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mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: LandwirtschaftlicherMatgeber,
__Vierteljährliche Beilage: „Unsere tzeimat"._________________________
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Mittwoch, den 15. Dezember 1909
60. Jahrgang.
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Deutsches Reichs
— Der Reichstag begann am Donnerstag die erste Lesung des Reichshaushallsetats, die mit einer Rede des Reichskanzlers v. Bethmann Hollweg eingeleitet wurde, in der er die bürgerlichen Parteien ermähnte, keine Verärgerungspolitik zu treiben, die der Wohlfahrt des Landes nichts weniger als förderlich sei. Hierauf gab Reichsschatzsekretär Wermuth das übliche Expofä und stellte als seinen Grundsatz hin: keine neuen Ausgaben ohne vorherige Beschaffung der Einnahmen und größte Sparsamkeit. Ferner kamen noch Frhr. v. Hertling (Z-), Frhr. v. Richthofen (kons.) und Baffer- mann (natl.) zu Wort. — Am Freitag wurde die Debatte fortgesetzt. Reiskanzler v. Bethmann Hollweg verbreitete sich über die auswärtige Politik. Er sprach die zuversichtliche Hoffnung aus, daß wir zu einem vollen Eiuverständnisse mit Frankreich in Marokko wie im allgemeinen gelangen würden; zurzeit seien wir auf dem besten Wege. In warmen Worten betonte er den Wunsch, auch mit England zu vertrauensvollen und freundschaftlichen Beziehungen zu gelangen. Die italienische Regierung habe, so fuhr der Kanzler fort, ihre Haltung im Dreibünde nicht geändert und nach Racconigi uns Eröffnungen gemacht, aus denen her- vorgeht, daß ihre Balkanpolitik unsern Verträgen nicht widerspräche. Das gleiche habe Rußland getan. Daraus sprach noch Staatssekretär v. Schoen näher über Marokko und andere Fragen. „Von dem Wortbruch als der erhabensten Tradition der Hohenzollern" hatte unter dem tiefen Unwillen des Hauses Abg. Scheidemann (Soz.) gesprochen. Der Reichskanzler erhob sich daher sofort und hielt den Schild schützend über die Person des Königs, die von sozialdemokratischen.Verunglimpfungen nicht beschmutzt werden Sönne. Der Kanzler hatte bei seiner Zurechtweisung den tosenden Beifall des Hauses, den die Sozialdemokraten vergebens durch Lärmen und Brüllen zu verunglimpfen versuchten.
— Eine Erklärung des Großadmirals von Koester zur Flottenfrage. Von der Präsidal-Geschäftsstelle des Deutschen Flotten-Vereins geht uns folgende Mitteilung zu: Die vom Vize-Admiral a. D. Galster in der letzten Zeit wiederholt in der Presse vertretene Ansicht, die Zahl der im Flottengesetz vorgesehenen Linienschiffe müsse zugunsten der Unterseeboote vermindert werden, wurde von uns und einem Teil der Presse in einer Reihe von Artikeln in eingehender Weise widerlegt. Bei der Wichtigkeit der Frage angesichts der bevor
stehenden Reichstagsverhandlungen hielten wir es jedoch im Interesse der Klärung der öffentlichen Meinung für wünschenswert, Herrn Großadmiral von Koester, unseren Präsidenten, den langjährigen Führer der deutschen Flotte, um eine direkte Aeußerung dazu zu bitten, die uns in nachstehender Form bereitwilligst übermittelt worden ist: „Ich glaube mich mit den in Kiel anwesenden zu einem Urteil berufenen älteren Seeoffizieren darin einig, daß wir die Bedeutung der Unterseeboote für die lokale Verteidigung nicht unterschätzen und das jetzige Vorgehen der Marineverwaltung in Beziehung auf die Entwickelung dieser Waffe nur durchaus billigen können; es aber für gefährlich und unheilvoll halten würden, wenn man den Galsterschen Vorschlägen folgen wollte. Wir müssen sein Vorgehen um so mehr verurteilen, als gerade für die sogenannte Kleinkriegs- führung in den letzten Jahren genügend Mittel aufgewendet worden sind. Wir vertreten den Standpunkt, daß unsere Marine die ihr zustehenden hohen Aufgaben für den Schutz der heimischen Gewässer und unserer sich von Jahr zu Jahr steigernden Seeinteressen nur gerecht werden kann, wenn wir an dem uns durch das Flottengesetz vorgeschriebenen Wege festhalten und dessen strikte Durchführung für das Wohl unseres Vaterlandes fördern".
— Graf Zeppelin, der sich dieser Tage auf der Jagd bei Ludwigsburg eine Erkältung zugezogen hatte, -infolge deren sich wiederum ein Geschwür am Halse bildete, mußte sich im Katharinenhospital zu Stuttgart einer kleinen Operation unterziehen, die einen glücklichen Verlauf nahm. Das Befinden des Grafen gibt zu Besorgnissen keinen Anlaß.
— Als Schutzmittel gegen die Sozialdemokratie haben die städtischen Behörden in Jtzehoe die Erhöhung des Wahlzensus von 900 auf 1500 Mk. beschlossen. Vier Stimmen waren dagegen. Durch diesen Beschluß geht zwei schon amtierenden sozialdemokratischen Stadtverordneten sowie einem neugewählten Sozialdemokraten das Wahlrecht zu den städtischen Körperschaften verloren.
— Der frühere Kultusminister Dr. Holle ist am Sonntag nachmittag in Godesberg gestorben.
— In der mecklenburgischen Verfassungsfrage ist jetzt die Erwiderung der Regierung auf den ablehnenden Beschluß des Landtages veröffentlicht worden. Die Regierungen von Mecklenburg-Schwerin und Mecklen- burg-Strelitz beantworten die abermalige Ablehnung der Verfassungsreform durch den mecklenburgischen Landtag mit der Erklärung, daß sie die Reform un
bedingt mit allen ihr geeignet erscheinenden Mitteln zum Abschluß bringen würden. Der Widerstand gegen ein Eingreifen des Reichstags könne jetzt nicht mehr aufrechl erhalten werden.
Ausland.
— Die deutsche Schule Schanghai hat im letzten Jahre das Amt des Schulleiters von dem des deutschen Geistlichen getrennt und einen selbständigen Direktor angestellt. Die Schule war im Jahre 1908 von 66 Kindern (34 Knaben, 32 Mädchen) besucht, von denen 4 katholisch, 4 israelitisch und 58 protestantisch waren. 51 waren Deutsche, 3 Oesterreicher, 5 Niederländer, 3 Engländer, 3 Amerikaner und 1 Schüler Franzose. Die Schule ist bis zur Obertertia ausgebaut.
— Die englische Wahlkampagne wird bereits mit großem Eifer geführt. Allein zehn Mitglieder der Regierung haben Wahlreden gehalten, darunter von dem früheren Kabinett der Exminister Lyttelton. Die Ablehnung des Budgets verteidigten die Lords Camper- down und Kesteven in Reden, die sie in Romford bezw. in Wellingborough hielten. Die Bemerkung Kestevens, daß England im Innern von dem Sozialismus und von außen durch Deutschland bedroht würde, wurde mit Gelächter ausgenommen, worauf Kesteven ausrief: „Sie werden es solange nicht glauben, bis Ihnen die Deutschen ihre Bajonette in den Leib stoßen," was erneutes Gelächter hervorrief.' Sehr stürmisch verlief eine Wahlversammlung in dem nahe London gelegenen Barking, wo der Lord Dunmore für die konservativen Kandidaten eintrat. Die Zuhörer schrieen unaufhörlich: „Nieder mit den Peers!" Sie unterbrachen den Redner mit gegnerischen Zwischenrufen und Hochrufen auf Lloyd George. Auch andere Redner konnten sich kein Gehör verschaffen.
— Einen Barrikadenkampf zwischen Streikenden und Gendarmen hat es in Frankreich gegeben. Die streikenden Fischer und Arbeiter von Capelle und Dun- kirchen, die bei der Sardinenfabrik von Lesieur Streikbrechern auflauerten, gerieten mit Gendarmen ins Handgemenge. Diese mußten eine aus umgestürzten Karren errichtete Barrikade im Sturme nehmen und wurden auf der Verfolgung mit einem Hagel von Flaschen- scherben bombardiert. Zwei Streikende, die einen Reporter in den Kanal werfen wollten, wurden verhaftet.
— Die persisch-türkischen Grenzstreitigkeiten nehmen einen immer schärferen Charakter an. Der persische Botschafter hat der Pforte eine Note übergeben, in der
Hotdsteöer.
Roman von Lothar Mehnert. 43
Melitta hat gerade ihre häuslichen Arbeiten im Kü- chenraum des Wagens vollendet. Sie hat sich eine reine Schürze umgebunden und sitzt nun im Sonnenschein auf einen Stein, zu ihren Füßen die kleine Vina, welche mit ein paar Blümchen spielt. Die Augen mit der vorgehaltenen Hand gegen die Sonne schützend, späht sie den Weg entlang nach ihrem Nicolo.
„Oh, da kommt er ja. Aber nicht allein! Wen hat er denn bei sich?"
Langsam, ganz langsam trotten die beiden näher. Es ist die höchste Zeit, daß sie am Ziele sind. Mit einem tiefen Seufzer sinkt der Alte auf den Stein, auf dem Melitta soeben gesessen.
Mit lebhaften Gebärden winkt die junge Frau ihrem Manne hinter den Wagen.
„Meiner Treu, wen hast denn da aufgegriffen, Ni- kvlo?"
„Einen armen Kerl, den ich wie tot daliegen fand. Und er hat Hunger!"
„O weh, wir haben alles aufgegessen. Doch halt, ich hab' noch eine Rippe aufgehoben. Du solltest sie morgen haben!" ,
„Gib sie dem Alten, Melitta. Ich brauche ste mcht."
Rasch schlingt die Frau die Arme um ihren Mann, küßt ihn ein paarmal auf die bärtigen Lippen und lacht glückselig.
„Daran erkenne ich meinen bravenNicolo. Hast's Herz auf dem rechten Fleck!" .
Mit strahlenden Gesichtern treten die beiden hinter dem Wagen wieder hervor. Klein-Vina hat inzwischen versucht, die Bekanntschaft des Alten zu machen. Zutraulich ist sie zu ihm hinübergetrippelt und steht nun vor ihm, mit ihren kleinen Armen seine Beine berührend.
Und der Mann hat eine seiner zitternden Hände auf
den dunklen Krauskopf gelegt und blickt mit einem eigentümlichen Gemisch von Zärtlichkeit und Wehmut in das reizende Gesichtchen mit den großen, voll zu ihm aufsehenden Augen.
Diese rührende Gruppe nimmt das Herz der Mutter sofort völlig gefangen. „Vina ist ihm gut!" flüsterte sie ihrem Manne zu. „Er muß ein braver Kerl sein. Er bleibt bei uns."
Der Alte hat sich jetzt etwas erholt. Seine zitternden Finger gehen in den Taschen auf die Suche und befördern ein umfängliches Portemonnaie ans Tageslicht. Ein Goldstück kommt zum Vorschein.
„Ah!" macht Nicolo erstaunt, während seine Augen glänzen.
Der Alte winkt Klein-Vina zu sich heran und legt das Goldstück in ihr ausgestrecktes Händchen. Und das Kind, das garnicht weiß,welche Kostbarkeit seine kleinen Finger umschließen eilt spornstreichs zur Mama, um ihr das gelbe Ding zu zeigen. Die brave Frau will es zuerst nicht nehmen, aber der Alte winkt müde ab .. und so steckt sie es endlich in ihr schmales Portemonnaie, das noch niemals Silbermünzen gesehen, um wieviel weniger Gold.
Hatte Nicolos gutes Herz gleich von Anfang anWohl- wollen für den Alten empfunden .. jetzt steigerte sich dieses fast zur Begeisterung.
,Er ist kein gewöhnlicher Mensch, ich habe es ja gleich gesagt," raunte er Melitta zu. „Geh,sprich zu ihm!"
Sie tut, wie ihr geheißen. Aber auf all ihr liebevolles, eindringliches Fragen erhält sie nur wenig Antwort. Der alte Mann versteht überhaupt nicht viel Italienisch und die neapolitanische Mundart der Frau schon gar nicht. Soviel jedoch bekonimt sie mit der den Italienern eigenen Leichtigkeit, sich durch Zeichen und Gebärden verständlich zu machen, heraus, daß der Alte von jemand einen Schlag auf den Kopf erhalten, wie tot hingefallen und nun furchtbar matt und hungrig sei.
Wie der Alte seinen zerdrückten Hut abnimmt, kommt
eine große dicke Beule zum Vorschein. Da ruft der brave Bursche voll Empörung: „Welcher Schuft hat das gemacht? Ich schlage ihm den Schädel ein, wenn ich ihn treffe!"
Seine Frau holt aus dem Innern des Wagens eine Flasche mit Kräuterwasser, das ste selbst bereitet hat, badet den schmerzhaften Kopf, wickelt ein reines Tuch darum und führt den Alten dann zum Wagen, damit er sich an dem köstlichen Ziegenrippchen und einem Trunl aus dem Fiasco Toskaner Landweins erquicke, der in Italien selbst bei den ärmsten Leuten nicht fehlt.
Während der Alte mit sichtlichem Wohlbehagen speist, findet nebenan folgendes geflüstertes Zwiegespräch statt: „Was machen wir denn mit ihm, Nicolo?"
„Ja, was machen? Sollen wir ihn der Polizei übergeben?"
„Nein, nein. Mir scheint, der arme Kerl ist aus guter Familie, hat aber Feinde. Weißt was ? Wir behalten ihn bei uns. Er kann auf Vina aufpassen, wenn wir tanzen. Die Leute werden denken, er ist ihr Großvater."
„Recht so, Melitta. Behalten wir den armen Alte» hier!" ...
So süß wie in der folgenden Nacht auf der groben Strohmatratze, eingehüllt in ein dickes Wolltuch, hat der ehrliche Charles schon lange nicht geschlafen.
Ihm träumt, der Himmel habe sich über ihm geöffnet und seine Gerda in weißem Kleide, mit großen, goldenen Flügeln und einer Sternenkrone auf dem aufgelösten Blondhaar lächle ihm freundlich zu. Und auch er lächelt im Schlummer, und über seine welken Züge breitet sich Ruhe und Frieden.
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Einleuchtender Sommermorgen. Vordem Rennplätze ist alles Leben und Bewegung. 161,18
Nicolo Somlo hat für seine Melitta in allernächster Nähe der Tribünen ein kleines Podium aufgebaul, auf welchem sie in malerischem Kostüm Taranteüalänze ausführen soll, wobei er selbst ihren Partner bildet.