SchWernerMung
mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber,
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 22.
Mittwoch, den 16. März 1910
61. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser ist von seiner Nordseefahrt wieder in Bremerhafen eingetroffen. Die Reise an Bord des Dampfers „Kaiser Wilhelm H" führte bis nach Ekerö an der norwegischen Küste.
— Der Reichstag setzte am Dienstag die zweite Lesung des Marine-Etats fort. Eine Resolution der Butgetkommission auf Regelung des Zulagewesens und Vorlegung der Denkschrift über die Tafel- und Messe- gelder wurde angenommen. Eine längere Debatte rief die Danziger Wasserloch-Affäre hervor. Geh. Admiralitätsrat Harms ging auf alle vorgebrachten Einzel- besten ein und nahm auch die Danziger Untersuchung in Schutz. Die Verwendung eines Tauchers wäre in diesem Falle nicht möglich gewesen. Nach einer weiteren kurzen Debatte wurde zum Bau eines neuen Dienstgebäudes für die obersten Marinebehörden die erste Rate bewilligt und damit war der Marine Etat in zweiter Lesung erledigt. — Am Mittwoch wurde zunächst die zweiteLesung des Etats für Kiautschou erledigt. Mit Ausnahme des Abg. Noske (Soz) wurde allgemein an« erkannt, daß Kiautschou eine blühende Entwicklung nimmt. Abg. Dr. Dröscher (kons.) hob dabei das große Verdienst unserer Marineverwaltung über diese erfreuliche Tatsache hervor. Dann wurde mit dem Postetat begonnen. Staatssekretär Kraetke teilte mit, daß die Postverwaltung Beamten und Arbeitern wohlwollend gegenüberstehe und die Abschaffung des Ankunftsstempels im Interesse des Publikums und der schnellen Abfertigung liege und daß die Herabsetzung des Ortsportos finanzielle Gründe entgegenständen. — Am Donnerstag wurde die zweite Lesung des Postetats fortgesetzt. Abg. Zubeil (Soz.) brächte allerlei ungerechtfertigte Anklagen gegen die Postverwalfung vor und beklagte sich über Maßregelungen von Unterbeamten. Abg. Dr. Dröscher (kons.) bedauerte, daß immer und immer wieder die Reichstagstribüne für Agitationszwecke herhalten müsse. Abg. Nacken (Z.) trug allerlei kleine Wünsche vor. Staatssekretär Krätke sprach seinen Dank aus, daß nicht alle Reder schwarz in schwarz mit rotem Hintergrund gemalt hätten wie Zubeil, sondern auch das Gute anerkannten. Die Wünsche der Beamten würden möglichst Berücksichtigung finden. In der weiteren Debatte wurden noch die verschiedensten Wünsche verlautbart. — Am Freitag wurde über die sozialdemokratische Interpellation betreffend den Treptower „Wahkrechtsspaziergang" verhandelt. In seiner Begründung erging sich der Abg.
Ledebour (Soz ) in den wüstesten Schimpfereien, was ihm einen Ordnungsruf einbrachte. Staatssekretär Delbrück beantwortete die Interpellation kurz dahin, das Polizeiverbot sei erlassen worden, weil bei den Massenversammlungen eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit vorgelegen habe. Im übrigen schwebe ja ein Verfahren, dessen Ausgang erst abgewartet werden müsse. Die darauffolgende Besprechung verlief wie das Hornberger Schießen. Ohne bemerkenswerte Debatte wurde dann noch der Postetat und der Etat der Reichsdruckerei erledigt.
— Das preußische Ageordnetenhaus hatte am Dienstag vor Eintritt in die Tagesordnung eine kurze, aber heftige Debatte über die „Donauwacht", die der Abg. Lohmann (natl.) als ein Zentrumsblatt bezeichnet hatte. Abg. Graf Praschma (Z.) erklärte im Namen seiner Partei, daß das Blatt kein Zentrumsorgan und ohne jede Bedeutung sei; es stehe vielmehr auf dem Boden der Sozialdemokratie. Dagegen bestritten die Abgg. Borgmann (Soz.) und Liebknecht (Soz.), daß die „Donauwacht" ein sozialdemokratisches Blatt sei. Bei der Fortsetzung der Beratung des Etats der Handels- und Gewerbeverwaltung nahm sich der Abg. Hammer (kons.) namentlich der Interessen des Kaufmannsstandes an, und Handelsminister Sydow erklärte dem Abgeordneten Leinert (Soz.), daß er stets ein Minister für Sozialpolitik sein werde in dem Sinne, daß er auch die Arbeitgeber gerade im Interesse der Arbeiter berücksichtigen müsse, aber nicht im Sinne des Herrn Leinert. — Am Mittwoch wurde die Beratung zu Ende geführt. Abg. Freiherr v. Zedlitz (frkons.) und andere Abgeordnete baten um Unterstützung der Zentralstelle für Volkswohlfahrt. Minister Sydow erwiderte, daß er die Zentrale als Sammelftelle von Erfahrungen des In- und Auslandes schätze und sie materiell fördern wolle, soweit es die vorhandenen Mittel erlauben. Abg. Meyer-Bielefeld (kons.) sprach über die Tätigkeit der Handwerkerkammern, die sich gut bewährt hätten. Schließlich wurde mit der Beratung des Bauetats begonnen. Auf eine Anfrage des Abg. Schreiner (Z.), erklärte der Minister der öffentlichen Arbeiten v. Breitenbach, daß das Projekt der Mosel- und Saar-Kanalisierung augenblicklich geprüft werde. — Das preußische Abgeordnetenhaus trat am Freitag in die zweite Lesung der Wahlrechtsvorlage ein. Nach langen Debatten wurde unter Ablehnung aller anderen Anträge Paragraph 4 auf geheime Wahl der Wahlmänner und öffentliche Wahl der Abgeordneten in
der Kommissionssitzung gegen die Stimmen der National- liberalen, Freisinnigen, Polen und Sozialdemokraien angenommen.
— Für die Besserung der Lage der Landwirtschaft liefern Uebersichten über Domänenverpachtungen, die das Landwirtschaftsministerium dem Abgeordnetenhause zugestellt, erfreuliche Beweise. Im Jahre 1909 sind in Preußen im ganzen 26 Domänen mit einer Fläche von 9721 Hektar neu verpachtet worden. Sie waren bis dahin in der Anfang der 90er Jahre beginnenden Pachtperiode zu einem Pachtpreis von 447 580 Mk. verpachtet gewesen, ergeben aber jetzt bei ihrer Neu- Verpachtung einen Pachtzins von 491 734 Mk. also 44 154 Mk. mehr als in der abgelaufenen Pachtperiode. Nur 6 von diesen 26 Domänen brachten bei der Neu- Verpachtung einen geringen Pachtzins. Dabei muß noch berücksichtigt werden, daß der Flächeninhalt der neu verpachteten Domänen jetzt um 431 Hektar kleiner ist als in der vorigen Pachtperiode. Zu Johanni 1910 läuft für weitere 27 Domänen, die bisherige Pachtperiode ab, die 1892 begann. Auch diese Domänen sind bereits wieder neu verpachtet worden. Sie ergeben gegenwärtig eine Pacht von zusammen 531 683 Mk. und sind von Johanni 1010 ab zum Pachtpreis von 596 462 Mk. verpachtet worden. Sie liefern also einen um 64 769 Mk. oder 12 v. H. höheren Pachtzins.
Ausland.
— Aus Wien kommt die Kunde von dem Tod des Wiener Bürgermeisters Dr. Lueger, der einem längeren schweren Leiden erlegen ist. Er hat ein Alter von 65 Jahren erreicht. Dr. Lueger war der Reorganisator Wiens und der Schöpfer und Führer der Christlich- Sozialen, der einflußreichsten Partei im Lande. Er hat es verstanden, die slawenfreundlichen Tendenzen in seiner eigenen Partei einzudämmen und auch für das ihm unterstellte Gemeinwesen nach Kräften den deutschen Charakter zu wahren. Deshalb war er auch der Liebling der Deutschen in ganz Oesterreich. Das Leichenbegängnis findet auf Kosten der Stadt Wien statt.
— Der neue englische Flottenetat beläuft sich insgesamt auf 812 Millionen Mark und fordert fünf neue Linienschiffe.
— Der Streikterrorismus französischer Arbeiter nimmt kein Ende. Die streikenden Arbeiter am Nordkanal zersägten zahlreiche Telegraphen- und Telephonstangen und warfen sie auf das Bahngleis. In Cham- bon bei St. Etienne zertrümmerten die ausständigen
Merkannt. *
Roman von Lothar Palmer. 23
„Den Zettel legte ich auf meinen Schreibtisch und später, als ich einen Brief) chrieb, probierte ich eine neue Feder auf demselben, ganz in Gedanken warf ich dann den Zettel in den Papierkorb. Mittags ging ich um die gewohnte Zeit fort, sprach noch auf der Straße einige Worte mit meiner Hausfrau und bummelte dannlangsam hierher. Da fiel mir mit einem Mal der Zettel mit den Wohnungsadressen ein und ich kehrte wieder um, ihn zu holen. Als ich die Treppe hinaufstieg, hörte ich auf dem oberen Hausflur deutlich Schritte und sodann das vorsichtige Schließen einer Tür. Der Zettel aber war nicht mehr im Papierkorb."
„Ach, das war ganz einfach ein Irrtum, Du hast den Zettel vielleicht in Gedanken ins Feuer und gar nicht in den Papierkorb geworfen. Wer in aller Welt sollte denn ein Interesse an einem Papierfetzen haben, auf dem einige Wohnungsadressen stehen?"
„Allerdings, aber ich hatte beim Probieren der Feder ganz gewohnheitsgemäß immerwieder meinen Namenszug, wie ich ihn zu unterschreiben pflege, geschrieben."
„Gut, lieber Freund, auch das zugegeben, mußt Du doch gestehen, daß es niemand wußte."
„Gewiß, aber meine Tür war nicht mehr verschlossen, und ich hatte schon öfter, wie ich Dir sagte, Unordnung in meinen Papieren entdeckt, wer bürgt mir nun dafür, daß man nicht gerade meine Unterschrift suchte, und der scheinbar wertlose Zettel..."
„Aber wozu denn, bitte, und wer ..."
„Laß mich nur aussprechen, es ist nicht ganz ohne Grund, daß ich besorgtbin. Das Zimmer roch intensiv nach Cumarin, ein Parfüm, das auch in denTonkaboh- nen vorherrscht, wie sie starke Schnupfer zuweilen ihrem Tabak beizumengen pflegen. Ich kenne aber einen Schnup
fer, der solche Bohnen benutzt, und dem der Zutritt im Hause sehr leicht ist."
„Du hast einen ganz speziellen Verdacht. Wer ist's?"
„Es ist eben nur ein Verdacht, drum wage ich keinen Namen zu nennen. Es fehlt mir ja auch absolut nichts, wie ich mich später überzeugte, aber ich hielt es für gut, daraufhin gleich zu kündigen. Natürlich wählte ich einen plausiblen Grund und ließ noch zu allem Ueberfluß das Schloß abändern für die wenigen Wochen, die ich noch da bleibe."
„Ich begreife immer noch nicht recht, gehen denn in dem Hause so zweifelhafte Subjekte aus und ein?"
„Mein lieber Göllnitz, die Halunken, denen das Kainszeichen auf der Stirn geschrieben steht, das sind nicht die, welche wir ammeisten zu fürchten haben. Aber die Schurken, die den ehrlichen Mann markieren, die mit allen Wassern gewaschen sind und dank ihrer Routine, Stellung oder sonstwie überall Zutritt haben, das sind die Gemeingefährlichen. Und steh, der Schnupfer mit dem Faiblefür die Tonkabohnen ist ein Verleumder, davon habe ich mich so ziemlich überzeugt, und vom Verleumder zum Verbrecher ist kein weiter Sprung."
„Du meinst, er könnte Deinen Namenmißbrauchen?" „Ich fürchte es."
„So halte die Augen offen, Du bist wenigstens gewarnt, und vor allem: ziehe bald um!"
„Am ersten Juni wird die Wohnung frei!"
„Und denke an nrich, wenn Du meiner je bedürfen solltest."
Als sich die Freunde trennten, ging Göllnitz auf einem kleinen Umweg seiner Wohnung zu. Es war ein wundervoller Frühlingstag, und rings das Knospen und Blühen im Hellen Sonnenschein war so recht dazu angetan, frohe Laune und heitere Gedanken zu erwecken. Er litt aber an einer Verstimmung und sah von all der Herrlichkeit in der Natur nichts.
In seiner grüblerischen Art war er, durch die Unterhaltung mit Pöhland angeregt, erstzum Nachdenken
über diesen speziellen Fall gekommen, dann hatten sich seine Gedanken mit jenem Auswurf der Gesellschaft beschäftigt, die wie Wölfe in Schafskleidern umhergehen, und so war er an dem Abenteurer haften geblieben, der die Wolke in Cäcilie Richons Leben getragen hatte, eine Wolke, die sich schwarz über sein Glück senkte, ob er auch noch so sehr dagegen ankämpste und sich bemühte, zu vergessen.
Ein Wort, ein Nichts erinnerte ihn oft plötzlich daran, daß sein Ideal nicht mehr den Lilienkranz unberührter Unschuld trug, daß er seine erste, einzige, große Liebe darbrachte und dagegen ihre letzte empfing. Und dann hauchte ihm zuweilen ein böser Geist zu: „Ihre letzte? Wer bürgt dafür?"
„Ich!" schrie er dann auf, „ich, denn ich glaube an sie und vertraue ihr." Aber sein Herz krampfte sich zusammen, und wenn er nach einer solchen dunklen Stunde zu ihr kam, dann sah sie ihm wohl prüfend in die Augen und forschte zärtlich: „Wer hat Dich gequält, was hat Dich betrübt? Deine Augen sehen so traurig aus, als weinten sie nach innen. Sei doch froh, was kann uns die Welt wollen, wir haben uns ja so lieb."
Dann ging es wohl vorbei und er lachte wieder und schalt sich selber einen Toren und spann mit ihr frohe, selige Zukunftspläne, aber wenn er gegangen war, dann kam der Schmerz über sie.
„Was sinnt und forscht und grübelt er?" klagte dann ihr Herz. „Kann oder will er nicht vergessen?" Und mitten im Weh kam oft ein stolzes Gefühl über sie, wenn sie seiner gedachte, daß er so ganz anders geartet war als die große Menge, daß er nicht leicht über die Vergangenheit hinweg ging, daß er wohl vergab, aber nur mit schwerem Herzen. Aber so sehr sie sich auch freute und nur der Gegenwart und Zukunft lebte, sie fühlte, wie sich ein Schatten oft gewaltsam zwischen sie und ihn drängte, wie ein Gespenst sich grinsend aufrichtete, wenn er sagte: „Warum mußte das sein, warum fand ich Dich nicht als Kind wieder, das noch von keinerSünde wußte!" 164,18