an Erfahrung reichen Leben., eine Fata Moraana, die in nichts zerfließt. Sie werden als glänzender Stern leuchtende Bahnen wandeln .. ich aber weiß, daß mich mit Ihnen auch das Glück verläßt."
Frau von Sudowskys schöne Hände glitten liebkosend über sein dunkles, lockiges Haar. „Ich wünsche Ihre Größe und will stolz auf Sie sein, Hugo. Möge Ihnen dieser Gedanke die Kraft geben, in schwerem Streit zu siegen."
„Ich kann nicht fort! Mag geschehen, was da will, ich kann nicht!" stammelte er. „Für mich gibt es keine Möglichkeit des Weiterlebens außer an Ihrer Seite.
Ein jubelnder Ton, wie das Jauchzen eines mis langer Gefangenschaft befreiten Vogels, erklang. Meißner
«■U»»,*,«^*^»^ IIH.M ■^^■.■"^■mhmmbi fühlte, wie heiße Lippen sich auf die seinigen preßten. Stürmisch umfaßte er die Gestalt des schönen Weibes, aber schlangengleich entschlüpfte sie ihm.
Klothilde war fort. Auf dem Stuhl vor der Staffelei lag eine betäubend duftende Rose, welche eben noch in schneeiger Weiße die gleißende Goldpracht des gelösten Haares geschmückt hatte.
Er stellte sie in eine Vase und diese auf das Tischchen neben seinem Bett, gierig ihren starken, süßen Geruch einatmend. Unablässig beschäftigte ihn die Frage: „Was soll nun werden?"
Gegen Morgen in Schlummer gesunken, weckte ihn jähes Klopfen. Er schnellte noch halb traumbefangen mit schmerzendem Köpfe empor. „Was ist denn?"
„Eine Depesche aus M....," lautete des Diener- Antwort.
Hugo stand auf und nahm sie in Empfang.
„Mutter schwer krank. Komme sofort!" oepeschierte Flora.
Lange starrte er auf die Buchstaben nieder.
Nein, welche Veränderung auch mit ihm vorgegangen war, in höchster Not verlassen konnte er das arme Kind nicht. Jetzt bedurfte sie seiner mehr als je, und sollte gewiß nicht vergebens gerufen haben.
Er schritt sofort zur Verpackung der nötigsten Gegenstände und war reisefertignoch vor der Stunde, welche die Familie Sudowsky zum Frühstückzu versammeln pflegte.
„Gewiß müssen Sie sofort nach M.... zurück!" erklärte Bogislaus, nachdem er die Depesche gelesen hatte. „Es wäre unverantwortlich, auch nur eine Minute zu zögern. Man kann sich ja vorstellen, wie sehnsüchttg Fräulein von Henck unter so betrübenden Umständen Ihrer Ankunft harrt."
„Aber das Bild ..."
„Ist ja vollendet, und was den Transport desselben betrifft, so halten Sie sich damit nicht auf. Ich garantiere für rechtzeitige Ankunft." .... .. _ 155, l&