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WüchternerMun g

Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,

mit (Änlichem Kreisblatt.

Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat".

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Samstag, den 4. August 1909

60. Jahrgang

Deutsches Reich.

Die vom Bundesrat erlassenen Ausführungs­bestimmungen zur Schaumweinsteuer beziehen sich auf den Gegenstand der Besteuerung, auf die Steuersätze, den Abgabepreis, die Umschließungen, die Steuerzeichen, die Stundung der Steuer, die Ausfuhr unversteuerten Schaumweins, die Vergütung der Steuer für Proben, die Anmeldung der Fabriken, die Lagerung des fertigen unversteuerten Schaumweins, die Buchführung des Herstellers, die Steueraufsicht, die Versendung halb­fertiger Erzeugnisse, die Verwaltungskostenvergütung, die Kennzeichnung des ausländischen Schaumweins durch Zollzeichen, die Statistik und die Uebergangsbestimmungen. Nach den letzteren sind zur Entrichtung der Steuer bis zum 15. September 1909 die bisherigen Steuerzeichen weiter zu benutzen. Die Entrichtung hat erforderlichen­falls durch die Anbringung mehrerer Zeichen an der Umschließung zu erfolgen. Für Kennzeichnung des ausländischen Schaumweins sind bis zu dem gleichen Zeitpunkt zwei Zollzeichen der bisherigen Art zu ver­wenden. Eine Entwertung der Steuer- oder Zollzeichen ist nicht erforderlich. Die bis zum 15. September 1909 nicht verbrauchten alten Steuerzeichen können innerhalb der darauffolgenden 14 Tage bei der Hebestelle gegen neue von gleichem Gesamtwertbetrage unentgeltlich um- getauscht werden.

Die Kriegervereine haben jetzt zum erstenmal praktische Maßnahmen zur Vorbereitung ausgehobener junger Leute für den Militärdienst ergriffen. In Zabrze (Oberschlesien) wurde vom dortigen Kriegerverein ein regelrechter Unterricht für die angehenden Soldaten eingerichtet. Für den Unterricht, der auf dem Hofe der Volksschule stattfindet, sind dre' Abendstunden ... in der Woche bestimmt. Die Lehrer werden ehemalige Unteroffiziere sein, die ihre Zöglinge hauptsächlich in Schießübungen unterweisen werden. Natürlich werden diese Uebungen ganz in soldatischer Manier und in soldatischem Sinne vorgenommen werden, so daß der junge Mann hier eine gute Vorschule für das Mili­tär hat.

i^ Anläßlich des 500jährigen Jubiläums der Uni­versität Leipzig fand nach Ankunft des Prinzen August Wilhelm von Preußen als Vertreter des Kaisers ein Festakt in der Universitäts-Wandelhalle statt, wobei König Friedrich August seine von Seffner geschaffene Statue der Universität schenkte, seine beiden ältesten Söhne immatrikulieren ließ, bei welcher Gelegenheit eine große Anzahl von Ehrenpromotionen verkündigt

wurden. Exzellenz Wirkt. Geh. Rat Pros. Dr. Wund hielt die Festrede. Nachher bewegte sich bei fast bis zum Schlüsse gutem Wetter der imposante Festzug durch die Straßen der Stadt. Abends gab die Stadt eine Festvorstellung im Neuen Theater und ein Fest­konzert im Gewandhause, nachher fand der Riesen« kommers in der Halle auf dem Meßplatze statt.

Bei der Landtagsersatzwahl im 1. Kasseler Wahlkreise (Grafschaft Schaumburg) wurde an Stelle des bisherigen Landtagsabgeordneten, des Landrats und Rittergutsbesitzers v. Ditfurth (kons.), der sein Mandat niedergelegt hatte, dessen Bruder General v. Ditfurth- Berlin (kons.) einstimmig mit allen 143 abgegebenen Stimmen gewählt.

Bei der Reichstagsstichwahl im 2. Pfälzischen Wahlkreis Neustadt-Landau'entfielen auf Huber (Soz.) 12719 und auf Dr. Oehlert (natl.) 11765 Stimmen. 312 Stimmzettel waren ungültig. Huber ist somit gewählt.

Die christlich-nationalen Gewerkschaften haben im Jahre 1908 beachtenswerte Fortschritte in ihrer Kräftigung gemacht. Im Jahresdurchschnitt gehörten ihnen 341204 Mitglieder an, wovon 260 767 auf den Gesamtverband christlicher Gewerkschaften entfallen. Das Verbandsvermögen am Jahresschlüsse betrug 4513409 Mk. gegen 3487 735, 2370782, 1249408 am Schlüsse der vorangehenden Jahre, hat sich also von Jahr zu Jahr um stark 1 Million Mark vermehrt. Im Kalenderjahr 1908 betrugen die Einnahmen 4 394 745 Mk., die Ausgaben 3 556 224 Mk. Es ist sehr bemerkenswert, daß von den Ausgaben 514 284 Mk. auf Krankengeld, 170 639 Mk. auf Sterbegeld, 134453 Mk. auf Reise- und Arbeitslosenunterstützung, 128091 'uf Rechtsschutz entfallen. Der vorliegende Bericht zeigt, daß die christlich-nationalen Gewerkschaften, deren Gesamtverband bekanntlich kaum zehn Jahre alt ist, bereits festgefügte Organisationen sind und ihren Mit­gliedern einen festen Rückhalt gewähren.

Die Zarenfahrt durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal. Die Jacht des Zaren hat die Kanalfahrt ohne Störung beendet und die Westmündung Brunsbüttel erreicht. Die Fahrt wurde fortgesetzt nach Frankreich. Die ein­gestellt gewesene Handelsschiffahrt durch den Nordost­seekanal ist voll wieder ausgenommen worden. Zur Ueberwachung der.Durchfarht war außer je zwei Schwadronen der Wandsbeker und der Schleswiger Husaren sowie den in Schleswig garnisonierenden Bataillonen des Schlesw. Jnf.-Regts. Nr. 84 auch noch das in Neumünster stehende Schlesw.-Holst. Jnf.-Regt.

' . l-<ss .i1':'i*L«nnMMMS£fe Nr. 163 herangezogen worden. Abgesehen von den Streifpatrouillen waren alle Zugangsstraßen nach dem Kanal durch Unteroffiziers- und Doppelposten besetzt, die Hochbrücken mit Offiziersposten; auch waren sämt­liche Privatschiffe, die im Kanal lagen, mit Militär besetzt. Am Kanal standen alle 300 Schritt Posten von 3 Mann und zwischen je zwei benachbarten Posten patrouillierte ein Soldat hin und her, während außer­dem die Husaren die Flottille den ganzen Kanal ent« lang zu beiden Seiten reitend eskortierten. Zuschauer durften sich dem Kanal auf ebener Fläche höchstens bis auf 10 Meter, auf hügeligem und waldigem Terrain höchstens bis auf 70 Meter nähern. Während des Aufenthaltes des Zaren in Eckernförde war im Hafen kein Verkehr mit Ruder- und Segelbooten gestattet, ja es wurde sogar in dem eine halbe Stunde von Hemmel- mark entfernten Seebadeort Borby das Baden am Strande untersagt.

Fleischbeschaupersonal. Die Stellen der Fleisch- beschauer und Trichinenschauer sind, da es sich nicht um Beamtenstellen im engeren Sinne handelt, den Militäranwärtern nicht Vorbehalten worden. Es ist der Wunsch laut geworden, Militäranwärter auch bei Be­setzung dieser Stellen zu berücksichtigen. Dies ist nur insoweit zulässig, als die Militäranwärter den zu stellenden Anforderungen genügen, insbesondere die in den Prüfungsvorschriften vorgeschriebenen Befähigungsaus- weise erbringen. Mit dieser Maßgabe erscheint es aber im Interesse der Versorgung der ehemaligen Angehörigen des Reichsheeres und der Marine angezeigt, Militär­anwärtern, einschließlich der Inhaber des Anstellungs­scheines, bei Besetzung der Stellen vor anderen Be­werbern den Vorzug zu geben.

Ausland.

Der tschechische Ueberfall in^Brandeis auf deutsche Gymnasiasten aus Görlitz wird dank dem schnell er­folgten Einschreiten der deutschen Botschaft in Wien seine Sühne finden. Wie das amtlichePräger Tage­blatt" mitteilt, hat das Bezirksgericht Brandeis die Voruntersuchung eingeleitet gegen die Tschechen Johann Swoboda, Franz Seitab und Emil Kuceza aus Brandeis, die dort am 17. d. M. einen reichsdeutschen Gymnasiasten aus Görlitz, den sie wegen seiner bunten Schülermütze für einen Präger Studenten hielten, überfallen und blutig geschlagen hatten.

Die durch den Präsidenten der französischen Republik Falliäres begnadigten Deserteure von Casa- blanca werden gänzlich aus dem französischen Heeres«

Der Hotensee.

Roman von Martin Wehrau. 52

Rolf wehrte ihm nicht, er verstand ihn, hatte er doch bei der glücklichen Entdeckung ähnliche Anwandlungen gehabt.

Endlich blieb der Verwalter stehen und in seine ent­zückten Mienen mischte sich ein gewisser Schmerz, in­dem salzige Tränenperlen aus den gutmütigen Klugen traten und die sonnverbrannten Wangen herunterliefen. Er faltete die Hände und fast unhörbar kam es über die welken Lippen:Ach, wenn das der alteHerrGraf noch erlebt hatte, all das Glück!"

Der junge Mann hatte die leisen Worte gehört und gerührt sagte er:Sie haben recht, alter Freund, der würde uns noch fehlen zu der großen Freude. Doch glauben Sie mir, ebenso wie er aus diesem Bilde zu uns herüberlächelt, wird er auch als Verklärter auf uns blicken und gewiß den Segen herabflehen auf das wie­derbeginnende Glück des Hauses Helmbach."

Lange standen beide vor dem lebensgroßen Gemälde und betrachteten in tiefen Gedanken die gütigen Züge des längst Verblichenen, welche sich in dem ungewissen Lampenlicht zu beleben schienen.

Dann aber erinnerte sich Rolf der eigentlichen Ur­sache, weswegen er den Verwalter hatte rufen lassen und fragte:Sagen Sie mal Iahn, kennen Sie viel­leicht einenMau" oder ähnlich klingenden See? In diesem soll nach dem Schriftstück nämlich der Schatz ver­borgen liegen."

Jener dachte längere Zeit nach, dann erwiderte er: .Damit kann nur der Totensee gemeint sein, der hieß srüher, soweit ich mich erinnern kann, Maukelsee."

Dann hätten wir's ja," rief der Graf freudig,so habe ich also recht behalten."

Er las den Zettel noch einnial durch und sagte da­rauf zu dem aufmerksam zuhorchenden Iahn:Fast

möchte ich noch in dieser Nacht den Schatz heben gehen, denn mit dem Schlafen ist es doch nichts, da jede Nervenfaser vor Aufregung in mir zuckt. Aber der Ver­stand rät mir ab, um so mehr, als ich einen Helfer bei der Angelegenheit brauche, und das sollen Sie sein, mein Freund. Sie aber in der Dunkelheit an das tückische Wasser zu führeu, wo man niemals weiß, was einem passieren kann, das neunte ich nicht auf mich. Außer­dem brauchen wir Licht dabei. Warten wir deshalb lieber bis morgen früh." Er schaute nach der Uhr.Jetzt ist es halb elf. Um fünf wird es hell.. sagen wir also um halb fünf Abfahrt zu der Expedition, was? Lassen Sie morgen früh den Zweisitzer anspannen. Wir brau­chen keinen Kutscher, ich fahre selbst : denn wir müssen die Sache unbeobachtet ausführen. Es wäre ja immer­hin möglich, daß wir einen Mißerfolg hätten. Der Schatz ruht schon überachtzig Jahre auf dem Seegrund, und Garantie haben wir ja keine, ob er sich überhaupt noch an der alten Stelle befindet.. . O Gott, nur das nicht," murmelte er beklommen,diese Enttäuschung wäre zu schrecklich."

Es wird schon alles werden," tröstete der Alte, da ihm nichts Besseres einfiel.

Am nächsten Morgen trug ein von zwei Braunen gezogener leichter Wagen die beiden Schatzgräber durch den den Totensee umgebenden Forst nach der auf dem Zettel angegebenen Stelle. Das Wetter war etwas reg­nerisch und ein heftiger Wind peitschte den in dichte Mäntel eingehüllten Männern die naßkalten Tropfen ins Gesicht, welches die kühle Temperatur sowohl wie die Aufregung mit einer hohen Röte bedeckte.

Im Wald herrschte volles Schweigen. Wild und Vö­gel befanden sich noch in tiefer Ruh. Nur die Zweige rauschten ein eigenartiges Lied, als begrüßten sie ihren Herrn, welcher gekommen war, sein Eigentum zu for­dern, das sie bisher mit ihren ausgebreiteten starken Armen getreulich bewacht hatten.

Bald standen die Pferde, die nun abgeschirrt und an einem Stamm befestigt wurden, der seine langen Zweige gleich einem Dach über sie hielt, wie in einem Stall unter seinem Schutze. Sie sahen das auch selber ein und kauten vergnügt das ihnen vorgelegte Heu.

Inzwischen ergriffen die beiden ihre mitgebrachten Spaten und drängten sich durch das Unterholz dem Totensee zu. Die Stelle, an welcher der Schatz vergra­ben sein sollte, war auf dem gewöhnlichen Wege nicht zu erreichen.

Schließlich hielten sie an und atmeten tief auf. Sie befanden sich am Einfluß des Lehmhalsbaches in den, Totensee.

Bisher hatte niemand ein Wort gesprochen und erst hier ließ sich Rolf vernehmen:Da wären wir. Jetzt solle man laut Zettel einige zwanzig Schritte, wieviel weiß ich nicht, das muß erst die Zukunft lehren, in dem seichten Wasser nach Süden gehen, wo sich ein großer Stein befindet, unter welchem angeblich der Schatz liegt. Bleiben Sie vorläufig hier, Iahn, ein Schnupfen dürste Ihnen bei Ihrem Alter nicht gerade förderlich sein. Bei mir ist das anders, ich habe wasser­dichte Stiefel an. . .Dann also mit Gott!" Seine Stimme vibrierte, wie er dies sagte.

Er ergriff den Spaten und trat vorsichtig in das klare Wasser, in dessen morastigen Grund er einsank. Langsam strebte er vorwärts, die Augen fest auf die trüben Fluten gerichtet.

Es kann sich nur um zehn Schritte handeln," dachte er,die ich fehlgehe, und das ist ja kein Gegenstand."

Unter Herzklopfen beobachtete Iahn vom Ufer aus das Beginnen des Grafen. Mehr als ein stilles Stoß­gebet entschlüpfte ihm, wie er diesen mit dem Grab- instrument auf dem Boden herumstochern sah. Das war leicht erklärlich, verknüpften ihn doch seit vielen Jahren so enge Bande mit seiner Herrschaft, daß ihm deren Glück mehr am Herzen lag wie sein eigenes. 160,18