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mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
_______Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".________________________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
28. I Mittwoch, den 7. April 1909 60. Jahrgang.
Fortwährend
werden Bestellungen auf die
Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
finden in der Schlüchterner ■ Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Austage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Amtliches.
J.-Nr. 3800. Am 14. d. Mts. wird in Melsungen eine Versammlung der Lehrer und Freunde des ländlichen Fortbildungsschulwesens des Regierungsbezirks Cassel abgehalten.
Den Herren Lehrern gebe ich hiervon mit der Empfehlung Nachricht, sich recht zahlreich an dieser Versammlung zu beteiligen. Den Leitern der Fortbildungsschulen wird ein Exemplar der Tagesordnung in den ersten Tagen von hier aus zugehen.
Die Herren Bürgermeister wollen diese Verfügung den Herren Lehrern zur Kenntnisnahme mitteilen und dafür Sorge tragen, daß die den Lehrern durch den Besuch der Versammlung entstehenden Kosten aus den Gemeinden für das Fortbildungsschulwesen zufließenden Zuschüssen erstattet werden.
Schlüchtern, den 5. April 1909.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
Aarfreitag.
Unsere großen christlichen Feiertage sind es wert, daß man immer wieder zu den Quellliefen ihrer ursprünglichen Idee, um deren willen wir sie begehen, Herabsteige, statt sich nur oberflächlich an ihnen einer kirchengeschichtlichen Begebenheit zu entsinnen und so sie schließlich bloß noch als religiös stark verflüchtigten Kultusakt zu empfinden. Es ist wirklich wenig für
uns gewonnen, wenn der Karfreitag uns nichts weiter als den gesetzlich vorgeschriebenen Gedenktag an den Tsd des Religionsstifters Jesu svon Nazareth bedeutet. Unser innerstes Denken und Fühlen kann dabei so unempfindlich bleiben, wie etwa bei der Erinnerung an den Todestag Goethes oder irgend eines anderen bedeutenden Geistes, obschon er der Zeit ein gewisses ein Feiertag der Seele werden!
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Der Tokensee.
Roman von Martin Wehrau. 15
Sie schien anfangs wenig Lust zu haben; als er ihr aber beteuerte, er werde sie aus dem Lokale herausnehmen und ihr einen Herrenartikel-Laden einrichten, da wurde ihr Herz erweicht. Sie gab ihm die Zusage, sich morgen am Ausgehtag mit ihin zu treffen. Ihr Schatz, ein schlanker Student, der am Tisch nebenan saß und wütend eine Tulpe „Schönbusch" nach der anderen hinunterstürzte, verging vor Eifersucht.
Willi rat an den Tisch heran. ,,n' Abend! Ich glaubte Sie bei Moldenhauer zu treffen und nun sitzen Sie hier und poussieren!"
„Aeh, pardon, ich hatte wirklich ganz vergessen, entschuldigen Sie, die Hauptsache ist ja, daß wir uns getroffen haben."
„Eine nette Entschuldigung!" entgegnete Eistedt und setzte sich.
„Na, wir wollen uns wieder vertragen und einen Friedenstrunk trinken. Malchen, bringe mal drei Niko- laschka, nein vier, die dicke Wanda kann auch eine mit- trinken."
„Meinetwegen," brummte Willi, „Sie werden ja doch nie anders."
Als sie dann alle die Zitronenscheibe mit Zucker ausgeschlürft und den Kognak nachgegossen hatten .. das war nämlich der Nikolaschka .. sagte Willbert: „Haben Sie schon meine neueste Bekanntschaft gesehen?"
„Na, ich gratuliere, Malchen," entgegnete Eistedt ironisch, „da hast Du ja eine feine Wahl getroffen."
Das Mädchen schien das als Anerkennung aufzu- fäffen und flüsterte ihm zu: „Ja, er ist ein sehr anständiger Mensch, er wird mir ein Herrenartikel-Geschäftkaufen.'
Da fing Eistedt und auch die „Mutter Wanda," welche diese Worte gehört hatt", furchtbar an zu lachen und Eistedt rief: ..Nein, bist Du ein Schäfchen,
neues Gepräge gab. Weit größer wäre bereits der Gewinn, wenn wir am Karfreitag den geschichtlichen Tod Jesu in uns gleichsam zu einer inneren Gegenwart werden ließen, sodaß unsere Seele mitschwingt, wenn wir uns die Fragen zu beantworten suchen: was hat dieser Mann eigentlich für seine Zeit gewollt? was hat er geleistet und um welcher Idee willen hat er damals sein Leben am Kreuz gelassen? Waren es Gedanken und Taten von solch innerer Größe, daß sie selbst von den geistigen Errungenschaften unserer modernsten Zeit noch nicht überwunden worden sind und auch ihr noch Probleme stellen, des Schweißes der Edelsten wert? Wohlverstanden! auch bei einer solchen Würdigung des Lebens und Todes Jesu würden wir nur eine historische Persönlichkeit vor das Forum der Welt- und Menschengeschichte stellen, wenn auch in geistig lebendiger Art, die aber für wirkliche geschichtliche Forschung die einzig gerechte, wissenschaft- lich-vornehm" Methode sein und bleiben wird. Und bis zu welchen Höhen nicht bloß allgemein menschlicher, sondern speziell religiös-sittlicher Genialität ragt dann schon die Gestalt des Nazareners empor! Aber selbst damit hätten wir das Sein und Wesen der Person Jesu noch nicht voll ausgeschöpft. Schuldig sind wir ihm noch die Versenkung in die innersten Regungen seiner Seele, um hier nicht bloß den Schlüssel für das Verständnis seines einzigartigen Charakters zu finden, sondern auch den Anknüpfungspunkt für unsere eigene Seele, um sie zu befähigen, dem Vorbild eines solchen Lehrers der Menschheit nachzueifern. Denn alle Geistesheroen sind für uns doch so lange toter Besitz, als wir vom Geist in uns so wirksam werden lassen, daß wir vom. Lebenshauche dieser Kraft erfaßt und umgewandelt werden. Dann aber offenbart sich in Christus — je länger wir uns in sein Wesensbild versenken, desto mehr! — eine Kraft des Gehorsams zu Gott und eine Kraft der Liebe zu der gesamten Menschheit, die beide in seinem Tode am Kreuz zu so überwältigendem und so erschütterndem Ausdruck kommen, daß sie mit irdischem Maße schlechterdings nicht mehr zu messen sind. Damit werden wir aus dem Boden reiner Menschengeschichte heraus« und so unmittelbar in denjenigen der Gottesgeschichte hineingepflanzt, daß Karfreitagsgedanken Schauer der Ewigkeit auslösen können. Dann aber auch werden wir gewiß sein, zu den Quelltiefen der ursprünglichen Idee des Karfreitags vorgedrungen zu sein, und er wird uns mehr als ein kirchlicher Gedenktag, er wird uns
darauf fällst Du noch hinein; das ist ja sein berühmter Trick, um den Mädels zu imponieren; den Laden verspricht er immer, kauft ihn aber niemals."
Malchen, die anfangs nicht wußte, ob sie bloß gefoppt wurde, ging allmählich ein Seifensieder auf. Um sich aber ehrenvoll aus der Affäre zu ziehen, warf sie leicht hin: „Ach, das habe ich ihm ja sowieso nicht geglaubt," trank ihr Glas aus und setzte sich, ohne Willbert noch eines Blickes zu würdigen, zu ihrem solange treulos verlassenen Studenten.
„Das ist aber gar nicht schön von Ihnen, mich so hineinzulegen," fing nun Willbert an, „sie war schon ganz auf den Leim gegangen, schade, schade."
„Ich habe ein gutes Werk vollbracht, das war für das Versetzen, eine Liebe ist der anderen wert," erwiderte Wilu trocken, „wir können nun zu ernsteren Dingen übergehen."
„Meinetwegen," sagte Willbert grämlich. „Doch wo haben Sie Edith gelassen?"
„Darüber wollte ich gerade mit Ihnen reden. Die ist mir nämlich durchgegangen."
„Nanu, ich hatte sie doch so schön überredet. Sie mußte wie Wachs in Ihren Händen sein." Willbert reichte dem jungen Mann eine mit Importen angefüllte Zi- garrentasche. „Stecken Sie sich erst eine ins Gesicht und dann schießen Sie los. Wie war denn die Sache? Sie müssensehrunvorsichtig gewesen sein."
„Leider, ich hatte einen kleinen Schwips weg und da bin ich vielleicht etwas brutal gewesen. Sonst pflegt das ja bei dergleichen Personen immer zu ziehen, aber hier mißlang mir die Geschichte. Sie rannte davon, als ob ich der Leibhaftige in Person wäre .. Kuckuck, laß sein, wie es will!" Er schlug mit der Faust auf die Tischplatte, daß ihn alle Anwesenden neugierig ansahen. „Sie ist das pompöseste Weib, das ich je gesehen habe, sie muß auf jeden Fall meine Frau werden, koste es, was es wolle. Und dazu sollen Sie mir verhelfen, lieber Willbert."
K
Deutsches Reich.
— Die Mittelmeerreise des Kaisers soll, wenn keine anderweitigen Bestimmungen erfolgen, am Osterdienstag ihren Anfang nehmen.
— Während der diesjährigen großen Kaiser-Manöver wird der Monarch im Kurhotel zu Mergentheim Quartier nehmen.
— Reichskanzler Fürst v. Bülow hat eine Erholungsreise nach Oberitalien angetreten.
— Dem Reichsluftschiff jZ. 1 gelang es auf seiner Fahrt nach München bei Loiching in der Nähe von Dingolfing in Niederbayern glücklich zu landen. Aus München und Landshut war an der Landungsstelle Militär eingetroffen. Das Luftschiff kehrte dann ohne Schaden gelitten zu haben nach Manzell zurück.
— Der Reichsluftkreuzer „Zeppelin 1" hat Montag morgen eine neue, auf 24 Stunden berechnete Dauer« fahrt angetreten.
— Der Reichstag hatte am Dienstag bei der Beratung über den Etat des Reichskanzlers seine innerpolitische Debatte, die von dem Abg. Wassermann (natl.) eingeleitet wurde. Er beschränkte sich auf die Frage der Reichsfinanzreform und erklärte, daß die National- liberalen zur Annahme einer Erbanfallsteuer entschlossen seien. Abg. Wiemer (fr. Vp.) polemisierte gegen die Rechte, Abg. Frhr. v. Richthofen (kons.) wies die Angriffe gegen die Konservativen zurück, während die Abgg. Fürst v. Hatzfeld (Rp) und Liebermann v. Sonnenberg (wirtsch. Vg) die Bereitwilligkeit ihrer Fraktionen zu einem Ausbau der Erbschaftssteuer erklärten. Einen Angriff des Abg. Götz v. Olenhusen (Welse), der die Königstreue des Reichskanzlers anzu- zweifeln gewagt hatte, wies Fürst Bülow entrüstet zurück und sprach dann über Block und Reichsfinanz- reform. — Am Mittwoch begründete zunächst Abg. Roeren (Z.) eine Resolution, in welcher der Reichskanzler ersucht wird, die gewerbsmäßige Herstellung und Verbreitung unsittlicher Schriften und Bilder möglichst zu unterdrücken. Die Besprechung des Falles des Professors Kuhlenbeck. jener Lausanner Universiläts- Professors, der wegen alldeutscher Umtriebe und wegen des Verdachts der Kolleg Abtreibung aus feinem Amte entfernt worden ist, ergab, daß derselbe keineswegs ein Opfer des Deutschenhasses geworden ist. Zum Schluß entwickelte sich noch ein Rededuell zwischen den Abgg. Gothein (fr. Vg ) und Graf Kanitz (kons.) über den Handelsvertrag mit Amerika. — Nachdem am Mittwoch noch eine Abendsitzung zu Hilfe genommen wurde, ist endlich am Donnerstag die zweite Lesung des Etats
Dieser schüttelte bedächtig seinen roten Kopf. „Ja, das ist nicht so leicht, wie Sie denken. Sie wissen, ich habe mein möglichstes getan, Sie mit ihr bekannt zu machen, als Sie sich erst in das Mädchen vergafft hatten. Es hat Anstrengungen genug gekostet, denn sie ist keine „leichte Person," wie Sie sie nannten, sondern die bisher hochanständige Tochter einer Lehrerswitwe. Und so etwas hält auf sich, um so mehr, wenn sie bislang auf dem Dorf, auf welchem sie wohnte, eine angesehene Stellung einnahm. Hätte ich die Familie nicht von früher gekannt, hätten wir uns begraben lassen können, so aber gelang es uns schließlich, eine ganz „zufällige" Begegnung bei Plouda herbeizuführen. Nach und nach schien sie bedeutendes Gefallest an Ihnen zu finden, Baron. Sie traten auch so zart und gentlemanlike auf, daß sich die Dorfschöne betören ließ, sie merkte nicht das geringste von dem Pferdefuß. Und jetzt sollte diese schöne Bekanntschaft, wie Sie sagten, ein wenig durch Ihre Schuld, zerstört oder doch wenigstens gelockert sein. Wirklich, ich kann es noch immer nicht glauben. Aber," er lächelte wie ein Mephisto, „wir werden die Sache schon wieder ins rechte Geleise bringen. Ich habe Erfahrungen, sage ich Ihnen, und bin nicht umsonst Oberleutnant von den Garde-Pionieren."
„Ja, ja, ich weiß. Das hat mich auch veranlaßt, Ihnen mein Vertrauen zu schenken. Ich pflege sonst nicht sehr für bürgerliche Namen zu schwärmen," bemerkte Eistedt mit einem gewissen Hochmut, der ihn ab und zu seinem sogenannten Freunde gegenüber befiel.
Dieser streifte ihn nur mit einem sonderbaren Blick, reagierte aber nicht weiter darauf, sondern sagte: „Nun aber zur Sache. Erzählen Sie, ich will inzwischen überlegen, was sich tun läßt."
Willi berichtete, nachdem er sich vorher mit einem Schluck Pilsener gestärkt hatte, die ganze unangenehme Affäre, schonte sich möglichst und war andererseits nicht sparsam mit Ausdrücken wie „Landpomeranze" und so weiter 160,18