mit amtlichem Areisblalt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 89.
Amtliches.
Ansprache an die Bevölkerung
über
die Bedeutung u. die Ausführung der Viehzählung
am 1. Dezember 1908.
Am 1. Dezember dieses Jahres findet in Preußen eine außerordentliche Viehzählung kleineren Umfanges statt.
Folgende Viehgattungen werden gezählt:
1. die Pferde, und zwar gesondert nach folgenden Gruppen: a) die unter 3 Jahre alten Pferde, ein- schließlich der Fohlen, b) die 3 bis noch nicht 4 Jahre alten Pferde, einschließlich der Militärpferde, c) die 4 Jahre alten und älteren Pferde, einschließlich der Militärpferde;
2. das Rindvieh, und zwar a) die unter 3 Monate alten Kälber, b) das über 3 Monate bis noch nicht 1 Jahr alte Jungvieh, c) das 1 bis noch nicht 2 Jahre alte Jungvieh, d) die 2 Jahre alten und älteren Bullen, Stiere und Ochsen, e) das 2 Jahre alte und ältere Rindvieh weiblichen Geschlechts (Kühe, Färsen, Kalbinnen);
3. die Schafe, und zwar a) die unter 1 Jahr alten Schafe, einschließlich der Lämmer, b) die 1 Jahr alten und älteren Schafe;
4. die Schweine, und zwar a) die unter ’/2 Jahr alten Schweine, einschließlich der Ferkel, b) die '/, bis noch nicht 1 Jahr alten Schweine, c) die 1 Jahr alten und älteren Schweine.
Auf die genaueste Beantwortung der Fragen nach den Unterabteilungen der einzelnen Viehgattungen muß besondere Sorgfalt verwendet werden, da nur hierdurch eine ausreichende Kenntnis der Zusammensetzung und der vor- oder rückwärts schreitenden Entwickelung des Viehstandes gewonnen werden kann. Diese Kenntnis ist für viele wirtschaftliche Zwecke, so u. a. für alle Maßnahmen zur Förderung der Viehzucht, unentbehrlich; die Angabe der Gesamtzahl für die einzelnen Viehgattungen genügt zu derartigen Zwecken niemals
Die Zahlung erfolgt wie im vorigen Jahre wieder nach Haushaltungen (also nicht wie früher nach Ge- Höften).
Jeder Haushaltungsvorsteher oder 'fein Stellvertreter hat das ihm gehörende oder unter seiner Obhut befindliche Vieh, welches in der Nacht vom 30. November bis 1. Dezember 1908 auf dem Gehöfte, wo er wohnt, steht, nach Maßgabe der Zählkarte zu zählen und in diese wahrheitsgetreu einzutragen.
Mittwoch, den 4. November 19(
Für Vieh, dessen Besitzer nicht auf dem Gehöfte wohnt, z. B. bei Pensionsstallungen, Droschkenpferden u. dgl. ist da. wo es steht, von dem Pensionsinhaber oder dem Hauswirte eine besondere, auf den Namen des Viehbesitzers lautende Zählkarte auszustellen; es darf also nicht einer anderen viehhaltenden Haushaltung hinzugerechnet werden. Ebenso sind in Gutsbezirken für das Vieh des Gutsbesitzers, welches iu Vorwerken eingestellt ist, auf den Namen des Besitzers lautende besondere Zählkarte auszufertigen. Dieses Vieh darf ebenfalls nichtbeim Hauptgute gezählt werden, sondern nur da, wo es steht. Gleiches gilt für das Leutevieh. Ist dieses auf dem Gute in einem Stalle gemeinsam untergebracht, so müssen auch diese Tiere getrennt in auf den Namen des betreffenden herrschaftlichen Tagelöhners lautende Zählkarte eingetragen werden.
Ausgenommen von der Auszeichnung sind nur diejenigen Viehstücke, die vorübergehend anwesend sind (also z. B. Pferde in der Ausspanne u. dgl). Der« artige Viehstücke sind durch den Haushaltungsvorstand zu zählen, bei dessen Haushaltung sie sich regelmäßiger« weise befinden, von der sie also am Zählungstage nur vorübergehend abwesend sind.
Am 1. Dezember gekauftes Vieh hat stets der Verkäufer, nicht der Käufer anzugeben.
Schlächter (Metzger) und Händler haben auch das bei ihnen stehende, zum Schlachten oder zum Verkäufe bestimmte Vieh anzugeben, es sei denn, daß es erst im Laufe des 1. Dezember gekauft ist; trifft das letztere zu, so ist das Vieh nicht aufzuführen, da es bereits von dem Verkäufer angegeben worden ist.
Viehherden, insbesondere Schafherden, find stets in der Gemeinde bezw. dem Gutsbezirke zu zählen, wo sie sich auf Weide oder in Fütterung befinden. In die Zählkarten ist der Name des Eigentümers einzutragen. Die Zählung bewirkt der Hirt oder Pfleger. Ist ein solcher nicht vorhanden, so muß der außerhalb der Gemeinde usw. wohnende Besitzer sein Vieh selbst zählen.
Die Ergebnisse der Viehzählung dienen den Zwecken der Staats- und Gemeindeverwaltung sowie zur Förderung wissenschaftlicher und gemeinnütziger Zwecke. Insbesondere soll festgesteUt werden, ob durch die heimische Viehzucht die für die Volksernährung nötigen Fleischmengen gewonnen werden können. Zu Steuerzwecken werden die in den Zählkarten enthaltenen Angaben in keinem Falle verwendet. Nach Feststellung der Ergebnisse durch das Königliche Statistische Landesamt in Berlin werden die Zählkarten vernichtet.
>8. 59. Jahrgang.
Die Erreichung des bedeuffamen Zweckes der Zählung hängt zum großen Teile von der Mithilfe der Bevölkerung ab. An diese wird daher die dringende Bitte gerichtet, das Zählgeschäft durch bereitwilliges Entgegenkommen den Zählern, Ortsbehörden usw. gegenüber zu erleichtern. Wenn auch die Zählkarten in erster Linie von den Haushaltungsvorständen oder deren Stellvertretern selbst auszufüllen sind, so bedarf es doch außerdem 'einer großen Zahl freiwilliger Zähler, die bei der Ausübung ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit die Eigenschaft von öffentlichen Beamten besitzen. Es steht zu erwarten, daß wie bei früheren Zählungen so auch .diesmal sich in genügender Zahl Männer finden werden, die bereit sind, dieses Ehrenamt zu übernehmen ; sie würden damit dem allgemeinen öffentlichen Interesse einen wesentlichen Dienst leisten.
Endlich ist noch in geeigneter Weise, namentlich durch Besprechung in den Gemeindeversammlungen und in den Schulen sowie durch die amtlichen Blätter und die Tagespreffe — welch' letztere sich durch Abdruck dieser Ansprache oder durch Verbreitung einer sonstigen entsprechenden Belehrung ihrer Leser ein großes Verdienst erwerben würden — der Zweck der bevorstehenden Zählung zur möglichst allgemeinen Kenntnis zu bringen. Namentlich würde darauf hinzuweisen sein, daß die in den Zählkarten enthaltenen Angaben lediglich zur Förderung wissenschaftlicher und gemeinnütziger Zwecke, in keinem Falle enva zu Steuerzwecken dienen. Die Veröffentlichung der Ergebnisse wird so gehalten werden, daß die Angaben des einzelnen Haushaltun « Vorstandes darin in keinem Falle mehr erkennbar sind.
Die Aufbereitung der Ergebnisse der Zählung ist dem Königlich Preußischen Statistischen Landesamte in Berlin SW. 68, Lindenstr. 28 übertragen worden. Diese Behörde wird zur Behebung etwa auftanchender Zweifel bezüglich Einzelheiten der Zählung auf jede an sie gerichtete Anfrage bereitwilligst Auskunft erteilen.
Berlin im Oktober 1908.
Kgl. Preußisches Statistisches Landesamt.
Dr. Blenck,
Präsident und Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat.
Politischer Wochenbericht.
Während der Berichtswoche haben die Verhandlungen des preußischen Landtages ihren Anfang genommen. Eingeleitet wurden dieselben mit der Vereidigung der neueingetretenen Mitglieder, und da bot sich denn das zugleich ergötzliche und abstoßende Schauspiel dar, daß auch die sechs Sozialdemokraten, die
Künstlerbtut.
Roman von Vera v. Baratowski. 30
„Dann werde ich ihn unternehmen. Was in dieser Sache zu sagen ist, hört sie aus meinem Munde eindringlicher, wie aus dem Deinigen; denn ich trete ihr kaltblütiger entgegen und habe schärfere Augen und eine spitzere Zunge als Du. Nutzen wird freilich alles nichts, aber einen Stachel drücke ich doch ihr in die Brust, einen Sta, chel, den sie nicht wieder herausziehen kann."
„Deine Einmischung macht das Schlimmste höchstens noch schlimmer. Laß ..."
„Still!" unterbrach die Greisin mit stahlharter, kreischender Stimme. „Wenn ich nicht mehr bin, magst Du Deinem eigenen Willen folgen, aber so lange die Mutter lebt, hat sie auch das Recht, zu befehlen und zu verbieten. Du bleibst und ich reise! Habe meiner kranken, gelähmten Schwester, der Stiftsdame in Warschau, ohnedem versprochen, sie noch einmal zu besuchen. Wer weiß, ob ich später im stande sein werde, mein Wort zu halten. Fangen doch meine Glieder auch an, von Tag zu Tag ungelenker und müder zu werden... Diese Angelegenheit ist also beredet und abgetan. Gute Nacht. Bogis- laus! Gott heile Dich von Deiner unseligen Leidenschaft für das Weib."
„Nein, ich lasse Dich nichthin! Du wärst einzuschlech- ter Anwalt meiner Sache!" rief Sudowsky, ihr in den Weg tretend.
„Versündige Dich nicht wider das vierte Gebot!" ent- gegnete sie, die rechte Hand drohend erhoben. „Ich will es so, und der Mutter Wille muß Dir heilig sein!" Der Blick ihrer immer noch jugendlich lebhaft funkelnden Augen tauchte in den seimgen, streng und herausfordernd.
Achselzuckend wan dte sich Bogislaus ab und mur» weite: „Ich will Dich nicht durch Widerspruch kränken. Geschehe denn, was Du beschlossen hast! Meine Leiden- lchost für Klothilde vermag mir niemand aus dem Her
zen zu reißen. Du mußt Dich schon daran gewöhnen, sie als unheilbare Krankheit zu betrachten. Alle Gegenmittel würden sich unwirksam erweisen. Das bedenke! Wenn ich mir die Zukunft ausmale, gibt es nur zweierlei für mich. Entweder schwelgen im Besitze der Geliebten oder sie so elend machen, wie ich selbst bin, vor allem aber denjenigen vernichten, der mich um die Erfüllung meiner heißesten Wünsche brächte."
„Und der heute noch unbekannt und unbeachtet wäre, wenn Du ihn nicht selbst an das Licht gezogen hättest!" spottete Frau Käthe.
„Ich kann ihn auch wieder in die Dunkelheit zurückstoßen."
„Wohl schwerlich. Er wird ruhig auf dem ihm von Dir so gefällig gebahnten Wege vorwärtsschreiten."
„Es steht in meiner Macht, manchen Stein, über den er straucheln dürfte, vor seine Füße zu rollen."
„Wieso denn?"
„Indem ich andere Talente protegiere und mit meinem Einfluß in der Kunstwelt unterstütze."
„Ach was, Unsinn! Den Mäcen spielen ist eine teure Sache und hat Dir schon Unsummen gekostet. Schließlich gibst Du nicht nur bares Geld, sondern auch noch Haus und Hof daran. Komm zur Vernunft, Bogislaus, zur Vernunft! Wir reden weiter darüber, wenn ich zurück bin."
Schwerer als sonst klangen ihre Schritte, und dröhnend stieß der Krückstock auf den parkettierten Boden.
Als Klothilde wenige Tage später von einer Ausfahrt zurückkehrte, meldete ihr Liska: „Frau Käthe befindet sich im Salon."
„Warum ließest Du sie ein ?" zürnte die Primadonna.
„Sie war einfach nicht abzuweisen, sondern erklärte, wartenzuwollen und ginge der ganze Tag darüber hin."
„Ja, roh erzwingen, was verweigert wird, ist immer Brauch bei den Subowskys gewesen. Nun wohl! Diesem ersten Besuch folgt gewiß kein zweiter!"
Raschen Schrittes betrat sie das Empfangszimmer. „Dich hier zu finden, Tante, bereitet mir eine Ueberra- schung."
„Die sicher nicht zu den angenehmen zu rechnen ist," unterbrach die Greisin trocken. „Sage es nur ganz offen! Zwischen uns kann volle Aufrichtigkeit herrschen, denn jede weiß genau, wie die andere über sie denkt."
„Wenn es Dein Wunsch war, diese Begegnung von vornherein zu einer feindseligen zu gestalten,ffo frage ich Dich: Weshalb mußte sie üöerhaupt stattfinden?"
„Die Antwort darauf will ich Dir nicht lange schuldig bleiben. Wenn jemand im Begriffe steht, eine weite Reise anzutreten, so wird er, vorausgesetzt, daß ihm an Ehre und Reputationüberhaupt gelegen ist, bemüht sein, vorher allen Verpflichtungen nachzukommen. Ich bin eine alte Frau, eine sehr alte sogar und muß darauf gefaßt sein, daß mein mürbe gewordener Lebensfaden bald zerreißt. Wenn auch keine Blutsverwandte, so bist Du doch meines Neffen Wladimirs Witwe, und wenn ich Dich am Abgrundsrande sehe, ist es meine Schuldigkeit, Dich zu warnen."
„Ich bin mirnicht bewußt, einen so gefahrvollen Weg zu wandeln."
„Nein, denn Du trägst eine Binde vor den Augen. Ich bin gekommen, sie hinwegzureißen und Dich wieder sehend zu machen. Seltsame Gerüchte sind über Dich und den Maler Hugo Meißner im Umlauf."
„Keine ehrenrührigen, sollte ich denken."
„Wohl aber solche, die zu Zweifeln an Deinem gesunden Verstände berechtigen. Man nennt Euch verlobt."
„Und wenn wir es sind?.. Bin ich nicht frei wie der Vogel in der Lust? Niemand kann mich hindern, nach dem zu greifen, was ich als mein Glück erachte."
„Und was Dein Unglück werden muß!"
„Diese Notwendigkeit scheint mir durchaus nicht erwiesen." 155,18