SchlüchternerAitmg
mit amtlichem Kreisblatt. Klonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
__Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat"._______
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 33.
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Reichsfinansreform und Erbschastsbesteuerung.
V. Empfehlenswerte Veränderungen an den Regierungsvorlagen.
Es ist der Nachweis geliefert, daß die Erbschaftssteuer nicht ungerecht ist und Vorkehrungen zum Schutz der Eigenschaft der landwirtschaftlichen Gewerbe getroffen sind. Immerhin kann man über die Einzelheiten der Ausgestaltung derselben im Zweifel sein, und es sind im Laufe der letzten Monate durch die eingehende Er örterung eine Reihe von Gesichtspunkten zutage gebracht, die bei der endgültigen Redaktion noch zu berücksichtigen sein dürften.
Allgemein ist der Widerspruch gegen eine Umlage der Steuer auf den Nachlaß ohne Rücksicht auf die Zahl der Erben, speziell also bei der Deszendentenbesteuerung auf die Kinderzayl. Für eine Nachlaßsteuer sprach zunächst die Möglichkeit, bei einer solchen den Nachlaß als ganze Vermögensmasse einheitlich zu erfassen. Ferner ist es bei einer Besteuerung des reinen Nachlasses eher möglich, von vornherein gewisse Teile des Vermögensbestandes, wie Haushaltungsgegenstände, Familienbilder und andere Erinnerungen usw., von der Steuer freizulassen. Außerdem war aber maßgebend noch der Wunsch, mit einer solchen Nachlaßsteuer gleich die Wehrsteuer zu verbinden, indem man von dem Nachlaß desjenigen, der nicht gedient halte, eine höhere Steuer erhob als von dem, der seiner Militärpflicht genügt hatte. Dadurch waren weitere 14 Millionen Mark eingebracht.
Es ist jedoch unverkennbar eine Härte, daß genau die gleiche Summe erhoben wird, gleichgültig, ob ein Kind 30 000 M. oder fünf Kinder je 6000 M. erben. Es ist daher nicht ohne Grund von den Vertretern der Reichspartei als eine Bedingung für die Zustimmung zum Gesetz eine Berücksichtigung der Zahl der
Der Totensee.
Roman von Martin Wehrau. 21
Dillbert tat so, wie wenn er nichts merkte, und rief ihr nach: „Meine Gnädigste, auf einen Augenblick!"
Sie hielt ihr Pferd an, aber ohne den Kopf mehr als halb zurückzuwenden, und fragte kalt: „Sie wünschen?"
„Ich soll Ihnen von Baron Willi die allerbesten Grüße übermitteln," beeilte sich der ihr nachgelaufene Unternehmer zu versichern. Trotzdem er sich hier auf Strecke befand, hatte er es doch nicht für nötig gehalten, sich seiner stets zur Schau getragenenReichtümer zu entäußern: an ihm funkelte und glitzerte es in den Sonnenstrahlen von Gold und Diamanten, was den Gegensatz zwischen denen, welche durch ihre eigene Kraft ihm viele Tausende erwarben und ihm selbst, der nichts tat, als das Selb' einzustreichen, um so schärfer hervortreten ließ.
All das bemerkte auch Charlotte und veranlaßte sie, noch schroffer zu antworten, als sie es sonst vielleicht getan hätte: „Mir ist ein Baron Willi nicht bekannt."
„Hähähä, Gnädigste werden Ihren Bruder nicht kennen!" lachte er in dreister Vertraulichkeit.
Charlotte schoß vor Entrüstung das Blut nach dem Kopf.
„Wenn Sie meinen Bruder gemeint haben sollten, so dürften Sie wissen, daß derselbe gleich allen Mit- guedern unserer Familie den Titel „Baron" nicht führt, weil er. ihn eben nicht besitzt. Im übrigen bezweifle ich sehr, daß er Sie beauftragt hat, Ihnen für mich Grüße N übermitteln, da er sehr wohl weiß, wie tief ich das Verhältnis bedaure, in welchem er zu Ihnen steht. Ich verzichte deshalb auch gern darauf, von Ihnen fer- nerhm angesprochen zu werden, und werde meinerseits dafür sorgen, daß sich unsere Wege möglichst wenig kreu-
Willbert verschlang indes ihre durch den Zorn noch
Samstag, den 24. April 1909
erbenden Kinder aufgestellt worden. Dem könnte Rechnung getragen werden, indem anstatt der Nachlaßsteuer eine Erweiterung des bestehenden Erbschaftssteuergesetzes eingeführt würde.
Man kann ferner darüber streiten, bei welchem Mindestsatz des Nachlasses die Steuer einsetzen soll. Freunde der Nachlaßsteuer wollten jenen auf 40—50000 M. Nettonachlaß festsetzen. Wird eine Erbanfallsteuer eingeführt, muß der Mindestsatz entsprechend der Erbenzahl abgestuft werden. Zur Deckung des Ausfalls infolge dieser Aenderung muß dann allerdings entweder die Progression weitergeführt werden, so daß sie nicht mit 3 v. H. aufhört, sondern bei den Millionären bis 4 v. H. oder' darüber geht, oder es muß eine weitere Besitzabgabe eingeführt werden, die den Minderertrag wieder einbringt.
Es wäre vielleicht auch notwendig, noch weitere Erleichterungen für den kleinen Grundbesitz in Stadt und Land einzuführen. Es muß vor allem besondere Vorsorge dafür getroffen werden, daß die Steuer von allen Erben gezahlt und nicht, wie man vielfach befürchtet, etwa auf den Guts- oder Geschäftsübernehmer allein überwälzt wird. Es ist auch hier und da verlangt, von dem Wert des bäuerlichen Besitzes die Hälfte als Arbeitseinkommen abzuziehen.
Ueber diese Einzelheiten werden gerade Vertreter der landwirtschaftlichen Interessen in der Finanzkom- mission dann mitreden und Einfluß erlangen können, nachdem sie grundsätzlich einer Erbschaftsbesteuerung zugestimmt haben.
Ebenso mag es sich empfehlen, die Renteneintragung auch für anderen Immobiliarbesitz in Stadt und Fabrik zu gestalten. Das sind aber Einzelheiten der Gesetzgebung, die sicher gelöst werden, wenn erst die notwendige grundsätzliche Zustimmung aller maßgebenden Parteien zum Ausdruck gelangt.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser ernannte den König Karl von Rumänien zum Generalfeldmarschall.
— Fürst und Fürstin Bülow sind von ihrer Reise wieder in Berlin eingetroffen.
— Reichskanzler Fürst von Bülow nahm mehrere Adressen zugunsten der Finanzreform entgegen und entwickelte im Anschluß daran den Standpunkt der Verbündeten Regierungen in ausführlicher Rede.
— Der deutsche Kronprinz ist am Montag in Bukarest eingetroffen. König Karol war durch eine heftige Erkältung verhindert, sich zum Bahnhof zu be-
reizvoller gewordene Gestalt mit glühenden Blicken und hörte kaum darauf, was sie sagte.
Als sie sich ohne Gruß entfernte, blickte er ihr tückisch nach und murmelte mit höhnischem Lächeln: „Nur nicht so stolz, mein Püppchen. Meine Zeit kommt auch, dann wirst Du anders sprechen!"
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Der Pächter Julius Faustmann wurde allgemein für einen in seiner An tüchtigen und braven Menschen gehalten; aus dem Kleinbauernstande hervorgegangen, hatte er sich mit eiserner Energie alle die landwirtschaftlichen Kenntnisse zu eigen gemacht, welche zum modernen Betriebe eines größeren Besitzes durchaus erforderlich sind.
Das ausgedehnteJlmenauscheVorwerk Gottesgnade, das sich in ziemlich vernachlässigtem Zustande befunden hatte und auf welchem vorher verschiedene Vorgänger ihren Bankrott angesagt, war durch ihn zu einem Mustergute in bestem Sinne des Wortes umgestaltet worden, weshalb er in der ganzen Umgebung als ein recht wohlhabender Mann galt.
Nur einen Fehler besaß er: er schämte sich seiner kleinbäuerlichen Abkunft und prunkte gern mit seiner sogenannten Bildung. Fast jeden Satz spickte er mit irgend einem aufgeschnappten Fremdwort, das er aber, wie gewöhnlich in solchen Fällen, immer an der falschen Stelle anbrachte.
Außerdem hielt er sehr viel auf Ehre und Reputation und war ganz aus dem Häuschen, wenn ihn eine hochgestellte Persönlichkeit einmal ansprach oder ihm gar bei der Begrüßung oder beim Abschied die Hand reichte.
Dieses Vorkommnis verschwieg er nicht lange und erzählte es jedem, der es hören wollte, indem er seine kleine, gedrungene Gestalt in die Höhe reckte, während sein Gesicht ein geradezu kindlich freudiges Lächeln umspielte. Dabei vergaß er nicht, dem.Titel dessen, von
60. Jahrgang.
■■■■■■■■■■■■IIIMHHK geben. Der Kronprinz wurde von der Königin, den Prinzen und Prinzessinnen von Rumänien empfangen. Die Bevölkerung bereitete dem Kronprinzen einen sehr herzlichen Empfang. Im königlichen Schlöffe wurde der Kronprinz vom Könige empfangen, der ihn herzlich umarmte. Der König trug preußische Generalsuniform. Der Besuch des deutschen Kronprinzen wird als ein kostbarer Beweis für die herzlichen Gefühle betrachtet, die der Deutsche Kaiser für Rumänien und seinen Herrscher hegt.
— Gerüchte von einer Verlobung des Prinzen Oskar, des fünften Sohnes des Kaisers, sind in Hofkreisen im Umlauf. Man spricht von einer Verlobung des Prinzen Oskar mit seiner Cousine Prinzessin Viktoria Margarethe, der ältesten Tochter des Prinzen Friedrich Leopold. Prinz Oskar ist am 27. Juli 1888 geboren, also etwa zwei Jahre älter als Prinzessin Viktoria Margarethe, die am 17. April 1890 geboren ist.
— Der serbische Kronprinz Alexander soll im kommenden Wintersemester die Universität Bonn beziehen und feine Studien später in England fortsetzen.
— Im neuen Prozeß Moltke-Harden, der am Dienstag vor dem Berliner Landgerich I begann, wurde der Schriftsteller Maximilian Harden wegen Beleidigung des Grafen Kuno Moltke zu 600 M. Geldstrafe verurteilt. Er wird gegen dieses Urteil Revision einlegen.
— Ueber eine Schwindelnachricht des Zentrumsblattes „Germania" schreibt die halbamtliche „Nordd. Allg. Ztg." an erster Stelle: „Die „Germania" hat sich unter dem 14. d. M. eine alberne Erzählung über Tränen, die der Reichskanzlers vor Sr. Majestät dem Kaiser vergossen haben soll, von gut unterrichteter Seite mit dem Beifügen bestätigen lassen, daß Fürst Bülow wie ein Schloßhund geheult habe. In deutschen Blättern ist diese Leistung der „Germania" bereits nach Gebühr gewürdigt worden. Da ausländische Zeitungen auf die Angaben der „Germania" hereingefallen sind, wollen wir ausdrücklich feststellen, daß es sich um ganz gewöhnlichen Schwindel handelt" — Man darf gespannt sein, wie sich die „schwindelnde" „Germania", die mit ihren plumpen Angriffen auf den Reichskanzler ein besonders Pech hat, aus der Affäre zieht.
— Bei der Reichstagstichwahl in Stade-Bremervörde wurde Dr. Hoppe (natl.) mit 10 969 Stimmen gewählt Rhein (Soz.) erhielt 6314 Stimmen.
— In Berlin hat sich der zahlreich besuchte erste Deutsche Beamtentag in sehr lebhafter Weise für die Reichsfinanzreform und die Beamtenbesoldungsvorlage ausgesprochen.
welchem er sprach, das intime Wort „Freund" vorzu- setzen.
„Wissen Sie, mein Freund, der Graf..."
In seinem Bestreben, sich wichtig zu machen, wurde der sonst prächtige, gutmütige Mann sehr von seiner Ehefrau bestärkt/ einer sehr korpulenten Dame, die von einem sogenannten „köllmischen Gut" stammte und deshalb annahm, sie sei zu ihrem Gatten herabgestiegen, als sie ihn heiratete: sie, eine Gutsbesitzerstochter, und er, ein Kleinbauer., welch' gewaltiger Unterschied.
Ebenso nichtachtend wie sie die Frauen ihres Bekanntenkreises behandelte, ebenso süßlächelnd und mit einer Unzahl urkomischer Bücklinge begrüßte sie die in der Umgegend wohnenden Damen der Aristokratie, wenn diese sich einmal herbeiließen, mit ihr ein Gespräch anzuknüpfen. Wie ein Truthahn schwoll sie dann an vor Hochmut und war wenigstens an diesem Tage von einer wahrhaft unangenehmen Arroganz.
Ihre umfangreiche Taille machte ihr viel Schmerzen, und sie versuchte, durch Enthaltsamkeit beim Mittagessen die flötengegangene Schlankheit wiederzuerlan- gen. Da sie sich aber nach dem Essen hinsetzte und in unangebrachter Sparsamkeit sämtliche Reste auslöffelte, wurde sie stärker wie zuvor.
Auf allen Gesellschaften bildete sie den Schrecken der anwesenden Gäste, da sie sich einbildete, eine gottbe- gnadete Sängerin zu sein. Es war das beste Mittel, üb erfüllte Zimmer zu leeren, wenn sie sich an den Flügel setzte und mit blaurotem Gesicht und fettiger Stimme das Lieblingslied ihres Mannes auf die leeren Wände, schmetterte.
Dann befand sie sich auch bald allein.
Von diesem oben geschilderten Ehepaar wurde Graf Helmbach empfangen, als er eines Morgens vor dem hübschen, weinumrankten Gutshause vorfuhr. Mit einer Schnelligkeit, die man den beiden korpulenten Leuten nicht zugetraut hätte, stürzten sie die Freitreppe hinunter. 160,18.