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SchlüchternerMtun g

mit amtlichem Kreisblatt Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".

Erscheint Mittwoch und Sanistag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

32 88. Samstag, den 31. Oktober 1908. 59. Jahrgang.

Dom Arbeik«markt in Hessen und Hessen-Hassan im Monat September.

Der Mitteldeutsche Arbeitsnachweisverband zu Frankfurt a. M. schreibt uns: Vergleicht man die von den angeschlossenen Arbeitsnachweisen mitgeteilten Stimmungsberichte der letzten Zeit über die Lage des Arbeitsmarktes, so findet man in ihnen eine ver­schiedene Beurteilung der gegenwärtigen Lage. Zum geringen Teil wird von einer Besserung des Geschäfts­ganges gesprochen, in der Mehrzahl aber über die Fortdauer der bisherigen flauen Arbeitsmarktlage geklagt. Die jedes Jahr mehr oder minderkräftig einsetzende Herbstbelebung ist auch in diesen! Berichts- monat nicht ohne Einfluß auf die Gestaltung des gewerblichen Beschäftigungsgrades gewesen. Das bereits in der zweiten Hälfte des Septembers einsetzende Angebot von neuen Arbeitskräften, hervorgerufen durch die Reservistenentlasfungen, konnte in verhältnismäßig kurzer Zeit untergebracht werden, zumal sich die kleinen Städte und besonders auch das flache Land als recht aufnahmefähig erwiesen. Besonders in der Landwirt­schaft wurden zufolge der Kartoffelernte viele Arbeits­kräfte verlangt, die auch hinreichend zur Stelle waren. In welcher Weise gerade im Monat September der landwirtschaftliche Arbeitsmarkt entlastend für den großstädtischen wirkt, zeigt beispielweise die Frequenz des Frankfurter Asyls für Obdachlose. Es wurden hier untergebracht:

August September Oktober 1905 2148 1974 2138 1906 2102 1809 0*) 1907 2144 1769 2042

Diese Zahlen ergeben, daß der Besuch im Sep­tember regelmäßig nicht unbedeutend abnimmt und der Grund hierfür dürfte einzig und allein darin zu finden sein, daß die zur Zeit stattfindenden landwirtschaftlichen Arbeiten, insonderheit die Kartoffelernte leicht Arbeits­gelegenheit bietet. Da nun aber leider in den kommen« den Wintermonaten die Landwirtschaft nicht in der Lage ist, eine ähnliche Arbeitsgelegenheit zu bieten, so steht zu befürchten, daß bereits im November ein starker Rückstrom Arbeitssuchender vom Lande in die Stadt erfolgen wird. Ein Zeichen wenig günstiger Arbeits­marktlage ist es auch auf jeden Fall, daß die sogen. Umschau", d. h. die unmittelbare persönliche Anfrage

*) Während des ganzen Oktobers 1906 war das Asyl wegen einer notwendig gewordenen Reparatur der beiden Kessel ge­

heim Arbeitgeber, im Grunde genommen zum Schaden der arbeitenden Bevölkerung selbst, weitere Formen anzunehmen scheint. Nach den Situationsberichten blieb die Bautätigkeit im großen und ganzen matt, wenngleich in einzelnen Städten, wie z. B. in Herborn, durch Vornahme größerer Bauten, eine gewisse Belebung des Gewerbes eintrat. Im Bekleidungsgewerbe war der Geschäftsgang mit Rücksicht auf die vorgerückte Jahreszeit etwas lebhafter. An verschiedenen Orten trat ein erheblicher Mangel an Schneidern hervor, doch ließ im ganzen der Geschäftsgang im Hinblick auf die Verringerung der Einkommen manches zu wünschen übrig. Der Arbeitsmarkt für Holzarbeiter und verwandte Gewerbe zeigte wenig Belebung. Die von einzelnen, kleineren Ortschaften gemeldete Steigerung der Beschäftigungstätigkeit dürfte auf die zahlreichen kleineren Reparaturen zurückzuführen sein, die bekannt­lich immer vor Eintritt der kälteren Jahreszeit an Haus, Geräten, Mobiliar rc. vorgenommen werden. Im Buchdruckergewerbe machte sich im allgemeinen der matte Geschäftsgang, über den fast alle anderen Ge­werbe zu klagen haben, weniger fühlbar, da gerade infolge der allgemeinen flauen Geschäftslage mehr Reklame gemacht wird, die indirekt in erster Linie dem Buchdruckergewerbe zu gute kommt. Nach den monat­lichen Ausweisen der uns berichtenden öffentlichen Arbeitsnachweisen, war im Berichtsmonat eine durch­gehende Steigerung der besetzten Stellen zu verzeichnen und haben wir die Gründe dafür schon weiter oben angeführt. Es wurden z. B. Stellen besetzt in Cassel 1087 (gegen 906 im Vormonat), Darmstadt 325 (318), Frankfurt a. M. 3641 (3268), Gießen 120 (56), Hanau 7 0 (52), Mainz 608 (584), Wiesbaden 828 (576), Witze nhaufen 130 (93) und Gr. Karben 56 (13), nur Worms zeigt eine geringe Abnahme 240 (256). Wie ungünstig im einzelnen der Beschäftigungsgrad in den größeren Städten war, mögen nachfolgende Zahlen illustrieren. Es kamen auf je 100 offene Stellen in Casfel 142,7, Darmstadt 164,9, Frankfurt a. M. 160,1, Gießen 142,7, Hanau 152,6, Kreuznach 179,1, Mainz 220,4, Offenbach a. M. 211,3, Wiesbaden 120 und Worms 190,6 Arbeitssuchende. Die Ergebnisse der Krankenkassenstatistik, deren Schwankungen mit den besten Vergleich zu der Lage des Arbeitsmarktes bieten, stellen sich in den nachfolgend aufgeführten Städten, von denen uns Material hierüber zuging, wie folgt: Der Bestand der Versicherungspflichtigen Mitglieder betrug am 1. Oktober in Cassel 34894 (gegen 34713 im Vormonat), Bensheim 1146 (...), Darmstadt

«MM^L mr ««rMMnm 13555 (13472), Frankfurt a- M. 96657 (96481), Friedberg i. H. 1508 (...), Fulda 3554 (3581), Gießen 5907 (5911), Hanau 7165 (7105), Homberg (Bez. Cassel) 372 (400) Kreuznach 4504 (4679), Limburg a. L. 2084 (...), Mainz 18821 (18730), Marburg 3774 ( . . . ), Offenbach a. M. 19971 (19793), Weilburg 1561 (...), Wetzlar 1165 (1193), Wiesbaden' 14263 (14088) und Worms 7376 (7410). Es erscheinen in dieser Aufstellung mehrere Städte zum ersten Male, bei denen ein Vergleich gegen den Vormonat also erst im nächsten Bericht gezogen werden kann. Die übrigen Städte, bei denen der Vormonat angegeben ist, zeigen alle eine ziemliche Stabilität in der Mitgliederzahl, die meisten eine kleine Zunahme und nur Mainz, Offenbach a. M. und Wiesbaden eine geringe Abnahme.

Irgend welche weitgehende Schlüsse lassen sich angesichts des Umstandes, daß zur Zeit die öffentliche Arbeitsvermittlung im geringeren Maße als in Zeiten guter Konjunktur in Anspruch genommen wird, aus diesen rein zahlenmäßigen Angaben nicht herleiten, wie überhaupt unsere Beurteilung der Lage des Arbeits­marktes lediglich an der Vermittlungstätigkeit der öffentlichen Arbeitsnachweise gemessen, recht unvoll­kommen ist. Als Ergänzung sind mindestens neben der Krankenkassenstatistik mit die Wanderbewegungen, deren Umfang freilich schwer zu ersassen ist, die Aus« gäbe von Jnvalidenmarken und eine genaue Statistik der Baugesuche, insonderheit der ausgeführten Bauten, in Betracht zu ziehen, ohne daß indessen auch hier­durch allen Möglichkeiten zur Beurteilung der Markt­lage Rechnung getragen wäre.

Deutsches Reich.

DerBert. L.-A." meldet aus Wien: Kaiser Wilhelm trifft zu seinem bereits angekündigten Jagd­besuche am 4. November in Eckartsau in Niederöster- reich ein. Der Monarch wird dort drei Tage lang mit dem Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand der Jagd obligen und sodann höchstwahrscheinlich dem Kaiser Franz Josef in Wien einen kurzen Besuch ab« statten.

In Friedrichshafen unternahm Prinz Heinrich einen Aufstieg mit dem Grafen Zeppelin.

Prinz und Prinzessin August Wilhelm von Preußen, die in der Waldstille von Schloß Hubertus- stock die ersten Tage ihrer jungen Ehe verlebten, sind in der vergangenen Nacht vom Anhalter Bahnhof über München nach Venedig abgereist.

Künstkerbkut.

Roman von Vera v. Baratowski. 29 Männereitelkeit!" spottete Frau von Sudowsky.Ein so junges und leidenschaftsloses Wesen weiß kaum, was Liebe bedeutet. Lernte doch das Wort selbst ich, die Tem­peramentvollere, erst jetzt darüber urteilen. Wladimir war mir unendlich teuer, und dennoch liebte ich ihn nicht, wie ich Dich liebe. Seinen Verlust, so schwer er mich auch traf, überdauerte ich . . doch seit Du von mir schiedest, war jeder Tag, jede Stunde .. ach, was sage ich! .. jede Minute nur ein banges Harren auf Deine Rückkehr."

UndjetzthabeichDich wieder, jetzthalteich Dich in mei­nen Armen, und stiege ein Engel vom Himmel herab, so würde ich ihm wehren, zwischen uns zu treten. Erinnerst Du Dich noch der Worte, die ich einst sagte? Was mein ist, muß es ganz mit voller Hingabe sein. Niemand auf der Welt würde ich einen zärtlichen oder bedauernden Gedanken des Geliebten gönnen. Niemand, mich ausge­nommen, dürfte ihm noch nahe stehen. Nicht demütig und selbstlos ist meine Liebe, sondern verlangend und despotisch. Ich mache mich nicht besser, als ich bin. Keine nachgiebige, lenksame Gefährtin findest Du in mir, wohl aber eine, die mit ihrem ganzen, heißen Herzen sich Dir hingibt und dafür begehrt, auch Alleinherrscherin in dem Deinigen zu sein."

Du warst es von dem Tage unserer ersten Begeg­nung an."

So vergiß die Vergangenheit nun auch gänzlich und nenne den Namen Flora nicht mehr. Versprichst Du es mir?"

Muß ich Dir nicht alles gewähren?.. Nur der Ge­genwart und Zukunft will ich noch leben."

Und ich werde sie Dir schön gestalten, so schön, daß Du nichts vermissen und nie sehnend zurückblicken sollst. Was ein Weib dem geliebten Mann nur an Freuden spenden kann, soll Dir geboten fein und Dein Künstler­

ruhm mir ebenso hoch, ja noch höher stehen als der mei- nige. Alles, was ich bin und wozu mein Talent mich be­fähigt, will ich in Deinen Dienst stellen und ehrgeiziger noch über Deine Erfolge als über die meinigen wachen; denn ich liebe Dich, Hugo, und was mir teuer ist, dem soll die ganze Welt ihre Beivunderung weihen."

Seltsame, unglaubliche Gewalt vermagst Du über mich auszuüben, Klothilde. Deine Nähe ivirkt belebend und begeisternd auf mich wie feuriger Wein. Bist Du fern, so kommt unbeschreibliche Erschlaffung und Gedan­kenleere über mich. Fast möchte ich glauben, magneti­sches Fluidum gehe von Dir aus und stärke mir Nerven und Phantasie. Wenn ich Dich betrachte, sehe ich im Geiste Bilder von köstlicher Farbenpracht entstehen, und Ideen, nach denen ich lange vergebens suchte, strömen mir mü­helos zu."

Weil der Genius der Kunst uns beide zusammen- führte. Keine feindlichen Mächte vermögen nun noch sich zwischen Dich und mich zu drängen. An unsere Zukunft denken, ist wie in ein Meer strahlenden Lichtes tauchen."

Klothildes berückendem Reiz, ihrem lebhaften Wesen, der Art, mie sie seine Gedanken beständig zu beschäftigen verstand, mußten alle wehmütigen Erinnerungen, die leise mahnend durch Meißners Seele zogen, gar bald weichen. Es erfüllte ihn mit unbeschreiblichem Stolz, von der ge­feierten, viel umschwärmten Frau ausgezeichnet zu wer- den. Man sah die Primadonna stets in seiner Begleitung und nannte ihn die neueste Kaprize der Eufemi, doch gab es auch Personen, welche behaupteten, es handle sich um keine flüchtige Laune, sondern die beiden wären ver­lobt.

Diese Gerüchte kamen Bogislaus von Sudowsky zu Ohren und versetzten ihn in heftige Aufregung. Er schrieb mehrmals an seine Cousine, ohne daß jedoch eine Ant­wort erfolgt wäre.

Laß die Närrin tun, was ihr beliebt," sagte seine Mutter.

Nein! Nun und nimmermehr dulde ich, daß sie einen so tollen Streich macht."

Torheiten rächen sich früher oder später."

Soll mir das Genugtuung sein? Du weißt wohl, wie ich es meine. Klothrlde darf Meißners Gemahlin nicht werden."

Darf es nicht?" entgegnete Frau Käthe, rauh und höhnisch lachend.Wer wird es hindern? Du etwa? Hat sie je auf Deine Einwendungen gehört und nicht ge­rade immer das Gegenteil von dem getan, was Du ver­langtest ? Auch jetzt kannst und wirst Du weiter nicht? bezwecken."

Wer weiß!"

Ich weiß es und habe genug Groll und Gift in mich hineingesogen, wenn ich sehen und hören mußte, wie wegwerfend mein einziger Sohn behandelt wurde und wie einfältig und würdelos er die Kaprizen einer Person, die ich verabscheue, ertrug. Hast Du Lust, Dir abermals trotzen und Dich auslachen zu lassen?"

Nein! Unsere nächste Zusammenkunft dürste ihr schwerlich Stoff zur Heiterkeit bieten. Morgen fahre ich nach Warschau!"

Ein ausgeprägt bösartiger Zug ließ sein Gesicht fast grotesk häßlich erscheinen und erschreckte sogar die Greisin, welche ausrief:Du reisest nicht!"

O ja, und zwar mit dem ersten Zuge!"

Du reisest nicht!" wiederholte Frau Käthe und stieß mit ihrem Krückstock hart auf den Boden.

Ich habe längst aufgehört unter Vormundschaft zu stehen."

Aber nicht mein Sohn und mir Gehorsam schuldig zu sein. Ich verbiete Dir in dieser gefährlichen Stimmung Klothilde aufzusuchen. Hörst Du? Ich verbiete es Dir!"

Bist Du plötzlich so besorgt um sie?"

Nein; wohl aber bin ich es um Dich. Du bleibst! Der Schritt, den Du vorhast, wäre ganz nutzlos."

Dennoch muß er unternommen werden." _ 155,18