SchlilchtenmMtun g
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
_________Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat"._____________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg
M 27.
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fluden in der Schlüchterner ■ Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Zur Konfirmation.
Zieht hin mit Gott auf eurem Pilgerpfade, Ihr jungen Christen, unser Stolz und Glück! Ein gut Gewissen und des Himmels Gnade Sei euer Trost in jeglichem Geschick!
Zu neuer Arbeit ruft ein Morgenrot — Zieht hin mit Gott!
Zieht hin mit Gott! Ob sonnenhell die Wege, Ob rauh der Pfad, den Gottes Hand euch führt; Geborgen in des Höchsten treuer Pflege Ist stets zu Dank und Preis das Herz gerührt, Und nimmer ficht euch an der Feinde Spott — Zieht hin mit Gott!
Zieht hin mit Gott! Nicht immer euch zur Seite Steht treuer Eltern, treuer Lehrer Hort.
O drum erwählt als sicherstes Geleite Das ewig wahre, feste Gotteswort!
Es hilft euch siegreich selbst durch Not und Tod — Zieht hin mit Gott!
Zieht hin mit Gott! In gut und bösen Tagen O haltet fest dies Kleinod, euch vertraut! Der kann getrost das Schwerste mutvoll wagen, Wer glaubensvoll empor zum Helfer schaut, Der euer Trost auch in der letzten Not — Zieht hin mit Gott!
Paul Lips.
Konfirmation.
Zahlreiche junge Menschenkinder eilen heute dem Gotteshause zu, um vor der Gemeinde ihren christlichen Glauben zu bekennen, ihrem Gott Treue zu geloben und dann feierlich eingesegnet und in die Zahl der mündigen Glieder der christlichen Kirche ausgenommen
Samstag, den 3. April 1909
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zu werden. Wie feierlich ernst ertönen die Glocken, brausen die Klänge der Orgel, wie durchzieht frommer Schauer den jungen Christen unter der segnenden Hand des Geistlichen, wenn er vor dem Altar kniend das Gelübde der Treue ablegt! Der Tag der Konfirmation ist von ernster Bedeutung für die herangewachsene Jugend, für das Elternhaus, aber auch für den Staat und das ganze Volk. Das Gelübde der Treue, das die Konfirmanden ablegen, soll nicht ein bloßes Lippenbekenntnis zu einer kirchlichen Glaubenslehre sein, sondern eine Herzenstat, in welcher der junge Christ zu seinem Gott und den Idealen, wie sie im Evangelium enthalten sind, Stellung nimmt. Diese Jugend ist es, welche die Hoffnung unseres Volkes bedeutet. Mit Hoffnung und Wehmut schauen wir daher auf die jungen Menschkinder, werden sie die Kraft unseres Volkslebens heben oder zerstören helfen? Werden sie die große Zahl derjenigen vermehren, die in einer ziel- und haltlosen, weil religiös und sittlich bankrotten Weltanschauung deutsches Volkstum und Vaterlandsliebe zu untergraben streben, oder werden sie uns.Kräfte der Erneuerung zuführen, durch die unser Volksleben erstarken kann?
Das sind bange Fragen, die sich heute jedem Volksfreunde aufdrängen. Die Liebe, die das junge Menschenkind bisher im Familienkreise umgab, gilt jetzt in den meisten Fällen einem Scheidenden; denn es kann nichts helfen, der Knabe, und nur zu oft auch das Mädchen, „muß hinaus ins feindliche Leben, muß wirken und streben, muß wetten und wagen, das Glück zu erjagen." Das Elternhaus mit seiner treuen Liebe kann sie nicht länger halten, sie müssen ihre eigene Wege gehen. Daheim bleibt nur die Liebe und Sorge zurück und begleitet das scheidende Kind mit feinen Gebeten. Und wohl dem Kinde- d^s den feuchten Blick des Mutterauges, den festen warmen Druck d-r Vaterhand bis ins Herz hinein fühlt, wohl ihm, wenn es der Scheidestunde gedenkt in allen Lebenslagen! Es hat dann einen Leitstern bei sich für alle Zeiten. Unser menschliches Sorgen allein kann es nicht bewahren, und was es sich auch vorgenommen, es kommt nicht ans Ziel, wenn es nicht unter dem Schutze des Höchsten steht. Wohl dem, der in seinen späteren Jahren einmal von sich sagen kann:
Der Kindheit Glück, der Schule Lehren Begleiten mich auf meiner Bahn, Ob sich mir längst auch bessre Sphären, So heiß ersehnte, aufgetan;
Ob sich mir längst auf weiten Reisen
60. Jahrgang.
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Für Schönes inehr geschärft der Blick, Ob ich auch nicht genug kann preisen
Das mir von Gott, erteilte Glück.
Wer freilich mit müßigen Händen darauf warten will, bis ihm das Glück des Lebens von selbst in den Schoß fällt, der wird stets enttäuscht werden. Ernstes, emsiges Streben und treue, unermüdliche Pflichterfüllung im großen wie im kleinen, das ist die unerläßliche Bedingung. Darauf weist auch Goethe hin, wenn er sagt:
Wie sich Verdienst und Glück verketten,
Das fällt den Toren niemals ein;
Wenn sie den Stein der Weisen hätten,
Der Weise mangelte dem Stein!
Fröhlich und unbefangen vollbringen, was jedesmal die Pflicht gebeut, das ist es, worauf es ankommt. Dieser sittliche Gewiffensernst möge der konfirmierten Jugend in Fleisch und Blut übergehen! Und die Konfirmation will betonen, daß eine gute und gewissenhafte Lebensführung die beste Verankerung in einem festen religiösen Glauben findet. Vater- und Mutter- Herzen sind am Konfimationstage von vielen hoffenden und sorgenden Gedanken bewegt. Mögen die Hoffnungen überwiegen! Mögen die jungen Menschenkinder, die morgen konfirmiert werden, den ihnen zusagenden Wirkungskreis finden, mögen sie das Glück erobern und festzuhalten verstehen, mögen sie zu chrichstlich charaktervollen Persönlichkeiten heranreifen, denen die Klippen des Lebens nichts anzuhaben vermögen! Das ist heute unser innigster Wunsch.
Deutsches Reich.
— Der Reichstag erledigte am Sonnabend den Etat für das Schutzgebiet Kiautschou. In der Debatte behauptete der Abgeordnete Nacken (Z.), daß wirtschaft- ''che Vorteile in diesem Schutzgebiet bisher nicht erzielt worden seien. Dem widersprach Staatssekretär v. Tir- pitz, indem er das Steigen der Wirtschaftlichen Ent« Wickelung durch einige Ziffern erkennbar machte. Schließlich wurde der Etat für Kiautschou sowie ohne jede Debatte auch der Etat für die ostasiatische Expedition angenommen und in diedritteLesungdes Automobilgesetzes eingetreten. Abg. Graf Carmer (kons.) trat für seine Resolution, die Wettfahrten auf öffentlichen Straßen zu verbieten, ein. Staatssekretär von Bethmann-Hollweg stimmte insofern zu, als er die baldigste Schaffung eigener Rennbahnen für solcheFahrten dringend wünschte. Das Gesetz wurde sodann en bloc angenommen. — Am Montag hatte der Reichstag wieder einen großen Tag. Es stvnd die zweite Lesung des Etats des Aus-
Ier Hotenlee.
Roman von Martin Wehrau. 13
Fast alle Tische waren besetzt von einem Publikum, das in der Hauptsache aus Damen, Offizieren in Zivil und Studenten bestand. Die Bedienung wurde von vier Wiener Kellnern ausgeübt, die das Bestellte, gewöhnlich Kaffee oder Pilsener, zu den Gästen Hin- schafften. An der Decke lagerte ein dichter Zigarrenrauch, der das Atmen erschwerte, auch trug der durchdringende Moschus- und Patschuliduft nicht wenig dazu bei, einem gerade von der Straße Hereinkommenden den Aufenthalt in dem Schankraum zu verleiden.
Trotzdem aber schien man sich hier sehr wohl zu fühlen.
Trat jemand ein, so drehte sich gewöhnlich alles nach ihm um und widerlich antragende Ausrufe schwirrten jedem Ankömmling entgegen und hörten erst auf, als der Begehrte ein Unterkommen gefunden hatte.
Die Worte des eben angelangten, der den rotsam- tenen Vorhang wegschob und nun breitbeinig dastand, die eine Hand in der Hosentasche und mit der anderen zwischen zwei Fingern ein silberknaufiges Stückchen ba- lanzierend, und sich stier umsehend, erregten überall Sensation.
Einen Augenblick schwieg alles, dann aberwurde er mit einer Flut von obscönen Redensarten überschüttet, die er mit behaglichem Schmunzeln quittierte. Er schien sehr zufrieden mit seinem Entree zu sein.
Gerade wollte er sich auf einen leeren Stuhl niederlassen, da mußte ihm etwas einfallen, denn er drehte sich rasch um, wie wenn er jemand suchte. Da er aber niemand fand, stürzte er wütend zu dem roten Portalvorhang und riß ihn zurück.
Hier stand ein junges Mädchen mit wunderbaren, großen Augen, welches in seiner einfachen Kleidung
einen wohltuenden Gegensatz zu den aufgeputzten Damen machte.
In der tadellos proportionierten Figur der Schwarzgekleideten erkannten die sie mit ihren Blicken verschlingenden Lebemänner sofort eine Schönheit ersten Ranges, die ihrem Forschen merkwürdigerweise bisher entgangen war.
Alles steckte die Köpfe zusammen und flüsterte in fragender Neugier: „Wo mag Eistedt die her haben? Der Mann besitzt ja ein wahres Riesenglück."
Dann verfolgten sie mit Lächeln das traurige Schauspiel, welches sich inzwischen an dem Eingang abspielte.
„Dummes Ding, was stehst Du noch hier," schrie sie der junge Mann an. „Aus was wartest Du denn eigentlich noch. Du scheinst Dich und mich durchaus blamieren zu wollen."
„Liebster Willi, nicht wahr," flüsterte das arme Wesen, „Du wirst nicht darauf bestehen, daß ich dieses Lokal betrete, das mit diesen . . diesen . . Damen angefüllt ist? Bitte, bitte, bringe mich nach Hause. Mutter wird sich schon an und für sich meinetwegen ängstigen. Das Theater ist ja lange aus . . Es tut mir so sehr leid, daß ich Deiner Bitte folgte und mich in das Weinrestaurant geleiten ließ. Ach Gott, ach Gott," schluchzte sie, „was habe ich nur getan! Ich hätte auch nie geglaubt, daß Du so schlecht sein könntest, nie, sage ich Dir!"
Der mit.Willi Angeredete wurde etwas verlegen bei diesen Worten, die stichelnden Redensarten der Gäste aber trieben ihn wieder zu neuen Wutausbrüchen an. Roh packte er eine Hand des Mädchens, so daß dieses schmerzlich aufstöhnte, und sagte dann: „Mach' Dich nicht lächerlich, Edith. Sofort kommst Du herein oder . Drohend erhob er den Spazierstock.
Das Mädchen blieb vorerst einen Augenblick wie erstarrt stehen und schaute dabei den Wüstling mit größtem Entsetzen an. Dann aber riß sie sich mit einem so kräftigen Ruck los, daß der junge Mann taumelte,
stürzte durch die Tür und rannte wie von Furien gepeitscht die nur wenig belebte Straße entlang.
„Verdammt!" knirschte Willi von Eistedt, denn er war es, und versuchte hierauf seine durch den Alkohol in ihrer Bewegungsfreiheit sehr gehemmten Beine in Gang zu setzen, um das Mädchen wieder zu erreichen. Dieses jedoch war schneller als er. Als Eistedt um die nächste Ecke bog, wo er seine Begleiterin hatte verschwinden sehen, konnte er gerade noch bemerken, wie sie eine Droschke bestieg, welche sich auch sofort in Bewegung setzte.
Da gab er seine verfehlten Bemühungen unter kräftig vor sich hin gemurmelten Flüchen auf. Ueberlegend blieb er stehen. „Zu dumm! Ich bin aber auch zu unvorsichtiggewesen. Der verwünschte Suff! Sosicher glaubte ich sie zu haben, nun aber ist sie zum Kuckuck. Es wird schwere Mühe kosten, das Kind wieder zu Vernunft zu bringen, kalkuliere ich. Da bleibt nichts anderes übrig, Willbert muß noch einmal helfen. Doch wer weiß, ob er hier ist und nicht in dem teuren Burghof residiert. Er hat mir zwar versprochen, heute bei Moldenhauer zu sein, aber ich hätte ja selber bald darauf vergessen. Na, Hingondeln können wir ja 'mal."
Er rief einen vorüberfahrenden Taxameter an und fuhr mit ihm nach der Hohenzollernstraße an die betreffende Adresse. Dort war noch geöffnet und der Wirt zog, als er den ihm sehr wohlbekannten Willi sah, devot seine Mütze und fragte nach seinem Begehr.
„Ist Herr Willbert hier gewesen?"
„Bedaure, Herr Baron, er hat sich nicht blicken lassen."
„So, dann wird er wohl in den „Königshallen" sein. Muß ihn heute unbedingt sprechen, 'n Abend!"
„Guten Abend, Herr Baron."
Willi von Eistedt ging langsam den Steindamm hinauf; am Tage die größte Verkehrsstraße, lag er jetzt einsam und verlassen, nur der Schritt des patrouillierenden Schutzmanns hallte auf dem Pflaster. 160, ia