mit amtlichem Kreisblatt
Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat"
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.
M 98
Samstag, den 5. Dezember 1908
59. Jahrgang.
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Amtliches.
Riuderzuchtgenosseuschaft.
Diejenigen Landwirte, welche die landw. Ausstellung in Hanau mit Kühen oder Rinder beschickt hatten, werden gebeten, das von ihnen in Hanau verauslagte Stallgeld mit 1 Mk. pro Stück baldigst, spätestens aber bis 1. Januar 1909 bei dem Geschäftsführer der Genossenschaft — Kreisausschuß-Sekrettir Schäfer — in Empfang zu nehmen.
Alle bis zum 1. Januar 1909 nicht abgehobenen Beträge werden an die Genoss. Kasse abgeführt.
Ich bitte die Herren Bürgermeister für möglichste Verbreitung vorstehender Bekanntmachung zu sorgen.
Schlüchtern, den 2. Dezember 1908.
Der Vorsitzende der Rinder-Zuchtgenossenschaft: Valentiner, Landrat.
Erben gesucht.
In der Nachlaßsache des am 20. November 1906 zu New-Iork im Alter von etwa 40 Jahren verstorbenen Charles Röll ist ein Betrag von etwa 400 Mk. bei dem Stadtkämmerer zu New-Iork zur Auszahlung an . die unbekannten Erben hinterlegt worden.
Von dem Erblasser ist nur bekannt, daß seine verstorbene Ehefrau, eine geborene Holzförster aus dem Regierungsbezirke Cassel stammte.
Ansprüche an den Nachlaß sind unter Darlegung des Verwandtschaftsverhältnisses mit dem Erblasser unter Angabe des Aktenzeichens A. I. 5086 an den Königlichen Regierungs-Präsidenten in Cassel zu richten.
60 Jahre Kaiser.
„Gott wird Dich schon schützen!" So soll der alte Kaiser Ferdinand am 2. Dezember 1848 in Olmütz zu seinem Neffen gesprochen haben, wohin ihn und den ganzen Hof der Wiener Aufstand vertrieben hatte. Der Jüngling, der von nun an die Kaiserkrone trug, stand auf und flüsterte mit feuchtem Auge: „Leb wohl, meine schöne Jugend." Wenn heute die Glocken zum Hochamte rufen, das den Anbruch des Jubiläumstages feiern soll, wird Kaiser Franz Joseph der vor 60 Jahren verlebten Stunde gedenken.
60 Regemenjahre! Selten hat ein Monarch so länge die Krone getragen, selten einer so wechselvolle Schicksale über sich hingehen sehen. Sein Heer hat in Schlachten Sieg und Niederlage gesunden, er hat Provinzen verloren und gewonnen, die unter Habs- burgs Zepter vereinigten Königreiche und Länder in
Künstkerölut.
Roman von Vera v. Baratowski.
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„Daß genug schlimmere Gerüchte im Umlauf find, wis- sen wir ja beide, aber ihre Bestätigung sollen sie wenigstens durch mid) nicht finden. Sorge Deinerseits dafür, daß es nicht durch Dich selbst oder durch jene „Heilige", welche ihre wahren Absichten unter dem strahlenden Mantel der Tugend birgt, geschieht."
„Es würde vergebens sein, Deinen ungerechten Argwohn bekämpfen zu wollen."
„Ja, Du tust besser, Dich dieser zwecklosen Mühe nicht zu unterziehen."
Sie verschwand in dem nächsten, an das Zimmer stoßenden Raum.
Meißner wollte ihr erst folgen, machte aber dann eine unmutige Bewegung und verließ das kleine, duftende, von rosigem Licht überflutete Gemach.
Das erregende Gesprächsthema wurde vorläufig nicht wieder ausgenommen, aber jeder der beiden Ehegatten wußte, daß es nur eines Funkens bedurfte, um den überreich qngesammelten Zündstoff zur Explosion zu bringen.
* *
Die Wintersaison mit ihren Konzerten, Bällen und festlichen Veranstaltungen war gekommen. Frau Eufemi- Meißners schwere Indisposition aber noch immer nicht gänzlich gehoben. Die Primadonna durfte jetzt zwar das Haus wieder verlassen, hatte jedoch um längeren Urlaub bitten müssen.
Sudowsky traf ein, um wie alljährlich einige Monate in der süddeutschen Residenz zu verleben.
Er suchte Meißner und dessen Gemahlin auf, und wurde von ersterem sehr freundlich, von letzterer kalt und zurückhaltend empfangen.
Dessenungeachtet kam der Pole wieder zu einer Zeit, wo Hugo, wie er wußte, in den Räumen der Akademie weilte.
revolutionärer Gärung und in ruhiger Treue in Not und in Glück erblickt, und durch sein Haus ist das Verhängnis geschritten. Der Sohn und die Frau wurden exmordet, mancher Zweig vom alten Stamme verdorrte, und zuletzt kamen die widerwärtigen Skandale im Hause Toskano. Es schien zu viel für einen Menschen. Franz Joseph hasis ertragen mit der Ruhe, dem Gleichmut, der Würde eines vornehmen Soldaten. Je mehr er litt, um so mehr Liebe schenkten! ihm seine Völker, und die Feier seines Jubiläums hat gezeigt, daß alle Deutsche, Magyaren und Südslaven, in ihm das Symbol der Doppelmonarchie sehen, in ihrem Kaiser und König den gewissenhaften Arbeiter, den väterlich sorgenden Reichsverwalter, den zuverlässigen Gentleman bewundern. Ferdinands Hoffnung ist erfüllt: Gott hat Franz Joseph geschützt.
Freilich wird auch dieser Kaiser, wenn er aus seiner Hofburg oder aus Schönbrunn hinausschaut, den Himmel nicht heiter finden. Zwar ist er, am Abend seines Regentenlebens, durch die Annexion Bosniens und der Herzegowina noch zum Mehrer des Reiches geworden. Aber das historische Verhältnis zu England ist durch die wüsten Schimpfereien der Londoner Presse und durch die Aufhetzung der Türkei getrübt. Die seit dem Tage des Abkommens von Mürzsteg guten Beziehungen zu Rußland haben sich seit der Taktlosigkeit Jswolskis verschlechtert. Die Südslaven sind, seit Oesterreich- Ungarn zur Balkangroßmacht geworden ist, in heftiger Bewegung, und wenn es dem Freiherrn v. Aehrenthal gelingt, über den türkischen Boykott österreichischer Waren und über die Serbenkrawalle ohne einen Krieg (dessen Ausgang für Oesterreich Ungarn allerdings nicht zweifelhaft wäre) wegzukommen, wird er auch die Auseinandersetzung mit Italien noch lange vermeiden können? Die blutigen Wiener Raufhändel zwischen deutschen und italienischen Studenten mögen gerade jetzt angezettelt worden sein, um dem Minister Tittoni die parlamentarische Beleuchtung der Balkanfrage zu erschweren. In solchen Inszenierungen ist Herr Bärröre, Frankreichs Botschafter in Rom, Meister, und seine mit Gold gefüllte Hand xeicht sehr weit. Daß zwischen Oesterreich und Italien aber sehr schwierige Fragen schweben, daß Italien trotz der Umwerbung durch die Westmächte, nur im Dreibund geblieben ist, um die kriegerische Beantwortung dieser Fragen noch hinauszuschieben, und daß die Balkanwirrungen Italiens Sehnsucht, auf das andere Ufer des Adriatischen Meeres Hinüberzugreifen, noch gesteigert haben, das alles sieht auch der Laie.
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Klothilde nahm den Besuch ungern an, und bemühte sich keineswegs, das ihrem Vetter zu verbergen.
Dieser schien von dem gespannten Verhältnis, welches jetzt zwischen ihr und Meißner herrschte und von den Gründen desselben genau unterrichtet zp sein, und verstand es, des Weibes Eifersucht zu lodernden Flammen anzufachen, indem er, scheinbar bestrebt, zu beruhigen, dem Argwohnneue Nahrung bot.
„Daß Ihr Euch auch gerade hier niederlassen mußtet," bemerkte er gesprächsweise.
„Gerade hier? Was willst Du damit sagen? Weshalb nicht ebenso gut wie an jedem anderen Ort?" fragte Klothilde, die Stirn furchend.
„Gott, ich meinte nur, es sei oft nicht gut, Jugender- innerunaen aufzufrischen.Das gibt den Leuten willkommenen Stoff zu Klatschereien."
„Kommen Dir solche zu Ohren?"
„Leider ja."
„9tun, dann mache es wie ich, und lege keinen Wert darauf."
„Bravo, Klothilde! Das heißt die Sache vom vernünftigen Standpunkt aus betrachten! Freilich wer seiner Macht über den geliebten Mann so gewiß ist wie Du, braucht sich nicht mitEifersucht zu quälen. Wie könnte eine Flora mit Dir in die Schranken treten!"
„Flora? Warum nennst Du diesen Namen?"
„Weil ich ihn selbst, trotzdem ich erst kurze Zeit hier bin, häufig nennen und mit Euch beiden in Verbindung bringen hörte."
„So? Was sagte man Dir?"
„Du mutest mir doch wohl nicht zu, das alberne Geschwätz zu wiederholen? Deine eigenen Worte widerlegten ja soeben alles gründlich."
„Dennoch ist es mir nicht gleichgültig, wenn lügenhafte Gerüchte verbreitet werden. Mein leidender Zustand hielt mich lange im Hause zurück. Noch jetzt muß
Deutsches Reich.
— Der Kaiser, der von seiner Erkältung wieder- hergestellt ist, hatte am Mittwoch mit dem Kronprinzen in der katholischen Hedwigskirche in Berlin dem Festgottesdienst aus Anlaß des 60jährigen Regierungsjubiläums Kaiser Franz Josephs beigewohnt.
— Der Kaiser hat den Präsidenten Roosevelt zum Besuche Deutschlands und Deutsch-Ostafrikas eingeladen.
-- Die Thronbesteigung des Kaisers von China fand am 2. Dezember statt.
— Der Reichstag führte am Sonnabend, am siebenten Tage der Debatte, die erste Lesung der Reichsfinanzreformvorlagen bei fast leerem Hause zu Ende und überwies den ganzen Gegenstand einer besondern Kommission von 28 Mitgliedern. Die Debatte brächte keine neuen Gesichtsprunkte mehr. Abg. Erzberger (Z.) hielt eine lange Rede über die Sparsamkeit, Emmel (Soz.) erklärte, daß die deutschen Arbeiter am ganzen Deutschen Reiche keinerlei Interesse hätten. Abg. Dr. Arendt (Rp.) führte, lebhaft gegen die Sozialdemokratie und das Zentrum polemisierend, aus, die Vorlage werde trotz aller Angriffe zustande kommen, weil sie zustande kommen müsse. — Am Montag stand die zweite Lesung der Gewerbeordnungsnovelle zur Ausführung der Berner Konvention auf der Tagesordnung. In der Debatte wurde der Paragraph 137 vorweggenommen, der die Arbeitszeit auf zehn Stunden, an den Vorabenden der Sonn- und Festtage auf acht Stunden beschränkt und in seinem Schlußsatz bestimmt, daß'M^eiterinnen, die ein Hauswesen ^u besorgen haben, am Sonnabend höchstens sechs stunden be- schäftigt werden dürfen. Abg. Mainz (fr. Vp.) begründete einen Antrag, diesen Schlußsatz zu streichen. Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg trat dafür ein, von einer Beschlußfassung einstweilen überhaupt abzu- sehen, da die Verhältnisse noch nicht genügend geklärt seien. Die Blockparteien erklärten sich durchweg für den Antrag Manz, während die Sozialdemokraten Schmidt-Berlin und Stadthagen und die Zentrumsabgg. Fleischer und Giesberts für Verschärfung bezw. Aufrechterhaltung der Kommisiionsbeschlüsse eintraten. — Der Reichstag setzte am Dienstag die Beratung über die Abänderungsvorschläge zur Gewerbeordnungsnovelle beim § 137, der die Arbeitszeit der Arbeiterinnen behandelt, fort. Bei der Abstimmung wurden alle Ab« änderungsanträge abgelehnt, so daß es bei der Regierungsvorlage verblieb.
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ich die Nachtluft meiden, um meine etwas angegriffene Stimme nicht zu gefährden. Hugo mag ja unterdessen mehrmals mit Fräulein von Henck zusammengetroffen sein .. ich weiß sogar, daß es geschah... Knüpft man nun daran ganz ungerechtfertigte Vermutungen, so scheint es mir doch geboten, diesen energisch entgegenzutreten. Also, was hörtest Du denn? Was erzählte man Dir?"
„Jenun, verschiedene Andeutungen wiesen darauf hin, daß Euer Ehefriede gestört sei, daß Meißner sich der ihm dereinst als halbes Kind Verlobten wieder zugewendet habe. Man wollte wissen, daß er sein schönes, geniales Weib vernachlässige, um den Spuren Fräulein vonHencks zu folgen... Böswillige Erfindung, nicht wahr?"
„In der Hauptsache allerdings. Hugo sucht derartige Begegnungen nicht herbeizuführen, aber wie die Verhältnisse liegen, sind sie nicht zu vermeiden."
„Ich glaube es wohl, daß man ihn so häufig ohne Dich sieht, leistet dem böswilligen Gerede Vorschub.Das solltet Ihr bedenken."
„Du hörst doch, daß ich aus Rücksicht auf mein noch nicht gänzlich beseitigtes Halsleiden dieAbende vorläufig zu Hause verleben muß. Ich kann Hugo nicht begleiten?
„Nein, doch er könnte seinerseits daheim bleiben und Dir Gesellschaft leisten."
Damit hatte Sudowsky einen empfindlichen Punkt berührt, und das Rot verletzter Eigenliebe färbte Klo- thildes blasse Wangen, als sie hastig erwiderte: „Das würde er auch, aber ich dulde es nicht! Unser gesellschaftlicher Verkehr muß in vollem Maße aufrechterhalten werden. Ich selbst verlange, daß mein Mann keine der zahlreichen Einladungen ablehnt."
„Ah, das ist etwas anderes und zeigt, wie wenig Grund zu eifersüchtigen Befürchtungen Du hast."
„Nicht die geringsten!"
„Desto besser! Ich kam, offen gesagt, beunruhigt hie^ her, verlasse Dich aber mit der Ueberzeugung, daßDueme glückliche Frau bist," , 155,18