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mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber

___Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat"._____________

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

.M 95. Mittwoch, den 25. November 1908. 59. Jahrgang.

Politischer Wochenbericht.

Durch die Unterredung, die zwischen unserm Kaiser und dem Reichskanzler Fürsten v. Bülow in Potsdam stattgefunden hat, ist die Krisis beendet; der dumpfe Druck banger Erwartung, der in den letzten Tagen auf unseren Seelen lag, ist von uns genommen. Der Kaiser hat ausdrücklich die Reichstagsrede des Fürsten Bülow gebilligt und damit also die Aeußerung des Kanzlers,der Kaiser werde sich künftig diejenige Zu» rückhaltung auferlegen, die für eine einheitliche Politik und für die Autorität der Krone unerläßlich ist", als richtig und zutreffend bestätigt. Er hat ferner den Fürsten Bülow seines fortdauernden Vertrauens ver­sichert. Das Regierungsprogramm, an das der Kaiser sich fortan halten will, geht dahin, daß er seine vor­nehmste Aufgabein der Sicherung der Stetigkeit der Reichspolitik unter Wahrung der verfassungsmäßigen Verantwortlichkeiten" erblickt. Für diese Lösung der Krisis, die unserm Kaiser nach den beklagenswerten Uebertreibungen der Kritik in Presse und Parlament gewiß nicht leicht geworden ist, gebührt ihm der herz­lichste Dank seines Volkes. Aber auch unser Reichs­kanzler hat mit seinem Verbleiben im Amte ein schweres Opfer gebracht, für das wir ihm nicht dank­bar genug sein können. Er hat sich mit vollstem Rechte gesagt, daß dieses Verbleiben im Interesse des Vaterlandes liege, und daher gebietet ihm seine vor­bildliche Vaterlandsliebe, trotz all der bitteren, kränkenden Erfahrungen auch weiterhin auf seinem Posten anszu- harren. Die Krisis ist in einer allen Patrioten er­wünschten Weise beendet. Nun aber auch fort mit dem Schelten und Mäkeln und dem weibischen, un- deutschen Gezeter! Zeigen wir dem neidischen, schaden­frohen Auslande, daß das deutsche Volk stark genug ist, um auch solche Tage und Zwischenfälle zu über­winden, und scharen wir uns wieder in ernster, fester Hoffnung um den Kaiser und den Kanzler!

Nächst der inneren Krisis wurde das öffentliche Interesse Deutschlands während der Berichtswoche am stärksten durch das furchtbare Unglück auf Zeche Rad» bod im rheinisch-westfälischen Kohlenrevier in Anspruch genommen, und noch heute steht die Allgemeinheit unter dem erschütternden Eindrücke dieser Katastrophe, der mehr als 300 Bergleute zum Opfer gefallen sind. Unser Kaiser hat auch bei dieser Gelegenheit wieder sofort seine Arbeiterfreundlichkeit und sein warmes, mitleidsvolles Herz durch Spendung seiner namhaften Summe für die Hinterbliebenen der Verunglückten und

durch Absendung seines Sohnes, des Prinzen Eitel Friedrich, an die Unglücksstätte erwiesen. Von der Sozialdemokratie und teilweise auch vom Zentrum ist auch dieses traurige Ereignis sofort benutzt worden, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Man ver­langt Schaffung eines Reichsberggesetzes und Einführ­ung von Arbeiterkontrolleuren. Beides sind parteipo­litische Forderungen, die mit elementaren Naturereig­nissen, wie der Katastrophe auf Zeche Radbod, und der Frage des Arbeiterschutzes nichts zu tun haben. Die Uebertragung der Berggesetzgebung vom preußischen Landtage auf den Reichstag wird von der Sozial­demokratie gewünscht, weil sie vom Parlamente des gleichen Wahlrechts hoffen zu dürfen glaubt, daß dort bei der Behandlung von Bergwerkssachen ausschließlich demagogische Rücksichten auf die Stimmen der Berg­arbeitermassen ausschlaggebend sein würden. Gruben- kontrolleure, die von der Arbeiterschaft aus ihren Reihen gewählt werden, aber fordert die Sozialdemokratie, weil sie damit wieder neue, mit obrigkeitlichem Stempel versehene Aemter für Parreiverdienste zu vergeben hätte, was selbstverständlich die Anziehungskraft und Macht der Revolutionspartei erheblich steigern müßte. Das Bürgertum wird daher gut tun, sich durch das Geschrei der Sozialdemokratie nicht in seinem klaren Urteil beirren zu lassen.

In Oesterreich ist das Kabinett Beck nunmehr durch ein neues, unter der Präsidentenschaft des bisherigen Ministers des Innern Baron von Bienerth stehendes Ministerium ersetzt worden. Das neue Ministerium trägt ersichtlich den Charakter eines Provisoriums an sich und erscheint dazu .bestimmt, den Platzhalter... für ein späteres parlamentarisches oder sogenanntes Kaolitionsministerium zu bilden. Einige Ministerposten sind daher auch nur mit Sektionschef besetzt. Es ist eben ein reines Beamtenkabinett, und ausschließlich die drei neuen Landsmannminister, Zacek, v. Abramovicz und Dr. Schreiner, bringen etwas politische Färbung hinein. Ministerpräsident v. Bienerth will vor der Bildung eines Koalitionsministeriums zunächst eine grundsätzliche Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen herbeigeführt wissen, und er gibt sich die größte Mühe, in diesem Sinne zu wirken. Die Aus­sichten für eine solche Verfländigungsaktion sind leider nach den bisherigen Erfahrungen nicht besonders optimistisch zu beurteilen, doch macht sich letzthin auf Seiten der beiden hadernden Nationen immerhin einiges Entgegenkommen bemerkbar, das zu gewissen Hoffnungen berechtigt.

In China sind der Kaiser sowie die Karserin-Witwe fast gleichzeitig vom Tode hingerafft worden. Der letztern, die in Wirklichkeit das Reich der Mitte be­herrschte, kann niemand das Zeugnis versagen, daß sie eine der merkwürdigsten Frauen gewesen ist, von denen die Geschichte erzählt. Die methodische Reform­bewegung, von der sich China gegenwärtig ergriffen zeigt,' wird allgemein auf ihren Einfluß zurückgeführt. Was die beiden Todesfälle für das Reich der Mitte zu bedeuten haben werden, läßt sich nicht sagen. Zu­nächst liegen die Zügel der Regierung, da der definitive Thronerbe noch ein unmündiges Kind ist, in den Händen des Prinzen Tschun, eines Bruders des ver­storbenen Kaisers, und es ist wahrscheinlich eine lange vormundschaftliche Regierung zu erwarten. Da Prinz Tschun als kluger und vernünftiger Anhänger der Reforniideen gilt, so darf man seiner Regierung wohl mit Vertrauen entgegenblicken.

Deutsches Reich.

M Im Exerzierhause derj ersten Matrosendivision in Kiel fand Sonnabend mittag in Anwesenheit des Prinzen Heinrich von Preußen als Vertreter des Kaiser die Vereidigung der Marinerekruten statt. Die Vereidigung wurde durch den Inspekteur der ersten Marineinspektion, Konteradmiral Kalau vom Hofe vorgenommen. Prinz Heinrich richtete eine kurze An­sprache an die Mannschaften, die mit einem Hoch ^auf den Kaiser schloß.

Die Großherzogin von Hessen-Darmstadt ist am Freitag von einem Prinzen entbunden worden.

Der Gouverneur von Südtvestafrika von Schuck- mann ist in Berlin eingetroffen.

Heiß umstritten dürfte der Reichstagswahlkreis Siegen-Wittgenstein Biedenkopf werden, der durch die Mandatsniederlegung des Hofpredigers Stöcker frei geworden ist. Man nennt bereits folgende Kandidaten: Liz. Mumm-Berlin und Fabrikant Siebel-Freudenberg (christlichsozial), Bergmann Wilhelm Schneider-Wahlbach (christlich-national), Berghauptmann Vogel-Cöln (natio­nal-liberal), Parteisekretär Nuschke-Cafsel (linksliberal), Parteisekretär Gogowsky-Singen (Soz.) und Dr. Schar- mitzel-Cöln (Zentrum).

Konstanz. Das neue Zeppelin Luftschiff steht vor seiner Vollendung.

Hamm. Eine von der Bergwerksgesellschaft Trier veröffentlichte Liste der auf der Zeche Radbold Verunglückten enthält 341 Namen, darunter 260 Deutsche und 81 Ausländer. Am Freitag ist im

Künstlerblut.

Roman von Vera v. Baratowski. 37

Rauher, eisigkalter Sturm pfiff und sauste durch die Gassen.

Fröstelnd zog Klothilde den prächtigen Theatermantel fester zu, als siefortfuhr:Was willst Du denn hier? Die Fenster der zweiten Etage bleiben ja geschlossen, ob- schon noch Licht durch die Vorhänge schimmert. Soll ich Dir sagen, wie Du mir jetzt vorkommst? Ungefähr wie König Heinrich, der nach Canossa pilgerte. Man mag Deine Anwesenheit wohl bemerkt haben, ist aber nicht gesonnen, davon Notiz zu nehmen. Beliebt es Dir, nun einzusteigen, oder ziehst Du vor, als demütig Büßender hier stehen zu bleiben? In letzterem Falle schicke ich den Wagen fort und leiste Dir Gesellschaft; denn das Weib gehört zu seinem Manne."

,Spare diesen Sarkasmus für andere Gelegenheit! Eine Szene auf offener Straße vermeiden wir lieber. Sei tz.Mig, Deinen Platz wieder einzunehmen, ich folge

Klothilde drückte sich in die Ecke, ihre Zähne schlu- f° sehr fror sie. Der Sturm hatte die ^müdbt aus demOpernhauseKommendeförm- ms ins Mark hinein durchschauert. Sie fühlte jetzt erue seltsame, peinigende Trockenheit in der Kehle und ein heftiges Brennen. Das waren böse Vorboten, wenn sie an ihr nahe bevorstehendes Auftreten als Isolde dachte. Die Furcht, das immer noch schonungsbedürftige Organ neuerdings zu schädigen, zwang sie, den Rest der Fahrt schweigend zuruckzulegen; aber in ihrem Innern raste der Aufruhr nur desto wilder.

Liska, ich fürchte wieder heiser zu werden," flüsterte sie Hemigekonirnen, der treuen Dienerin zu, welche so- fort alle für solchen Fall ärztlich verschriebenen Mittel in Anwendung brächte.

- Klothilde ließ sich zu Bett bringen wie ein Kind und

trank den schnell bereiteten, mit einigen beruhigenden Tropfen gemischten Glühwein. Doch die bezweckte Wir­kung stellte sich nicht ein. Vergegebens rief die zu Tode Erschöpfte den erquickenden Schlaf und brach endlich in hysterisches Schluchzen aus.

Herzchen, Herzchen, was ist denn mit Dir?" fragte Liska, an dem ganz von Spitzen überrieselten Lager kniend.

Ich bin elend .. über alle Begriffe elend; denn er liebt mich nicht mehr," lautete die verzweifelte Antwort. Man hat mir mein letztes, einziges Gut gestohlen: seine Liebe!"

Krampfhaft umklammerten ihre Arme den Hals der Dienerin.Ja, wer denn? Wer tat's?"

Sie, von der er sich meinetwegen abwandte. Ach, jetzt ist sie die stärkere. Jetzt zahlt sie mir mit Zinsen zurück, was ich an ihr verbrach. Und doch habe ich mich niemals bewußt und absichtlich versündigt. Ich meinte, Meißners großes Talent müsse neben einem unbedeu­tenden Geschöpf, denn dafür hielt ich seine ehemalige Braut, untergehen. Jetzt wird mir klar, daß er sie zu sei­nem und meinem Unglück unterschätzte, aber nun ist es zu spät. So erhaben und selbstlos, ihn aufzugeben, kann ich nicht sein. Ich bin keine schwärmerische Dulderin, sondern ein Weib mit sehr irdischen Wünschen und Emp­findungen. Hugo gehört mir, und ich lasse nicht von ihm. Vielleicht verstehst Du mich garnicht, liebe, treue Seele, wenn ich Dir sage, daß ich wohl, seiner zärtlichen Zu­neigung gewiß, für ihn sterben könnte, nun und nimmer­mehr aöer einer Rivalin weichen würde. Nein, solcher Selbstverleugnung bin ich unfähig. Ich warnte Hugo vor mir und riet ihm, mich zu fliehen. Als er Gut Sudowsky verließ, wäre es noch Zeit gewesen für uns beide. Ich sagte ihm:Meine Liebe ist fluchbringend. Alle, die mir das Teuerste auf derWelt waren,gingen daran zuGrunde." Er aber suchte mich, als die drückende Kette, ob mit, ob ohne seinZutun zerriß, wieder auf. Ich gab seinen leiden­schaftlichen Bitten nach und bin nun keineswegs geson­

nen, meinen Rechten zu Gunsten einer anderen zu ent­sagen. Aber mein Wille und meine Hände sind zu schivach, um Hugo festzuhalten. Wer hilft mir? Auf wessen Bei­stand kann ich rechnen?"

Befiehl mir, was ich tun soll, und es geschieht!"

Ach . . was vermöchtestDuwohl?GuteNacht,Liska. Laß mich jetzt allein."

Die Dienerin ging hinaus, kam aber wieder zurück.

Was willst Du denn?" rief Klothilde ungeduldig.

Ein Brief aus Polen ist angekommen, den ich abzu- geben vergaß."

Nun, das hätte ja bis morgen Zeit gehabt."

Aus Polen, sagte ich." .3

Ja, ja, ja! Was weiter?"

«Kümmert Dich die Heimat so wenig?"

Sie ist fortan da, wo mein Gatte weilt!"

Der sich treulos von Dir wendet?"

Dessen Liebe ich der Nebenbuhlerin wieder abringe!"

Vorausgesetzt, daß ihre Macht. nicht größer ist als die Deinige."

Warum sagst Du mir das? Um mich zu kränken?-

Nein, weil es besser ist, auch auf das Aergste vor­bereitet zu sein.Willst Du nicht lesen?"

Klothilde erbrach das Schreiben und warf es mit einer unwillkürlichen Geberde des Ekels auf den Tisch. Bogislaus kündigt mir seine in wenigen Wochen er­folgende Ankunft an. Ich mag ihn nicht sehen! Niemals bin uf) für ihn zu Hause, das merke Dir!"

Jawohl! Es soll geschehen! Aber er wird dennoch Mittel und Wege finden, sich Dir zu nähern."

Diese Versuche aber bald aufgeben, wenn ich ihm meinen Abscheu und Widerwillen unverhohlen zeige!"

Das tatest Du stets und schlugst ihn damit doch nicht aus dem Felde. Auch mir war er immer in tief­ster Seele zuwider. Doch wenn mich eins mit ihm aus- sühnen könnte, so wäre es seine durch nichts zu erschüt­ternde Liebe zu Dir!" 155,1®