SchlüchlkmerAitung
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
__________________ Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg._______
eM 96. Mittwoch, den 1. Dezember 1909 60. Jahrgang.
Zur Eröffnung des Reichstages.
Der Reichstag beginnt am 30. November eine nene Session. Die Arbeiten, die ihn erwarten, werden kaum. etwas enthalten, was geeignet wäre, die Parteigegensätze, die beim Abschluß der Finanzreform hervorgetreten und seitdem in Wort und Schrift mehr als genug behandelt worden sind, weiter zu verschärfen. [ Die Aufgaben, die zu lösen sind, gehören Gebieten an, auf denen sich die Parteileidenschaften nicht zu be- tätigen pflegen.
Vor allem kommt es darauf an, in dem Reichshaushalt für 1910 mit Hilfe der durch die Finanzreform geschaffenen neuen Einnahmen das Gleichgewicht herzustellen und die finanzielle Stellung des Reichs zu .befestigen. Bei Aufstellung der Ausgaben ist unter Zurückdrängung mancher an sich wünschenswerten Dinge mit ganz besonderer Sparsamkeit verfahren worden, so daß die Parteien, die zwar über die Höhe des Bedarfs einig, bei der Auswahl der neuen Steuern aber in Feindschaft geraten waren, im neuen Etat keinen Anlaß zur Fortsetzung des Streites finden werden.
Neben dem Etat wird die meiste Arbeit die Reichsversicherung in Anspruch nehmen. Durch sie sollen nicht nur die verschiedenen Gesetze über die Versicherung der Arbeiter einheitlich zusammengefaßt, sondern es soll auch die bestehende soziale Fürsorge auf land- und hauswirtschaftliche Arbeiter und auf die Witwen und Waisen ausgedehnt werden. Hier gibt es mancherlei starke Meinungsverschiedenheiten, nicht nur zwischen den Parteien, sondern auch innerhalb einzelner Parteien. Sie sind vorwiegend sachlich-praktischer Natur und werden darum die Parteitage im allgemeinen wenig beinfluffen.
Was, abgesehen von dem Streit über Vergangenes, namentlich über die Schuldfrage beim Zerfalle des alten Blockes, die Parteigeister am meisten erregt, ist die Frage der Wahlreform in Preußen. Nachdem . durch eine preußische Thronrede eine Wahlreform angekündigt worden ist, wird diese auch nun in Angriff genommen werden müssen. Ohne Zweifel wird dieses Thema svon Rednern der Linken schon bei der Etatsdebatte im Reichstage berührt werden. Wir halten es jedoch für ausgeschlossen, daß der neue Reichskanzler sich auf eine Erörterung hierüber einlassen und Aufschlüsse über das, was etwa die preußische Regierung zu tun sich entschlossen hat, geben werde. Die Frage gehört nicht vor den Reichstag, und mag die Art ihrer
Hotdfieöer.
Roman von Lothar Mehnert. 37
Als ör die Augen aufschlägt, weiß er zuerst gar nicht, wo er ist. Warum liegt er auf der Erde? Weshalb schmerzt ihm der Kopf? Wo ist Helborne?
Nur ein Wort steht wie mit Flammenschrift in seinem Gedächtnisse geschrieben: das Wort Irrenhaus.
. Irrenhaus! Eine furchtbare Angst packt den Alten plötzlich. Wie, wenn Helborne gegangen wäre, um ihn für wahnsinnig erklären zu lassen?
Mit Aufbietung aller Kräfte erhebt sich Messen vom Boden. Fliehen! Fliehen, ehe Helborne zurückkehrt und ihn ins Irrenhaus sperrt. Obgleich seine Glieder wie zerschlagen sind, schleppt ersichdurchsZimmer.dieTreppe hinunter, auf die Straße.
Er winkt der ersten besten leeren Droschke.
r» „Alla Stazione!" Charles van Messen hat während I seines achtwöchentlichen Aufenthaltes in Rom ein wenig italienisch radebrechen gelernt.
Der Kutscher nickt. Fort geht's, dem Bahnhof zu.
Die Droschke hält. Der Alte zahlt eine Lira und betritt die Vorhalle.
Was will er eigentlich hier? Er weiß es selbst nicht. Nur fort, fort, damit William Helborne ihn nicht ins Irrenhaus schleppt. Er drückt sich an den ersten besten Schalter.
! „Sie wünschen, Signore?"
Der Alte schüttelt den Kopf.
„Dies ist der Schalter nach Frascati. Wollen Sie nach Frascati?"
Der Alte nickte. Ihm ist es ja ganz gleich wohin. „Hier ist Ihre Fahrkarte. Beeilen Sie sich. Der Zug geht gleich ab."
' , So rasch seine schmerzenden Füße es ihm gestatten, .Eilt Charles van Messen auf den Bahnsteig.
i .Einsteigen, Frascati! Höchste Zeit!"
Lösung auch einwirken auf das Verhältnis der Parteien im Reichstage zueinander, so ist doch die Lösung selbst ausschließlich die Sache Preußens uud als solche jeder Einwirkung des Reichstages entzogen.
Deutsches Reich.
— Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein vollendete am Donnerstag das 41. Lehensjahr.
— Bei der Proviantlieferung für Kriegsschiffe und Torpedo-Abteilungen wurden in Kiel Unregelmäßigkeiten festgestellt. Ueber ihren Umfang werden Ermittelungen angestellt.
— In den Dienstbetrieb des Luftschiffer-Bataillons in Berlin sind bisher nur Luftfahrzeuge der Systeme Groß und Parseval eingereiht worden. Bald aber wird dort auch ein Modell der Firma Siemens-Schuckert zur Verwendung kommen. Dieses neue 8.8.Luftschiff ist in seiner Halle aus dem Gelände des Luftschiffer- Bataillons in Reinickendorf nunmehr vollendet. ^Bereits in den letzten Novembertagen soll voraussichtlich die Füllung des Ballons erfolgen. Die ersten Probefahrten werden dann, bei günstiger Witterung, anfangs Dezember stattfinden, falls die Montierung und Vertaklung des halbstarren Aluminiumgerüstes und der Gondel bis dahin fertiggestellt sind. An Größe übertrifft der Neuling seine älteren militärischen Kollegen, mit einer Länge von 94 Metern, ganz erheblich. Die Propellerkonstruktion befindet sich nicht wie bisher am Gerüst, sondern ist an der Gondelumrahmung angebracht. Die Propeller, bisher dreiflüglig, find vierflüglich konstruiert, bei einem Durchmesser von 3,5 Metern. Die Kraft spenden, mit zusammen 300 Pferdekräften, vier Motoren, die derartig angeordnet sind, daß bei Störungen jeder allein für sich arbeiten kann. Da gerade bei diesem Luftschiff alle bisher gemachten Erfahrungen konstruktiv verwertet worden sind, ffieht man in der militärischen Fachwelt den Resultaten mit besonderer Spannung entgegen.
— Das Beschwerderecht der Mannschaften des Beurlanbtenstandes. Eine für alle Mannschaften des Beurlaubtenstandes sehr beachtenswerte Neuerung ist durch Aenderung der Heeresordnung jetzt eingeführt worden. Nach dieser neuen Vorschrift haben die Mannschaften des Beurlaubtenstandes, die Beschwerde über einen Vorgesetzten führen wollen, nicht nur, wie bisher, den für die aktiven Mannschaften vorgeschriebenen Dienstweg zu beobachten, sondern auch die für die aktiven Mannschaften vorgeschriebene Frist von fünf
Gleich darauf sitzt er allein in einem Abteil. Der Zug setzt sich in Bewegung.
Müde lehnte der arme Mann den Kopf ans Polster. Er ist so müde, so müde! Ach, wenn er schlafen | könnte! Er schließt die Augen.
Wohin fährt er eigentlich? Nach Frascati? Was für ein Ort ist das? Er hat noch nie davon gehört.. Doch halt: sprach nicht Romano einmal davon, daß die Hel- bornes da draußen in Frascati für den Sommer eine Villa gemietet haben? .. Angelika Helborne! Eine plötzliche Sehnsucht nach der edlen Frau befällt den armen Alten, nach ihren treuen, offenen Augen, nach ihrem gütigen Lächeln, ihrem warmen Händedruck. Ihm ist, als wurde die entsetzliche Angst vor dem Irrenhaus in ihrer Nähe schwinden.
Der Zug hält an einer kleinen Station. Und dann ruft man „Frascati!"
Mechanisch steigt Charles van Messen aus. Eine Horde zerlumpter Kinderumgibt ihn, jedes um einen Saldo bettelnd.
Ein halbwüchsiger Bengel fragt ihn, ob er ihn nach der berühmten „Villa Monastika" mit dem Ausblick aufs Meer führen soll. Der Alte schüttelt immer nur den Kopf. Schließlich läßt man ihn mit einer vielsagenden Gebärde nach der Stirn laufen. Von dem ist nichts zu verdienen.
Planlos schlenderte Niesten den Zickzackweg zur Stadt hinauf. Und dann weiter .. die von immergrünen Eichen umsäumte Landstraße entlang . . Angelika Helborne! Wo mag sie sein?
Er fragt einen des Weges kommenden Feldarbeiter. Doch der versteht ihn nicht und geht lachend weiter. Langsam, Schritt für Schritt, mit matter Bewegung, humpelt der Alte fort.
Stolze Zypressen, schlanke Pinien ragen über einer hohen Mauer hervor. Und jetzt zeigt sich ein breites Tor.
Der müde Wanderer bleibt stehen und lehnt sich an >
Tagen innezuhalten. Zuwiderhandlungen werden nicht mehr, wie bisher, allgemein disziplinarisch, sondern grundsätzlich als Ungehorsam mit Arrest bestraft. Um bei den schon im Beurlaubtenstande befindlichen Mannschaften Verstößen aus Unkenntnis vorzubeugen, werden die inbetracht kommenden Bestimmungen den Entlassungspässen vorgedruckt werden.
— Ländliche Bauordnungen. Vom Minister der öffentlichen Arbeiten ist den Provinzialbehörden ein Erlaß zugegangen, der sich in ausführlicher Weise mit der Baupolizei auf dem platten Lande und namentlich mit den ländlichen Bauordnungen beschäftigt. Der Minister wünscht, daß bei Ausübung der Baupolizei auf dem platten Lande künftig mehr als bisher auf die wirtschaftlichen Verhältnisse Rücksicht genommen wird. Da dies ohne Schädigung der Autorität des Gesetzes nicht dadurch erreicht werden kann, daß allgemein Ausnahmen von den geltenden Vorschriften gewährt werden, so sollen die Bestimmnngen selbst so gestaltet werden, daß sie ein zweckmäßiges Bauen bei Vermeidung unnützer Kosten ermöglichen. In dieser Beziehung gibt der Erlaß wichtige Fingerzeige, die auf die Milderung einer Anzahl der jetzt üblichen Forderungen abzielen. So sollen die Maße für den Abstand der Gebäude von der Straße, von der Nachbargrenze und von anderen Gebäuden nach Möglichkeit, d. h. soweit es die Rücksicht auf die Feuersicherheit, die Gesundheit und den ^Verkehr irgend zuläßt, herabgemindert werden. Von ganz wesentlicher Bedeutung sind einige Zugeständnisse, die sich auf die Brandmauern ^beziehen. Das häufig als lästig empfundene Ueberdachführen dieser Mauern wird als nicht mehr erforderlich bezeichnet, das Einlegen von Balkenöfen in den Brandmauern, wenn hinter dem Holz noch eine halbe Steinstärke vorhanden ist, für zulässig erklärt; in beschränktem Umfange soll auch die Anbringung verglaster Oeffnungen gestattet sein usw. Erfrenlich ist weiter das auch der Heimatschutzbewegung entgegenkommende Streben, die sogenannte weiche Bedachung der Gebäude mit Stroh oder Rohr da, wo sie üblich ist, nach Möglichkeit zu erhalten. Besondere Fürsorge wird endlich dem sogenannten Kleinwohnungsbau auf dem Lande zuteil, der durch Gewährung weitgehender Vergünstigungen inbezug auf die Konstruktion gefördert werden soll. Wenn die Absichten des Ministers durch eine entsprechende Aenderung der Bauordnungen überall Berücksichtigung finden, so dürfte damit den berechtigten Wünschen der landwirtschaftlichen Kreise in ausgiebigem Maße Rechnung getragen werden.
das Gitter. Da sieht er durch das dunkle Lorbeerge» büsch ein weißes Kleid schimmern. Sein Herz pocht.
„Angelika Helborne!" flüstert ihm eine innere Stimme zu.
Auch die Dame drinnen im Park hat die dunkle Gestalt am Tor bemerkt. Sie nähert ihre Schritte und öffnet das Tor.
„Herr van Niesten? Sie hier? Willkommen!"
Wortlos ergreift er die ausgestreckte Hand der Dame und hält sie fest, so fest, als ob er sie nie wieder loslassen wollte.
Angelika fühlt, wie der Alte zittert. Liebevoll zieht sie seinen Arm durch den ihren und bittet ihn, sich recki fest auf sie zu stützen. Und er fühlt sich so geborgen an dem Arm der schönen schlanken Frau, unter dem Sonnenschein ihres Lächelns, ihres warmen, mitleidigen Blickes. Eine seit langem nicht gekannte Ruhe zieht in sein Herz. Ruhe und Frieden. Ihm ist, als schwebe ein Engel an seiner Seite, ein Engel im weißen Flügelkleide der ihn sanft den Schmerzen und Leiden dieser Erde entführt.. hin zu einer besseren Welt, geradenweas hinein ins Paradies.
Schweigend geleitet Angelika den alten Mann durch die vielfach verschlungenen Wege des Parkes. Sie quälte ihn nicht mit Fragen und Reden. Sie sieht, der Alte ist erschöpft: er bedarf der Ruhe. Ihr ahnt, daß die da ist und das arme Opfer zu Boden geschmettert
hat.
„So, mein lieber van Niesten," redet sie freundlich auf ihn ein, nachdem sie ihm einen bequemen Stuhl auf der Terrasse zurechtgerückt und eine Kristallflasche herrlichen Frascatis nebst Kelchglas vor ihm aufgestellt bat. „Nun erholen Sie sich erst einmal! Und dann erzählen Sie, was Sie herführt."
DerAltehebtdieAugenundblickt in dasschöne, ernste Gesicht vor ihm, und in diesem Blick drückt sich alles aus, was eine Seele bewegt: Furcht, Schmerz und eine grenzenlose Dankbarkeit. .,,--- 161,18