MWernerMim g
mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
________Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat"._____________________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Fortwährend
werden Bestellungen auf die
Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt
von allen Postanstalten, Landbrief- 'tn sowie von der Expedition entgegengenommen.
finden in v «lüchterner Leitung isten Erfolg,
da sie die größte Auflage der eise Schläch
tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Politischer Wochenbericht.
Die innerpolitische Lage ist nichts weniger als erfreulich, nachdem der Reiche «rch Annahme der sogenannten Kotierungssteuer und Ablehnung der Erb- anfallsteuer, beides in unverhüllten Widerspruch gegen den klar dargelegten Willen und Entschluß der verbündeten Regierungen, zwei Entscheidungen gefaßt hat, die für das Zustandekommen der Reichsfinanzreform von folgenschwerer Bedeutung sind und für das Gelingen des für des Reiches Wohlfahrt dringend notwendigen Werkes verhängnisvoll werden können. Daß sich die Gegensätze zwischen dem rechten und deni linken Flügel des Blocks in der Weise zuspitzen würden, wie es geschehen ist, hat, als die Vorlagen zur Reichsfinanzreform eingebracht wurden, niemand gedacht. Lange genug sind vergebliche Versuche der Einigung zwischen Konservativen und Liberalen gemacht worden, bis sich jene entschlossen, mit dem Zentrum zusammenzugehen. Dadurch ist nicht nur die politische Gruppierung der Parteien auseinandergesprengt, die seit den Wahlen des Januar 1907 bestand und sich für die Führung der Reichsgeschäfte als durchaus erfolgreich und nützlich erwiesen hatte, sondern es ist auch der damals erzielte Erfolg des gemeinsamen Auftretens der bürgerlichen Parteien gegenüber der Sozialdemokratie illusorisch gemacht und schließlich das große Werk der Reichsfinanzreform überhaupt in Frage gestellt worden.
Der Reichskanzler Fürst Bülow hat daraus bereits seine Konsequenzen gezogen und den Kaiser um seine Entlassung gebeten. Wenn auch der Kaiser diesem Wunsche nicht sofort stattgegeben, sondern den Kanzler dringend gebeten hat, sein Amt noch solange zu führen, bis die Reichsfinanzreform, deren Erledigung eine nationale Notwendigkeit sei, zustande gebracht wäre,
Samstag, den 10. Juli 1909
60. Jahrgang.
so ist doch der Reichskanzler mit Rücksicht auf die politische Entwicklung, die durch die Abstimmung über die Erbschaftssteuer ihren Ausdruck gefunden hat, unwiderruflich entschlossen, alsbald nach Erledigung der Reichsfinanzreform aus dem. Amte zu scheiden. Wann aber die Finanzreform erledigt sein wird, das liegt vorläufig noch völlig im Dunkeln; denn daß die verbündeten Regierungen, als deren einmütige Ansicht Staatssekretär Sydow ausgesprochen hat, daß die Reform ohne Erbanfallsteuer nicht zustande kommen kann und nicht zustande kommen wird, einer Finanzreform ohne Erbschaftsbesteuerung doch noch zustimmen werden, ist wohl kaum anzunehmen.
Ein erfreuliches Resultat haben die Arbeiten des preußischen Landtages gehabt, der in vereinigter Sitzung durch eine vom Ministerpräsidenten Fürsten Bülow verlesene königliche Botschaft feierlich geschlossen wurde. Damit ist ein bedeutungsvoller gesetzgeberischer Abschnitt für die preußische Monarchie beendet, unter dessen Aufgaben den Besoldungsvorlagen eine hervorragende Stelle gebührt. Von den übrigen Gesetzen, die der Landtag in seiner letzten Tagung verabschiedet hat, sind außer dem Etat, dessen rechtzeitige Erledigung durch die eingehenden Beratungen der Besoldungsvorlagen verzögert wurde, als wichtigste zu nennen die Berggesetznovelle, das Siempelsteuergesetz, das Gesetz über die Haftpflicht der Beamten und das umfangreiche Eisenbahn-Anleihegesetz. Beide Häuser des Landtages haben also fleißige und gute Arbeit geleistet, die der Entwicklung des preußischen Staates und damit auch der des großen Deutschen Reiches zum Segen gereichen wird.
Die Landtagswahlen in Holland haben den Liberalen eine vernichtende Niederlage gebracht, die sie ihrer eigenen Uneinigkeit zuzuschreiben haben. Ihr Schicksal war freilich schon vorher entschieden, da sie ihre Erfolge bei den Wahlen von 1905 nicht auszunutzen verstanden und es nicht fertig gebracht haben, das liberale Ministerium De Meester am Ruder zu erhalten, das schon nach zwei Jahren dem konservativen Kabinett Heemskerk weichen mußte. Daß sie aber so schwere Einbuße erleiden würden, wie es sowohl bei der Hauptwahl als auch bei den Stichwahlen geschehen ist, haben sie doch wohl nicht gefürchtet.
Der Besuch der russischen Zarenfamilie am schwedischen Hofe ist programmäßig verlaufen. Mit großen Feierlichkeiten wurden die russischen Gäste in der schwedischen Hauptstadt empfangen, und im Stockholmer
Residenzschlosse fand eine Galatafel statt, bei der herzliche Trinksprüche gewechselt wurden. Eine politische Bedeutung ist dem Besuche indes nicht beizumessen.
Die Lage in Marokko hatte sich von neuem so bedrohlich gestaltet, daß sowohl in manchen europäischen Kreisen Tangers wie auch hier und da in Europa die Sache des Sultans Mulay Hafid nahezu als verloren betrachtet wurde. Die Schwierigkeiten, sich seiner Widersacher zu erwehren, schienen unüberwindlich zu werden, zumal der Sultan, wie behauptet, weder über genügende Geldmittel noch über ausreichende Munition verfüge. Die letzten Nachrichten zeigen indessen, daß die pessimistischen Urteile zu weit gingen, und daß es noch keineswegs an der Zeit ist, sich auf mögliche neue Umwälzungen im Scherifenreiche gefaßt zu machen.
Wie Marokko, so befindet sich auchPersien im Zustande andauernder Gärung. Aufständische Bewegungen, die in verschiedenen Teilen des Reiches ausgebrochen sind, können wegen Mangels an ausreichenden Machtmitteln nicht unterdrückt werden und halten die Regierung in Teheran fortgesetzt in Unruhe. Neuerdings zeigt sich eine wachsende Strömung gegen die Entsendung russischer Truppen, die in Kämpfe verwickelt worden sind. Inzwischen herrscht in Teheran offensichtlich große Zerfahrenheit in den Regierungskreisen, die weder in der Angelegenheit des Wahlgesetzes noch auch in anderen nach der Lösung verlangenden Fragen Einigkeit zu erzielen vermögen. Unter solchen Umständen ist der weitere Gang der Ereignisse in Persien schwer abzusehen.
Deutsches Reich.
— Zur Nordlandsreise des Kaisers meldet das „Wolff'sche Telegr.-Bureau." Wie wir hören, wird der Kaiser nach den Feierlichkeiten in Saßnitz und Trelloborg in den heimischen Gewässern kreuzen und die Auslandsreise erst später antreten, als ursprünglich vorgesehen war.
— Das Reichsluftschiff Z 1 ist nach glücklichster Fahrt in Metz gelandet und in die Ballonhalle in Frescaty gebracht worden.
— König Eduard trifft in der ersten Hälfte des August in Marienbad ein.
— Der Reichstag verhandelte am Sonnabend über das dritte der drei großen Konsumsteuergesetze, das Branntweinsteuergesetz. Etwa hundert Abänderungsanträge lagen dazu vor, und häufig hatte es bei den Verhandlungen den Anschein, als sei das Haus sich
Der Hotensee.
Roman von Martin Wehrau. 45
„Zwar habe ich von Charlotte gehört, derselbe empfinde einen gewissenHaßgegen mein Geschlecht und glaube ich dessen Ursache zu kennen. Meiner Ansicht nach aber ist der Grund dazu ein so geringfügiger, daß es bald gelingen wird, ihn zu versöhnen und seine Einwilligung zu dem freudigen Pakt zu erlangen, der ja das Glück seiner einzigen Tochter bildet und damit auch sein Glück bedeuten müßte."
Zweifelnd schüttelte Willi das Haupt, ihm stand noch zu sehr die Szene jenes Abends im Gedächtnis. „Schön wäre es zwar, wenn sich Ihre Voraussetzungen erfüllten, Herr Graf, doch kann ich nicht recht daran glauben. Sie kennen den Starrsinn meines Vaters nicht, falls er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, auch wird Ihnen Charlotte kaum alles mitgeteilt haben, was an dem bewußten Abend vorfiel. Papa hat uns da in der allerschroffsten Weise den Verkehr mit Ihnen untersagt. Sie werden also einsehen, daß es vorerst große Schwierigkeiten machen wird, Ihr Ziel zu erreichen."
„Und doch verzweifle ich nicht. Ich habe die Empfindung, als ob in Kürze sich alles zum besten wendet.
„Hoffen wir," bemerkte Willi seufzend. „Aber, nicht wahr, Herr Graf, vorläufig unternehmen Sie nichts in dieser Angelegenheit und überlassen mir das weitere. Ich werde möglichst unmerklich ein wenig vorarbeiten. Auch das wird schon recht schwer fallen."
Langsam begaben sie sich in den Saal zurück, wo Charlotte gerade auf der Bühne stand. Wie ihr Auge Mols entdeckte, der eben durch die Tür trat, überzog ein liebreizendes Lächeln ihr Gesicht, trotzdem, es gar nicht in ihre Rolle paßte. Sie war noch zu sehr Naturkind, als daß sie ihren Gefühlen allzu großen Zwang auserlegt hätte.
„Ja, was ich noch sagen wollte," erinnerte sich nunmehr der Kürassier, „wir müssen ebenfalls ein wenig Theater spielen. Papa hat leider überall seine Zuträger, und da könnte es möglich sein, daß man ihn von unserem intimen Verkehr in Kenntnis setzte. Unser Zusammensein muß zufällig ausiehen, damit es nicht auffällt. Ich begebe mich an und für sich auf die Bühne zurück, deshalb wäre es das beste, wir trennten uns hier. Sie gehen wohl zur Bierbude, an der später meine Schwester den edlen Gerstensaft ausschenkt," sagte er lächelnd, „ich komme später nach. Also auf Wiedersehen!"
Mit kräftigem Händedruck schieden sie. Rolf erschien die Luft imSaale gar nicht mehr so schwül und drückend, und glücklich lächelnd trat er zu der Holzbank, wo Major Donner noch immer als bester Konsument saß.
„Wo zum Kuckuck haben Sie gesteckt, Helmbach?" knurrte er, „es hat mich Mühe genug gekostet, Ihren Platz freizuhalten. An Sitzgelegenheit ist hier Ueberfluß an Mangel."
„Ich danke Ihnen sehr für Ihre Freundlichkeit, Herr Major. Ich habe mich ein wenig draußen auf dem Korridor ergangen. Es wurde mir hier schließlich zu heiß."
„Merkwürdig, dasjungeVolkverträgt doch gar nichts mehr. Erst die wie die Gesundheit in Person aussehende Charlotte Eistedt und dann dieser kraftstrotzende Mann. Komisch, daß Sie von der Hitze so mitgenommen wurden und dabei habenSie die Sahara durchquert! Uebri- gens ist hier das beste Mittel gegen Hitze: Augustinerbräu, welches selten so kühl und frisch verzapft wird. Prost, sag' ich. Fräulein Postrat, noch zwei Glas, Sie trinken doch eins mit, Graf?"
Die beiden bedienenden Damen hatten schließlich soviel zu tun, daß sie sehnsüchtig ihre Partnerin erwarteten, welche sich noch immer auf der Bühne befand. Endlich kam sie und half tapfer mit.
„Gut, daß Sie da sind, gnädiges Fräulein," meinte Donner, „jetzt geht das Einzapfen hoffentlich schneller
von statten. Ihre beiden Gefährtinnen bekamen vom Bierheben bereits Muskelkrämpfe und lagen zeitweise halb ohnmächtig unter dem Ladentisch... Prost, meine Damen!"
Man lachte zu den Witzen des alten Herrn und folgte eifrig seinem Beispiel, sich den Magen „zum Besten der Armen" mit Bier vollzupumpen.
Rolf saß zurückgelehnt da und beobachtete die Geliebte, wie sie angestrengt die übernommenen Pflichten zu erfüllen suchte. Ab und zu trafen sich ihre Blicke und hingen dann für einen kurzen Augenblick in heißem Glück aneinander.
Um ein Uhr verkündete ein Hornsignal den Schluß des Basars. Es war auch die höchste Zeit, alle Waren, besonders die Getränke, hatten ihre Abnehmer gefunden und es herrschte die ungebundenste Fidelitas. König Alkohol saß auf hohem Throne und beschaute die von ihm geleistete Arbeit. Manche ehemännliche Bierleiche wurde von der Ehefrau mit kummervollem Gesicht nach Hause befördert und auch die Junggesellen hatten „für die Armen" mehr getrunken, als sie vertragen konnten. Mitten auf der Bühne hockte der Referendar Hölzer auf einem Stuhl und hielt dessen Lehne umklammert, während das schwere Haupt müde auf derselben ruhte. Den ganzen Anzug des jungen Mannes, der zu sehr seine durch das ewige Ausrufen verrostete Kehle mit allen möglichen Getränken zu verbessern gesucht, hatte ein Schalk mit den zur Dekoration verwendeten Fähnchen besteckt.
Eistedt, der seinen Freund nicht in dieser Situation verlassen wollte, versuchte ihn zu ermuntern und schüttelte ihn wach. Schlaftrunken hob der im Dienst der Wohltätigkeit schwer Bezechte die Augen und flüsterte unter lebhafter Heiterkeit der Zuschauer: „Ist es den» schon Zeit zum Aufstehen?"
Willi nahm den Aermsten unter den Arm und schleppte ihn zu seinemWagen, woraus er ihn heimfuhr. 160,18