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SchlüchternerZeitun g

mit amtlichem Kreisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

"^^ Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". ________

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>er Schlüchterner den meisten Erfolg, im Kreise Schläch­tern erscheinenden Zeitungen besitzt.

Zur Lage in Ztambul.

Die militärische Arbeit, die bei den letzten türki' schen Verfassungskämpfen geleistet wuroe, verdient das Prädikat ausgezeichnet. Die Einnahme Konstantinopels durch das mazedonische Heer war aufs sorgfältigste vorbereitet, die Durchführung war umsichtig und schneidig, die fremden Missionen wurden in den Ge­fechten um die Kasernen durch besondere Wachen ge­schützt, die Kämpfe selbst auf das für die Erreichung des Zieles Notwendigste beschränkt, die Bevölkerung der ausschließlich von Türken bewohnten Stadt Stambul in Ruhe und Ordnung gehalten, so daß sich die ganze Operation ohne Mord, Plünderung und allgemeines Blutvergießen vollzog. Auch in den Proklamationen des Leiters der Operationstruppen drückte sich ein klarer militärischer Geist aus. Muktar Schewket Pascha wies sogar den doch recht begründeten Verdacht zurück, daß er mit dem jungtürkischen Komitee in Verbindung stehe, und daß in seinem Offizierkorps Politik getrieben werde. Richtig ist aber, daß für die Bestrafung der Meuterer vom 13. April, die ihre Offiziere geknebelt uhb das Parlament vergewaltigt hatten, rein militärische In­teressen geltend gemacht werden konnten.

Trotzdem ist aber das ganze Schauspiel der Be­kämpfung und Entwaffnung der sultanstreuen Garni­son von Konstantinopel von politischen Motiven erfüllt, und es fragt sich nun, ob die politische Arbeit, die der Nationalversammlung im Verein mit dem militärischen Machthaber zufällt, ebenso umsichtig und erfolgreich sein wird als die militärische. Eine feste Zuversicht, daß nunmehr ein neues Regiment von Dauer und ohne Aufstände in den Provinzen des weiten osmanischen Reiches eingesetzt werde, wäre mehr als gewagt. Es ist noch ungewiß, ob in der gegenwärtig wichtigsten Frage, was aus dem bisherigen Sultan und Kalifen

Samstag, den 1. Mai 1909

wird, die Klugheit über den Haß und die Erbitterung eines großen Teils der Jungtürken gegen die Person Abdul Hamids den Sieg davon trägt. Würde man sich dazu hinreißen lassen, dem Sultan ans Leben zu gehen, so würde sicher das orthodoxe Türkentum zu heftiger Gegenwehr aufgereizt werden.

Aber auch wenn Abdul Hamid nur abgesetzt wird, oder wenn er das Verbleiben auf dem Thron mit Geld und allen alten Herrscherrechten erkauft, bleiben noch schwere Gefahren genug für eine ruhige innere Ent­wickelung und den festen Zusammenhalt des osmani­schen Reiches. Eine Parlamentsherrschaft steht nun einmal in zu schroffem Widerspruch mit den orientali­schen Gewohnheiten und dem religiösen Lebensgehalt der Türken, die sich von der Vorstellung eines weltmäch- tigen Kalifen nicht so leicht trennen läßt. Schon jetzt flammt in Kleinasien u. Syrien da und dort der alte Fa­natismus auf. Ein türkisches Wort sagt: Es ist immer schlecht, wenn Osmanen gegen Osmanen kämpfen. Die Jungtürken haben also immer noch in schwerste und langwierigste Arbeit vor sich, deren allgemeines Thema ist: Wie läßt sich das religiöse Element mit dem er­strebten Fortschriit westlicher Kultur versöhnen?

Erbschaftssteuer und Landwirtichast.

Dii Bestimmungen der Erschaflssteuergesetzgebung in denen sich die besondere Fürsorge für die landwirt» schaftlichen Verhältnisse ausspricht, sind noch lange nicht so bekannt im Lande, wie es für die Entscheidung über dieses wichtige Gesetz unbedingt notwendigt wäre. Ueber den Umfang und die Tragweite der in dem Nachlaß­steuerentwurf für den Landbesitz vorgesehenen Erleich­terungen und Vergünstigungen bestehen noch vielfach Zweifel, Unklarheiten und falsche Auffassungen, aus denen die Widersprüche gegen die Nachlaßsteuer, soweit sie noch aufrechterhalten werden, fast ausschließlich ihre Nahrung saugen Wir möchten deshalb hier nochmals zur Aufklärung weiterer Kreise auf die wichtigsten Be­stimmungen des Gesetzes hinweisen, aus denen unzwei­deutig hervorgeht, daß in ihm den Interessen der Landwirtschaft in solchem Umfange Rechnung getragen wird, daß dadurch für jeden objektiv urteilenden die Gefahr einer einseitigen Belastung oder Schädigung der Landwirtschaft durch die Nachlaßsteuer als voll­ständig beseitigt erscheinen muß.

Die Nachlaßsteuer beginnt erst, wenn der schulden­freie Reinwert des Nachlasses eine Höhe von 20 000 Mk. erreicht. Wichtig ist nun vor allem, wie dieser Wert ermittelt wird. Zunächst bestimmt § 10: Klei-

60. Jahrgang.

dungsstücke, Betten, Wüsche und Hausgerät des Erb­lassers bleiben, soweit diese Gegenstände nicht zum Erwerb oder $um Verkaufe bestimmt sind, bei Berech­nung der Steuer außer Betracht." Sodann sagt § 12 Bei Feststellung des Reinwertes des Nachlasses kom­men behufs Berechnung der Nachlaßsteuer in Abzug die vom Erblasser herrührenden Schulden, die Bestat- tungs- und Testameutskosten im weitesten Sinne, die Kosten der Wertermittelung selbst und die Kosten der für den Nachlaß geführten Rechtsstreite.

Diese Bestimmungen gelten allgemein; für landwirt­schaftliche Grundstücke, insbesondere aber ist im § 11, Absatz 3 des Gesetzentwurfes auf die Vorschriften des Erbschaftssteuergesetzes über die Wertermittelung Bezug genommen. In diesen Vorschriften, insbesondere in dem § 16 des Erbschaftssteuergesetzes, wie ihn die Novelle neu regelt, liegt der besondere Vorzug für die Land­wirtschaft. Dort heißt es:

Bei Grundstücken, die dauernd land- oder forst­wirtschaftlichen Zwecken zu dienen bestimmt sind ein­schließlich der dazu gehörenden denselben Zwecken dienenden Gebäude und des Zubehörs, wird der Er- tragswert zugrunde gelegt. Als Ertragswert gilt das Zmanzigfache des Reinertrags, den die Grundstücke nach ihren bisherigen wirtschaftlichen Bestimmung bei ord­nungsmäßiger Bewirtschaftung nachhaltig gewähren können. Soweit die Grundstücke zum Zwecke der Be- leihung vor dem Eintrilt des Erbfalls durch öffentlich« rechtliche Kreditanstalten oder durch amtlich dazu be­rufene öffentliche Behörden abgeschätzt sind, darf der zugrunde zu legende Wert diese Schätzung nicht über­steigen."

5V:t weitere Erleichterung enthält § 14 des Ge­setzentwurfs für den Fall, daß innerhalb kurzen Zwi- schenrauines ein wiederholter Erbfall eintritt, indem er bestimmt:

Gehören zum Nachlasse Grundstücke, die dauernd land- oder forstwirtschaftlichen Zwecken zu dienen be­stimmt sind, so bleibt dieser Teil des Nachlasses insoweit von der Steuer befreit, als die Grundstücke im Laufe der dem Anfall vorhergehenden 5 Jahre zu einem nach diesem Gesetz steuerpflichtigen Nachlaß gehört haben. Soweit der frühere Steuerfall mehr als 5 Jahre, aber nicht mehr als 10 Jahre zurückliegt, bleibt der auf die Grundstücke entfallende nach den Vorschriften dieses Gesetzes berechnete Steuerbetrag zur Hälfte unerhoben."

Vielfach besteht der irrtümliche Glaube, daß, wenn ein Nachlaß nach dem Tode des Mannes erst an die Frau und dann an die Kinder fällt, beide Male Nach-

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Der Totensee.

Roman von Martin Wehrau.

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Das Geschäft war damit erledigt und man begab sich in das Speisezimmer, wo Faustmann, da das Essen noch nicht auf dem Tische stand, vorerst eine Flasche von dem famosen Wein entkorkte.

Ein gutes Weinchen, Herr Graf, nicht wahr?" fragte Faustmann, nachdem sie miteinander angestoßen hatten."

Sehr!" vermochte Rolf nur zu stammeln. Es war der elendeste Fusel, welchen er je im Leben getrunken. In Anbetracht des Erreichten machte er jedoch gute Miene zum bösen Spiel und unterdrückte krampfhaft die Regung, das Fabrikat wieder von sich zu geben.

Obwohl der Pächter nach jedem Schluck immer mehr das Gesicht verzog, tat ihm doch der anscheinende Bei­fall seines Pachtherrn sehr wohl,und er meinte geschmei­chelt:'Ja, ich habe aber auch eine Mark fünfzig für die Flasche bezahlt. Eigentlich ein Heidengeld für das biß- chenGetränk! Ich selbst trinke fast nie Wein, mir schmeckt auch ein Schnaps besser, aber man muß doch eine gute Sorte für besonders angenehme Gäste im Keller haben."

Das Essen wurde gebracht, und zwar in solcher Menge, daß Rolf wähnte, es kämen noch mindestens zehn Per­sonen zu Tische. Trotzdem er auf ununterbrochenes Zu­reden tat, was in seinen Kräften stand, vermochte er doch nur verhältnismäßig wenig zu sich zu nehmen, was die Pächtersfrau ungemein zu kränken schien.

Sie war jedoch völlig versöhnt, als der junge Guts- ' Herr sich nach einer halben Stunde empfahl. Er hatte ihr solche Elogen über ihre Kochkunst gespendet, daß sie in einem wahren Meer von Seligkeit schwamm.

Das Ehepaar stand noch längere Zeit auf der Frei­treppe und schaute dem Davonfahrendennach. Dabei konnte sich die Frau nicht enthalten, ihrem Manne mit Genugtuung die anerkennenden Worte des Grafen zu wiederholen.

Da sieht man doch gleich den feinen Mann," meinte sie,er hat ganz so getan, als ob wir seinesgleichen wä­ren."

Der Pächter knurrte etwas in seinen starken Schnurr- bart. was seine Gattin nicht verstand. Er überlegte, wieviel wohl bei dem Grafen die Aussicht auf die fünfzehntausend Mark zur Erregung des zuvorkommen­den Wesens beigetragen haben mochte.

Auf die Frage seiner Frau, was den Gutsherrn ver­anlaßt haben könnte, zu ihnen zu kommen, erwiderte er nur:Geschäfte, nichts wie Geschäfte. Du siehst, ich bin ein mit sehr viel Sorgen beladener Mann."

Damit ging er nach dem Stall, um sein Reitpferd satteln zu lassen, und ließ seine Gattin darüber nach­denkend zurück, was Faustmann nur veranlaßte, von sorgen zu sprechen. Die Getreideernte war doch hervor­ragend gut und der Viehbestand in vorzüglicher Kon­dition, woran haperte es also? Endlich kam sie auf das Richtige.

Er wird ihn angeborgt haben," sagte sie sich, doch schien sie nicht böse darüber zu sein:Einen Schuld­ner, wie den Grafen zu haben, ist immer eine Ehre," dachte sie.

Nachdenkend saß auch Rolf in seinem Jagdwagen. Zwar war die erste Sorge von ihm genommen, ob sich aber die zweite, die wegen des größeren Wechsels, auch so leicht aus der Welt schaffen ließ? Würde Gan­zer das Geld so bereitwillig vorstrecken, wie es ihm Iahn, der doch vorher so zweifelhaft gewesen war, jetzt versichert hatte?!

Mit einem Mal fiel ihm wieder das Helmbachsche Familienvermögen ein, das auf so geheimnisvolle Art verschwunden war. Hätte er nur das gehabt! Aber wo, wo? Und bildete der Fund seines Vaters, das alte Papier mit dem WorteSchlüssel" nämlich, wirklich den Schlüssel, welcher ihn: die Pforte zu dem verloren­gegangenen Schatze öffnete. Er fing allgemach an es zu

bezweifeln. Denn wie er auch an ihm herumgeforscht, er vermochte nichts anderes zu entdecken, als das eine einzige Wort. .

Ihm schien es nicht beschieden zu sein, das über dem Ganzen liegende Geheimnis zu ergründen. Und doch wäre es so wichtig für ihn gewesen und die ein­fachste Lösung aller Fragen. Wo eben der Zaun am niedrigsten ist, da springen die Hunde herüber.

Aber was sollte er schließlich einem Phantom nach­jagen, seine Rettung bestand nur allein in intensiver Arbeit und vollster Pflichterfüllung. Jedenfalls wollte er tun, was in seiner Macht lag, um die angestrengteste Tätigkeit dem Geschlecht derer von Helmbach wieder zu neuem Ansehen zu verhelfen.Jmmer wieder gelobte er sich das von neuem.

Auf dem Hofe erwartete ihn schon der Verwalter, welcher aufgeregt auf ihn zusteuerte. Sein ganzes Ge­sicht bildete ein Fragezeichen und trotz des Bestrebens, ferne Neugierde zu unterdrücken, platzte er heraus:Na hat er.. hat er ..?"

Er hat!" bestätigte Rolf, dem alten Herrn, der vor Freude sich ganz komisch gebärdete, auf die Schultern klopfend.

Herr Gott, ich danke Dir," frohlockte Iahn.Nun ist mir der eine Stein, von der rechten Brust nämlich, heruntergerutscht, jetzt brauchen wir nur noch den von der linken wegzuwälzen, der ist allerdings bedeutend schwerer, und ich fühle mich so frisch und frei wie der Vogel in der Luft. Mein Gott, welche Freude hast Du mir auf meine alten Tage noch beschieden. Ich sage ja immer, Fräulein Charlotte ist das beste Mädel auf der ganzen Welt!"

Iahn stutzte, wie er die erstaunte Miene seines Herrn sah und schlug sich mit den Fingern auf den Mund. Ihm fiel ein, daß Charlotte von Eistedt ihm gedroht hatte, ihre Hand wegzuziehen, falls er seinem Herrn nochmals etwas von ihrer Hilfe erzählte 160,18