SchlüchternerZeitm g
mit amtlichem Kreisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgebe
vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat"._____________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 103.
Mittwoch, den 23. Dezember 1908.
59. Jahrgang.
SS
Die im 59. Jahrgang erscheinende Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt ist mithin die älteste und verbreitendste Zeitung im Kreise Schlüchtern und weit noch über denselben hinaus und finden Inserate in derselben wirksame Verbreitung.
~ “ daher in der Zustellung unserer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der
Wer M müii
wolle dieselbe so bald wie möglich bei dem betreffenden Vostautte bestellen. Nur diejenigen auswärtigen
Postabonnenten, welche bis spätestens 28. Dez. unsere Zeitung wieder bestellt haben, können verlangen, daß ihnen unsere Zeitung vom 1. Januar ab pünktlich von der Post geliefert wird. Wer später bestellt, muß nach den amtlichen Bestimmungen für Nachlieferung der ersten Nummern' des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10 Pfg. bezahlen- — Jede Post anstal und jeder Landbriefträger ist verpflichtet, Abonnements-Bestellungen anzunehmen.
Zu recht zahlreichen BestellUNgeu auf das mit dem 1. Januar 1909 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
die Expedition der „Schlüchterner Zeitung".
Politischer Wochenbericht.
Noch ganz unmittelbar vor dem Eintritte der parlamentarischen Weihnachtsferien hat unser Reichskanzler Fürst Bülow das Thema einer internationalen Begrenzung der Rüstungen zum Gegenstände bedeutsamer Erörterungen gemacht. In der richtigen Ueberzeugung, daß alle unsere Versicherungen von dem ausschließlichen Defensivcharakter unserer Flottenrüstungen bisher keinen Eindruck auf die öffentliche Meinung Englands gemacht hätten, und daß daher jede weitere Wiederholung solcher Versicherungen einfach würdelos sei, nahm Fürst Bülow in seinen Ausführungen mit keinem Worte auf England Bezug, sondern stellte klipp und klar fest: wir richten uns einzig und allein nach unserm eigenen Schutzbedürfnisse und kümmern uns nicht um fremden Wettlauf im Flottenbau. Diese männlich-tapfere Art, eine heikle Frage zu behandelen, hat offenbar in England, wie aus Aeußerungen der britischen Presse hervorgeht, eine durchaus günstige Wirkung ausgeübt. So schreibt die angesehene liberale „Westminster Gazette": „Zweifellos liegt es in tat Kompetenz jeder Macht,, das Maß ihrer^Defensiv- kräfte zu bestimmen." Das ist eine sehr verständige Aeußerung und gibt uns offenbar einen wertvollen Fingerzeig, wie wir uns künftig in derartigen Dingen England gegenüber am passendsten und zweckdienlichsten zu verhalten haben.
Unter schweren Kämpfen ist es dem Deutschtum gelungen, bei der Reichsiags-Ersatzwahl in Meseritz- Bomst dem vereinigten Ansturm des Zentrums und der Polen gegenüber dennoch siegreich das Feld zu behaupten. Der erstmalige Versuch des Zentrums, in unsern Ost in alten während der Gegenwart die unrühmliche Rolle des Städtebundes und der Eidechsen- ritter aus dem 15. Jahrhundert zu spielen, durch deren Landesverrat den Polen einstmals der Weg nach West» Preußen geöffnet wurde, hat somit ein Fiasko erlitten. Es wild aber zweifellos nicht bei diesem Versuche
Künstlerblut.
Roman von Vera v. Baratowski. 49
Da trat eine Wandlung zum Besseren ein: Auf wild- tosende Stürme folgte nicht selten gänzliche Wildstille. Es ist dann, als sei die Natur zu ermattet, um den wütenden Kampf fortzusetzen. Dieses Ruhebedürfnis schien sich auch in Meißners Seele geltend zu machen. Offenbar war er des ewigen Unfriedens müde und entschlossen, sich und seiner Gemahlin das Leben wenigstens erträglich zu gestalten.
Er kam ihr freundlicher als sonst entgegen, blieb den gemeinschaftlichen Mahlzeiten nicht mehr fern und vermied alles, was erneuten Zwist herbeiführen konnte.
Klothildes bereits erstorbeneHoffnungen trieben frische Keime. Eine Seele, die mit allen Fasern an dem schon für verloren Gehaltenen hängt, glaubt so gern, daß es wieder erstehen könne.
Mit zitternder Freude und banger Zärtlichkeit begegnete sie nun auch Hugo, die bleiche kümmerliche Blüte seiner neuerwachenden Zuneigung pflegend und hütend, wie die kostbarste Treibhauspflanze.
Es war etwas Rührendes in dem demütigen Bestreben des stolzen Weibes, dem Herzen des Gatten langsam, Schritt für Schritt wieder, näher zu kommen.
„Er liebt mich doch! Fremde Einflüsse berückten ihn wohl, haben aber jetzt ihre Macht eingebüßt. Er kehrt zu mir zurück," sagte sie am Abend des 16. Januar zu Liska, welche die schillernde Flut des rotgoldenen Haares entfesselte.
„Nein, er liebt Dich nicht!" erwiderte die Alte hart. „Komödie, nichts als Komödie! Er spielt mit Dir, wie die Katze mit der Maus, und will Dir Sand in die Augen streuen!"
„Schweige!" herrschte ihr Klothilde zu. Hat Bogis- taus Dich etwa gedungen? Scheint es doch beinahe, als spräche er aus Deinem Munde zu mir."
bleiben, vielmehr werden andere folgen, da das Zentrum, wie sein Vorgehen in Meseritz-Bomst beweist, nun einmal drauf und dran ist, sich auch des letzten Restes nationaler Scham zu entledigen. Für die Deutschen in der^Ostmark ergiebt sich hieraus die ernste Mahnung, ihre Phalanx geschlossen zu halten und jedem Hader innerhalb ihrer Reihen mit Nachdruck zu wehren. Alles, was deutsch fühlt in unserem Osten, hat die Pflicht, ohne Unterschied der Konfession und Partei treu zusammenzustehen und mit vereinten Kräften dem gemeinsamen Gegner Trotz zu bieten. Nicht Protestanten, uicht Katholiken darf es dort geben, sondern allein Deutsche. Nur so wird es gelingen, die Kriegstrompetenlöne des Herrn Erzberger und seiner entdeutschten Gefolgsleute zuschanden werden zu lassen.
Der Stand der Verhandlungen über die Einberufung einer Konferenz zur Regelung der schwebenden Angelegenheiten im europäischen Orient hat sich letzthin augenscheinlich etwas günstiger gestaltet. Die Boykottfrage, die bisher der Fortführung der Ver- Handlungen zwischen Oesterreich-Ungarn und der Tür- kei im Wege stand, ist dank dem Entgegenkommen der ottomanischen Regierung in ein Stadium getreten, in dem sie für die Wiederaufnahme der Verhandlungen über die durch Oesterreich erfolgte Annexion Bosniens und der Herzegowina kein Hemmnis mehr bildet. Hinsichtlich der zwischen Wien und Petersburg geführten Unterhandlungen ist als neue Tatsache von großer Wichtigkeit die Ueberreichung einer österreichischungarischen Note in Petersburg zu verzeichnen, die wohl geeignet erscheint, einer vor Zusammentritt der Konferenz zu erzielenden Verständigung über die bosnische Frage die Bahn zu ebnen. Hauptsache bleibt, daß durch die Vorverhandlungen ein Verlauf der Konferenz gesichert wird, der die Konferenz zu einem Beruhigungsmittel, nicht aber zu einem Erregungs- mittel werden läßt. Jeder Schritt, der in der Rich
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„Das vergebe Dir Gott!" rief Liska zornig. „Mit Leuten, denen alles um Geld feil ist, hast Du ja schon genug zu tun gehabt, solltest mich aber nicht dazu zählen. Wenn auf irgend jemands Treue und Ergebenheit, so darfst Du auf meine rechnen. Wer Dir ein Leid zu- fügt, den möchte ich mit meinen Händen erwürgen und mit meinen Zähnen zerreißen, mag er nun Meißner oder Sudowsky oder irgendwie heißen. Glaubst Du mir's nicht, dann will ich lieber gleich meiner Wege gehen: zieht's mich doch ohnedem mit tausend Ketten nach der Heimat. Lieber dort halb verhungern, als hier in Saus und Braus leben, das glänzende Elend tagtäglich an= sehen, nichts daran ändern können und mir auch noch solchen Schimpf antun lassen!"
„Bleibe doch!" rief Klothilde der Gekränkten nach. „Muß ich denn auch Dir gegenüber jedes Wort auf die Wagschale legen? Was ich sagte, war nicht bös gemeint. Dein Widerspruch reizte mich nur. So lange schon ist alles grau und finster um mich gewesen. Weshalb mißgönnst Du mir den ersten, wärmenden, freundlichen Sonnenstrahl ?"
„Ihn Dir mißgönnen? Nein, wahrhaftig nicht! Nur fürchte ich, was Du dafiir hältst, ist gar keiner, sondern Sumpflicht."
Ungeduldig schüttelte Frau Eufemi das schimmernde Haar, welches ihr tief in die Stirn fiel, zurück. „Quäle Dich nicht mit derartigen Einbildungen. Das neue Jahr wird mir neuen Segen bringen, denn das alte endete unter glückbringenden Zeichen. Zum erstenmal seit Monaten begebe ich mich wieder mit meinem Gatten in Gesellschaft und er selbst war es, der mich darum bat... WeißtDu, was diese Bitte bedeutet?"
.Nein," brummte die Alte verdrießlich.
„Die Wiederkehr seiner Liebe und damit auch die Wiederkehr allerirdischen Glückseligkeit für mich."
„Mag's so sein! .. Du weißt aber, wer Dir bei Zol- lers begegnen kann?"
tung auf dieses Ziel im Einklang mit den Interessen Oesterreich-Ungarns geschieht, darf auf die wohlwollende Unterstützung Deutschlands rechnen.
Venezuela und sein Präsident Castro, der einst mit einem stoischen Gleichmuts, um den ihn das hervorragendste studentische Pumpgenie beneiden könnte, den Mahnungen des europäischen Manichäertums zu trotzen wußte, macht gegenwärtig^wieder einmal von sich reden. Zwischen Holland und Venezuela ist es zu einem Konflikte gekommen, in dessen Verlaufe der erftge» nannte Staat mit der Kaperung venezolanischer Schiffe bereits den Weg der Repressalien beschritten hat. Diese äußere Bedrängnis aber hat, wie es scheint, den revolutionären Zündstoff, der ja allezeit im Innern der meisten süd- und Mittelamerikanischen Staaten aufgespeichert ruht, von neuem zur Explosion gebracht, so daß sich Venezuela wieder einmal einer regelrechten Revolte erfreut. Dazu sammt, daß sich der bisherige Präsident Castro gegenwärtig fern von der Heimat auf europäischem Boden und zwar in der deutschen Reichshauptstadt befindet, um sich hier als Privatmann einer ärztlichen Kur zu unterziehen. Im Gegensatze 8« jeuiu Ausnahme in Frankreich, besten gerühmte „Ritterlichkeit" sich bei dieser Gelegenheit nicht gerade bewährt hat, hat Herr Castro trotz des Hühnchens' das auch wir einst mit ihm zu pflücken hatten, bei uns durchaus gastliche Aufnahme gefunden Es wäre aber sehr zu wünschen, daß diese Gastfreundlichkeit nicht jenen Ueberschwang annähme, den der Deutsche nun einmal gern allem Exotischen gegenüber bekundet, sondern sich in der wohlgemessenen Grenzen hielte, wie sie einem Manne von der Vergangenheit und Art des venezalanischen Präsidenten Castro gegenüber nun einmal durchaus am Platze sind.
Deutsches Reich.
— Kaiser Wilhelm hat die beiden amerikanischen Austauschprofessoren an der Berliner Universität im
„Flora? . . Immerhin! Hugo soll mich heute so schön i finden, so schön wie nie! Liska, Du hast ja gar keine । Ahnung, was er mir ist, und wie der Gedanke, ihn wie- ' der gewonnen zu haben, meine ganze Seele mit unbe- i schreiblichem Jubel füllt. Heute muß ich einen Triumph • im wahrsten Sinne des Wortes feiern und alle anderen Frauen verdunkeln! .. Was starrst Du mich soan? .. Meinst Du, es läge nicht mehr in meiner Macht, das zu tun?"
. „Ich glaube, daß Du jetzt noch eben so gut, wie vor ! zehn Jahren einen Mann bezaubern kannst... So.. Dein ! Haar ist durchgekämmt!" Sie strich mit ihren braunen : Händen darüber. „Ich liebe es! Das greift sich so weich j an wie Seide und glitzert wie Goldgespinst, aber ordnen i kann ich's nicht. Da muß schon die Kammerzofe kommen. Die sieht besser mit ihren falschen, schwarzen Augen, was heutzutage Mode ist... Uebrigens eine tückische Kröte, das glaube mir!"
„Du fängst an, gegen alle Welt mißtrauisch und ver- bittert zu werden."
„Und Du willst mit offenen Augen nicht sehen."
„Genug! Klingle Louise!"
Die Zofe, eine lebhafte Französin mit geschmeidigen Manieren, erschien. Beständig plauderndund Schmeicheleien auf den Lippen, vollendete sie die ebenso pompöse als eigenartige Toilette ihrerHerrin.
Klothilde wich heute von der Gepflogenheit, keinen Schmuckzu tragen, ab. Smaragden schimmerten wieGrün- feuer aus ihrem Haar Aus denselben Steinen geformte Schlangen ringelten sich um Hals und Arme. Ueber ein seegrünes Unterkleid von schwerer Seide fiel das zarteste duftigste, silbergestickte Spitzengewebe. Eine dem Meeresgrund entsteigende Undine, eine verlockende Sirene hätte nicht berückender aussehen können, in diesem mit Wasserrosen gerafften Gewände.
„So male ich Dich demnächst!" rief Hugo eintretend, um sie abzuholen. 155,18