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mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber

Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

£ 97

Mittwoch, den 2. Dezember 1908

59. Jahrgang.

| Deutsches Reich.

I Prinz August Wilhelm, der in Zukunft bei der Wotsdamer Regierung den praktischen Dienst kennen (lernen soll, ist am Montag vormittag 11 Uhr vom Regierungspräsidenten von der Schulenburg im Beisein des Regierungs-Kollegiums im großen Konferenzsaal der Königlichen Regierung eingeführt worden.

I In Anwesenheit des Prinzen Eitel-Friedrich Als Vertreters des Kaisers wurde am Sonntag in (Schweidnitz ein Denkmal König Friedrichs des Großen Enthüllt.

I Zur Feier des 60jährigen Regierungsjubiläums |be§ Kaisers Franz Josef findet am Mittwoch, 2, ^Dezember, vormittags 10'/a Uhr ein Festgottesdienst cin der St. Hedwigskirche statt, bei dem der Prälat

und Fürstbischöfliche Delegat Kleineidam unter Assistenz ein Pontisikalamt mit Tedeum halten wird Das

RKaiserpaar hat seine Teilnahme zugesagt; mit ihm werden die Würdenträger des Hofes, des Reiches und V Staates, die Minister, die Mitglieder des diplomatischen Korps mit ihren Damen und die österreichisch-ungarische i Kolonie Berlins anwesend fein4

IW- _ Der feierliche Einzug des Prinzen und der

I Prinzessin August Wilhelm fand am Freitag in Pots- I dam statt. Um 10 Uhr 57 traf der Sonderzug auf dem Bahnhof Potsdam ein. Das Paar fuhr dann

zum Rathaus, wo Oberbürgermeister Voßberg eine Begrüßungsansprache hielt. Der Prinz sprach seinen Dank für den Empfang aus. Darauf begab sich das Prinzenpaar zur VillaLignitz".

Die Militärverwaltung erklärte die zweijährige Dienstzeit für Kavallerie und reitende Feldartillerie für undurchführbar. ,

Die Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika soll

bis zum 1. April 1909 um weitere 500 Mann ver- i ringert werden.

k Zu Ostern kommenden Jahres findet, entsprechend ' dem Professoren-Austausch mit den Vereinigten Staaten, ein Austausch von Volksschullehrern mit Frankreich statt. An den dortigen Seminaren sollen die Lehrer gegen freie Station wöchentlich zwei Konversations« stunden abhalten. Die Dauer dieser Probezeit ist zunächst ein Schuljahr, d. h. 9 bis 10 Monate. Vorläufig beabsichtigt man etwa 10 junge Lehrer für diese Zeit auszutauschen. Deutscherseits will man den Lehrern neben freier Station noch eine gewisse Geld- entschädigung gewähren.

Das' LuftschiffZeppelin I" wird nach Be«

endigung der Ausbildung seiner Mannschaft nach Metz verlegt.

Der Reichstag setzte am Donnerstag die erste Lesung der Finanzreform fort. Abg. Speck (Z.) wendete sich in mehrstündigen Ausführungen scharfer Tonart gegen die Vorlage, wobei er es an spitzigen Bemerkungen gegen den Freisinn nicht fehlen ließ. Des Abg. Graf Schwerin-Löwitz (kons.) Ausführungen gipfelten in einer nahezu vollständigen Billigung des allgemeinen Finanzplanes der Regierung. Dem Abg. Dr. Südekum (Soz.), der ein Klagelied über die schwere Belastung der Arbeiterbevölkerung durch die indirekten Steuern anstimmte, erteilte Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben eine derbe Abfuhr, indem er den sozialdemokratischen Widerspruch zwischen Wort und Tat nachwies. Wenn die sozialdemokratischen Arbeiter jährlich 51 Millionen an ihre Kassen zahlten, so wären sie auch imstande, einen Obulus zur Abhilfe der Reichsfinanznot beizustemrn. Am Freitag sprach zunächst Abg. Dr. Müller-Meinigen (fr. Vp.), der sämtliche vorgeschlagenen Steuern außer der Erbschafts­steuer verwarf und neben der Erbschaftssteuern auch die Reichsvermögenssteuer verlangte und erklärte, daß es ohne eine starke Heranziehung der direkten Steuern nicht lohne. Abg. Schmidt-Altenburg (Rp.) sprach sich gegen die Tabaksteuer aus, Abg. Mommsen (fr. Vg.) erklärte sich gegen die Elektrizitäts- und Jnseratensteuer. Abg. Schweickhardt (D. Vp.) bekämpfte besonders die Einführung des Spiritusmonopols und die Gas« und Elektrizität'ssieuer. Direktor Kühn vom Reichsschatzamt wies nochmals ausdrücklich die bereits in derNordd. Allg. Ztg." dementierten Behauptungen zurück, daß die Spirituszentrale einen bestimmenden Einfluß auf die Gestaltung des Branntweinmonopols ausgeübt habe. Nachdem noch die Abgg. Voigt-Crailsheim (wirtsch. Vg ) und Bindewald (Refp.) gesprochen, wurde die Beratung auf Somrabend vertagt.

In Frauenburg hat die Wahl eines neuen Bischofs von Ermland stattgefunden. Bei der Wahl, bei der als Königlicher Kommissar der Oberpräsident von Ostpreußen v. Windheim fungierte, wurde der ordentliche Professor Dr. August Bludau in Münster zum Bischof in Ermland gewählt. Der neue Bischof ist von Geburt Ermländer und steht im 47. Lebens­jahre.

Das Deutschtum der Provinz Posen hat bei den letztbin stattgehabten Stadtverordnetenwahlen einige erfreuliche Erfolge zu verzeichnen gehabt. In der

Stadt Posen wurden in der ersten Abteilung sämtliche elf deutsche Kandidaten gewählt: im ganzen wurden bei den diesjährigen Stadtverordnetenwahlen in der posenschen Hauptstadt 23 Deutsche und 3 Polen ge­wählt. In Ostrowo siegten in allen drei Abteilungen mit überlegener Stimmenmehrheit die Deutschen, so daß jetzt die ganze Stadtverordnetenversammlung in Ostrowo nur aus Deutschen besteht.

Wegen Nichtbefolgung der Maifeierbeschlüsse (Aussperrung der maiseiernden Gesellen) hat die Ver­einigung -der Holzindustriellen zu Berlin sechs Mit­glieder aus ihren Reihen ausgeschlossen. Die Er­klärung der Herren, daß sie durch dringende Arbeiten genötigt worden seien, von den Beschlüssen abzuweichen, wurde nicht als stichhaltig angesehen. Die Vereinig« uug der Holzindustriellen ist die einzige Organisation, die bisher in dieser Weise gegen ihre Mitglieder vor­gegangen ist. Dieses Vorgehen kann nur zurNach- mahung empfohlen werden.

Ausland.

DieKölnische Volkszeitung" erhielt aus Rom die Meldung, daß der Papst infolge Erkältung er­krankt sei. Es fand sofort eine Konsultation der Aerzte statt. Die Aerzte verließen nachts um '/,2 Uhr den Vatikan und weilten am Montag früh wieder 1 Stunde am Krankenbett. Alle Audienzen sind bis auf weiteres abgesagt.

Odessa. Ein Schutzmann schlug auf offener Straße eine Frau. Zwei vorübergehende Offiziere stellten den Schutzmann zur Rede, wobei dieser beide Offiziere mit bem Revolver erschoß, ebenso einen Zoll- beamten, der zufällig hinzukam und Frieden stiften wollte.

Ein neues Grubenunglück hat sich am Sonn­abend in Pennsylvanien ereignet. In Mariana sind infolge einer Explosion fast 300 Bergleute in einem Bergwerk eingeschlossen. Alle diese Bergleute sind erstickt, da die Grube, die der Pittsburgh Buffalo Kohlenbergwerksgesellschaft gehört, infolge der Explosion wurde das Venlilatorenhaus zum Teil zerstört und die Ventilatoren für mehr als eine Stunde außer Be­trieb gesetzt. Ein Förderkorb, mit dem zwei Bergleute zur Arbeit fuhren, wurde in einer Tiefe von 300 Fuß samt seinen Insassen in Stücke gerissen. Eine Depesche aus London meldet: In der Marianna-Grube bei Pittsburg waren nahezu 300 Mann eingeschlossen. Nur einer wurde lebend gerettet. Bisher sind 125

Künstkerötut.

Roman von Vera v. Baratowski.

Du sahst also das Mädchen wieder, welches auch beschuldigte?"

Wohl sah ich Flora wieder, aber sie beschuldigte Dich nicht. Diese elenden Machinationen, diese erbärmlichen Jntrigen, deren Opfer sie wurde, liegen ja tief, tief un­ter ihr. Floras reine Hände wühlen nicht im Schlamm und könnten sie eine Königskrone hervorholen."

Dennoch geht die Anklage, die Du mir jetzt entgegen- schleuderst, von jenem Muster höchsten Zartgefühls und bewunderungswürdiger Selbstverleugnung aus."

Da irrst Du! Ich flehte Fräulein von Henck an, mir den Grund ihres Rücktrittes zu nennen. Daraufhin gab sie mir, ohne irgend jemand zu verdächtigen, dieses Schrei­ben. Klothilde, das hättest Du nicht tun, hättest nicht zu solchen Mitteln greisen dürfen, um mid) von meiner Braut loszureißen."

Wenn ich Dir sage, daß ich den Brief heute zum erstenmal sehe, glaubst Du mir dann nicht?"

Nein, ich glaube Dir nicht."

Ertapptest Du mich denn jemals bei einer Lüge?" Ich glaubte Dir eben blindlings; aber durch diese hinterlistige, allen Begriffen von Ehrenhaftigkeit hohn- sprechende Handlungsweise brachtest Du Dich um meine Achtung!"

Und Du verurteilst mid) auf einige Zufälligkeiten hin?" brauste nun auch Klothilde auf.Wie gering mußt Du mich also von jeher eingeschätzt haben! . . Du liebst Flora! Wage doch offen einzugestehen, daß Du sie liebst!" Warum sollte ich nicht wagen, die Wahrheit zu spre­chen? Ja, ich liebe sie! Nur für seine Taten, nicht für seine Empfindungen ist man verantwortlich. Du erreich­test Dein Ziel. Flora steht mir so fern wie ein Stern, der m demantner Reinheit über dieser armseligen Welt er-

,Dic demantne Reinheit eines Mädchens, das einem

verheirateten Alaun Zusammenkünfte gewährt und sich 40 zwischen ihn und seine Gemahlin drängt, scheint mir doch nicht so ganz ungetrübt."

Sprich mit Hochachtung von Fräulein von Henck! Kein Engel ist fleckenloser und verehrungswürdiger als

sie."

Wirklich? Das Mädchen, von dem Du meintest, es könne Dir nie als Gefährtin genügen, ist nun ein Wun­der dieser Welt geworden, dem sich keine andere zur Seite stellen darf! Immer zu! Ich bleibe dessen ungeachtet was ich bin: Deine Gemahlin, die Trägerin Deines Namens und weiche nicht um Zollesbreite von dem Boden mei­nes guten Rechts! Ist Flora ein Wesen, das alle körper- lichenund seelischen Vorzüge vereinigt, warum gingst Du denn so leichten Herzens von ihr?"

Weil ich sie damals nicht kannte."

Möglich! Du kennst aber auch mich nicht. Nun und nimmermehr würdest Du Dich sonst unterstehen, mich gemeiner Ränke für fähig zu halten. Dieser Brief, sie zer­riß das Papier in kleine Stücke,enthält nichts als Lü­gen! Unwahr sind alle leidenschaftlichen Liebesversiche­rungen, erlogen war's, daß ich eine Notwendigkeit für Dich sei. Niemals bin ich Dir mehr gewesen, als das erste, beste und unbedeutende Geschöpf, welches Deinen Weg kreuzte."

Im Gegenteil! Ich hielt Dich für einen groß ange­legten Charakter; daß Du es nicht bist, zerstört meine teuersten Illusionen und demütigt mich, da ich so leicht zu täuschen war."

Dein eigener Wankelmut, Deine eigene Charakter­losigkeit brachten Dich um den Glauben an alles Wahre und Große. Du beurteilst jeden von dem erbärmlichen Standpunkt aus, auf welchem Du selbst stehst."

Du tränkst Deine Worte in Bitterkeit. Hüte Dich, mich noch mehr zu reizen!"

Was könnte ich Aergeres erfahren, als daß Du auf- hörtest, mich zu lieben? Wohl wußte ich es längst schon,

abersogar jeder Kranke, derimGrunde überzeugt ist, ver» loren zu sein, erschrickt, wenn man es ihm mit dürren Worten verkündet, denn im menschlichen Herzen lebt doch immer die Hoffnung, wenn auch nur als verkümmertes/ halb welkes Pflänzchen... Nun ist es vorbei damit... Das aber sei Dir gesagt: Ich wäre vielleicht fähig ge­wesen, meine Rivalin zu töten, niemals aber mich ihret­wegen selbst zu erniedrigen. Wenn mir jemand schweres Leid zufügt, bin ich seine erbitterte Feindin, doch ich bm es ehrlich und offen.

Mich feige verstecken und einen Schlag aus dem Hinter­halt führen, war nie meine Sache. Ehe es dahin käme, müßte das seelische Elend schon jeden Funken von Stolz in mir erstickt haben. Zu jener Zeit, als Du diesen Bries an mich schriebst, war ich, wenn auch nicht glücklich, so doch berauscht von meinen Triumphen und dem Wonne­gefühl der neu gewonnenen Freiheit. Auf welche Weise Fräulein von Henck in den Besitz des Schreibens ge­langte, weiß ich nicht, wohl aber, daß sie mich in Dei­nen Augen herabsetzen will und von dem mir gebühren­den Platz verdrängen möchte. Das gelingt ihr nicht! Ich würde meine Rechte bis aufs äußerste verteidigen, und mich nicht scheuen, der Heuchlerin die Maske vom 9Int> litz zu reißen."

Das klingt wie eine Drohung. Laß Dich von Dei­nem ungezügelten Temperament nicht etwa hinreißen, Flora zu beleidigen. Das könnte ich Dir nie verzeihen. Es würde zu unserer vollständigen Entzweiung führen!"

Als ob sich diese nicht überhaupt bereits vollzogen, als ob sich nicht schon ein abgrundtiefer Riß zwischen uns aufgetan hätte! Alles, was ich an Glück und Hoff­nungen mein eigen nannte, liegt da unten begraben. . . Deine so nachdrücklichen Warnungen, hinter welchen sich wohl der Wunsch birgt, mich durch einen völligen Bruch aus dem Hause zu treiben, vermöchten meine Entschlüsse nicht zu erschüttern, doch ich bin zu stolz, um Frem­den das Elend meines Ehelebens zu entschleiern." 155,18