Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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32 90. Samstag, den 7. November 1908. 59. Jahrgang.
DeuWes Reich.
— Prinzessin Heinrich von Preußen ist mit dem Prinzen Sigisnmnd zum Besuch am großherzoglichen Hofe in Darmstadt eingetroffen. Prinz Heinrich kam aus Innsbruck hier an.
— Staatssekretär Dernburg ist, wie der „B. L--A. meldet, am Sonntag vom Kaiser in Berlin empfangen worden. Der Staatssekretär überreichte die Diamanten, die er als Proben der Edelsteinfunde in Deutsch-Südwestafrika mitgebracht, im Namen der deutschen Kolonisten, welche die Steine gefunden hatten. Zwanzig kleine Steine übergab Herr Dernburg dem Kaiser in einem Kästchen. Die Diamanten sind von Interesse als geologische Kuriositäten, während ihr materieller Wert nur gering ist. Bei dem Spazier- gang, auf dem der Staatssekretär den Kaiser später begleitete, ließ sich der Monarch über Südwestafrika eingehend berichten.
— Graf Zeppelin soll sich mit dem Gedanken tragen, anläßlich der Reise des Kaisers nach Donau- eschingen in seinem „Zeppelin I" dem Hofzug ent- gegenzufahren und dann den Zug bis Donaueschingen in der Luft zu begleiten. Nach einer dem „L.-A." übermittelten Meldung der Konstanzer Zeitung Donaueschingen, soll der Besuch des Kaisers dort offiziell für Sonnabend den 7. d. M. angesagt sein; der Aufenthalt des Monarchen werde wahrscheinlich bis zum 15. d. M. dauern. — Obwohl die Sammlung für die Zeppelinspende abgeschlossen ist, sind am Montag vom Reichskomitee in Berlin nochmals 100 000 Mark der Allgemeinen Rentenanstalt zu Stuttgart überwiesen worden.
— Das preußische Abgeordnetenhaus beschäftigte sich am Sonnabend zunächst mit dem Einsprüche des Abg. Hoffmann (Soz.) gegen die ihm erteilten Ordnungsrufe, die indes von der Mehrheit des Hauses für berechtigt erklärt wurden. Dann wurde die Be ratung der Steuergesetze fortgesetzt. Abg. Wiemer (fr. Bp.) erklärte sich für Quotisierung der Einkommensteuer, gegen dauernde Erhöhung dieser Steuer, gegen die Gesellschaftssteuer und zurzeit im Hinblick auf die Reichsfinanzreform auch gegen eine Erhöhung der Vermögenssteuer. Abg. v. Arnim (kons.) fand die Auffassung des Finanzministers noch nicht hoch genug und meinte, daß eher zu wenig als zu viel dauernde Einnahmen gefordert würden. Umgekehrt befürchtete Abg. Dr. Pachnicke (fr. Vg.), daß bei dauernder Bewilligung der geforderten 55 Millionen Steuern auf
Vorrat bewilligt würden. Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben widersprach dem Gedanken der Quotisierung der Einkommensteuer im Interesse der Sparsamkeit und mit Rücksicht auf die starken Schwankungen im Eisenbahnetat; ebenso der Einführung einer Reichseinkommensteuer, weil die Vermögenssteuer eine Besteuerung des fundierten Einkommens sei und daher von der Einkommensteuer nicht losgelöst werden kann. Abg. Hirsch (Soz) brächte die ganze Litanei der sozialdemokratischen Anschauung über Wahlrecht und Besteuerung vor. Schließlich wurden die Vorlagen der verstärkten Budgetkommission und die Lehrerbesoldungsvorlage einer besonderen Kommission von 21 Mitgliedern überwiesen. Der Präsident schlug dann vor, um Zeit für die Kommissionssitzungen zu geben, die Plenarsitzungen einstweilen auszusetzen und ihm die Anberaumung der nächsten Sitzung zu überlassen, was auch trotz des Widerspruchs des Häufleins der Sozialdemokraten beschlossen wurde. — Der Reichstag hat nach seiner Vertagung am Mittwoch die Beratungen wieder aufgenommen. Der Präsident Graf Stolberg-Wernigerode eröffnete die Sitzung mit geschäftlichen Mitteilungen und machte bekannt, daß bereits eine größere Anzahl von Interpellationen ein- gelaufen sei, die sich mit der Veröffentlichung der Kaisergespräche im „Daily Telegraph" befassen. Es entstand hierüber eine Geschäftsordnungsdebatte, hervorgerufen durch einen Vorschlag des Fürsten Hatzfeld (Reichsp.), nur die Petitionen, zu denen keine Wortmeldung vorliegt, zu behandeln, dann aber das Haus zu vertagen, um den Parteien Zeit zur Beratung über die politische Lage zu schaffen. Abg. Singer (Soz.) und Abg. Wassermann (nach) widersprachen mit der Begründung, daß später noch viel weniger Zeit zu den Petitionsberatungen sein we'de. Nach weiteren Reden zog Fürst Hatzfeld seinen Vorschlag vorläufig zurück, und es wurde eine große Zahl von Petitionen zumteil ohne Debatte nach den Beschlüssen der Kommission erledigt.
— Das Heer der deutschen Post- und Eisenbahn- beamten, einschließlich der Arbeiter, Lehrlinge und Frauen beläuft sich zurzeit auf etwas über eine Million Köpfe, es kommt also auf je 60 Personen in Deutschland 1 Verkehrsbeamter. Für dieses Beamtenheer geben Reich und Staat mehr als 1 'A Milliarden pro Jahr aus.
— Die Kreiskriegerverbände des Coblenzer Bezirks haben vom Bezirkskommando den Auftrag erhalten
Kameraden die als Unteroffiziere aktiv gedient haben und noch nicht 45 Jahre alt sind, anzufragen ob sie bereit sind, im Mobilmachungsfalle als Unteroffiziere die Ausbildung der Rekruten bei einem in Coblenz aufzustellen- den Ersatzbataillon zu übernehmen. Ernennung zum Feldwebel-Leutnant ist denselben in Aussicht gestellt. Meldungen sind durch die Vermittlung der Kriegerverbände erwünscht. Die Lage scheint danach noch ernster, als geglaubt wird.
Ausland.
— Seit einigen Tagen herrscht starker Regen in ganz Spanien, besonders im Süden und Osten. In Valencia dauerte am Dienstag Abend der Platzregen über eine Stunde, die Straßen sind überschwemmt, das Wasser steht über 1 Meter hoch. Die alarmierten Einwohner feuerten Gewehre ab und läuteten die Glocken, um Hilfe herbeizurufen. Die Feuerwehr arbeitet unablässig an dem Rettungswerk. Auch viele umliegende Dörfer stehen unter Wasser. Auch Malaga ist zum Teil überschwemmt. Der Blitz schlug dort mehrmals in das deutsche Elektrizitätswerk und in die Redaktion des Blattes „Populär" ein. Die Eisen» bahndämme sind zum Teil weggeschwemmt, die Telegraphenlinien unterbrochen. Man befürchtet, daß zahlreiche Menschen umgekommen sind.
— Bei der nordamerikanischen Präsidentenwahl ist der republikanische Kandidat Taft mit einer großen Mehrheit, die indes hinter der Mehrheit Roosevelts im Jahre. 1904 zurückblieb, gewählt worden. Roose- velt üb^ sande Taft ein herzliches Glückwunschtelegramm. Taft dankte hierfür und betonte, die Wahl bedeute einen Triumph für die Geschäftsführung Roosevelts. Bei der Präsidentenwahl stimmten die Südstaaten geschlossen für den demokratischen Kandidaten Bryan.
- Dem Dalai Lama von Tibet wurde in einem Edikt des Kaisers von China eine Auszeichnung verliehen und ihm ein Jahresgehalt von 10 000 Taals zugesprochen. Zugleich befiehlt das Edikt dem Dalai- Lama, nach Tibet zurückzukehren, und macht,ihm Ge- horsam gegen den chinesischen Thron zur Pflicht.
— Infolge der neuerdings wieder begonnene serbischen Kriegstreibereien und verschiedener militärischer Maßnahmen Serbiens sind auf Anordnung des österreichischen Kriegsministeriums die bisher bei Peterwar- dein liegenden österreichischen Donaumonitore zwischen Semlin und Belgrad vor Anker gegangen. Belgrads Bevölkerung zeigt neuerdings große Aufregung und
Künstterötut.
Roman von Vera v. Baratowski. 31
„Bist Du denn von Sinnen! Du zählst dreißig Jahre und Meißner fünfundzwanzig."
„Ein geringer Unterschied."
„Ein nur allzu großer, sage ich. Frauen altern schnell, und mit der Jugend ist auch ihre Macht dahin. Ich warne Dich! Entsage einemVorsatz, dessen Ausführung nurDe- müligung, Schmerz und Enttäuschung im Gefolge haben kann."
„Du arbeitest Dir und Bogislaus selbst entgegen. Könnte irgend etwas mich in meinem Entschluß noch bestärken, so wären es eben Eure Einwendungen."
„Diesen Starrsinn wirst Du einst schwer büßen."
„Deine Unglücksprophezeiungen vermögen mich nicht zu erschrecken."
„Meißner verließ Deinetwegen seine Braut."
„Da irrst Du! Sie war es, die sich von ihm lossagte."
„Und eines Tages wird er Dich verlassen," fuhr Frau Käthe unbeirrt fort. „Ich sage Dir, die fünf Jahre, die Du mehr zählst, wiegen schwer."
„Künstlerinnen altern nicht wie gewöhnliche Frauen mit unentwickelten Geisteskräften und träge arbeitendem Gehirn. Was aber auch geschieht und wie meine Zukunft sich gestalten möge. . Dir kann es gleichgültig sein. Ich gehe Euch, Ihr geht mich nichts mehr an. Die Verantwortung für meine Handlungsweise bleibt mir allein. . . Diesen Rin^Ofte streifte den Handschuh ab, „trage ich seit gestern und würde mich eher von dem Leben als von ihm trennen. Das sage dem Vetter, Tante Käthe!"
Die Greisin murmelte einige Worte und ging, wandte sich aber, schon auf der Schwelle stehend, nochmals um und erhob die rechte Hand, wie um einen Fluch auf die ihr so stolz Trotzende zu schleudern.
Diese bemerkte es und rief mit geringschätzendem Lachen: „Ginge alles böse, was Du mir wünschest, in Er-
l füllung, so müßte ich wohl das beklagenswerteste Weib \ auf dem ganzen Erdenrund werden. Glücklicherweise ist ! Dein Haß machtlos und kann mir weder schaden, noch ’ die frohe Zuversicht, mit welcher ich den kommenden Ta- ; gen entgegensehe, erschüttern."
j „So mag der Zeit überlassen bleiben, Dich zu beleh- । ren. Vielleicht tut sie es eher, als Du denkst."
Als die Greisin hinausgegangen war, trat Klothilde vor den Spiegel und betrachtete das Bild, welches er ihr zeigte, mit ernstem, prüfenden Blick. . . Nein, es waren noch keine verräterischen Spuren des nahenden Alters zu entdecken. Noch besaß das interessante, durchgeistigte Antlitz den Zauber voll erblühter Schönheit: kaum, daß einige schärfere Linien sich um Mund- und Augenwinkel markierten. Das Haar schimmerte in staunenswür- diger, rotgoldener Pracht. Die königliche Gestalt hatte nichts von der Eleganz ihrer Formen, von der Grazie ihrer Bewegungen verloren, und die viel bewunderte Stimme klang ja auch süßer und mächtiger denn je.
„Eulengekrächze und nichts weiter!" lachte Frau von Sudowsky,' der unheilschweren Worte ihrer alten Feindin gedenkend.
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Ehe das Jahr zu Ende ging, fand die Vermählung des Künstlerpaares statt.
Wohl nie mochte es zwei Menschen gegeben haben, die sich so göttergleich dünkten.
Klothilde war eine entzückende Frau, eine von jenen Zauberinnen, die zu fascinieren und jeden, der ihren Bannkreis betritt, unrettbar zu fesseln verstehen.
Zwei große, noch in der Entwicklung begriffene Talente ergänzten sich gegenseitig. Das Gastspiel der als ! Liebling des Publikums gefeierten Sängerin, welche jetzt Eufemi-Meißner hieß, hätte zu einem sehr vorteilhaften (Engagement geführt. Mit Klothildes Ruhm wuchs auch der ihres Gatten.
Nicht, daß Meißners Talent zu gering gewesen wäre, j um sich selbst durchzuringen, aber die Welt will auf eine
aesssoBBgMEr^iw ■iiniyM iiiii ■■■»■««■■■■■■i seltene Begabung aufmerksam gemacht sein. Nur wenige verfügen über eigene Urteilskraft, und die meisten sind zu bequem oder zu gleichgültig, um die Rolle des Bahnbrechers übernehmen zu wollen.
„Die Versuchung des heiligen Antonius" machte den Namen des Malers zu einem vielgenannten. Vielleicht wäre aber weniger darüber geschrieben worden, hätte man in der zweiten Hauptfigur nicht die Primadonna erkannt und gewußt, wie nahe ihr der Schöpfer des Gemäldes stand.
Ein neues Bild, dessen Vorwurf der Mythologie entnommen war, machte noch mehr von sich reden und rückte Meißner wirklich in die Reihen der ersten seines Faches.
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In Hauptmann von Westbergs bescheidenem Heime entwickelte sich eine zarte Mädchenknospe zu immer holderer Blüte.
Flora wurde des alten Herrn wärmender Sonnenschein. Sein vereinsamtes Dasein gewann neuen Reiz. Hatte er doch seit langen Jahren die Behaglichkeit des Familienlebens entbehrt. Die eigene Tochter raubte ihm, als sie kaum ihre Augen dem irdischen Lichte geöffnet hatte, der Tod. Man bettete sie mit der um wenige Stunden später verstorbenen Mutter in den Sarg.
Westberg ging keine zweite Ehe ein, stellte sich aber oft mit tiefer Wehmut vor, wie süß es sein müßte, von einem lieben, anmutigen Wesen gepflegt und verhätschelt zu werden.
Nun genoß er dieses Segens. Flora bewies ihm die zärtlichste Sorgfalt und gestaltete seine Häuslichkeit zu einer ungemein gemütlichen.
Fräulein von Henck gehörte trotz ihres weichen Gemütes keineswegs zu den sentimentalen Kopfhängerinnen. Wenn auch in letzterer Zeit durch Schicksalsschläge schwer getroffen, besaß sie doch genug Willenskraft und geistige Elastizität, um sich wieder aufzurichten. 155,18