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mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg, ««LLV^«2L»»^'»»VIVI» • ------ ^.».wu^r- -wni»H«.^ —— —.—-— —... ■«■wn.wwflTT1sBwmnlMTTlsTj:m]1BMMrjnwanfTir^-Tm,H—imwnnnrwirgTWtoTr*nirnr,,MMIM—*MT—*^r—‘M—**"——
M 20. Mittwoch, den 9. März 1910 61. Jahrgang.
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Amtliches.
J.-Nr. A- III 845. Unter Bezugnahme auf die Verordnung des Herrn Oberpräsidenten der Provinz Hessen-Nassau vom 13. Mai 1905, betreffend Verbot der Ausfuhr von Reben aus redlausverseuchten Gemarkungen (veröffentlicht im Amtsblatt Nr. 21 von 1905) wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß derzeit die Gemarkungen Wellmich, Nochern, St. Goarshausen, Bornich, Caub, Lorch, Geisenheim, Bieb- rich, Wiesbaden und Hochheim, sämtlich im Regierungsbezirk Wiesbaden als reblausverseucht zu gelten haben.
Cassel, am 16. Februar 1910.
Der Regierungspräsident.
J. V-: Rieß von Scheurnschloß.
J.-Nr. 130a.
Bekanntmachung.
Der Königliche Rentmeister Wiedemann zu Schlächtern hat unter seiner vollen persönlichen Verantwortlichkeit mit unserer Genehmigung seinen Privatgehilfen Pappert während der Dauer seiner Erkrankung zu seiner dienstlichen Vertretung bevollmächtigt.
Cassel, den 2. März 1910.
Königliche Regierung Abteilung für direkte Steuern, Domänen u. Forsten A. Leis.
Deutsches Reich.
— Am 9. März des Jahres 1888 war es, als unser geliebter alter Kaiser Wilhelm der Große seine milden Augen für immer schloß.
— Zu Ehren des Prinzen Heinrich von Preußen fand ein Abschiedsfrühstück beim König und der Königin von England statt. Der Prinz reiste nach Vlissingen ab.
— Der Reichstag wählte am Dienstag zunächst den Grafen Schwerin-Löwitz durch Akklamation zum Nachfolger des verstorbenen Grafen Stolberg als Reichstagspräsidenten. Graf Schwerin nahm die Wahl dankend an und richtete eine kurze verbindliche Ansprache an das Haus. Dann wurde die Generaldebatte über den Etat des Reichsamts des Innern fortgesetzt, aber es wurde überhaupt nicht mehr über das Thema gesprochen. Die Debatten drehten sich ausschließlich um den deutschen Bauernbund einerseits und den Bund der Landwirte anderseits. Schließlich wurde das Gehalt des Staatssekretärs bewilligt. — Am Mittwoch wurde zunächst die Abstimmung über die etwa 60 vorliegenden Resutionen vorgenommen, von denen
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Ierkannt. <
Roman von Lothar Palmer. 21
„Ich danke Ihnen, Herr Oberst, für die Güte und das Vertrauen, die Sie mir beweisen; was an mir liegt, soll gewiß stets geschehen, Fräulein Marianne glücklich zu machen."
Als sie den Empfangsraum betraten, saß Marianne am Klavier; sie überhörte die nahen Schritte, die durch einen weichen Smyrnateppich gedämpft wurden, und gab sich ganz dem Zauber einer wuchtigen Bachschen Fuge hin. Der Baron war hinter ihr an das Instrument getreten, während der Oberst ihm durch ein Zeichen bedeutete, daß er im Nebenzimmer seine Frau herbeirufen wollte.
Durch das Geräusch der Tür, die in die Familien- wohnstube führte, gestört, sah Marianne sich um, und als sie so unvermittelt den Baron hinter sich stehen sah, brach sie erschreckt mitten im Spiele ab urd sprang auf: „Verzeihung, Baron; der Diener vergaß wohl, Sie anzumel- den, bitte, nehmen Sie Platz, ich werde Papa rufen lassen; Mama ist ausgegangen..."
Er sah sie wortlos an und reihte ihr nur die Hände entgegen; ihr pochte das Herzso ungestüm und laut, aber voll Vertrauen legte sie ifre schmalen Hände in die seinen, und als er seltsam bewegt zu ihr sagte: „Marianne, Fräulein Marianne, dar ich sie festhalten diese lieben, kleinen Hände, festhalter fürs Leben, da war nichts von Verwirrung und Schreck ir ihr; fest drückte sie ihm die Hände und fest sagte sie: ,Ja!"
So standen sie, und das kraftvolle, ehrliche „Ja" zitterte durch den weiten Raum als der Oberst hereinkam. Aber seine Worte: „Mutter iä ja nicht zu Hause," erstar- ben ihm auf den Lippen, urd er fragte nur mit einem marinen, frohen Blick: „So'ßhnell sagt mein kleines Mädchen ja, so sehr drängt es Dich, fort von Vater und Mut-
die meisten angenommen wurden. In der darauf folgenden Spezialberatung des Etats des Reichsamts des Innern kam es zunächst, veranlaßt durch einen nationalliberalen Antrag über die Gründung und Unterhaltung einer Reichsanstalt für Luftschiffahrt in Friedrichshafen, zu einer längeren Luftschiffdebatte obgleich Staatssekretär Dr. Delbrück manche Bedenken dagegen äußerte, wurde der Antrag angenommen. Im weiteren Verlauf der Debatte wurde noch eine ganze Reihe von Sonderwünschen vorgebracht. Postdampferverkehr, Reblausgefahr, Volkswohlfahrt, Schmutz- und Schundliteratur, Roheisenproduktion, so wechselten die Themen kaleidoskopartig. — Der Reichstag befaßte sich am Donnerstag bei der Wetterberatung des Reichsamts des Innern mit einer großen Anzahl sozialpolitischer Fragen. Seemannsordnung, Schaffung eines Reichsschiffahrtsamts, Auswandererschiffe, Sonntagsruhe in der Binnenschiffahrt, Genossenschaftswesen, Reichsgesundheitsamt, Wohnungselend, Weinpantscherei kamen an die Reihe und die Debatte verlor sich ins Uferlose. — Am Freitag wurde wieder eine lange Reihe von Wünschen vorgebracht. Reichsgesundheitsamt, Bekämpfung des Alkoholismus, Mißbrauch narkotischer Arzneimittel, Giftordnung, Erforschung der Schweineseuche, Reform des Patentgesetzes, Reichsversicherungsamt, Kanalamt kamen zur Sprache. Beim Kanalamt zog der Abg. Molkenbuhr (Soz.) die Durchfahrt des Zaren durch den Kaiser Wilhelm-Kanal und die dabei vorgenommenen Absperrungen in den Kreis der Debatte. Da hagelte es Vorwürfe gegen die Regierung. Aber kraftvoll hielt Freiherr von Richthofen (kons.) seinen Schild empor und deckte die Behörde, die auch der Staatssekretär des Innern Dr. Delbrück zweimal so verteidigte, daß von den Vorwürfen nichts übrig blieb, als sozialdemokratischer Schwindel.
— Das preußische Abgeordnetenhaus begann am Dienstag die zweite Lesung des Etats der Berg-, Hütten- und Salinenverwaliung. Bei den Einnahmen entspann sich eine allgemeine Auseinandersetzung über den bereits mehrfach beklagten Rückgang der Rentabilität der staatlichen Bergwerke. Handelsminister Sydow erwiderte kurz, daß er die Aufklärung über die Ursachen der zurückgehenden Rentabilität von der Subkommission erhoffe. Abg. Leinert (Soz.) stellte einen Antrag auf genauere Kenntnisgabe der Lohnverhältnisse der Bergarbeiter seitens der Regierung und polemisirte scharf gegen das Zentrum. Abg. Spinzig (freik.) behandelte eine Reihe von Einzelfragen der Bergverwaltung und
Nun erst wurde sie weich. „Lieber Papa!" rief sie und schlang die Arme um ihn, und es überkam sie tiefe Rührung. Er aber strich liebkosend über ihren Scheitel und sagte mit einer Stimme, die fest sein sollte und doch so voll Leben war, daß all die Liebe zu seinem Kinde daraus hervorklang: „Werdenurglücklich,Marianne!"Dann führte er sie Buschbeck zu: „Hier, mein Sohn, es ist mein Herzblatt, das ich Ihnen gebe, machen Sie ihr das Leben schön, wie sie es verdient!"
Buschbeck küßte dem Obersten in kindlich - ehrfürchtiger Aufwallung die Hand, dann reichte er wieder Marianne die Hände, und als sie sie in seligem Erglühen ergriff, zog er sie an sein Herz und raunte ihr zu: „Dank, meine Braut, meine süße, liebe Marianne!"
Als bald darauf Frau von Stupka heimkehrte und vor den Verlobten stand, wußte sie sich vor Freude und Ergriffenheit kaum zu fassen. Ihre frohen, kühnen Träume hatten sich erfüllt, und sie sagte Buschbeck ohne Hehl: „Keinen Mann hätte ich meiner Marianne lieber zugeführt, als gerade Sie, lieber Baron."
„Lieber Sohn, bitte Mama," fiel Buschbeck ihr launig ins Wort.
Marianne drohte ihckmit dem Finger: „Ja, ja, Mama, ich habe Alexander gleich von Deinem Schwärm erzählt und ihm auch gesagt, warum ich eine Zeit so zurückhaltend und kalt gegen ihn war."
„Du kalt, ja.warumdenn, davon weiß ich gar nichts!"
„Nun, so will ich Dir es sagen. Du hobst mir einmal die „gute Partie" so hoch, und ich hatte Alexander doch um seiner selbst so lieb!"
„Sehen Sie wohl, Mama, was für ein wunderliches Mädchen meine kleine Brautist. Was andere vernünftige Leute das beste an mir nennen, das schreckte sie ab; aber das macht nichts, ich freue mich doch, daß ich ihr ein behagliches Nestchen bauen kann, und ich bin froh, daß Sie wenigstens das von meinen Ahnen Ererbte nicht für ein überflüssiges Nichts halten."
Der Baron blieb natürlich auf die freundliche Auffor
trat besonders für die Stabilität der Bergmannslöhne ein. — Am Mittwoch machte Handelsminister Sydow ausführliche Mitteilungen über das bisherige Ergebnis der Untersuchung über das Radbod-Unglück. Ueber die Ursache des Unglücks sei bis jetzt nur soviel festgestellt, daß sich in der zweiten Sohle Spalten gebildet hatten, die vor der Explosion^ nicht da waren und in denen bis jetzt alle eingeschütteten Wiffermengen spurlos verschwunden sind. Elementare ^Einwirkungen seien daher immerhin möglich gewesen, indeui gewaltige Mengen schlagender Wetter aus diesen Spalten plötzlich hervorgedrungen sein konnten. Man könne als festge- stellt ansehen, daß die Arbeiter ganz plötzlich überrascht und getötet worden sind. Damit sei auch der Vorwurf eines allzufrüh abgebrochenen Rettungswerkes hinfällig. Nach weiterer unerheblicherDebatte wurden dieEinnahmen bewilligt, womit die allgemeine Besprechung geschlossen war. Der sozialdemokratische Antrag auf genauere Kenntnisgabe der Bergarbeiter-Lohnverhältnisse wurde abgelehnt. — Das preußische Abgeordnetenhaus trat am Freitag in die Spezialberatung des Etats der Bergverwaltung ein. Abg. v. Woyna (freiks.) und Abg. v. Arnim-Züsedom (ks.)sprachen beim Kapitel „Salzwerke" ihre Sympathie zu den wesentlichsten Grund- zügen des dem Reichstag vorliegenden Gesetzentwurfs aus, der den Kalivertrieb regeln will. Der Handels- minister Sydow begrüßte die Sympathieerklärung mit Genugtuung und sagte zu, alles zu tun, was in seinen Kräften stände, um das Zustandekommen des Gesetzentwurfes zu fördern, er sprach sich aber ebenso bestimmt gegen die reichsgesetzliche Regelung des Bergrechts aus. Abg. Sauermann (Z.) brächte verschiedene Bergarbeiter- tMPHü-vor und Abg. Macco (natl.) brächte die unzulänglichen Raumverhältnisse der Berliner Bergakademie und geologischen Landesanstolt zur Sprache. Schließlich wurde der Bergetat genehmigt.
— Die Wahlrechtskommission des preußischen Abgeordnetenhauses hat das Kompromiß zwischen Zentrum und Konservativen auf geheime Abstimmung bei den Urwahlen und öffentliche Stimmabgabe bei der Wahl der Abgeordneten mit 15 gegen 13 Stimmen endgültig angenommen.
— Die preußische Akademie der Wissenschaften hat den Fürsten Bülow zum Ehrenmitglied gewählt, welche Wahl durch kaiserlichen Erlaß bestätigt worden ist.
— Die Einführung der Wertzuwachssteuer in Berlin ist von der Berliner Stadtverordnetenversammlung angenommen worden.
MlfflimilMMBMMMMMMMHBBHMMBMBMBMM^ derung seiner Schwiegereltern gern zu Tisch da, und als der Oberst zu dienstlichen Geschäften fort mußte, bat Buschbeck Frau von Stupka, ihn und Marianne zum Juwelier zu begleiten, zur Auswahl der Berlobungsringe, und nachherzu einem Besuch bei seiner Cousine, GräfinHorn- berg. „Werden die staunen! Heute morgen erst animierte mich Hornberg, mich bald zu verheiraten. Der ahnte ja nicht, wie nahe ich schon meinem Glücke war," sagte er aufgeräumt.
Buschbeck hatte mittags, als er zu Tisch geblieben war, seinen Wagen mit der Weisung heimgeschickt, gegen vier wieder vorzufahren. Nun fuhren sie fort, die Ringe zu wählen, die Symbole derTreue, das äußere Zeichen ihres frohen Herzensbündnisses.
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Albin Pöhland trug sich mit dem Gedanken, seine Wohnung zu verändern. Die Nachbarschaft Gottschall fing an, ihm unbequem zu werden, obschon er eigentlich nichts direkt Abstoßendes im Benehmen des Buchhalters entdeckt hatte. Es waren nur so blitzartige Verstöße gegen die Regeln der Etikette und der Diskretion, auffällige, plötzlich hervortretende Mängel an Zartgefühl und Bildung, während andererseits die vielseitige Sprachgewandtheit des Mannes, seine Reisen in allerHerren Länder ihn immer wieder gefesselt hatten, so daß er manchen freien Abend mit dem Stubennachbar verplaudert hatte. Als er aber gerade an den Verleumdungen gegen die Schauspielerin, die so kraß mit ihrem ganzen Auftreten, Leben, Benehmen und Wesen in Widerspruch standen, bemerkte, wie unzuverlässig und gefährlich dieser Mensch war, hatte er sich reservierter gehalten und unauffällig den Umgang gemieden. Am meisten frappierte Pöhland ein Zug an Gottschall. Er sprach, sogar viel und mit einer gewissen Prahlerei von seinen Reisen, seinen Bekanntschaften mit Hochstehenden Leuten, mit Damen der Gesellschaft, gab auch gern pikante Details, aber, über sich selber und die Stellungen, die er eingenommen, und die ihm diese Erfahrungen gebracht hatten, schwieg er sich aus. 164,18