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SchluchtemerZeitun g

mit amtlichem Areisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,

Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat"

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 40.

Himmelfahrt.

Mittwoch, den 19. Mai 1909 ^^aassüffwiiv flWWMBamnrg1-----

Wieder steht der Himmel offen, Wie er damals offen stand, Als die fromme Schar der Hirten Dort im Stall den Heiland fand; Wieder haben sich die Engel Auf der Erde eingestellt, Daß sie Gottes Wunder schauen, Zeugen aus der andern Welt.

Jesus hat sein Werk vollendet, Jesus hat den Lauf vollbracht, Der ihn bis zum Kreuze führte, In die dunkle Todesnacht.

Nun nicht weiter in die Tiefe, In die Höhe führt sein Lauf; Nach dem Kampf in Blut und Tränen Tut sich ihm der Himmel auf.

Von der Erde auf zum Himmel, Diesen Weg ging Gottes Sohn, Aus dem Dunkel hin zum Lichte, Von dem Kreuz zum Königstron. Jesu nach hinauf zur Höhe Sei auch unser Schritt gewandt, Aufwärts, aufwärts aus der Tiefe Hin zum ew'gen Vaterland! Ernst Fischer.

Zum Himmelfahrtsfeste.

Mit einer Verheißung scheidet Jeusus von seinen Jüngern, mit der Verheißung des Geistes, den er ihnen nach seinem Hingange zum Vater senden wird. Für die Jünger schließt diese Verheißung des kommenden Pfingsten zugleich eine Aufgabe in sich: hinauszügehen in alle Welt, um die frohe Bo schuft vom Heil zu ver­kündigen, um Christi Zeugen zu werden. Nicht in untätiger Trauer um ihren aufgefahrenen Meister sollen sie die Hände in den Schoß legen, sie sollen ihre Hände rühren und wirken, wie Christus gewirkt hat. Der erhöhte Herr braucht in seinem Reiche, in dem er herrscht, tätige Jünger; denn die Ernte ist groß, und der Schnitter sind wenige. Noch heute wie damals gilt beides, Aufgabe und Verheißung. Wir sind so gern geneigt, gerade zu Himmelfahrt uns nur der Ver­heißungen zu freuen. Christus ist hingegangen zum Vater, uns die Stätte zu bereiten; das ist uns ein lieber Gedanke, und inmitten der Hast des Alltagslebens mit seinen Mühen und Sorgen um das Irdische trösten wir uns gern mit der Verheißung auf die Stätten der

Ruhe, die uns unser Herr beim Vater bereiten will. Aber bedenken wir auch, daß er nur den fleißigen Knecht wird eingehen heißen zu seines Vaters Freude, daß nur die werden ausruhen dürfen, die nicht müßig gestanden, sondern im Schweiße ihres Angesichtes im Weinberge des Herrn gearbeitet haben; Bei dem Ge­danken daran müßte uns bange werden; denn von Natur sind wir unnütze und faule Knechte. Da tröstet uns denn die Verheißung:Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen!" Das ist die Gabe, die uns die Aufgabe leicht machen will.Der Geist hilft unserer Schwachheit auf," sagt Paulus. Darum »st es nötig, daß wir täglich um den Geist der Kraft ^bitten, daß er uns stark macht zur Arbeit, zum Kampf und zum Leiden. Der Herr wi^d uns nicht ungehört lassen. Wir werden empfangen den Geist, das Pfand des himmlischen Erbes, und so wird sich unser Leben zu einer Wallfahrt gestalten, die in der Himmelfahrt ihren seligen Abschluß findet soll.

Deutsches Reich.

Der Kaiser und die Kaiserin sind am Montag im Sonderzuge um 12 Uhr 35 Minuten in Wiesbaden eingetroffen. Auf dem Bahnhöfe hatte sich die Prin­zessin Viktoria Luise eingefunden, welche heute früh hier angekommen ist. Die Stadt ist, wie in früheren Jahren, reich und geschmackvoll dekoriert, besonders die Straße vom Bahnhöfe zum Schlosse. Auf der Fahrt zum Schlöffe wurden die Majestäten von einem sehr zahlreichen Publikum überaus herzlich begrüßt. Die Majestäten zeigten sich mit der Prinzessin nach ihrer Ankunft im Schlöffe auf dem Balkon. Die tausend- föpfigt Menge brach in nicht endenwollende Hochrufe aus. Der Kaiser dankte militärisch und winkte lange mit der Hand; die Kaiserin und die Prinzessin ver­neigten sich zum Publikum.

- - Der Reichstag setzte am Mittwoch die Beratung der Anträge Speck (Z) und Rosicke (dkons.) auf Ein­führung einer staffelförmigen Umsatzsteuer für Groß- Mühlen fort. Die Nationalliberalen, Freissinnigen und Sozialdemokraten sprachen sich entschieden gegen diese Steuer aus, trotzdem wurden die Anträge angenommen.

Der Reichstag machte am Donnerstag rasche Arbeit. Nach kurzer Debatte wurde die revidierte Berner Urheberrechtskonvention ir erster und zweiter Lesung angenommen, ebenso das Patentabkommen mit Nordamerika. Das neue Münzgesetz fand en bloe-An- nahme. Eine längere Debatte rief bei der zweiten

60. Jahrgang,

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Lesung des Bankgesetzes em Antrag des Abg. Raab (wirtsch. Vg.) hervor, der eine Beschränkung der Dividende der Reichsbank auf höchstens 6 Prozent verlangt. Am Freitag wurde der Antrag Raab in namentlicher Abstimmung abgelehnt und das Bankgesetz angenommen. Es wurde sodann mit der zweiten Lesung der Novelle zum Viehseuchengesetz begonnen, für die Staatssekretär von Bethmann-Hollweg und der preußische Landwirtschaftsminister v. Arnim eintraten. Auch der Abg. Dr. Roesike (dkons.) sprach sich entschieden für das Gesetz aus.

Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am Dienstag die dritte Etatsberatung fort. Beim Etat der Bergverwaltung machten verschiedene Redner dem Minister einen Vorwurf daraus, daß er sich nicht be­reit erklärt habe, Steiger und andere Grubenbeamte, welche wegen etwaiger Aussagen über das Radbod- unglück entlasten wurden, in den Staatsdienst zu über­nehmen. Minister Dr. Delbrück lehnte dies ab mit dem Bemerken, daß für ihn allein die Befähigung maß« gebend sein müsse. Auf weitere Erörterungen und Auskünfte über die Ursachen und über die Schuld und Nichtschuld bei der Katastrophe könne und dürfe er nicht eingehen, weil die gerichtliche Untersuchung noch nicht abgeschlossen sei. Dr. Beumer (null.) trat den vor­zeitigen, unerwiesenen, hetzerischen und unpatriolischen Angriffen in Preßartikeln gegen die Regierung und die Bergwerksverwaltung anläßlich eines Grubenunglücks, wie das auf der Zeche Radbod, entgegen und wies auf das würdigere Beispiel Englands hin, wo die nationale Trauer bei solchen Anlässen sofort Ausdruck fände, das Urteil aber bis zum Abschluß der Untersuchung und Feststellung der Schuldfrage unterbliebe. Am Mittwoch wurde die Beratung der Besoldungsvorlagen erledigt. Man hatte sich beim Lehrerbesoldungsgesetz vorher auf ein Kompromiß geeinigt, das in einem Antag Schiffer (natl.) zum Ausdruck kommt. Im wesentlichen stellt es die Alters- und Amtszulagen nach den früheren Beschlüssen des Abgeordnetenhauses wieder her; da­gegen wird inbezug auf die Staatszuschüste dem Herren­hause entgegengekommen, sie sollen mit gewissen Ein­schränkungen beibehalten werden. Ferner wird die rückwirkende Kraft der Mietsentschädigung wiederher- gestellt. Das Lehrerbesoldungsgesetz wurde nach diesem Kompromiß einstimmig angenommen Auch die Beamten- besoldungsordnung wurde angenommen, ebenso die rückwirkende Kraft des Wohnungsgeldzuschusses vom I. April 1908 ab. Die Steuergesetze und das Mantel-

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Der Totensee.

Roman von Martin Wehrau. 28

An sichtbarer Stelle hatte man Plakate angebracht mit der Inschrift:Es wird gebeten, nicht zu rauchen."

Dieses konnte man dagegen in den drei weiteren, hintereinander gelegenen Gastzimmern tun, die, mo­dern mit Plüschmöbeln und elektrischem Licht aus­gestattet, zu labendem Trunke einluden. Außer allen möglichen Wein- und Likörsorten, die es auf Verlan­gen gab, verzapfte der sorgsame Cafetier Königsberger Schönbusch und Pilsener, welche beide Biersorten fast zu jeder Tageszeit von anwesenden Gästen infolge ihrer vorzüglichen Temperatur stets gern getrunken wurden.

Die Bedienung besorgten drei Personen, Maßberg nebst seiner kleinen, dicken Ehefrau sowie seiner Verkäu­ferin, die trotzdem oftmals allen an sie gestellten Anfor­derungen kaum genügen konnten.

Obwohl der Besitzer ab und zu einem gehörigen Trunk nicht abhold war .. das heißt außerhalb sei­nes Lokals, in diesem nahm er selten etwas Trinkbares zu sich .. so daß er dann schwerbeladen seinen heimi­schen Penaten zusteuerte, in seinen Geschäftsräumen hielt er auf die peinlichste Ordnung und setzte eine ge­wisse Ehre darein, nur fashionableLeute als Gäste zu besitzen. Ihm unangenehm auffallende fremde Personen, sowie Betrunkene, faßte er am Arm und führte diesel­ben, ohne daß es auffiel, in der höflichsten Weise an die frische Luft. Ja, es war ein Musterwirt, Herr David Maßberg.

Als die Geschwister vorfuhren, saß er gerade mit dem Bezirksoffizier, Major Donner, einem gegen je- derinann freundlichen und zuvorkommenden Herrn, an einem runden Marmortisch und erzählte Anekdoten aus seiner reichbewegten Soldatenzeit, während welcher er als Lazarettgehilfe in Pillau gedient hatte. Er schnitt so ulkig auf, daß der Major, ein ehemaliger Ulanenritt-

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meister und mit einem respektablen Bäuchlein gesegnet, aus dem Lachen nicht herauskam und sein faltenrei­ches Gesicht in der merkwürdigsten Weise verzog.

Beim Eintritt des Paares erhob sich Maßberg sofort und machte seine elegantesten Diener. Er hatte nicht umsonst in einer der ersten Konditoreien Königsbergs seine Lehrzeit durchgemacht.

Eistedt erwies sofort dem Major, wie er denselben erblickte, das vorgefchriebene dienstliche Honneur, wo­rauf sich dieser von seinem Tisch hervorrekelte und in kordialer Weise Bruder und Schwester begrüßte. Er kannte sie von früher her. Alle ließen sich sodann an dem Tische nieder.

Na, Herr Leutnant," fragte Donner mit seiner tie- fen Stimme, dabei sehr langsam und etwas schnau­fend sprechend,was machen die Königsberger? Sie sind wohl auf Urlaub herübergekommen?"

Jawohl, HerrMajor. Wenn man fast ein Jahr lang ununterbrochen Stadtluft gekneipt hat, sehnt man sich danach, wieder mal aufs Land zu kommen."

Na ja, allerdings . . nach Ihren Strapazen." Er zwinkerte verschmitzt mit den Augen, doch ließ er sich im Hinblick auf die danebensitzende junge Dame nicht näher aus.Sie sind wohl und munter, wie ich sehe, gnädiges Fräulein," wandte er sich nunmehr zu Char­lotte, die behaglich den soeben gebrachten Kirschkuchen mit Schlagsahne seiner Bestimmung entgegenführte.Sie sommert wohl wegen des Basars her?"

Basar, Basar?" kam es fragend aus der Geschwi­ster Munde.Wirklich, wir wissen von gar nichts." Nichts? Na, sehen Sie, da sind Sie an der rich­tigen Quelle gestrandet. Vor einer halben Stunde war nämlich die Frau. GerichtsrütinThebesius hier und hat mir bis zuni Erbrechen .. ach so, pardon" .. er errötete etwas verlegen ..also sie hat mir mindestens eine Stunde von einem Wohltätigkeitsfest für die hiesigen notleidenden Menschenkinder vorgesalbadert, das in etwa vier bis acht Wochen in dem großen Remter des

Ordensschlosses stattfinden soll. In ihrem Kopfe we­nigstens war das ganze Arrangement bereits fertig, sie hat mich leider Gottes, kann ich wohl sagen, denn mir brummt noch der Kopf davon, bis auf das i-Tüpfelchen mit allem vertraut gemacht. Der langen Rede kurzer Sinn war eigentlich der, sie wollte mich zum Theater­spielen pressen. Bedenken Sie und stellen Sie sich mich alten Kerl auf der Bühne vor, ich glaube, man würde brüllen vor Vergnügen, falls ich nur^die Nase aus den Kulissen steckte."

Er lachte dröhnend, und auch die Geschwister fan­den das Bild so grotesk, daß sie fröhlich in das Lachen einstimmten.

Donner fuhr in seinem Bericht fort:Na ja. Da habe ich denn auch die gute Dame gefragt, ob sie, ob sie .. an Störungen der Kopfnerven litte, weil sie mich al­ten Krauter der Masse junger Leute vorzöge. Da hätten Sie nur sehen sollen, wie sie herumhoppste. Ja, das wäre ja eben, meinte sie, kein junger Mann wolle sich zu der Großvaterrolle verstehen, die in dem Stück vor- käme, und da habe sie an mich gedacht. Mein guter, lieber Major, winselte sie, Sie werden es doch tun?.. Nun frage ich die werten Herrschaften, ich, der ich nun bald sechzig Jahre als ehrsamer Junggeselle auf der Welt Herwanke, soll plötzlich Großvater werden?

Ich habe denn auch energisch abgewinkt. Da ist denn die alte Dame zornbebend abgezogen, um sich ein an­deres Opfer zu suchen. Weiß Gott, wen sie jetzt auf dem Kicker hat.

Den alten Herrn hatte der haarsträubende Gedanke ganz echauffiert. Er zog sein mächtiges Taschentuch und wischte sich die Schweißtropfen von dem nur noch spär­lich bestandenem Haupt.

Und da soll ich auch mitwirken?" wandte Charlotte fragend ein.

Ja, sogar sehre. Erstens mal sollen Sie als Ger­mania einen Prolog sprechen." 160,18