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Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 11.

Samstag, den 6. Februar 1909.

60. Jahrgang.

Amtliches.

J.-Nr. 595 K.-A. Die Herren Standesbeamten der Stadt- und Landgemeinden ersuche ich, innerhalb spätestens 8 Tagen den Bedarf an Formularen für das Jahr 1910 anzugeben.

a) Auszug aus dem Geburtsregister (Bogen)

b) Heiratsregister

c) Sterberegister

d) Bescheinigung der Eheschließung

e) Aufgebot

f) Bescheinigung des Aufgebots und standesamtlicher Ermächtigung Schlüchtern, den 4 Januar 1909.

Der Königliche Landrat.' Valentiner.

Deutsches Reich.

Der Dank des Kaisers. ImReichs- und Staatsanz." wird nachstehender Erlaß veröffentlicht: Aus Anlaß der Bollendung Meines fünfzigsten Lebens­jahres sind Mir schriftliche und telegraphische Glück« und Segenswünsche in besonders großer Zahl von nah und fern zugegangen. Mein Geburtstag ist in Stadt und Land von Behörden, Vereinen und Korporationen durch Veranstaltungen manigfacher Art festlich begangen worden. Auch die im Auslande lebenden Deutschen haben sich vereinigt und Mir ihre Treue und Anhäng­lichkeit znm Ausdruck gebracht. Diese Kundgebung vertrauensvoller Zuneigung haben Meinem Herzen wohlgetan und es ist Mir eine angenehme Pflicht, Allen, welche Meiner an diesem Tage mit freundlichen Glückwünschen und treuer Fürbitte gedacht haben, Meinen wärmsten Dank auszusprechen. Ich ersuche Sie, diesen Erlaß zur öffentlichen Kenntnis zu bringen Berlin, 30. Januar 1909. Wilhelm, II. R. An den Reichskanzler.

Der Reichstag hatte am Sonnabend eine Sitzung von nur kurzer Dauer. Zunächst. wurde über Rech- nungssachen verhandelt. Die darauf folgende Be­ratung der Denkschrift über die Ausführung der für die Schutzgebiete erlassenen Anleihegesetze gab nur zu einer kurzen Debatte Anlaß. Dagegen kam es zu längeren Auseinandersetzungen über die Ausgabe von 200 000 Mark für Vorarbeiten der bisher nicht ge­bauten Bahn Windhuk Rehoboth, für die vom Reichstage nachträgliche Indemnität verlangt wurde. Zu einer Abstimmung kam es nicht, da das Haus sich als beschlußunfähig erwies. Die Sitzung wurde daher abgebrochen und auf Donnerstag vertagt.

Künstlerötut.

R oman von Vera v. Baratowski. 61

Sudowsky gewöhnte sich an, bei Tage zuschlafen und die Nächte außerhalb zuzubringen. Die eintretende Dun­kelheit pflegte ihn fast immer aus der Wohnung zu trei­ben, während er, so lange es hell war, meistens in sei­nem Schlafzimmerverweilte. Dann hatte der Diener Tho­mas strengen Befehl, niemand einzulassen. Zuweilen ge­schah es aber auch, daß der Pole, übersättigt und ange­ekelt von allen jenen so gierig gesuchten und genossenen Zerstreuungen, sich gänzlich zurückzog und für alle seine Bekannten unsichtbar blieb. Dann befand er sich in be­sonders erregter und trüber Gemütsverfassung, und selbst der Diener wagte nicht, ungerufen einzutreten. Dahin kam es jedoch nur höchst selten.

In einem der feinsten Restaurants gesellte sich ein Fremder zu ihm, dessen Bekanntschaft er'bald sehr eifrig kultivierte.

Herr von Glasneck, ein nicht mehr ganz junger Le­bemann, war, wie er erzählte, durch den Tod eines un- vermählt gestorbenen Oheims zu Vermögen gekommen und hatte seine in der Nähe einer norddeutschen Provinz gelegene Besitzung nach Ablauf des Trauerjahres verlas­sen, um sich auch einmal auszutoben und den Durst nach den Genüssen ungebundener Freiheit zu stillen.

Glasneck attachierte sich sehr an den Polen, und die­ser fand, daß er ein angenehmer, amüsanter und zu allen Torheiten bereiter Gesellschafter sei.

Neben diesem Menschen durfte er sich gehen lassen, der applaudierte allem, was er tat, schien das Muster eines vornehmen Weltmannes in ihm zu sehen und schmei­chelte stets seiner Eitelkeit und seinen Schwächen. Mit er­sichtlichem Bestreben, auf der Bühne des Lebens den Bon- oivantund Roue zu spielen, vereinigte SudowskysFreund die ganze Naivität des unerfahrenen Landjunkers.

Das belustigte und zerstreute den Rittergutsbesitzer.

Das preußische Abgeordnetenhaus lehnte am Sonnabend zunächst den sozialdemokratischen Antrag auf Unterbrechung der gegen den Abg. Liebknecht (Soz.) erkannten Festungshaft gegen die Stimmen der Freisinnigen und der Sozialdemokraten ab. Dann wurde mit der zweiten Lesung des Justizetals be­gonnen. Abg. Böhmer (kons.) wandte sich in längerer Rede gegen die Vielschreiberei in der Rechtspflege, be- stritt die Notwendigkeit, kleine Lappalien bis in die obersten Instanzen zu verfolgen und laut zuletzt auf den Moltke-Hardenprozeß zu sprechen, an dem er das Eintreten des Oberstaatsanwalts Jsenbiel für den Zeugen Fürsten Eulenburg kritisierte. Abg. Bell (Z.) wandte sich gegen angebliche Bevorzugung der Staals- anwälte bei Der Besetzung höherer Stellen, besprach die zunehmende Proletarisierung des Auwaltstandes und hatte dann auch seinerseits manches an dem Pro­zeß gegen den Fürsten Eulenburg auszusetzen. Justiz- minister Beseler wies die Vorwürfe der beiden Vor­redner entschieden zurück und bestritt, daß die Justiz­verwaltung irgend ein Verschulden treffe.

Die Vereine vom Roten Kreuz in Verbindung mit den Frauenvereinen vom Roten Kreuz haben durch Sammlungen für die Hinterbliebenen der bei dem Grubenunglück bei Radbod um's Leben Gekommenen rund 126 000 Mark aufgebracht, welche an das Hilfs­komitee in Münster abgeführt worden sind. Von einigen Provinzialvereinen sind die Sammelergebnisse noch nicht bekannt.

Deutschland für die durch Erdbeben geschädigten Bewohner Süditaliens. Die in Deutschland von dem unter dem Protektorat Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin stehenden Hilfskomitee für Süditalien gesammelten Gelder sind vorläufig nur zum Teil in bar nach Italien überwiesen worden und zwar fast ausschließlich zu Händen der deutschen Konsuln in den betroffenen Gegenden. Ein erheblicher Teil des Sammelergebnisses ist zur Ueberweisung von Material­gaben verwendet worden, die durch die Vereinsorganisation vom Roten Kreuz teils käuflich in Deutschland er­worben, teils aus freiwilligen Beiträgen gesammelt, gesichtet und an den Ort des Bedarfes befördert worden sind. Viele geschlossene Waggonladungen an Kleidungsstücken, Wäsche, Betten, Lebensmitteln und Verbandmaterialien sind bereits dorthin abgegangen. In Neapel ist in Verbindung mit dem dortigen, meist aus Deutschen bestehenden Internationalen Hilfskomitee das Hauptdepot für die aus Deutschland überwiesenen

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Glasneck bot ihm die erwünschte Ablenkung von pein­lichen Gedanken, und dieser los und ledig zu werden, das empfand er immer mehr als dringende Notwendig­keit.

Oft saßen sie bis spät in die Nacht hinein in irgend einem Lokal; dann pflegte Glasneck, dem der Wein die Zunge löste, allerlei pikante Histörchen zu erzählen, aus jenen Jahren, wo er sein väterliches Erbteil noch nicht bis auf das wenig ertragfähige Gut verpraßt hatte. Frei­lich handelte es sich da nur um Gesellschaftsdamen, Töch­ter der Inspektoren oder kleine Landmädchen .. immer­hin veranlaßte er auf diese Weise auch Sudowsky, der gern mit seinen Erlebnissen prahlte, zuvertraulichenMit­teilungen.

Nurüberdas, was Klothilde,ihrbeklagenswertes Ende und den das allgemeine Interesse so sehr beschäftigen- den Prozeß betraf, bewahrte derPole große Zurückhaltung. Es mochte ihm wohl peinlich sein, von den tragischen, auch ihn schmerzlich berührenden Ereignissen zu sprechen. Mehrmals bereits versuchte der Landjunker erfolglos die Unterhaltung auf dieses Thema zu lenken und mußte endlich, wenn er nicht zudringlich erscheinen wollte, alle Bemühungen, nähere? zu erfahren, aufgeben. Das tat er denn auch und begnügte sich damit, über harmlose Dinge zu reden. Offenbar lag ihm viel daran, das Wohlwollen des Freundes nicht leichtfertig zu verscherzen.

Wieder kam eine Zeit, wo man Sudowsky vergebens an den von ihm am meisten frequentierten Orten erwar­tete.

Glasneck ging mit seltener Beharrlichkeit allen Spu­ren des Verschwundenen nach, nirgends lange verweilend, immer aber bald da, bald dorthin zurückkehrend, wie ein Spürhund, derdieFährte eines Wildes verfolgt. Am vier­ten Abend endlich begab er sich in die Wohnung des so sehr Vermißten, um diesen abzuho len.

Der Diener wagte den ihm wohlbekannten Freund seines Herrn nicht abzuweisen, sondern gab auf die Worte

Materialgaben errichtet worden. In Palermo, wo u. a. auch die von Seiner Majestät dem Kaiser ge­schenkten transportablen Baracken aufgestellt worden sind, in Messina, Catania und Syracus sind unter der Leitung der deutschen Konsuln Hilfszentren geschaffen. In Syracus ist z. Zt. die deutsche Abordnung, be­stehend aus 5 Aerzten, 13 Schwestern, 7 Sanitären und mehreren sonstigen Hilfspersonen unter allgemeiner Anerkennung tätig. Zeltbaracken zur Unterbringung von etwa 500 Obdachlosen sind dort in der Aufstell­ung begriffen. Eine Sendung von 10 Holzbaracken als Gabe des Rheinischen Hilfskomitees wird nächsten Montag verfrachtet werden.

Die Zahl der im Jahre 1908 von der Deut­schen Vereinsorganisation vom Roten Kreuz mit kosten­freien Brunnen- und Badekuren bedachten Teilnehmer an den Kriegen 1864,1866 und 1870/71 betrug 267.

Dieselben verteilen sich auf das Veteranenheim vom Roten Kreuz in Wiesbaden.........mit 99 Mann

das Veteranenheim vom Roten Kreuz in Kissingen...........

das Veteranenheim vom Roten Kreuz in

Eins...........

auf Hersfeld......

auf Aachen.........

auf Oeynhausen.....

auf Nauheim ........

auf andere Bäder.......

45

38

18

17

16

9

25

Auch im Jahre 1909 werden sich die Landesvereine

vom Roten Kreuz und das Zentralkomitee der deutschen Vereine Vom Roten Kreuz die Fürsorge in der ange­gebenen Richtung angelegen sein lassen. Gesuche sind an die Landeszentralstellen Dom Roten Kreuz durch deren Nachgeordneten Organe (Zweigvereine vom Roten Kreuz und Zweigvereine der Frauenvereine vom Roten Kreuz) zu richten. Anträge, die nach dem 15. März entlaufen, haben wenig Aussicht auf Berücksichtigung.

- Die reichste Stadt in Deutschland ist, wie be­kannt, Charlottenburg bei Berlin, denn es kommen an staatlicher Einkommensteuer auf den Kopf durchschnitt­lich über 34 Mark. Aber das ist noch garnichts gegen die Vtllenkolonie Grunewald, unweit Berlin, dort muß man in der dritten Wählerklasse für die Gemeindever­tretung schon bis 2484 Mark Steuern im Jahre zahlen! 27 Wähler der ersten Klasse zahlen 407 000 Mk., 98 Wähler der zweiten Klaffe 404 000 Mark. Das ist ein Dorf, das manche Stadt beneiden kann!

hin:Sie brauchen mich nicht anzumelden, ich werde er­wartet," den Weg frei.

Als Glasneck eintrat, saß der Pole, die Stirne in beide Hände gestützt, vor dem an der Wand hängenden Ge­mälde:Die Versuchung des beiligen Antonius."

Der Landsunker kannte dieses Bild und wußte, daß dessen Hauptfigur das wohlgetroffene Porträt der so jäh aus dem Leben geschiedenen Primadonna Frau Eufemi- Meißner war. Ein seltsames Lächeln spielte sekundenlang um seine Lippen, schwand aber sofort, als der Ritterguts­besitzer, neben welchem eine Flasche Kognak stand, der er offenbar eifrig zugesprochen hatte, sich umwandte und aufsprang.

Seine grünfunkelnden Augen stierten den Eintreten­den zornig entgegen, und er erwiderte auf dessen Auffor­derung, ihn zu begleiten, mit lallender Stimme:Nein, nein, heute komme ich nicht mit."

Weshalb denn aber?"

Weil.. je nun . . zuweilen schwirren die Erinnerun­gen um einen her, wie ein Schwärm böser Geister. Das macht man am besten mit sich selbst ab und bleibt in sei­nen vier Pfählen."

Nicht doch! Man tut viel besser, die Einsamkeit zu meiden und diese Erinnerungen auf und davon zujagen."

Ich kann's weder, noch mag ich's; denn sie sind das letzte Band zwischen einst und jetzt."

Glasneck lachte laut auf.Ja, wenn Sie an sentimen­talen Anwandlungen leiden, werter Freund, dann ..."

Keine Neckereien! Es gibt Stunden, wo ich sehr emp­findlich bin und dergleichen übel nehme!"

Und jetzt ist eine solche Stunde gekommen?"

Ja."

Lieber Himmel, die Dämonen der Vergangenheit überfallen wohl jeden von Zeit zu Zeit. Aber sehen Sie, nichts kann trübseliger sein, als dann einsam da zu sitzen. Also kommen Sie mit! Man muß sich der Melancholie erwehren. Heiterem Lachen und Lichterglanz hält sie nicht stand." 155,18